noch eine späte Replik auf Stefan Heidenreichs Artikel:

Die Debatte über das Verschwinden der „Medienkunst“ brachte mich zur Überlegung, dass möglicherweise die klassischen Künstler mit der intensiven Arbeit an der Ausprägung der eigenen Unverwechselbarkeit/ Individualität eine gültigere Antwort auf die Herausforderungen des Internets geben als es die Medienkunst/Netzkunst alter Machart könnte. Während die Netzkunst sich formalisierter, also abstrahierter und verallgemeinerter Formen des Ausdrucks bedient, haben wir auf dem Kunstmarkt in den letzten Jahren das Aufblühen des „Handwerks“, also der bewußt einzigartigen Handschrift und Bildwelt (ob in der Malerei oder der Handzeichnung) der Künstlerpersönlichkeit verfolgen können. Gesucht ist das Nicht-Kopierbare, das Einzigartige. Meine These ist es, dass gerade die Vernetzung der Welt zu einem Druck auf die Individuen geführt hat, sich weiter zu differenzieren, um nicht als beliebige Variante eines Typus von Mensch im globalen Brei der funktionierenden, angepassten Business-Menschen unterzugehen. Und da gelten Künstler alter Machart weiterhin als Vorbilder und Heroen (nicht aber Medienkünstler, die sich der Werkzeuge bedienen, die gerade zur Verflachung der eigenen Selbstwahrnehmung führen).
Brauchen wir also wirklich keine Medienkunst mehr?
Nun, so einfach kann es nicht sein. Die Kompetenz der klassischen Künstler hört eben auch dort auf, wo Ihr Arbeitsgebiet zu Ende ist. Dort wo es um Lebensbedingungen im Zeitalter der Vernetztheit geht, sind sie zumindest nicht als aktiv Handelnde erfahren. Konzepte, wie und zu welchen Bedingungen Vernetzung erfolgen muß, welche Lebensformen (Hierarchien / Heterarchien / bottom-up Verfahren) durch mediale Apparate und Anordnungen entstehen, liefern sie nicht. Sie können allemal für eine „Verlustmeldung“ gut sein und erfahrbar machen, was klassische Kunst zu leisten in der Lage war und mediale Kunst oder mediale Lebensformen (noch oder scheinbar) nicht können. Aber woher sollten sie ihre Visionen für eine moderne Gesellschaft nehmen, die ohne Internet nicht mehr denkbar ist?

Heute hatte ich mit einer befreundeten Kunsthistorikerin ein Gespräch über Anna und Bernhard Johannes Blume und später noch über das Glasfenster von Gerhard Richter in Kölner Dom. Sie fragte mich, wie ich das sähe: Möglicherweise - sie wußte es nicht mit Bestimmtheit - haben A. und B. Blume auch früher sich schon der analogen Foto-Montage bedient, um ihre Bilder zu machen. Der Witz der Situationen entsteht aus einem Spannungsverhältnis, dass die Raumphysik, in welchen sich die beiden bewegen, nicht ihrer Lebensart entspricht und sie entweder an der Wirklichkeit scheitern oder vielmehr die Wirklichkeit scheitert am Witz der beiden Performer. Und genau in dieser Balance liegt die Qualität der Arbeiten der beiden. Dass sie es unverdrossen mit einer sperrigen Realität aufnehmen. Was aber ist, wenn es heute Fotos gibt, bei denen deutlich erkennbar ist, dass der Raum oder eine Architektur montiert ist, also die beiden Protagonisten wie Avatare in einer virtuellen Realität sich bewegen? Nun sind definitiv es nicht mehr die Beiden, die die Realität herausfordern, sondern die Fotos sind eine virtuelle Konstruktion geworden. Das aber ist ist eine andere Erzählung mit anderen Randbedingungen als die der alten Fotos. Virtuelle Realitäten implizieren einen veränderten Realitätsbegriff, dessen Schwerpunkt sich bewusst in Richtung subjektiver Wahrnehmung des Autors verschiebt und eben damit auch eine andere Strategie um Umgang mit dem Zuschauer fordert. Parallel zu diesem Gespräch wurde ich schon mehrfach angesprochen darauf, wie ich das denn fände, dass Gursky den Rechner benutzt und seine Szenen digital bearbeitet. Auch bei Gursky lag das Bestechende seiner frühen Fotos in der Tatsache, dass er die Szenen gefunden hatte und die Bilder von Organisationsformen beispielsweise von Menschenansammlungen auch jenseits des Bildrahmens existierten. Per copy/paste diese Bilder zu „erweitern“ führt eine neue Imaginationsebene ein, die den Rückbezug zur wirklichen Situation zwar nicht abschneidet, aber doch in individueller und interpretierter Form vornimmt. Dieser Eingriff nivelliert die Aussage in ihrer ursprünglichen Form. Auch er hätte sich einen großen Gefallen getan, vom copy/paste die Finger zu lassen.
Nächstes Beispiel: Gerhard Richter
Vielleicht tue ich ihm Unrecht, vielleicht hat er sich ja Gedanken gemacht über den Einsatz eines Zufallsgenerators, den er zur Bestimmung der Platzierung der Kacheln seines Kirchenfensters eingesetzt hat. Denn Zufall ist ja in diesem Falle (der Konzeption der Arbeit mit einem technischen Apparat) keine Wahrnehmungsgrenze (zwischen erkennbarer Ordnung und Chaos), sondern etwas Hochsynthetisches. Aber es wäre schön, wenn man dieses Hochsynthetische als Wahrnehmungsgrenze erfahren würde, und zwar insofern man diese Unsicherheit hat, ob denn hinter der scheinbaren Ungeordnetheit der Anordnung doch noch eine Ordnung höherer Art steckt oder nicht. Aber genau diese Wirkung, diese Verunsicherung, findet nicht statt. Möglicherweise war es für seine Farbtafeln in den 60ern ein zentrales Anliegen, der strengen Anordnung die malerische Ausführung selbst in der Hand zu behalten. Den Zufall nun auf die Anordnung der Kacheln zu beschränken und das Farbspektrum dem Kirchenraum zu entnehmen gleicht einem konzeptuellen Potpourri, bei welchem ein Konzept gegenläufig ist zum anderen. Es stellt sich die Frage, ob die Informationstiefe der zufälligen Ordnung aus dem Zufallsgenerator, gebrochen durch einen so logischen Akt wie eine Spiegelung, als Komplexitätsmerkmal ausreicht und nicht doch wieder ein individuell gestaltetes Muster - sei es das der Auswahl der Farben oder eine subtile Ordnung der Kacheln als Aussage erkennbar ist und ihn zurückwirft vor die Freiheit, die aus seinen alten Farbtafeln spricht?
Meine These ist also:
Es gibt viele Beispiele von Kunstwerken, die von Künstlern des klassischen Betriebs ausgeführt werden unter zu Hilfenahme von Computern, die mediale Kompetenz vermissen lassen und dadurch die Aussage der Arbeit verändern, ohne dass die Autoren sich dessen bewußt zu sein scheinen. Oft sind es aber gerade diese Beispiele, die der Medienkunst dann als Beleg vorgehalten werden, dass der Einsatz vom Rechner bedenkliche Konsequenzen für die Kunst habe. Ich glaube mittlerweile, dass eben es gerade die klassischen Künstler sind, die die Auseinandersetzung mit den Medien notwendig hätten.

Es gibt in den Galerien immer wieder Kunstwerke, die versuchten, sich der Medien zu bedienen und Inhaltlichkeit unberührt vom medialen Prozess zu behandeln, der sie erzeugt und den Computer schlicht als Handwerkzeug zu betrachten. Beispiel: die computergenerierten Skulpturen von Tony Cragg. Als sog. Medienkünstlerin und ehemalige Schülerin von ihm frage ich mich sofort nach der Ursache der scheinbar aufs Material wirkenden Kräfte, ihrer Rückbezüglichkeit zum Umraum und vor allem der Bedeutung des rechnerinternen Prozesses und des Aussagegehalts der entstandenen Form. Alleine die Skulpturen geben darüber keine Auskunft.

Ich glaube nicht, dass es ein inhaltliches Defizit war, das die Medienkunst zu Scheitern gebracht hat, sondern die Fehleinschätzung des Wirkungsmechanismus von symbolverarbeitenden Prozessen. Wir dachten immer, wir erzählen etwas über die Wirklichkeit, wenn wir sie abstrahieren und das dann als Programm im Computer laufen lassen, dabei haben wir nur etwas von unserer Art, Wirklichkeit in formale Abläufe umzusetzen, erzählt. Und das war sehr oft schmalbrüstig in der Reflexionstiefe und sensuell sehr arm. Wir haben mehr gelernt über unsere Einschätzung dessen, was Wirklichkeit ausmacht denn über die sog. „Wirklichkeit“ selbst. Deshalb sollte man den Künstlern, die keine Formalisierungen in dieser radikalen Form vornehmen, nicht unterstellen, sie könnten „das mit der Abstraktion“ viel besser als wir. Sie sparen es nur aus oder betreiben es weit weniger radikal oder konsequent. Die Konzeptkunst hatte es noch gut, sie hat die Formeln und Regeln analog aufgezeichnet und sich an der klaren Form der Regeln erfreuen können. Die prozessuale Kunst muß sich ja am Ergebnis messen, an einer Wirkung, die nicht immer in Form eines Bildes/Klanges erschöpfend zu beschreiben wäre. Auch sind diese Resultate so geartet, dass sie über die Qualität der medialen Verarbeitung Rechenschaft ablegen sollten, und genau an diesem Punkt steigen viele Betrachter oder Konsumenten aus. Ein Galerist sagt einmal zu einer wunderbaren Arbeit eines ehemaligen Studenten (Yunchul Kims „Hello World“), als er sie auf der Art Cologne präsentierte: Sie wäre sicherlich gut, aber für eine Messe ungeeignet, da man sie nicht in 3 Sekunden verstehen kann.
Daraus könnte man ableiten:
1. Es macht keinen Sinn, dass Medienkünstler nun lernen, Arbeiten zu machen, die Galeristen oder Kuratoren in 3 Sekunden verstehen, weil 2. man auch warten kann, denn vielleicht ist in absehbarer Zeit auch für Messebesucher eine mediale Installation schneller lesbar infolge steigender allgemeiner Medienkompetenz. Danach aber stellt sich wiederholt die Frage, was wir „mit Medien arbeitende“ Künstler dem Publikum vermitteln wollen? Eine kompetente Analyse der gegenwärtigen Situation alleine - so notwendig sie ist - verstärkt erst einmal den Fatalismus. Als Antwort auf die oben angeführte Feststellung ginge es um Möglichkeiten der Emanzipation des Individuums innerhalb einer (digital) vernetzten Welt, in welche wir mittlerweile zwangsläufig verwoben sind.
Ursula Damm

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