liebes pirate cinema, liebe cornelia sollfrank, lieber claude monet,
wie wir auf der gelungenen synopse erkennen können, hat ein bisschen
impressionismus noch keinem geschadet! also - warum soll ein
piratenkino nicht mal auftanken in den mohngetupften wiesen an der
ostsee? warum sollen die aufgewühlten menschen von überall sich nicht
tummeln im strassensteinhagel oder im facettenreichen strahl des
wasserwerfers? warum soll eine angela m. nicht wildgewordenen bush
versuchen zu zähmen? warum sollen die schwellenstaaten nicht laut
gemeinsamer absprache die schwelle endlich nehmen und für eine
beschleunigung des klimawandels sorgen, der von sonnenhungrigen
nordlandpflanzen schon lange (und nicht nur insgeheim!) ersehnt wird?
was mir schwer fällt ist der obligatorische bekenner-link zu afrika.
hätte claude monet via bundeskulturstiftung auch für einen
afrikanischen impressionismus gesorgt? keine ahnung! also mir hat es
nicht gefallen diesmal in rostock. die schaufenster waren verbrettert
und vernagelt und jeder einwohner war dann doch ein polizist. als mir
die steine ziemlich nahe am kopf vorbeipfiffen und immer mehr
einsatzwagen durch die leergefegte stadt sausten bin ich lieber mit
dem allernächsten zug wieder nach berlin gefahren. dort kann ich in
ruhe meine emails lesen und mich auf die nächste vorstellung on
pirate cinema freuen. impressionismus hin oder her.
susanne gerber
On Jun 7, 2007, at 11:05 PM, cornelia sollfrank wrote:
liebes pirate cinema,
die bilder sind echt süß! danke dafür!
und euren einschätzungen stimme ich weitgehend zu,
umso weniger verstehe ich, warum ihr überhaupt dort wart...
welche überlegungen verlassten das pirate cinema dazu, sich mit
rostock, heiligendamm, g8 und dem kunstevent, von dem ihr euch
schon an anderer stelle distanziert habt, in verbindung zu bringen?
c.
Am 07.06.2007 um 21:27 schrieb pirate cinema berlin:
Wir bedanken uns für die zahlreichen Nachrichten, die uns in
Rostock erreichten.
Zurück in Berlin, passenderweise via Bad Kleinen, bleibt
nachzureichen, dass,
während in Rostock 100 mal dasselbe Auto brannte, 400 mal derselbe
Polizist sich
am eigenen Tränengas verletzte und 200.000 mal derselbe Rostocker
Bürger vor den
"Scherben seiner Existenz", im Grunde ein sehr schönes und völlig
zutreffendes
Bild für den Alltag dort, stand, in Delhi bei Strassenschlachten
mit der Polizei
mindestens 25 Menschen ums Leben gekommen sind, und der
eigentliche und einzige
Grundkonsens, der die jugendliche Euphorie der Gipfel-Camper, die
kompromisslose
Professionalität der Greenpeace-Aktivisten und den debilen Hochmut
von Herbert
Grönemeyer befeuert, darin besteht, dass keine und keiner dieser
25 es verdient
hat, dass es von ihr oder ihm auch ein Bild gibt. "Der G8" ist ein
gigantisches
Ablenkungsmanöver zur Aufrechterhaltung durch Bilder wie durch
deren Abwesenheit
vermittelter gesellschaftlicher Verhältnisse zwischen Personen.
Den klügsten Text über Heiligendamm, also über Globalisierung,
Umweltzerstörung,
Klimawandel, Abgashandel, Öko-Reformismus, NGO-Bürokratismus und
die missliche
Lage von Staatschefs und Wissenschaftlern, die bei der
Beschleunigung von
kapitalistischer Warenproduktion und technischem Fortschritt an
eine planetare
Grenze stossen, hat, und zwar schon vor 36 Jahren, Guy Debord
geschrieben <1>;
das schönste Bild von Heiligendamm, das bisher einzige, auf dem
Tote zu sehen
sind, insgesamt vier, immerhin, deren legitimer Anspruch auf
Abbildung eingelöst
wird, hat, aus Spiegel Online <2> und Monet <3>, Peter Grabher
hergestellt <4>.
Ansonsten gibt es für uns "vom G8" eigentlich nicht mehr viel zu
berichten.
<1> http://piratecinema.org/textz/guy_debord_the_sick_planet.html
<2> http://piratecinema.org/images/spiegel.jpg
<3> http://piratecinema.org/images/monet.jpg
<4> http://piratecinema.org/images/
les_coquelicots_de_heiligendamm.jpg
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Sunday,
June 10, 8 pm
Pirate
Cinema Berlin
Tucholskystr 6, 2nd floor
8.30
pm: Cul de sac
Garrett Scott, 2002
57 min, 699 MB
9.30
pm: The Bridge
Eric Steel, 2006
91 min, 703 MB
Free entry
C
heap drinks
C
opies to go
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"In May of 1995, Shawn Nelson, a 35 year old plumber from a suburb
of San Diego,
California, emerged from a mineshaft he had constructed in his
backyard. After
months spent mining for gold behind his Clairemont home, Nelson,
an Army
veteran, drove a mile down the road to a nearby National Guard
Armory and stole
a 60 ton tank. For nearly half an hour, Shawn Nelson continued
unhindered down
surface streets and freeways until he was finally stopped [and
killed, A.d.P.C.]
by police. No one else was hurt."
-- Opening titles
of "Cul de sac"
"So... I got there, stood there for like 40 minutes on that spot,
just crying my
eyes out. Joggers, bikers, runners, tourists, whatever, running
by, walking by,
looking at me, didn't say anything. It's not their problem, but...
anyway. And
this woman, she came up to me, she said, in a German accent: Will
you take my
picture? And I was like: Your picture? Well, I'm gonna kill
myself, what's wrong
with you? Can't you see the tears pouring out of my face? But she
couldn't, she
was on her own hype. So I took her camera, took her picture, said:
Miss, have a
nice day... turned back to the traffic, turned back to the bay,
said: Fuck it,
nobody cares... and I hurdled over the bridge."
-- Kevin Hines, Golden Gate Bridge jumper (and survivor),
in "The Bridge"
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Im Süden oder Westen ist es natürlich auch nicht besser. Zumindest
nicht in
Kalifornien, in San Diego und in San Francisco, wo "Cul de Sac"
und "The Bridge"
spielen, die zusammen zu zeigen uns zunächst einmal der Titel
wegen, Sackgasse
und Goldenes Tor, in beiden Fällen Dead End, in den Sinn kam, die
aber auch aus
anderen Gründen, vielleicht vor allem als zwei selbst ziemlich
prekäre Filme
über aussichtslos prekäre Verhältnisse, zusammenpassen.
Garrett Scott erzählt die Geschichte von Shawn Nelson, dem, für
die letzten 23
Minuten seines Lebens, Panzer-Amokfahrer von San Diego, spricht
mit dem
zahnlosen Bruder, den White Trash und Latino Trash Freunden, den
sprachlosen
Anwohnern und den ratlosen Cops, und zeichnet dabei ein derart
bizarres Panorama
völlig plausiblen Wahnsinns - Armut, Drogen, Paranoia, gepaart mit
einem
Galgenhumor von der luzidesten Sorte - dass man schon nach ein
paar Minuten den
Eindruck hat, in einer Doku-Fiction, und zwar einer, die selbst
die "Trailer
Park Boys" noch in den Schatten stellt, gelandet zu sein.
Eric Steel hat ein Jahr lang die Golden Gate Bridge, und dabei die
meisten der
24 Menschen, die sich in diesem Zeitraum von der Brücke in den Tod
gestürzt
haben, wozu später Angehörige und Bekannte Stellung nehmen,
gefilmt, was auf
einigen Filmfestivals für einiges Aufsehen gesorgt hat (wenn auch,
nach kurzer
Recherche, es so aussieht, als wäre unser Screening eine
Deutschlandpremiere),
weil das Ergebnis, trotz routinemässiger Anrufe des Filmteams bei
der Polizei,
sobald jemand länger als üblich am Geländer verweilte, und
atemberaubend
gutaussehender Bilder von einem genauso weltbekannten wie
sagenumwobenen Bauwerk
(Kim Novak sprang, da James Stewart nicht schwindelfrei war, nur,
genau dort, wo
Eric Steel 50 Jahre später seine Kamera aufbauen sollte, von der
Uferböschung,
und wurde, wie wir wissen, gerettet), eben doch ein Snuff Movie
ist, was dem
Film durch die Bank als "verstörende" Qualität, Rezensionen bitte
selber
googlen, attestiert wurde.
Am verstörendsten aber, und wenn wir "The Bridge" zuletzt zeigen,
dann weil man
danach möglicherweise erstmal keinen amerikanischen Dokumentarfilm
mehr sehen
möchte, ist die fast völlige Abwesenheit irgendeiner Erklärung für
die
beobachteten Selbstmorde, die über eine Rekonstruktion eines rein
persönlichen
Schicksals hinausginge. Garrett Scott nennt seinen Film eine
"Suburban War
Story" und zeigt Shawn Nelsons Amokfahrt als Symptom des
Niedergangs der in San
Diego einst, im Kalten Krieg wie im Vietnamkrieg, blühenden
Militärindustrie;
sich vorzustellen, was in der Kommunikationstechnologie-
Musterboomtown San
Francisco das Problem sein mag, bleibt den Zuschauern überlassen,
die sich das,
selbst wenn sie es sich vielleicht würden vorstellen können,
wahrscheinlich doch
lieber nicht würden vorstellen wollen oder gar, wie in diesem
Fall, müssen. Die
Kritik von durch amerikanische Dokumentarfilme vermittelten
gesellschaftlichen
Verhältnissen zwischen Personen könnte "The Bridge" um die ja auch
ganz oben
schon angedeutete Einsicht bereichern, dass noch perverser als das
perverseste
Bild das Unterschlagen des im Grunde einfachsten sein kann.
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pirate
cinema berlin
www.piratecinema.org
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