Der untenstehende Text erscheint in "The Hartware Guide to irational", hg. v. Susanne Ackers, Inke Arns, Francis Hunger, Jacob Lillemose (Frankfurt am Main: Revolver - Archiv fuer aktuelle Kunst 2006, ISBN: 3-86588-299-4 [Deutsch/Englisch]).

Das Buch kann ab Anfang Dezember 2006 ueber www.hmkv.de und www.revolver-books.de bestellt werden und enthaelt Beitraege von Matthew Fuller, Jacob Lillemose, Inke Arns, Francis Hunger, Susanne Ackers und Darija Simunovic.



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Irational's Finest, oder: Ueber die Kunst der Bewegung im Raum
Inke Arns

Fast taeglich lesen wir Meldungen ueber den Anbau von Genmais, der jahrelang versteckt gehalten wurde, ueber Fluessigsprengstoff in Flugzeugen und Bombenkoffer in Zuegen, ueber Forderungen nach flaechendeckender Videoueberwachung, wir verfolgen die globale Ausbreitung der Vogelgrippe und fragen uns, wann sie denn unser Land erreicht, wir begreifen die inzwischen spuerbaren Auswirkungen von Hartz IV, sehen die Folgen des Klimawandels und koennen uns des Eindrucks nicht erwehren: Das Leben ist haerter geworden.

Irational, gegruendet 1996 in Grossbritannien, einem ueber Jahre von Maggie Thatcher regierten Land, wusste dies schon vor zehn Jahren. Treffsicher werden seit 1996 Themen formuliert und eigensinnige Loesungsvorschlaege gemacht, die nun erstmals umfassend in der Ausstellung The Wonderful World of irational.org zu sehen sind. So treten z.B. Firmen auf, die - wie Technologies to the People - den Zugang zu neuen Technologien als ein Menschenrecht definiert wissen wollen sowie Unternehmen, die fuer ein “besseres Leben" (Mejor Vida Corporation) mit einem “menschlichen Interface" plaedieren. Neben Mailinglisten wie American Express und 7-11 agiert die Agentur fuer kulturellen Terrorismus, die aktuelle Formen performativer Ideologie und Rhetorik unterwandert, indem sie einen neuen Londoner Bezirk gruendet und dann einen Wahlkampf in diesem inszeniert oder ein “genetisch modifiziertes antikapitalistisches Unkraut" vertreibt, dem eine Resistenz gegen Unkrautvernichtungsmittel von Monsanto angezuechtet wurde und das so den profitablen Einsatz genmanipulierter Getreidearten bedroht. Neben der Kritik des leichtfertigen Umgangs mit gentechnisch veraenderten Organismen denkt irational ausserdem ueber konkrete Verhaltensmassnahmen im Falle einer globalen Grippe-Pandemie nach. Zunehmend prekaeren Arbeitsverhaeltnissen (die jedoch vor sieben Jahren noch nicht mit einem heute fast modischen Schlagwort bezeichnet wurden) wird mit Slogans wie “Zeitarbeiter aller Welt vereinigt Euch - Turning Shit into Gold" oder Loesungsvorschlaegen zur kostenlosen Nutzung oeffentlicher Verkehrsmittel und der flaechendeckenden Ausstellung von Studentenausweisen begegnet. Ueberhaupt, Reisen: Mitglieder von irational ueberwinden Zaeune und Mauern mit einfachsten Hilfsmitteln (z.B. selbstgeknuepfte Netze) und Klettertechniken und ueberqueren internationale Grenzen unter Umgehung offizieller Grenzkontrollen. Immer geht es darum, den Raum neu zu erfahren, z.B. im spielerischen gemeinsamen Auf-Baeume-Klettern waehrend des jaehrlichen, unter dem Motto “Liberate the Horizontal!" stattfindenden International Tree Climbing Day, oder der Weltmeisterschaft im Abfahrts-Skateboarding mit drei Teilnehmern im britischen Bristol.

Irational als Reiseunternehmen der anderen Art hat nicht zuletzt deshalb das Logo der International Air Transport Association IATA (1) (gegruendet 1945 in Havana) uebernommen: ein stilisierter gefluegelter Globus, der globale Kommunikation und globalen Verkehr symbolisiert. Mit dem Zusatz “irational" wird daraus ein Qualitaetssiegel fuer eine Kunst der besonderen Bewegung im Raum.

Irational ist eine lose Gruppierung von sechs internationalen Netz- und MedienkuenstlerInnen, die sich um den 1996 von dem britischen Netzkuenstler Heath Bunting gegruendeten Server irational.org zusammengefunden haben und die fruehe Netzkunst Mitte der 1990er Jahre entscheidend mitgepraegt haben: Daniel Garcia Andújar/Technologies to the People (Valencia/E), Rachel Baker (London/GB), Kayle Brandon (Bristol/GB), Heath Bunting (Bristol/GB), Minerva Cuevas/Mejor Vida Corporation (Mexico City/MEX) und Marcus Valentine (Bristol/GB).

Mit trockenem Humor und minimaler Aesthetik kommentierte irational den sich ab Mitte der 1990er Jahre entwickelnden Internet-Hype und konkurrierte mit der ab 1996/1997 hochschlagenden Kommerzialisierungs-Euphorie des Neuen Marktes durch die Entwicklung eigener Pseudo-Firmen. Kunst war im Netz unmittelbar, ohne den Bedarf und die Sicherheit eines Vermittlungsraumes bzw. einer Vermittlungsinstanz. Daher geriet irational in dieser Zeit auch oefters an humorlose Markenrechts-Anwaelte, die irational den Gebrauch von Firmennamen wie 7-11, American Express, Sainsburys und Tesco untersagen wollten. Diese Auseinandersetzungen, die in der Ausstellung ausfuehrlich dokumentiert werden, waren nur ein Vorspiel dessen, was sich heute im Rahmen von Urheberrecht, geistigem Eigentum, Copyright und Markenschutz abspielt (vgl. dazu nur die Auseinandersetzungen um die Marke FIFA WMTM im Jahr 2006). Heath Bunting ging 1997 weltweit als erster Netzkuenstler in den “Ruhestand". Er beendete seine ausschliessliche Arbeit im Netz und wandte sich nun wieder verstaerkt der Arbeit im oeffentlichen Raum zu, zu dessen wichtigem Bestandteil das Internet ja heute geworden ist. Haben sich die Aktivitaeten von irational in der ’Netzphase' der Hinterfragung virtueller Grenzen gewidmet, so experimentieren die Mitglieder von irational heute mit der Befragung und Ueberwindung realraeumlicher - oekonomischer, politischer, sozialer - Grenzziehungen und schaffen mitunter recht unterhaltsame Abhilfe.

Die zehnjaehrige Arbeit von irational 1996-2006 deckt eine weites Spektrum von heute sehr aktuellen und relevanten gesellschaftlich-politischen Themen ab: Bereits frueh verhandelte die Gruppe Themen wie das wachsende Gefuehl von Un/sicherheit, das sich in einer zunehmend auf Technologie basierenden Welt ausbreitet, Fragen von Ueberwachung und Datenerhebung (irational bedient sich hierbei z.B. ’irationaler' Frageboegen und setzt Kundenkarten von Unternehmen zweckentfremdet ein), Branding und Markenrechtsschutz, prekaere Arbeitsverhaeltnisse sowie DIY-Kulturen, -Medien und -Oekonomien. Mit der Verlagerung des Arbeitsschwerpunktes vom Netz in den Raum steht die Arbeit von irational ausserdem zu einem fruehen Zeitpunkt singulaer und paradigmatisch fuer das, was heute in der Medienkunst zu beobachten ist: Es geht zunehmend weniger um die Medien und Technologien selbst, als vielmehr um ein gesteigertes Interesse an gegenwaertigen Raeumen, die auf komplexe Art und Weise ueber diese Technologien miteinander verlinkt sind und von medialen Netzen durchzogen werden.

Die Verknuepfung dieser Ausstellung mit dem zehnjaehrigen Jubilaeum des Hartware MedienKunstVereins basiert jedoch nicht nur auf der magischen Zahl Zehn. Vielmehr ergibt sie sich aus der Rolle, die Hartware und die Stadt Dortmund fuer die heutige Zusammensetzung von irational gespielt hat (nichts weniger als das!). 1996 verbrachte Daniel G. Andújar, ausgestattet mit einem Stipendium, ein halbes Jahr im Kuenstlerhaus Dortmund. Dort lernte er Iris Dressler und Hans Christ kennen und kooperierte seitdem wiederholt intensiv mit Hartware. Ebenfalls 1996 nahm Daniel G. Andújar an einer Austellung in Hamburg teil - un-frieden. sabotage von wirklichkeiten (2) - waehrend der er Heath Bunting kennen lernte, ebenfalls ein Teilnehmer dieser Ausstellung (3). Im selben Jahr wurden sowohl irational als auch der Hartware Projekte e.V. gegruendet.

Den vier am Projekt The Wonderful World of irational.org Beteiligten - den Initiatoren Susanne Ackers, Francis Hunger und mir sowie Jacob Lillemose, der als Co-Kurator sehr schnell mit ins Boot geholt wurde - war recht schnell klar, dass wir angesichts der diversen Aktivitaeten von irational verschiedene Formate entwickeln mussten. Diese finden sich nun in Form der von Jacob Lillemose und mir kuratierten Ausstellung, dem von Francis Hunger kuratierten irational Action Weekend Mitte September und der vorliegenden Publikation The Hartware Guide to irational.org wieder.

Zur Ausstellung: Wir haben uns bewusst dafuer entschieden, mit dem Medium Ausstellung zu arbeiten. Das mag redundant klingen - aber es ist gar nicht so selbstverstaendlich, wenn man von Netzkunst spricht. In den letzten zehn Jahren ist ausfuehrlich (jedoch bis heute nicht abschliessend) darueber diskutiert worden, ob und wie Netzkunst auszustellen ist. Man erinnere sich nur an unglueckliche Buerosituationen wie die auf der documenta X (1997) oder an die Inszenierung von Internetcafé-Settings wie z.B. in der Ausstellung net_condition am ZKM (2000/2001). Irational selbst wurde kuerzlich von Sarah Cook und Steve Dietz im kanadischen Banff als riesiges, mit Kreide geschriebenes Wandschema plus einem online-Computer ausgestellt. Im Gegensatz zu diesen Ausstellungspraktiken haben wir uns dafuer entschieden, die von uns ausgewaehlten 54 Arbeiten von irational aus dem Internet ’herauszuholen' und fuer jede dieser Arbeiten im Dialog mit den KuenstlerInnen eine kongeniale Umsetzung fuer den Ausstellungsraum der PHOENIX Halle zu entwickeln. Fuer jedes einzelne Konzept haben wir - teilweise unabhaengig vom urspruenglich benutzten Medium, z.B. dem Internet - eine im Medium der Ausstellung erfahrbare Umsetzung konzipiert. Genau das koennte man dieser Ausstellung jedoch auch vorwerfen: Naemlich dass sie die Netzkunst, die immer stolz auf ihren direkten Bezug zum Netz-Rezipienten war, in einen ’institutionellen' Vermittlungsraum zurueckholt und sie damit - indem sie sie eindeutig zu ’Kunst' erklaert, was im Netz nie so klar war - eines Teils ihrer vielfaeltigen Bedeutungen beraubt. Wir sind jedoch der Meinung: Auch - und vielleicht gerade - die Netzkunst braucht einen dezidierten Raum der Vermittlung (ganz abgesehen davon dass Kunst ohne Vermittlung eine Utopie ist). Netzkunst haette ueber ihr Medium - naemlich das Internet - ein potentiell globales und potentiell sehr grosses Publikum erreichen koennen - was sie nicht getan hat. Sie hat ein kleines spezialisiertes Publikum erreicht und manchmal auch nichts ahnende Internetnutzer irritiert. Wir meinen, dass es zu schade waere, diese klugen Projekte einfach dem Netz zu ueberlassen und haben uns aus diesem Grund fuer diese Form der Umsetzung entschieden.

Insofern geht es in dieser Ausstellung auch nicht um Netzkunst. Man koennte weitergehen und behaupten: irational selbst war nie Netzkunst. Die Themen von irational reichen weit ueber die Grenzen des jeweiligen Mediums hinaus. Es geht durchweg um Projekte, die auf sehr kluge Art und Weise ueber gegenwaertige Themen sprechen. Ob diese nun im Netz oder offline verhandelt und umgesetzt werden, ist zweitrangig. Insofern versucht die Ausstellung, die konzeptuellen roten Faeden von irational in etwas mehr als einem halben Dutzend thematischer Bereiche zu buendeln: Sprache als Eigentum, alternative Formen von Oekonomien, Ueberwindung von Grenzen, Hinterfragung von Sicherheitstechnologien und Bio- und Gentechnologie, die Weitergabe von Wissen in partizipativen Projekten sowie die Ermoeglichung neuer Raumerfahrungen. Mehr noch: In fast allen Projekten geht es um die Kunst der Bewegung im (erweiterten) Raum. Und immer ging und geht es darum, die Handlungsmoeglichkeiten des Subjektes zu erweitern - im Sinne einer Taktik der Ermaechtigung des/der Einzelnen. Irational formuliert eine Politik und Poetik des raeumlichen Ungehorsams. Darum: Reisen Sie mit dem Unternehmen Ihres Vertrauens! Fly irational!


Fussnoten

(1) The International Air Transport Association, http://www.iata.de/
(2) un-frieden. sabotage von wirklichkeiten, Kunstverein und Kunsthaus Hamburg, 1996, kuratiert von Inke Arns und Ute Vorkoeper, vgl. http://www.projects.v2.nl/~arns/Archiv/Discord/. Vgl. zur Teilnahme von Technologies to the People auch Inke Arns: Technologies to the People® - Our Sponsor, or: How we got the attention of both Apple (TM) and the left German art critique. In: Technologies to the People®. Annual Report 2000 [d.i. Daniel Garcia Andujar], Alicante 2001, http://www.projects.v2.nl/~arns/Texts/tp.html (3) Heath Bunting nahm an dieser Ausstellung mit dem Projekt Vunerability teil, das auch in The Wonderful World of irational.org zu sehen ist.


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Dr. Inke Arns
Künstlerische Leiterin / Artistic Director
Hartware MedienKunstVerein
Güntherstrasse 65 * D-44143 Dortmund
T ++49 (0) 231 - 823 106
F ++49 (0) 231 - 882 02 40
[EMAIL PROTECTED]
www.inkearns.de

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