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Die Stipendien der Stiftung Niedersachsen für Medienkunst am Edith-Russ-Haus 2021

Wir freuen uns, die Vergabe der Stipendien an Jim Jasper Lumbera, Hira Nabiund Rana Hamadehbekanntzugeben.

Die Jury, die ihre Entscheidungen im Rahmen einer Online-Sitzung traf, bestand aus:

  * Emily Pethick, Leiterin der Rijksakademie, Amsterdam
  * Cosmin Costinas, Leiter von Para Site, Hong Kong
  * Edit Molnár, Leiterin des Edith-Russ-Hauses, Oldenburg
  * Marcel Schwierin, Leiter des Edith-Russ-Hauses, Oldenburg

Jurystatement

Die diesjährigen Bewerbungen um das Stipendium für Medienkunst der Stiftung Niedersachsen im Edith-Russ-Haus war nicht einfach. Nicht nur, dass wir die bisher größte Anzahl an Bewerbungen erhalten haben, auch die hohe Qualität der Einreichungen machte die Entscheidung über die letzten drei Preisträger schwierig. Diese Aufgabe brachte der Jury aber auch eine große intellektuelle Bereicherung beim Nachdenken über die vorgeschlagenen Projekte.

Viele der künstlerischen Projekte wurden unter dem Druck und den Bedingungen der laufenden Pandemie geplant, aber ihre Interessen und Anliegen gingen weit über deren Grenzen hinaus und stellten ambitionierte Versuche dar, über große Themenfelder nachzudenken. Wir entdeckten mehrere wiederkehrende Themen, wie zum Beispiel sich verändernde Zukunftsszenarien vor dem Hintergrund der Klimakatastrophe, die Herausforderungen der Migrationsbewegungen, die Transformation des Kunstobjekts in Bezug auf den Status des Museums in einer postkolonialen Kulturlandschaft, mentale Fragilität und die Möglichkeiten für neue Formen der Verbundenheit.

Rana Hamadeh: Just Machines

Der ambitionierte Antrag von Rana Hamadeh berührte mehrere dieser Themen. Sie wird ihre vorgeschlagene Arbeit, Just Machines, eine Mehrkanal-Videoinstallation, während des gesamten Jahres 2021 als Teil des Dachprojekts The Destiny Projectentwickeln. Die Künstlerin schreibt: „Das Projekt untersucht insbesondere die Produktion, den Konsum, die Zirkulation und die Artikulation von ,Begehren‘ innerhalb des zeitgenössischen globalen öffentlichen Diskurses. Es richtet sich auf die Ökonomien, Technologien und Schicksale/Destinationen,öffentlicher Begehrlichkeiten‘, wie sie sich in Bereichen wie Finanzen, KI, prädiktiver Analytik und den aufkommenden Praktiken rund um algorithmische Gerechtigkeit manifestieren.“

Die Jury war besonders an ihrem Ansatz interessiert, zeitgenössische Fragestellungen durch die Überarbeitung von historischem Material anzusprechen und dabei mit visuellen Sprachen zu experimentieren, um so ein neues Vokabular zu etablieren, welches Mythologien und neue Technologien verbindet. In dieser speziellen Arbeit wird Hamadeh die vernetzten Strukturen der sophokleischen Tragödie Oedipus Rex in eine Reihe von virtuellen Räumen und Szenen übersetzen.

Ihre Arbeit zielt auf Komplexität – anstatt Dinge zu destillieren und herunterzubrechen –, um eine Erfahrung der unzähligen Verflechtungen des Lebens zu ermöglichen. Just Machinessetzt die kontinuierliche Auseinandersetzung der Künstlerin mit den sprachlichen, rechtlichen und performativen Infrastrukturen und Technologien der Justiz fort und wendet sich diesmal der zutiefst relevanten Frage nach dem „Begehren“ als treibender Kraft unserer Gesellschaft zu.

Jim Jasper Lumbera: The Black Dog Which Causes Cholera

Das fantasievolle und kreative Werk von Jim Jasper Lumbera beschäftigt sich intensiv mit Archiven und Elementen indigener Folklore, um Erzählungen und Verknüpfungen herzustellen, die in der Gegenwart relevant sind.

Er bewegt sich gekonnt durch verschiedene Medien und künstlerische Sprachen und setzt sich sensibel mit spirituellen Praktiken und Mythologien der Philippinen auseinander.

Der jüngste Teil seines Projekts The Black Dog Which Causes Cholerabeschäftigt sich mit der kolonialen Geschichte der Philippinen, zeigt aber auch eigentümliche Resonanzen mit der aktuellen Pandemie. Lumbera hat 7.000 Bilder von Bewegung und Widerstand gesammelt – sie zeichnen die Rückeroberung von Gebieten durch Straßenhunde während der Ausgangssperren 2020 auf den Philippinen nach. Seine Installation wird das traditionelle Format von 35-mm-Dias mit zeitgenössischen hochauflösenden Live-Feed-Videobildern kombinieren.

Der Künstler erklärt: „Die Arbeit initiiert die Schaffung einer Begräbnisstätte für die Geister unserer kolonialen Vergangenheit, die in den Grenzrahmen des kolonialen Blicks in der Fotografie gefangen sind, der die Seelen unserer Identität und Geschichte verbarg. Der Vorschlag beinhaltet den Bau eines Denkmals auf der Massengrabstätte der Choleraopfer während des Krieges um 1900, in dem Ort, der zufällig meine Heimatstadt ist und wo ein Vulkan im Herzen des Sees ruht. Das lange Spektakel meiner Stadt ist die Verfolgung unserer Mythen und ihre kontinuierliche Manifestation in unserem aktuellen sozialen Klima.“

Das Hauptziel von Lumberas Projekt ist es, die koloniale fotografische Rahmung unserer zeitgenössischen biometrischen Perspektive zu brechen, sowie den Fluch des kolonialen Blicks in der Fotografie und der globalen Geschichte zu identifizieren und aufzuheben.

Auch der humorvolle Unterton von Lumberas Ansatz entging der Jury nicht, und wir schätzten sein sensibles Geschichtenerzählen durch Bilder.

Lumbera wird das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Joey Singh entwickeln.

Hira Nabi: How to Love a Tree

„Wie können wir in einer zerstörten Landschaft mit der Natur koexistieren?“, fragt Hira Nabis neues Projekt, das in Form von zwei Bewegtbildarbeiten und einem Audiowalk realisiert werden soll. Um den kollektiven Charakter ihrer Kunst und ihre Bedenken hinsichtlich der Neuinterpretation der postkolonialen Landschaft in Bezug auf die verschwindende Wildnis zu unterstreichen, plant Nabi außerdem, einen Teil ihres Stipendiums zu nutzen, um eine kommunale Aufräumaktion in Murree (Pakistan) zu organisieren, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als Garnisonsstadt und „Hill Station“ (Bergstation) für das koloniale britische Militär gegründet wurde.

Nabi schreibt: „Was geschah mit diesen Zwischenräumen des englischen Simulakrums im kolonialen Hinterland? Ich arbeite an einer kurzen Bewegtbildarbeit mit dem Titel How to Love a Tree, die im Wald und der umliegenden Stadt Murree spielt. ... Diese Arbeit ist meine Betrachtung eines Ortes ökologischer Ruinen; sie ist mein Versuch, Erzählungen und Zeugnisse darüber zusammenzutragen, wie Rohstoffgewinnung und -erschöpfung befohlen wurden und wie ganze Spezies menschlicher und nicht-menschlicher Wesen unterjocht wurden, aber nicht ohne ihre Spuren der Widerstandsfähigkeit zu hinterlassen.“

Mit ihrem neuen Projekt stellt Nabi eine der zentralen Fragen, mit denen sich derzeit viele junge Künstler beschäftigen: Wie kann die moderne Gesellschaft eine Beziehung zur Natur aufbauen, die nicht auf den Prämissen von Beherrschung, Ausbeutung und Zerstörung beruht? How to Love a Treeerweitert diese zentrale Frage, indem es filmische Beziehungen und botanische Migrationen in Südostasien erforscht, um zu versuchen, sich neue soziale Formen und Allianzen vorzustellen.

Das Stipendienprogramm

Ermöglicht durch die Stiftung Niedersachsen hat das Edith-Russ-Haus für Medienkunst für das Jahr 2021 drei sechsmonatige und mit 12.500 Euro dotierte Arbeitsstipendien vergeben. Insgesamt hatten sich 483Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt für die Stipendien beworben.Die Stiftung Niedersachsen fördert das Stipendienprogramm des Edith-Russ-Hauses kontinuierlich seit 2001. Das Programm ist zu einem Aushängeschild des Edith-Russ-Hauses geworden. Viele der in Oldenburg entstandenen Arbeiten wurden nach ihrer Realisierung in internationalen Ausstellungen präsentiert und mit Preisen ausgezeichnet. Mit ihrer Förderung will die Stiftung Niedersachsen eines der führenden Häuser für Medienkunst in Deutschland nachhaltig stärken, seine an Qualität orientierte Profilierung unterstützen, um so die Schaffung von Kunst zu ermöglichen und internationale Vernetzungen und lokale Anknüpfungspunkte zu schaffen.

++++++++++++++++++++English Version++++++++++++++++++++

Grants for Media Art of the Foundation of Lower Saxony at the Edith-Russ-Haus 2021

We are pleased to announce that the three award winners are Jim Jasper Lumbera, Hira Nabi and Rana Hamadeh.

Jury members:

  * Emily Pethick, Director of Rijksakademie, Amsterdam
  * Cosmin Costinas, Director of Para Site, Hong Kong
  * Edit Molnár, Director of Edith-Russ-Haus, Oldenburg
  * Marcel Schwierin, Director of Edith-Russ-Haus, Oldenburg

The Jury statement

This year’s applications Grants for Media Art of the Foundation of Lower Saxony at the Edith-Russ-Haus caused great difficulty for the jury. Not only did we receive the largest number of applications yet, but the high quality of the submissions made deciding on the final three recipients incredibly difficult. However, this task also brought the jury a lot of intellectual pleasure in thinking about the proposed projects.

Many of the proposals and ideas were forged under the pressures and conditions of the ongoing pandemic, but their interests and concerns went far beyond its limitations and presented ambitious attempts to speculate on rather broad issues. We detected several recurring topics, such as changing future scenarios under the climate catastrophe, the challenges of mass migration, the transformation of the art object in relation to the status of the museum in a postcolonial cultural landscape, mental fragility, and the possibilities for new forms of connectedness.

Rana Hamadeh: Just Machines

The ambitious application of Rana Hamadeh touched upon several of these dominant topics. She will develop her proposed work, Just Machines, a multichannel video installation, throughout 2021 as part of the umbrella project The Destiny Project. The artist writes: “The project is particularly invested in examining the production, consumption, circulation, and articulation of ‘desire’ within the contemporary global public discourse. It attunes itself to the economies, technologies, and destinies/destinations of ‘public desire’ as manifested in fields such as finance, AI, predictive analytics, and the emergent practices surrounding algorithmic justice.”

The jury was particularly interested in her attempt to rework historical materials to address contemporary questions and, while doing so, to experiment with visual languages to establish a new vocabulary connecting new technologies and mythologies. In this particular case, Hamadeh will translate the networked structures of the Sophoclean tragedy Oedipus Rexinto a series of virtual spaces and scenes.

Her work embraces complexities—rather than distilling and breaking things down—in order to provide an experience of the myriad entanglements of life. Just Machinescontinues the artist’s ongoing scrutiny of the linguistic, legal, and performative infrastructures and technologies of justice, this time turning to the deeply relevant question of “desire” as a driving force of our societies.

Jim Jasper Lumbera: The Black Dog Which Causes Cholera

The imaginative and creative oeuvre of Jim Jasper Lumbera thoroughly engages with archives and elements of Indigenous folklore in order to produce narratives and connections relevant to the current moment.

He moves comfortably through different mediums and artistic languages, sensitively engaging with spiritual practices and mythologies of peoples from the Philippines.

The latest installment of his project The Black Dog Which Causes Choleraengages with the colonial history of the Philippines, but it also bears weird resonances with the present pandemic. Lumbera has collected 7,000 images of movement and resistance—specifically, they trace a reclamation of territory by street dogs during the 2020 lockdown in the Philippines. His installation will combine the traditional format of 35 mm slides with contemporary high-resolution live-feed video images.

The artist states: “The work initiates the creation of a burial site for the ghosts of our colonial past, trapped in the border frames of the colonial gaze in photography that concealed the souls of our identity and history. The proposal includes construction of a memorial on the mass grave site of cholera victims during the 1900s war, in what happens to be my hometown, and where a volcano rests at the heart of the lake. The long spectacle of my town is the hauntings of our myths, and their continuous manifestation in our current social climate.”

The main ambition of Lumbera’s project is to break the colonial photographic framing of our contemporary biometric perspective, as well as identifying and lifting the curse of the colonial gaze in photography and global history.

The humorous undertone of Lumbera’s approach was also not lost on the jury, and we appreciated his sensitive storytelling through images.

Lumbera will develop the proposed project in collaboration with filmmaker Joey Singh.

Hira Nabi: How to Love a Tree

“How can we coexist with nature in a ruined landscape?” asks Hira Nabi’snew project, which will be realized in the form of two moving-image works and an audio walk. To highlight the deeply collective nature of her art and her concerns regarding the reimagining of the postcolonial landscape in relation to the disappearing wild, Nabi is also planning to use part of her grant to organize a communal clean-up activity in the area of Murree in Pakistan, which was established as a garrison town and hill station for the colonial British military in the mid-nineteenth century.

Nabi writes: “What happened to these in-between spaces of English simulacrum in the colonial hinterlands? I am working on a short moving image work titled How to Love a Tree, which is set in the forest and surrounding town of Murree. … This work is my contemplation on a site of ecological ruin; it is my attempt to gather together narratives and testimonies for the ways in which extraction and exhaustion have been commanded, and how entire species of human and nonhuman beings have been subjugated, but not without leaving behind their own traces of resilience.”

With her new project, Nabi poses one of the central questions that many of today’s young artists are currently addressing: How can modern society establish a relationship with nature that is not based on the premises of domination, exploitation, and destruction? How to Love a Treeexpands on this central question by researching cinematic relations and botanical migrations in South East Asia to try to envision new social forms and alliances.

The grant programme

The Edith-Russ-Haus for Media Art has awarded three six-months work grants for 2021. 483artists from all over the world have applied for the grants.The grants of 12.500 Euro are sponsored by Stiftung Niedersachsen.  Stiftung Niedersachsen sponsors the grants at Edith-Russ-Haus for Media Art continually since 2001. Many of the works developed in Oldenburg have been shown in international exhibitions and have been awarded various prizes. With their support Stiftung Niedersachsen intends to encourage one of the leading sites for media art in Germany, in its highly qualitative profiling to make art creation possible and to create international networks as well as local cooperations.

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Edith-Russ-Haus für Medienkunst

Edith-Russ-Haus for Media Art

Katharinenstr. 23

D-26121 Oldenburg

t. +49 (0) 441 - 235 3208

f. +49 (0) 441 - 235 2161

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