Im Rahmen des European Art Festival Hamburg (2. - 28.10.2007) finden jeden Sonntag unter dem Titel FRONTBILDUNG "Theorie-Blöcke" mit Gesprächen und Podiumsdiskussionen statt. Der Auftakt ist diesen Sonntag zum Thema »Ressource : Kreativität«

Weitere Informationen zum Programm finden Sie unter: www.wirsindwoanders.de


Sonntag, 07.10.2007, Ex-Karstadt, Große Bergstraße 172, 22767 Hamburg (Nähe Bahnhof Altona)

FRONTBILDUNG I
»Ressource : Kreativität«
17:00h, Vorträge mit moderierter Podiumsdiskussion im
Anschluss

»Kreativität« – mit diesem Begriff wird bis heute jene schöpferische Energie assoziiert, die zur Hervorbringung von außergewöhnlichen Werken befähigt. Obwohl der Begriff und die damit verbundenen Erwartungen an die Kunstproduktion von KünstlerInnen immer wieder kritisch hinterfragt oder sogar vehement abgelehnt wurden, schien der Terminus dem künstlerischen Feld vorbehalten. Neben Spontaneität, Mobilität, Talent und Offenheit findet sich Kreativität heute als Qualifikationsbeschreibung in der Sprache von Marketing- und Managementabteilungen wieder. Kreativ zu sein, gehört inzwischen wie selbstverständlich zum beruflichen Anforderungsprofil. Innerhalb einer Verwertungslogik, die mit »Human Ressources« operiert, werden auch KünstlerInnen zu einem berechenbaren Faktor: Ihnen kommt die Rolle zu, Ideen zu produzieren, die einen verwertbaren Nutzen haben sollen. Gegen welche Erwartungen haben KünstlerInnen vor diesem Hintergrund ihre Arbeitsweisen durchzusetzen? Welche Rolle wird dem Künstler/der Künstlerin heute gesellschaftlich zugeschrieben? Welche anderen (gesellschaftlichen) Rollen lassen sich denken? Ist der Begriff Kreativität für die Beschreibung von künstlerischer Produktion noch brauchbar oder hat er sich endgültig disqualifiziert?

Referenten:
Karl-Heinz Brodbeck, Wirtschaftswissenschaftler, FH Würzburg, gelesen von Belinde Ruth Stieve, Schauspielerin
Christoph Behnke, Kultursoziologe, Leuphana Universität Lüneburg
Laurence Rassel, Künstlerin, constant, Brüssel

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Karl-Heinz Brodbeck: Neue Trends der Krativitätsforschung

Die neuere Kreativitätsforschung hat sich aus dem engen Umkreis der Intelligenzforschung gelöst. Der Kreativitätsbegriff wurde erweitert, und andere Disziplinen bemühen sich neben der Psychologie um die Erklärung der Kreativität. Im Beitrag werden einige neuere Modelle vorgestellt und kritisch diskutiert. Dabei zeigt sich, dass die Kreativität durch zwei Dimensionen – Neuheit und Wert – zu charakterisieren ist, die funktional getrennt operieren und situativ eine unterschiedliche Ausprägung erfahren. Der Text schließt mit einem Ausblick auf verschiedene Anwendungen der vorgestellten Ergebnisse.

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Christoph Behnke: „Creative Industries“ – Kulturindustrie

Der Begriff „Creative Industries“ hat seit seiner Einführung in den 90er Jahren vor allem in der politischen Rhetorik eine große Rolle gespielt. Er kontrastiert radikal mit den Intentionen, die sich um den Begriff „Kulturindustrie“ in der Tradition der Kritischen Theorie gebildet hatten. Im Vortrag sollen die Grundstrukturen der so genannten „Creative Industries“ herausgearbeitet und kritisch kommentiert werden. Dabei wird es sowohl um die Frage der Kommodifizierung von Kunst gehen als auch um die spezifischen, mit der Ressource Kreativität verbundenen Arbeitsbedingungen, die sich durch Mobilität, Flexibilität, Projektorientierung und Selbstprekarisierung auszeichnen.

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Launce Rassel: Kreativität als Werkzeugkiste oder "Ein eigenes Zimmer"

Wo wir Kreativität als Werkzeugkiste ansehen. Wo wir das Werkzeug und die Kiste ansehen. Wie Virginia Woolf in “Ein eigenes Zimmer” schrieb, ist die schriftstellerische oder künstlerischer Arbeit wie ein Spinnennetz mit den konkreten Lebensbedigungen verknüpft. Wir werden uns also mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Kulturarbeitern, Produzenten und Akteuren beschäftigen. Die Kiste – das sind dann die Bedingungen, der Ort, die Situation unserer “kreativen” Handlungen, Tätigkeiten, und Gedanken. Aber, was meinen wir mit Arbeit? Wenn Leben Arbeit wird und Arbeit Leben, dann tendieren die Grenzen zwischen produktiver und kreativer Arbeit zu verschwinden. Bezahlte Arbeit wird mehr und mehr durch die prekären und informellen Arbeitsbedingungen von kreativer Arbeit definiert. Diese Umwandlung ist durch das Auftauchen eines unbestimmten Pools aus Leben und Arbeit charakterisiert: Die Ausdehnung der Arbeitszeit nach Hause, zeitbefristete Arbeitsverträge und individualisierte Abmachungen, die Nachfrage nach emotionalem Einsatz und affektiver Arbeit. Gibt es da eine Beziehung zwischen der ‚immateriellen‘ und ‚unsichtbaren‘ Arbeit aller “Heimarbeiter”: Hausfrauen, Opensource ProgrammiererInnen, KünstlerInnen, e-Worker, etc.? Gibt es mögliche Modelle für Verträge, soziale Absicherung, Abeitsbedingungen, die die vielschichtigen, flexiblen und großzügigen ArbeiterInnen in die Visibilität rücken, ohne sie zu kommodifizieren oder abzuschließen? Sollten wir eine gemeinsame Politik definieren? Wollen wir Regulation oder steigende Flexibilität? Wie lassen sich diese multiplen Arbeitsformen sichtbar machen, ohne sozialwissenschaftliche Forschung zu betreiben und dennoch Flexibilität, Freiheit und Transparenz auch für Arbeitsverträge und den eigenen Status zu fordern? Aber, was meinen wir mit Kunst? Und meinen wir mit Kreativität und Kunst dasselbe? Kunst soll hier als ein Mittel zur Konstruktion von Räumen und Beziehungen definiert werden, ein Mittel zur konkreten und symbolischen Neuordnung eines gemeinsamen Territoriums, ein Mittel zur Besetzung eines Raums, indem die Beziehungen zwischen Körpern, Bildern, Räumen und Zeiten neu verteilt werden. Aber, was meinen wir mit Raum, wenn wir uns aus der Position einer Non-Profit-Organisiation mit Fragen zu Kunst, Technologie und Bedingungen von Arbeit von Kulturarbeitern beschäftigen? Und was meinen wir mit Technologie? Wo wir ebenfalls unsere Werkzeuge berücksichtigen, die Software, die unsere natürliche Umgebung geworden ist. Aber Software ist niemals politisch neutral, so wie es Ästhetik nicht ohne Farbe gibt: jedes Produkt schreibt seinen Gebrauch und seine Resultate in spezifischen Formen vor. Wir nähern uns diesen Fragen, durch konkrete Erfahrung, Beispiele von KulturarbeiterInnen in einem dreisprachigen Land in einer vielprachigen Stadt und durch transdisziplinäre Praxis.
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