Riesenrundgemälde zur Schlacht am Bergisel - Stellungnahme des Ludwig Boltzmann Instituts Medien.Kunst.Forschung
Wie aus einem offenen Brief des International Panorama Council vom 13.01.2008 (siehe Anhang) hervorgeht, besteht die Gefahr einer Zerstörung des denkmalgeschützten Innsbrucker Panoramas, bekannt als "Riesenrundgemälde zur Schlacht am Bergisel". In Anbetracht der Tatsache, dass dieses Ensemble (neben Den Haag, Altötting und Braine-l'Alleud) eines von nur vier weltweit noch existierenden historisch weitgehend ursprünglichen Panoramen ist, ist die aktuelle Diskussion um einen Transfer der historischen Leinwand in ein neu zu errichtendes Museum (an anderer Stelle) bei anschließender anderweitiger Nutzung der historischen Panoramarotunde sowohl aus kunst- als auch aus medienhistorischer Sicht höchst bedenklich. Das Ludwig Boltzmann Institut Medien.Kunst.Forschung in Linz unterstützt die Initiative des International Panorama Council zur Bewahrung des historischen Ensembles ausdrücklich und möchte von seiner Seite noch einmal dessen medienhistorische Relevanz herausstellen. Als frühes visuelles Massenmedium stellen Panoramen einen unschätzbaren Wert für die Mediengeschichte dar: Dass zur Ausstellung eines einzigen Bildes ein ganzes Gebäude errichtet wurde, erscheint in Zeiten heutiger Bilderfluten nahezu unvorstellbar. Dies gilt umso mehr, als sich auch der an Massenmedien gewöhnte moderne Betrachter der Faszination der historischen Panoramen kaum entziehen kann. Als solitäre Bilderbauten und kommerziell agierende Unternehmen sind die Panoramen Vorläufer des Kinos. In ihrer subtilen illusionistischen Inszenierung künstlicher Welten sind sie gleichzeitig Vorläufer aktueller immersiver Technologien, wie sie heute im Unterhaltungssektor (Stichwort IMAX-Kino), in künstlerischen Installationen sowie für Forschung und Entwicklung für virtuelle Simulationen genutzt werden. Virtuelle Welten ziehen auch heute noch ein Massenpublikum an, sei es im Cave des Linzer Ars Electronica Centers (der im Zuge des aktuellen Museumsneubaus zu einem neuartigen 'VR-Theater' umgebaut wird), sei es in verschiedenen Vergnügungsparks oder in Kunstausstellungen. Auch die 360°-Perspektive selbst erfährt neue Entwicklungen, wie zur Zeit beispielsweise im Rahmen des Panorama Festivals des Karlsruher Zentrums für Kunst- und Medientechnologie zu besichtigen. Unsere Gesellschaft ist eine Mediengesellschaft, unser Umgang mit Medien prägt unsere Identität und wird damit in zunehmendem Maße wichtiger Bestandteil unserer Geschichte. Unser Mediengebrauch, die Funktion von Medien zur Unterhaltung, Bildung, Propaganda, Erinnerung und Kommunikation, stellen genauso wie die erstaunliche Dauerhaftigkeit des menschlichen Traums von vollkommener illusionistischer Immersion ein wichtiges Zeugnis unserer Medienkultur dar. Das Innsbrucker Panorama ist eines der raren Beispiele, anhand deren sich Besucher die Tatsache, dass es eigene Gebäude zur Beherbergung der Panoramen gab, dass Menschen anreisten und Eintritt zahlten für die Besichtigung eines einzigen Bildes bzw. das Eintauchen in seine Bildwelt, eindrücklich vor Augen führen können. Die authentische Erfahrung seiner historischen Inszenierungsstrategie lässt sich in einem auch noch so gut gemeinten Neubau nicht kompensieren wird der Großteil der Besucher doch in Zeiten postmoderner Erlebnisarchitektur jegliche Inszenierung intuitiv der Phantasie des heutigen Architekten zuschreiben und kaum als mögliche Referenz auf die historische Präsentationsweise verstehen. Diese Tatsache entkräftet auch von medienhistorischer Seite die gern formulierte Rechtfertigung, die Bilder seien ja immer für verschiedene Ausstellungen von Ort zu Ort transportiert worden. Damals war das Panorama ein aktuelles Medium mit einer eigens dafür geschaffenen, dem Publikum vertrauten Ausstellungs- und Distributionsstruktur, heute jedoch ist es historisches Zeugnis, dessen mediengeschichtlicher Kontext in einem zeitgenössischen Gebäude weder vorhanden noch vermittelbar ist. Gleichzeitig wird eine historische Panoramarotunde ohne Rundgemälde auf ein städtebauliches Dekorationselement reduziert und ihres kunst-, kultur- und medienhistorischen Wertes zur Gänze beraubt. Dr. Katja Kwastek Researcher Ludwig Boltzmann Institute Media.Art.Research. Kollegiumgasse 2 A-4010 Linz phone: +43.650.7898.486 <mailto:[EMAIL PROTECTED]> [EMAIL PROTECTED] <http://media.lbg.ac.at> http://media.lbg.ac.at
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