Hallo rohrpostler, heute ist die 400. Ausgabe des Berliner Gazette-Newsletters erschienen. Ueber das Jubilaeum haben wir hier http://www.berlinergazette.de/?p=185 ein paar Worte verloren, anbei leite ich die Jubilaeumsausgabe an Euch weiter, erschienen im Rahmen unseres Themenschwerpunkts [Zeitgeist]: http://www.berlinergazette.de/index.php?pagePos=10
Viele Grüße, Krystian Woznicki Berliner Gazette e.V. Schoenhauser Allee 141a D - 10437 Berlin [EMAIL PROTECTED] www.berlinergazette.de ------------------------------------------------------------------------------------------------------ Geduld fuer Teilhabe oder: >>Gute Zeiten im sozialen Gefaelle.<< [ ] Protokoll: Mona Motakef, Kulturwissenschaftlerin [1] Entschleunigung und nicht Beschleunigung lautet das Gebot der Stunde. Entgegen der haeufig geaeusserten Prognose vom >Wettlauf gegen die Zeit< glaube ich das. Und das schreibe ich auch, obwohl ich menschliche Grundtechniken wie Reden, Lesen, Essen und Gehen schnell taetige und mich Menschen mit langsamen Zungenschlag in Stress versetzen. Wie ich finde, lassen sich immer vermehrter kleine, mehr oder weniger subversive Entschleunigungstendenzen ausmachen, vermutlich als Reaktion auf >Beschleunigungszwaenge< des Alltags. Von einem Sieg der Langsamkeit ueber den >von Paul Virilio diagnostizierten >Rasenden Stillstand< laesst sich zwar nicht sprechen, uebersehen lassen sich diese kleinen Entschleunigungstendenzen jedoch auch nicht. Der taz-Autor Uh-Young Kim beobachtete in der Ausgabe vom 9. Januar dieses Jahres zum Beispiel, dass die Beats in der gegenwaertigen elektronischen Musik im Vergleich zu den 1990er Jahren langsamer werden. Fuer eine aehnliche Tendenz steht der programmatische Album-Titel >quite is the new loud< der norwegischen Band Kings of Convenience. Die Veroeffentlichung dieser Platte im Jahr 2001 fuehrte dazu, dass sich einige Journalisten dazu veranlasst fuehlten, eine >neue< popkulturelle Bewegung auszurufen, die sich Entschleunigung im akustischen Format auf die Fahnen schreibt. Der kleine Boom der Wohlfuehl- und Wellnessindustrie, mit seinen Yoga-Schulen und asiatischen Entspannungstechniken, laesst sich auch als Zeichen eines wachsenden Interesses an Entschleunigung lesen [was paradoxerweise mit oekonomischem Werten wie Produktivitaetssteigerung konform geht]. Zudem gewinnt Slow Food, beziehungsweise das Verstaendnis von Kochen und Essen als einer viel Zeit beanspruchenden Kulturtechnik [zumindest im Fernsehen] an Bedeutung. Ein Blick in die Literatur zu >Zeitmanagement< bestaetigt die These: Es gilt >work smart, not hard< und ich >lerne, dass man produktiver sein kann, wenn man beruecksichtigt, ob der eigene Biorhythmus einer Eule oder eine Lerche aehnelt. Sich ueber mangelnde Zeit zu beklagen, ist immer auch Ausdruck von Macht und Prestige. Zudem naehrt der Termindruck die Illusion der eigenen Unersetzlichkeit. Von daher entwickle ich hierbei weder Selbstmitleid noch Mitgefuehl. Fuer mich besteht die >Zeitdruck-Problematik< eher darin, dass es eine Art >soziale Zeit-Schere< gibt: Die einen haben das Privileg, dank ihrer Bildung ihre Zeit mit Dingen zu verbringen, die ihnen Sinn stiften. Sie partizipieren an etwas und gestalten damit ihr Leben und ihr Umfeld. Waehrend diese Gruppe sich verwirklichen kann und dabei eben regelmaessig unter Terminstress geraet, muessen andere fuer ihre Existenzsicherung uninspirierende und im schlimmsten Fall demuetigende Dinge tun. Zugang zu Teilhabe gewinnen sie durch ihre Taetigkeit nicht. Ueber seine Zeit zu verfuegen und sie sinnhaft zu gestalten, ist ein Privileg einer Gruppe von Menschen, die fern von relativer Armut aufwachsen. Diese Leute haben Verwirklichungschancen, weil sie Zeit haben, die anderen fehlt. Von daher ist die >Zeitdruck-Problematik< eine materiell begruendete. Die Debatte ueber die Einfuehrung eines Grundeinkommens verdeutlicht diesen Aspekt ganz gut. Ein Pro-Argument lautet bekanntlich, dass es in der Frage einer Arbeitspolitik in Zeiten eines Grundeinkommens nicht um Beschaeftigung um jeden Preis gehen sollte, sondern darum, dass Menschen Taetigkeiten ausueben, die sie persoenlich oder gesellschaftlich als sinnvoll erachten. Es ist nicht von Vorteil, vom Termindruck verschont zu werden oder im Besitz von unendlich viel Zeit zu sein. Eher kommt es auf die Moeglichkeit an, Zeit sinnstiftend zu nutzen. Studien zu Arbeitslosigkeit zeigen immer wieder, dass der Besitz von viel Zeit ein tragisches Geschenk ist. Sie wird unbedeutend, da der Lebensrhythmus aus den Fugen geraet. Der polnische Arzt und Kinderbuchautor Janusz Korczak forderte vor knapp 100 Jahren ein Menschenrecht auf Zeit fuer Kinder. In die Kinderrechtskonvention wurde diese Forderung nicht aufgenommen. Auch wenn es kein Menschenrecht auf Zeit gibt, spielt Zeit indirekt bei einigen Menschenrechten eine Rolle. Das Recht auf Bildung zum Beispiel geht ueber die eigentliche Bedeutung von Bildung hinaus. Anders als das Recht auf Religionsfreiheit geht es in dem Recht auf Bildung nicht nur um das Recht auf etwas, sondern auch um Rechte in der Bildung. Rechte innerhalb einer Religion sieht das Recht auf Religionsfreiheit dagegen nicht vor. Rechte in der Bildung zu haben, bedeutet, dass sich das Bildungssystem an den Lebenslagen der Kinder orientieren muss und nicht umgekehrt. Schulen sollten Kinder nicht an einer allgemeinen Norm messen, sondern das Lerntempo jedes Kindes anerkennen. Wenn Kinder langsamer sind als die meisten ihres Jahrgangs, muessen sie dagegen heute in Deutschland eine Klasse wiederholen oder werden auf eine Sonderschule ausgesondert. Ein Recht auf Zeit laesst sich dann als Recht auf die eigene Geschwindigkeit verstehen. 1. mailto:[EMAIL PROTECTED] 2. http://files.institut-fuer-menschenrechte.de 3. http://www.taz.de/pt/2007/01/09/a0165.1/text 4. http://de.wikipedia.org/wiki/Grundeinkommen 5. http://www.uni-duisburg-essen.de/ekfg/kolleg/ekfg_05670.shtml Und hier, wie jede Woche, ein paar ausgewaehlte Veranstaltungshinweise fuer die kommenden Tage: Do - 22.02. P o d i u m : Zwischen 1946 und 1990 wurden von der Filmproduktionsgesellschaft der DDR mehr als 7.500 Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilme verwirklicht. Politische Entscheidungen, Einschraenkungen und Verbote praegen die Filme ebenso wie kuenstlerische Experimentierfreude und ein wacher Blick fuer die eigene Gesellschaft. Mit Filmausschnitten, Gespraechen und einer Podiumsdiskussion wird die vielschichtige und widerspruechliche Filmgeschichte der DDR zum Ausgangspunkt einer systematischen Auseinandersetzung mit politischen, alltagskulturellen und aesthetischen Phaenomenen der DDR-Gesellschaft gemacht. Ort: Deutsche Kinemathek - Museum fuer Film und Fernsehen im Filmhaus, Potsdamer Strasse 2, 4. OG, 19:30 Uhr. Fr - 23.02. K o n z e r t : Das Jan Opoczynski-Orchester praesentiert die neue Platte >Offpop aus der Gosse<. Eine Verschwoerung von Musikern laesst ihre Gitarrensaiten schwingen, Trommelschlaege den Staub aufwirbeln, ein altes Fender-Piano klingt ganz blau, der Bass setzt ein und streichelt dem Publikum den Bauch. Jan Opoczynski setzt sich auf dieses taenzelnde Pferd und singt Geschichten von morgens frueh um vier. Wer eine Kreuzung aus Dean Martin, den Beatles und James Dean sehen und hoeren will, darf dieses Konzert nicht verpassen. Ort: Gruener Salon, Volksbuehne am Rosa-Luxemburg-Platz, 21 Uhr. Sa - 24.02. F e s t i v a l : Bob Dylan, Wolf Biermann oder Sex Pistols, Public Enemy: Kritik wird im Allgemeinen ueber das gesprochene oder geschriebene Wort vermittelt, aber nicht immer reicht die Kraft des Wortes, um die Emotionalitaet des Aufbegehrens, die Leidenschaft des Nicht-inverstanden-eins zum Ausdruck zu bringen. Dann schlaegt die Stunde der Musik. Heute kommen dazu drei Generationen Berliner Protestmusik zusammen: die Ton Steine Scherben Family [der Relaunch der einst gefuerchteten Krawallband um den frueh verstorbenen Saenger Rio Reiser]; Kommando Stuhlgeist aus dem >Magnetband-Untergrund< der DDR; und schliesslich K.I.Z., Newcomer aus den Reihen des Berliner HipHop-Labels Royalbunker, die mal drastisch, mal ironisch zum Ausdruck bringen, wie sich das Leben in den Strassen von Kreuzberg anfuehlt im Fruehjahr 2007. Ort: Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 18 Uhr. Bis naechste Woche, Krystian Woznicki mailto:[EMAIL PROTECTED] PS: Jede Millisekunde zaehlt, wird gezaehlt [1]. Nicht nur gemaess der unerbittlichen Oekonomie des Kapitalismus, der seinen Fortschritt in Masseinheiten fasst. Sondern eben auch, wenn es um die Sorge darum geht, wie man sich und die anderen diesen auch entziehen kann. Nun, nicht alle Rechnungen gehen auf - vermutlich ebenso wenig wie dieser ansatzweise Versuch einer Interpretation. Wie das Ganze eigentlich und ueberhaupt gemeint ist, laesst sich in Christoph Korns Konzepttext nachlesen: >Der Begriff der >Sorge< wird verstanden als Grundfrage des menschlichen DASEINS, wie er in der Cura-Fabel des Hyginus und in spaeterer Philosophietradition dargestellt ist. In diesem Sinne konfrontiert die Arbeit zwei grundlegende, disparate und tief in die menschliche Wirklichkeit hineinragende Kategorien: Sorge und Kapitalismus. [...] Die Maschine selbst arbeitet permanent, Tag und Nacht. In ihrer Permanenz ist sie Platzhalter eines begriffssprachlichen Gedaechtnisses. Sie ist unablaessige Behauptung, dass >Sorge< unter dem Kapitalismus moeglich bzw. unmoeglich sei.< Da es sich um eine webbasierte Arbeit handelt, kann wunderbarer Weise nach wie vor jede/r mal die Probe aufs Exempel machen. Indes die gezaehlte Zeit im Archiv gesammelt wird. Wo die Stimmen zwar verstummt sein moegen, indes die Schichten der Zeilen doch weiter bezeugen, dass das Sorgen einen Anfang haben mag - aber bis auf weiteres kein Ende. 1. http://www.sorgeundkapitalismus.de [ ] Impressum Berliner Gazette - digitales Mini-Feuilleton seit 1999 [ ] Herausgeber Berliner Gazette e.V. 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