http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/videotutorial-ausstellung-manikuere-fuers-opossum-13072937.html
 
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Ursula Scheer
Wie ich dem Opossum die Nägel schneide
Ausstellung über Videotutorials 
FAZ, 1. August 2014

Im Internet sind Selbsthilfe-Videos der Renner. In Dortmund gibt es nun hundert 
besonders ausgefallene Filmchen zu sehen. Was treibt die Hauptdarsteller an, 
ihr Wissen mit der Netzgemeinde zu teilen?

...

Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden sich Anthropologen über Videos 
wie diese beugen, sich am Kopf kratzen und herauspräparieren, wie die 
menschliche Zivilisation zu Beginn des 21. Jahrhunderts gestrickt war.

Sie werden einem rundlichen jungen Mann im Trainingsanzug zusehen, der - ohne 
eine Miene zu verziehen - allein in seiner knallrot gestrichenen Wohnung das 
Alphabet in anthroposophischer Manier tanzt, werden weiterklicken zu einer 
komplett verschleierten jungen Muslima, die kichernd auf Englisch erklärt, wie 
das geht: essen, ohne den Niqab zu lüften, und danach vielleicht einem 
Amerikaner zusehen, der vor der Kamera herumflippend zeigt, dass man echte 
Goldpartikel aus handelsüblichem Bausand waschen kann - fürs Klondike-Feeling 
in der heimischen Garage. Am Schluss reißt er die Augen auf und fordert: 
„Subscribe!“ Abonnieren sollen wir seinen Youtube-Kanal mit Selbsthilfetipps im 
Westernstil.

Ein Overkill von Lernangeboten

Mag die Do-it-yourself-Welle noch so viele Ratgeber, Bastelbände und Magazine 
rund ums Selbermachen in die Regale der Buchhandlungen schwemmen, die wahre 
Fundgrube für Expertenwissen aller Art, vom entlegenen Spezialgebiet bis zum 
banalsten Alltagsproblem, ist das Internet. Und Youtube ist die Lieblingsbühne 
der selbsternannten Online-Tutoren. Es reicht schon, „How to“ als Suchbegriff 
einzutippen, schon poppt eine Liste auf mit Tausenden Videos von Menschen, die 
irgendwo auf der Welt vormachen, wie was geht.

Der Dortmunder Hartware Medienkunstverein (HMKV) hat für eine Ausstellung 
Studenten der Universität Witten/Herdecke aufgefordert, die hundert Videoclips 
zusammenzustellen, die ihnen am interessantesten, verblüffendsten, 
charakteristischsten für das Genre erschienen - und die mehr zeigen als gelöste 
Luxusprobleme in westlichen Industrienationen wie das perfekte Make-up. Wobei 
das witzigste Video dieser Kategorie eines ist, auf dem der Versuch, lange 
Haare mit dem Lockenstab in prachtvolle Wellen zu legen, mit einer abgesengten 
Strähne endet. Das ist ein Moment der Wahrheit.

„Jetzt helfe ich mir selbst“ heißt die Schau in Anlehnung an die legendäre 
Sachbuchreihe aus Zeiten, in denen man am Motor seines Autos noch selbst 
herumschrauben konnte, statt in der Werkstatt den Analysecomputer hochfahren zu 
lassen. Auf Wänden, Podesten und Paletten, großen und kleinen Bildschirmen 
laufen in der Ausstellung alle Videos zugleich, es ist der totale Overkill von 
Lernangeboten, bizarren und belanglosen.

Warum tut ein Mensch so etwas?

Aber viel spannender noch als das, was man sich abschauen soll, ist das, was 
die kleinen Filme quasi unter der Hand über die Lebensumstände und das 
Selbstbild der Menschen verraten, die da ihre Gesichter in die Kamera halten. 
Oft genug ist es das eigene Smartphone. Denn die meisten Selbsthilfe-Videos 
sind Videoselfies, zu deren Charme der doppelte Dilettantismus ihrer 
Protagonisten gehört: als Kameraleute und Experten.

Warum tun die Leute das?, ist die Frage, die jede Sequenz aufwirft. Warum sitzt 
eine junge, sehr schlanke Frau in einem Tanzbody vor einer Blümchentapete und 
klopft, unangenehmerweise ausgerechnet zwischen ihren gespreizten nackten 
Beinen, einen Spitzenschuh weich? Ihr Kopf ist nicht zu sehen, wir wissen 
nicht, was in ihm vorgeht.

Auch von dem Gezi-Aktivisten, der demonstriert, wie man sich daheim eine 
Gasmaske bauen kann, sind nur die Hände im Bild. Aber hier weiß man wenigstens, 
warum. Und auch, zu welchem Zweck er sein Know-how bereitstellt. Andere 
Youtube-Dozenten dagegen wollen vor allem sich selbst darstellen und ihren mit 
Werbung bestückten Kanal promoten.

Die Auswahl ist zufällig und nicht repräsentativ, sie folgt keinem 
systematischen Erkenntnisinteresse, aber sie macht einmal mehr staunen darüber, 
was Menschen umtreibt und was sie zum Curriculum erheben. Wie sie in Russland 
mit Aludosenverschlüssen und Kleiderbügeln improvisieren, wie sie in Afrika 
Fahrradschläuche mit einem Bindfaden  reparieren oder vorführen, mit welchem 
Gang man es an jedem Türsteher vorbeischafft.

Der Mensch ist erfinderisch und zeigt sich gern. Ist das Altruismus? 
Sendungsbewusstsein? Geht es darum, Produkte vorzuführen? Oder sich selbst zu 
produzieren nach dem Motto: Hilf dir selbst und zeige, wie, dann wirst du 
berühmt? Geht es darum, politische Aussagen zu treffen? Oder einfach nur Spaß 
zu haben? Und ist das Leben lebenswerter, wenn man gelernt hat, wie die 
perfekte Opossum-Maniküre klappt? Rätsel genug für die Anthropologen von 
übermorgen gibt es jedenfalls.

Zur Homepage

Die Ausstellung „Jetzt helfe ich mir selbst. Die 100 besten Video-Tutorials aus 
dem Netz“ ist bis zum 31. August im Hartware MedienKunstVerein im Kunstzentrum 
Dortmunder U zu sehen. Der Eintritt ist frei. Eine Playlist der Videos gibt es 
hier: www.hmkv.de


Quelle: F.A.Z.


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Dr. Inke Arns
Künstlerische Leiterin
Hartware MedienKunstVerein (HMKV) im Dortmunder U
Leonie-Reygers-Terrasse, 44137 Dortmund
Büro: Hoher Wall 15, 44137 Dortmund
T + 49 - 231 - 496642-0
F + 49 - 231 - 496642-29
[email protected]
www.hmkv.de

"Jetzt helfe ich mir selbst"
Die 100 besten Video-Tutorials aus dem Netz
5. Juli - 31. August 2014


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