Hi!

Etwas off-topic, aber hoffentlich trotzdem interessant ist der folgende Text, den ich für die taz für dieses Wochenende geschrieben habe - in memoriam einer schon wieder halb vergessenen Berliner Institution von einst...

Gruesse,
T. B.

-----------------------------------SCHAPP!-------------------------------------------------------------------------
Unter den Schauern des Rausches

In ihrem Buch „Dancing in the Streets“ erzählt Barbara Ehrenreich die Geschichte des Feierns

Von Tilman Baumgärtel


War da nicht mal was? Am mächsten Wochenende? Dem ersten Samstag im Juli?

Irgendwie kommt es einem schon wie eine Erinnerung aus einer lange versunkenen Zeit vor, dass am ersten Juli-Wochenende einst die Loveparade durch Berlin zog. Der neue Organisator, Rainer Schaller, der Besitzer einer Kette von Fitness-Studios, hat nach den üblichen bürokratischen Querelen mit der Stadt Berlin die Konsequenzen gezogen und die Techoparty al fresco ins Ruhrgebiet verlegt. Ende August soll sie nun in Essen stattfinden, in den kommenden Jahren abwechselnd in Dortmund, Duisburg und Bochum. Dass die Loveparade noch einmal nach Berlin zurückkehrt, schließt er aus.

Das ist nun wohl das endgültige Ende einer Institution, die wie kaum ein anderes Event das internationale Image des Berlins der Nachwendezeit geprägt hat. Wer die hämischen Berichte im vergangenen Jahr über die „McFit-Parade“ oder die gehässigen Kommentare zur endgültigen Absage in diesem Jahr in der Berliner Lokalpresse gelesen hat, kann den Eindruck gewinnen, dass niemand in der Hauptstadt der Loveparade eine Träne nachweint. Der Tagesspiegel etwa kommentierte: „Techno ist zwar nicht tot, riecht aber schon recht streng, und es war absehbar, dass die mit diesem Musikstil untrennbar verbundene Parade irgendwann ein Ende haben würde.“ Dass man in Berlin an jedem Tag der Woche die Auswahl zwischen mehreren Techno-Partys und -Clubnächten hat, ist Lokaljournalisten, die so etwas zu Papier bringen, offenbar nicht bekannt.

Doch es ist zu spät, das Für und Wieder der Loveparade noch einmal aufzurollen, die Arbeitsplätze, den Imagegewinn und die Touristen aufzulisten, die die Stassenparty Berlin gebracht hat. Auch die inkompetente Organisation der Loveparade-Begründer oder ihre angebliche „Geldgeilheit“, die Debatte darüber, ob die Loveparade nun eine politische Demonstration war oder nicht, die Provinz-Raver in Kuhfell-Outfits und mit Deutschland-Fahne sowie die fehlenden Dixie-Toiletten gehören der Vergangenheit an. Der „preußische Karneval“ (DJ Westbam) ist vorbei.

Wer am kommenden Wochenende trotzdem einen Phantomschmerz fühlt, für den gibt es nun ein Buch, mit dem er sich friedlich in den Tiergarten legen kann. Er kann sich daran freuen, dass dessen Ökosystem in diesem Jahr nicht von Hektolitern Raver-Urin in Gefahr gebracht wird und er kann den Vögeln lauschen, die nun nicht mehr von donnerndem Techno aus ihren angestammten Revieren verjagt werden. Und er kann in aller Ruhe lesen statt im Tresor zu einem der traditionellen 12-Stunden-Sets von Sven Väth zu tanzen oder einem der anderen internationalen DJs zuzuhören, die – von Kenny Dope bis Kevin Saunderson, von Felix da Housecat bis Timo Maas – einst am „Love-Weekend“ in der Stadt auftauchten. Das rechte Buch für so ein beschauliches Wochenende ist - das bisher nur auf englisch veröffentlichte - „Dancing in the Streets“ von der amerikanischen Publizistin Barbara Ehrenreich, das die ebenso lange wie spannende Geschichte des Feierns erzählt.

Für mehr als 10.000 Jahre gehörte ausschweifende Feste mit Musik und Tanz ebenso zum menschlichen Alltag wie Arbeit, Essen, Kinderkriegen, Krieg und Tod. Man kann es sehen auf Vasen aus dem antiken Griechenland und auf Reliefen in ägyptischen Pyramiden, auf Wandgemälden aus dem alten Rom und auf den Gemälden von Pieter Brueghel: Menschen, die auf den Strassen feiern. Sie schlagen Trommeln und blasen auf der Flöte. Sie sind geschminkt, tragen Masken und Kostümen. Sie halten sich an den Händen oder drehen sich im Kreis, singen und tanzen, schnell und immer schneller, bis sie einen Zustand ekstatischer Glückseligkeit erreicht hatten. Wenn sie nicht mehr konnten, kehrten sie - gleichzeitig erschöpft und gestärkt - in ihr Alltagsleben zurück. Wie ein langer Ringelreihen ziehen sich solche Szenen von Afrika bis Indien, von Europa bis in den Nahen Osten.

Bis ins 14. Jahrhundert waren solche Spektakel selbstverständlicher Teil der menschlichen Existenz - nicht nur in „primitiven Gesellschaften“ wie denen der australischen Aborigines, sondern auch in europäischen Bischofsstädten. Im Westen endet der Spaß mit dem Anbruch der Neuzeit, mumifizierter Relikte dieser vergangenen Exzesse sind in Deutschland etwa das Münchner Oktoberfest oder der Kölner Karneval. Den Teilnehmern der oft spontanen Lustbarkeiten des Mittelalters - in dem in einigen Gegenden Europas jeder dritte Tag ein Feiertag war - dürften solche Veranstaltungen freilich nur noch wie harmlose Schrumpfformen ihrer vergangenen Feste erscheinen: In Utrecht sollen während eines Ausbruchs der „Tanzmanie“ 200 Menschen so lange auf einer Brücke getanzt haben, bis diese einstürzte und die Tänzer in den Fluten des Rheins ertranken – an soviel Einsatz könnten sich auch die hartgesottensten party people in Technoclubs wie dem Berliner Berghain noch ein Beispiel nehmen.

Für Ehrenreich entspringen das menschliche Bedürfnis, gemeinsam zu rhythmischer Musik zu feiern, dem Notwendigkeit, heterogenen Gruppen von Menschen ein Gefühl von communitas zu geben und so zu solidarischen Kollektiven zusammen zu schweißen. Der gemeinsame Tanz führt zu ekstatischen Momenten, die Hierarchien nivellieren und für eine begrenzte Zeit zur kollektiven Erfahrung von absoluter Gleichberechtigung beitragen: Im Karneval des kolonialen Trinidads und bei den Saturnalien der Römer übernahm die Herrschaft während der Feiern sogar kurzeitig die Aufgaben des Gesindes. Aber beim Feiern wurden nicht nur die gesellschaftlichen Normen frü kurze Zeit außer Kraft (in Irland sollen im 16. Jahrhundert bei Festen Priester auf der Strasse mit Schweinen kopuliert haben, bevor sie wieder auf die Kanzel zurückkehrten). Sie erlaubten ihren Teilnehmern auch ein temporäres Gefühl von selbstvergessener Transzendenz.

Nietzsche beschreibt diesen Zustand in ”Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik” so: "Jetzt ist der Sklave freier Mann, jetzt zerbrechen alle die starren, feindseligen Abgrenzungen, die Noth, Willkür oder "freche Mode" zwischen den Menschen festgesetzt haben. Jetzt, bei dem Evangelium der Weltenharmonie, fühlt sich Jeder mit seinem Nächsten nicht nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern eins, als ob der Schleier der Maja zerrissen wäre und nur noch in Fetzen vor dem geheimnisvollen Ur-Einen herumflattere. Singend und tanzend äußert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen... Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden: die Kunstgewalt der ganzen Natur, zur höchsten Wonnebefriedigung des Ur-Einen, offenbart sich hier unter den Schauern des Rausches."

Das antiken Griechenland personifiziert das Bedürfnis nach zeitweiligem Ausscheren aus der profanen Lebenswirklichkeit in dem Party- und Drogengott Dionisus, den Ehrenreich den “ersten Rockstar” nennt. Viele Eigenschaften des antiken Dionisus leben in frühen Darstellungen von Jesus fort, dessen Evangelium ja bis heute beim Abendmahl mit Hilfe von Wein körperliche erfahrbar gemacht wird - freilich nur in kleinsten Dosen.

In der Tat scheint die Kirche im Europa des Mittelalters einer der führenden Clubbetreiber gewesen zu sein: viele der religiösen Feste wurden offenbar mit Sang, Tanz und Gelärme nicht nur vor, sondern tatsächlich im Gotteshaus ausgetragen. Eine ganze Reihe von Synoden und Konzilen des 13. Jahrhundert verdammen das Tanzen in der Kirche. Den Kirchenvätern waren diese Feiern – die Michail Bachtin in seinem Rablais-Buch als frühe “Gegenkultur” beschreibt und von denen die Kirmes der Gegenwart ein matter Abglanz ist - suspekt, weil sie ihre Autorität untergruben und zu spontanen Volksaufständen führen konnten.

Die allmähliche Abschaffung der Volksfeste des Mittelalters durch Kirche und weltliche Machthaber führte in der frühen Neuzeit in Europa zu einer Welle der “Melancholie“. Aber es war nicht nur der Klerus und der Adel, die auf karnevaleske Ausschweifungen verzichten konnten. Auch Militarismus, Industrialisierung und Kapitalismus brauchten für ihre „Einschließungsmilieus“ (Foucault) Fabrik und Kaserne ausgeschlafene und leistungsbereite Arbeiter, keine ausgepowerten Partyleichen mit Kater und wundgetanzten Füssen.

Diese Geisteshaltung führte zu einer moralischen Verdammung jeder Art von kollektivem Ausrasten - unkontrollierte Feierlust führt nicht nur zum individuellen Niedergang, sondern kann für die “protestantische Ethik” der Neuzeit nur im kollektiven Blutrausch münden. Diese Haltung spiegelt sich noch in einem Artikel, den Gustav Seibt 1997 in der Berliner Zeitung veröffentlichte: Es sei “bedenklich und auch verwunderlich, dass so gar niemand sich vor dem Massenfest Love Parade gruselt, das ganz ungeniert die Entmächtigung der oberen Gehirnregionen ins Werk setzt und mit der kollektiven Zerstörungslust spielt.” Um mit Nietzsche zu sprechen: der Arme ahnt „freilich nicht, wie leichenfarbig und gespenstisch“ solche Bedenken sich ausnehmen, „wenn... das glühende Leben dionysischer Schwärmer vorüberbraust.“

Bei der Loveparade ist es übrigens nie zu Akten “kollektiver Zerstörungslust” gekommen - höchstens zu individuellen Zusammenbrüchen wegen Dehydrierung, Hitzeschlag oder einer Überdosis Drogen. Wie in Woodstock, wie beim Karneval in Brasilien oder Trinidad gehört es zu den erstaunlichsten Eigenschaften derartiger Festivität, dass sie trotz der vielen Teilnehmern und der extremen Begleitumstände (Hitze, laute Musik, Gedrängel) meist friedlich und gewaltfrei verlaufen.

Der Grund dafür liegt für Ehrenreich in dem “kollektiven Vergnügen” und in der spontanen Zuneigung zum Mitmenschen, welche die Teilnehmer an solchen Veranstaltungen empfinden - ein Konzept, für das die englische ebenso wenig wie die deutsche Sprache einen eigenen Begriff hat. “Warum ist davon so wenig übrig geblieben?”, fragt sie immer wieder in ihrem Buch. (Die mangelhafte Historisierung der Loveparade oder der Berliner Clubgeschichte sind ein leuchtendes Beispiel für dieses Phänomen.) In Deutschland dürfte die Instrumentalisierung von Massenspektakeln durch die Nationalsozialisten - denen Ehrenreich ein eigenes Kapitel widmet – der wichtigste Grund dafür sein, warum gemeinsame Bewegungen zu strikten Rhythmen bis heute einen schlechten Ruf haben.

Ein weiterer Grund dafür, dass die Geschichte des Feierns bis heute weniger bekannt und schlechter erforscht ist als die Geschichte der Kriege oder der Arbeit, dürfte in der ephemeren Natur derartiger Erfahrungen liegen. Am nächsten Morgen ist die Party vorbei, und all die lieben Menschen, mit denen man gestern einvernehmlich gerockt hat, sind nur noch schemenhafte Gestalten. Nicht umsonst ist Techno nie die emanzipatorische, gesamtgesellschaftliche Bewegung geworden, die sich viele ihrer Propagandisten erhofft hatten. Doch vor allem ist das zügellose Tanzen auf den Strassen kaum noch mit dem heutigen Arbeitsethos und dem Zeitgeist einer auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft zu vereinbaren. (Barbara Ehrenreich selbst hat deren Exzesse in ihren letzten Büchern über die Dienstleistungsgesellschaft und die working poor dramatisch beschrieben.)

Doch Relikte der alten Feste findet Ehrenreich trotzdem in der Gegenwart. Beginnend mit den Happenings, Acid Tests und Be-Ins der Hippies beobachtet sie eine „Gegenzivilisation“, die den Exzess als Antidot zum Elend des Alltags wieder ins Recht setzt. Die Rituale von Sport-Fans sind ein Beispiel, das sie ausführlich diskutiert, Ereignisse wie der Notting Hill Street Carnival, die Proteste gegen den G8-Gipfel in Seattle oder - ja, genau! – die Loveparade ein anderes. Die Party, bei der für kurze Zeit die Regeln nicht mehr gelten und alle Menschen Brüder und Schwestern werden, geht also weiter - wenn auch nicht mehr in den Strassen von Berlin.

Barbara Ehrenreich: Dancing in the Streets. A History of Collective Joy, Metropolitan Books, 25 Dollar

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Dr. Tilman Baumgärtel Film Institute, College of Mass Communication, University of the Philippines
www.tilmanbaumgaertel.net

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