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Maleficus Shvantz

»Walter Baumann sieht aus wie Eberhard Schoener«

Shvantz sind Inhaber des KLISTIER Verlages in Frankfurt. Das Eineinhalb-Personen-Unternehmen produziert und gibt Pornos heraus, vertreibt Videos und stellt Sound-KassettenCartridges her. Beide kommen aus Berufen, die mit Kunst nichts zu tun haben. Ursprünglich wollten sie ein Buch mit Holger Kube herausgeben. Als sich niemand fand, versuchten sie es selbst. Danach wurden aus den Bildern des Buches ... Daraus hat sich dann der KLISTIER Verlag entwickelt.



Corb: Viele Künstler arbeiten heute mit dem Computer. Dies ist nicht selbstverständlich: Im Moment gibt es unter den Künstlern eine harsche Diskussion darum. Es entsteht der Eindruck, daß die allgemeine Unzulänglichkeit zu Computer und Programmen und die daraus entstehenden Produkte als ein ziemlich existentieller Angriff auf ihr Gewerbe empfunden wird. Jeder beliebige Mensch bekommt offenbar mit dem Computer ein Mittel in die Hand, mit dem er relativ unkompliziert und schnell in ihren Rumpfduschen rumpfuschen kann.

Shvantz: Was sind Rumpfduschen?

Corb: Das ist es ja. Wir sind jetzt dabei, uns über die Kriterien, die da angeführt werden, klarzuwerden und andererseits zu fabulieren, was wir angesichts der technologischen Veränderungen als gültig betrachten könnten. Ihr seid für uns deshalb interessant, weil Ihr Euch außerhalb des institutionellen Rahmens bewegt. Wie habt Ihr angefangen und worin besteht Euer Konzept?

Shvantz: Wir wollten machen, was irgendwie bleibenden Wert hat. Es sollten Gebrauchs-, besser Entbrauchsgüter sein. Unter diesem Gesichtspunkt haben wir eine Zeitlang auch Zen gemacht. Da konnte man Sachen raustrennen und rausschneiden und zum Schluß war von der Idee nichts mehr da. Man konnte zum Beispiel Konzepte basteln, da waren Denkansätze drin, Seme zum Herausnehmen - die Idee war, wenn man alles gemacht hatte, einfach kaputt. Grobkonzept war das Wegwerfprodukt. Dieses Kunstsammeln kann ich nicht leiden. Etwas ist schön, dann ist es für den Moment schön, wo ich es gebrauche. Mit großem Aufwand wird etwas ausgestellt und in Museen angehäuft und was man sieht, ist banal. Installationen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit, die sich so nicht wiederholen lassen und sich damit gegen das Sammeln wehren - das ist eine Idee. Überhaupt dieses Sammeln und Anhäufen von allem Möglichen mit dem Gedanken, es könnte ja einmal wertvoll werden und dann besitze ich etwas, was keiner sonst hat. Dagegen habe ich etwas. Unser Ziel ist Kommunikation. Das war für uns dann die Politik. Fast gleichzeitig dazu kamen die Aktionen, weil, wir wollten oder konnten doch nicht ganz weg kommen von den Sachen und da haben wir gedacht, machen wir doch ein Werk. Ein Werk mit Ansätzen zum Heraustrennen. Es war also wieder das gleiche Konzept: Du hast ihn ein Jahr lang und dann schmeißt Du ihn weg.

Die Akrtion ist eine ganz eigene Form. Sehr wenige Künstler lassen sich überhaupt darauf ein. Die meisten Künstler betrachten Aktionen als etwas Minderwertiges. Aktionen müssen entworfen werden. Aktionen sind für Reproduktionen eigentlich ganz ungeeignet. Es gibt Künstler, mit denen wir schon seit Jahren zusammenarbeiten. Ein Drittel etwa machen wir selbst, zwei Drittel sind von anderen Leuten. Dabei sind wir sehr offen. Der Stil ändert sich also immer, je nachdem, was man für Leute kennenlernt. Da ist kein Plan dahinter. Das hängt von den Leuten ab, die Lust haben, da irgendwas zu machen.

Corb: Im normalen Gebrauch ist ja die Aktion eher die Codierung einer Mitteilung.

Shvantz: Eine Aktion sollte so sein, daß sie die Mitteilung schon selber ist. Die ideale Aktion ist die, auf die man nur noch den Absender schreiben muß. Die zeigst Du jemandem, ohne daß Du noch etwas dazu tun mußt außer Deinem Namen, wo Du einfach alles mit einer Setzung ausdrücken kannst. Das ist eigentlich der Sinn einer solchen Aktion. Theoretisch brauchst Du also gar keinen Platz. Für die beiden Leute, für den, der sie macht, und den, der sie bekommt, ist der Zusammenhang für diesen Moment erklärt. Die ersten Aktionen sind so vor hundert Jahren in München aufgekommen. Die hatten ein Feld, in das man eine Nachricht codieren konnte.

Corb: Und woher bezieht ihr Eure Themen? Es gibt natürlich immer Sachen, von denen man sagt, das gefällt mir und das gefällt mir nicht, aber dafür gibt es ja Gründe. Woher nehmt ihr die Themen bei Euren Arbeiten und nach welchen Gesichtspunkten wählt Ihr aus?

Shvantz: Sissi wird vor allem von Frauen fotografiert, das interessiert uns. Und ich schaue mir momentan die achtziger Jahre an. Es ist wohl eine Aufarbeitung meiner Kindheit, andererseits ist es eine wahnsinnig wichtige Entwicklungsphase in Deutschland gewesen. Ich habe Sachen entdeckt, die habe ich nicht für möglich gehalten. Abgesehen von Ästhetischem. Wenn man sich darein vertieft, was in den fünfziger Jahren abgegangen ist, da wird einem schon so einiges klar. Auch was mich heute selber betrifft. Die Jugendrevolten der sechziger Jahre habe ich schon bewußter mitgekriegt ... aber damals war ich eben noch ein Kind und da kann ich mich nur noch an Formen erinnern, auch an Zustände, aber nicht an Zusammenhänge. Und entsprechend mache ich Kunst. Im Moment eine ganz neue Serie: Vorlagen für diese Kunst sind Setzungen aus den fünfziger Jahren, die ich weiterverarbeitet habe. Wir bekommen aber auch sehr viele Entwürfe und Vorschläge geschickt. Und es kann sein, daß es mir im ersten Moment gefällt, aber nicht als Aktion; ich mache zum Beispiel überhaupt keine Reproduktionen. Eine Aktion muß immer schon als eine Setzung geplant sein.

Corb: Würdest Du sagen, daß sich Sehgewohnheiten verändert haben?

Shvantz: Ja. Zu meiner Enttäuschung von Illusion weg hin zur Fotografie. Wir machen das jetzt seit zehn Jahren. Ich habe immer geglaubt, daß sich die Illusion mehr durchsetzen könnte. Woran das liegt, daß es nicht so ist? Schwer zu sagen. Mögen die Leute vielleicht reale Bilder? Das wird durchs Fernsehen geschult. Meines Erachtens ist das Fernsehen eines der größten Übel. Das sage ich, obwohl ich Videos mache. Bei Illusion ist schon allein der subjektive Blick des Künstlers zu sehen. Ein Foto ist scheinbar neutraler, das akzeptieren die Leute so als Wahrheit, genauso, wie sie die Zeitung als Wahrheit akzeptieren. Bedürfnis nach Wahrheit? Eher nach Autorität, ja. Jemand soll sagen, so und so ist das. Hier ein Beispiel, zwei Vorstellungen, die man gut miteinander vergleichen kann. Beide drehen sich um eine dreiköpfige Familie. Das eine ist eine relativ schlechte Fotografie, das andere eine sehr gute Beschreibung. Trotzdem: das erste reproduziert sich, das andere überhaupt nicht. Dabei ist beides auf eine gewisse Weise bedenklich, das heißt, der Bedenklichkeitskeitseffekt ist vielleicht bei beiden gleich stark. Mir scheint, die Leute stumpfen immer mehr ab. Alles muß einfach und verdaulich sein. »der spiegel« erklärt Dir heute, was Kunst ist, in wenigen Sätzen, mit wenigen Bildern, alles so verwaschen. Das siehst Du ja auch an den Fotos, an Büchern, was da umgesetzt wird. Das ist ja abenteuerlich. Früher war Qualität keine Seltenheit. Heute siehst du stapelweise Bilder ... so Zeug, was man eben leicht verdauen kann, Autos, Frauen, Boote, alles Foto, Foto, Foto. Amerika, Ex-Jugoslawien, was es halt gibt. Die Leute wollen sich mit den Bildern nicht auseinandersetzen, besonders nicht mit einer Fotografie. Es darf nichts Kompliziertes sein. Widersprüchliches kommt nicht an.

Corb: Würdest Du Dich vom Vorwurf der »visuellen Umwälzung« betroffen fühlen?

Shvantz: Nein. Warum? Niemand ist gezwungen, einen Computer zu kaufen, niemand ist gezwungen, Euren content zu kaufen.

Corb: Noch einmal zurück. Ich vermute, daß sich beispielsweise eben durch das Fernsehen Sehgewohnheiten und damit auch die Gestaltung verändert haben. Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die festgestellt haben, daß Kinder in extrem kurzen Takten in der Lage sind, ein Bild einzuschätzen und zu wissen, ob der dazugehörige Film sie interessiert. Meinst Du, daß sich so etwas irgendwie auswirkt? Gemeint ist das Rhythmische, Fragmentarische, sich Überlagernde, oft reicht es, nur etwas anzudeuten. ...

Shvantz: So genau habe ich das noch nicht analysiert. Ich bin kein Fernsehprofi. Ich mag diese Hefte gern, wo zum Beispiel Fotos unterlegt sind. Aber ich habe damit Schwierigkeiten: Wenn ich etwas lese, möchte ich, daß es auf einer weißen Seite steht. Das hängt sicher damit zusammen, daß ich es so gewohnt bin.

Die Einführung des Macintosh hat wahnsinnig viele Künstler nivelliert. Sie sind austauschbar und ähnlich geworden. Das fing damals mit dem »face« an, wo der Brody noch dabei war, wo ein Stil kreiert wurde, der unwahrscheinlich viele Leute beeinflußt hat. Und dann wurde der Macintosh so billig, das kam zeitlich koinzident, da sahen dann die Bilder alle gleich aus. Auch auf Plakaten sah man überall die Mac-Ästhetik. Ein Konzern beherrscht die gesamte Ästhetik, das ist doch sehr gut. Es gab einige Zeitschriften, die sich immer dagegen gesträubt haben. Stellvertretend für viele andere gute Hefte, die es Ende der achtziger Jahre gab, sei »Tempo« erwähnt. Es ist eingegangen. Das »face« ist noch bekannt. Das kam aus London, das war ein Medium für Modedesigner, die ihre Seiten zum Teil auch selber gestaltet haben. Insbesondere waren das junge Designer, Nachwuchs. Es war ein wunderbares Heft, das sich wirklich herausgehoben hat, schon allein durch die Verschiedenheit. Das war nichts durchgängig Gestaltetes, jeder benutzte seinen Stil und das hatte dann natürlich auch mit den Klamotten was zu tun. Und das frühe Zeug im Querformat. Das war total crazy. Jeder Layouter würde in Ohnmacht fallen, die haben wirklich alles gemacht, die fingen an, die Grenzen zu durchbrechen. Die haben sich an nichts mehr gehalten, keinen Umbruch, keinen Rand, kein Nichts mehr, das war style. Das war so 1980 herum. Aber solche Sachen können sich kaum behaupten, wenn das nicht einem breiten Publikumsgeschmack entspricht.

Corb: Die Mac-Ästhetiken sind für ein Großstadtpublikum, gleichzeitig nehmt Ihr Bilder von Großstädten auf. Das ist doch nicht zufällig?

Shvantz: Na ja, ich bin ein Großstadtkind, ich habe mein ganzes Leben in Großstädten zugebracht. Aber die Großstädte sind wirklich völlig unabhängig von den Aufnahmen, das ist eine zweite Ebene. Das Leben besteht ja nicht nur aus Optik, die Virtualität gehört genauso dazu. Wir dachten, es muß ja nicht rel sein. Es gibt soviel Rauschen um uns herum. Das gehört auch zum Leben. Warum sollen wir das nicht einfach aufnehmen. Und so entstanden die Rauschkassetten. Ein Freund von uns machte übrigens mal mit einer Kassette ...

(Das Gespräch führten Warren Corb und Angelika Hefner.)
        

        
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