Hallo,
> Aber wie sieht es bei den kniffligeren Themen aus? Ich versuch' ja grade
> den Knoten um das Tag access=designated aufzulösen. Es wird massenhaft
> benutzt, aber leider nach mindestens zwei gegensätzlichen Prinzipien.
Die Geschichte war ungefaehr so: Es gab highway=footway und
highway=cycleway. Die waren sehr weit verbreitet, und im Grunde war
allen klar, worum es ging: Ein Fussweg ist tendenziell nicht zum
Fahrradfahren da, aber man kann schon mal durch, wenn man nicht grad
Leute umfaehrt. Ein Fahrradweg ist hauptsaechlich fuer Fahrraeder, aber
man kann auch zu Fuss. So richtig klar waren diese "was man auch
kann"-Defaults nie, und es wurde immer empfohlen, im Zweifel ein
"foot=yes/no" an den Radweg und/oder ein "bicycle=yes/no" an den Fussweg
dranzuschreiben, um es ganz klar zu machen.
Einige waren damit aber nicht zufrieden und wollten das alles irgendwie
"aufraeumen". Was ist mit Benutzungspflicht, was ist mit
gleichberechtigten Rad/Fusswegen... viele kamen damit nicht klar, dass
"highway=cycleway foot=yes" genau das gleiche sein sollte wie
"highway=footway bicycle=yes" ("das muss doch einheitlich"... usw.)
Also gab es das grosse "highway=path"-Proposal. Da wollte ein paar Leute
mal so richtig aufraeumen und alles gleich richtig(tm) machen.
highway=footway und highway=cycleway sollten komplett abgeschafft werden
und ersetzt werden durch 2er oder 3er-Kombinationen; highway=cycleway
sollte z.B. zu "highway=path+bicycle=designated+foot=yes".
Die Idee dabei war, dass man mit "designated" dasjenige auszeichnet, was
es eben lt. Strassenverkehrsordnung oder der jeweils zutreffenden ist.
"designated" also im Sinne von "gewidmet" oder so.
Das Hauptproblem dabei war, dass die Proponenten dieses ganzen Proposals
sich anmassen wollten, aufgrund der paar Stimmen, die da so
zusammenkommen, die ganze Datenbank weltweit zu aendern und ueber den
Haufen zu werfen, woran sich haufenweise Leute gewoehnt hatten. Da ist
meiner Meinung nach einfach politisch sehr unklug vorgegangen worden -
da waren vielleicht auch Leute dabei, die dachten, "vote ist vote und
wer sich nicht beteiligt der hat halt auch kein Mitspracherecht" oder
so. Am Ende kam es zu einer Abstimmung mit recht hoher Beteiligung fuer
OSM-Verhaeltnisse, in der das "path"-Proposal grundsaetzlich angenommen,
die Abloesung von cycleway/footway aber abgelehnt wurde:
http://wiki.openstreetmap.org/wiki/Approved_features/Path
Jetzt stehen wir da und haben das "designated", das in Zusammenhang mit
cycleway/footway wenig Sinn macht und hauptsaechlich Verwirrung stiftet
und irgendwie doch nicht genau das ist, was die Leute wollen.
(Fuer mich ist allerdings ziemlich eindeutig, was mit designated gemeint
ist. Was genau ist an "access=designated indicates that a route has been
specially designated (typically by a government) for use by a particular
mode (or modes) of transport. The specific meaning varies according to
jurisdiction. It may imply extra usage rights for the given mode of
transport, or may be just a suggested route." nicht klar?)
> Wenn wir auf Basis der Daten jemals sinnvoll routen wollen, müssen wir
> das Problem in den Griff kriegen.
Solche Sprueche gehen bei mir zu einem Ohr rein und zum andern wieder
raus. Das kommt hier auf der Liste einmal im Monat: "Wenn sich dies und
das nicht aendert, wird dies und jenes nie moeglich sein." - Meist geht
es dann eben doch irgendwie, zwar nur mit einer 80%-Loesung, aber dafuer
ohne gleich eine Revolution anzuzetteln.
> Ich bin auch erst mal auf den scheinbare definierten Prozeß
> reingefallen, und hab ein aufwändiges Proposal ausgearbeitet. Erschien
> mir auch sinnvoll, um die Sache möglichst deutlich darzulegen. Jetzt
> hör' ich daß ein Proposal mit erfolgreicher Diskussion und Vote auch nix
> bringt.
Das ist m.E. so ein typischer "Anfaengerfehler":
1. Du stellst fest, dass Du gern etwas ausdruecken moechtest, wofuer es
aber kein etabliertes Schema gibt.
2. Du nimmst an, dass es vielen anderen genauso geht, und dass lediglich
keiner von denen bislang die Musse oder den Eifer oder die Intelligenz
besass, ein Schema aufzustellen und zu etablieren.
3. Du machst Dir die Muehe und wunderst Dich, dass es relativ wenige
Leute interessiert.
Es ist ja nicht so, dass es "nichts" bringt. Aber zu dem Konzept
gehoeren eben auch die Leute, denen es ein Anliegen ist, diese
Information zu erfassen. Und gaebe es derer viele, so haette sich auch
schon eine Methode etabliert. Die Annahme, dass die Welt nur auf das
Proposal gewartet hat, ist also oft nicht gerechtfertigt.
> Wie will man solche Kontroversen dann auflösen? Diskussion auf der
> Mailingliste hatten wir schon mehrfach. War gut, um die gegensätzlichen
> Meinungen zu umreißen, aber keine Spur einer Einigung. Ist nach meiner
> Analyse auch gar nicht möglich, da uns schlichtweg noch ein Tag fehlt um
> beide Hauptmeinungen zufriedenzustellen.
> Einfach loslegen und wild die eigene Meinung in die DB schreiben dürfte
> bei so vehement vertretenen Meinungen auch nur einen fürchterlichen
> Editwar auslösen.
Mir ist noch immer nicht ganz klar, um welche konkrete Kontroverse es
hier eigentlich geht.
Im allgemeinen ist OSM ein extrem pragmatisches Projekt, und Resultate
zaehlen in der projekt-oeffentlichen Meinung sehr viel. Das heisst, die
Leute wollen weniger Sprueche wie: "Wir muessen dies und jenes machen,
sonst geht alles den Bach runter" hoeren oder "Wenn wir jetzt alles dies
und jenes tun, dann koennen wir in einem Jahr so-und-so erreichen",
sondern: "Schaut mal, ich hab dies hier gemacht, und jetzt geht das und
das ganz toll - macht es doch auch so wie ich!"
Eine sehr schoene Illustration davon ist die Sache mit den
"route"-Relationen fuer Fahrradrouten. Als Andy Allan seine Fahrradkarte
gemacht hat, hat er keinesfalls erst ein Proposal aufgestellt und
gehofft, dass die Leute das alle toll finden, sondern er hat sich fuer
seine Gegend lokal ueberlegt, wie er die Radwege vernuenftig taggt, und
dann diese Karte vorgezeigt, und in Nullkommanix wollte jeder wissen,
wie er seinen Radweg taggen muss, damit der auch so schoen auf die Karte
kommt.
Im Fall Deines Proposals mit den Fahrrad- und Fusswegen auf
verschiedenen Strassenseiten und so weiter fehlt halt die "success
story", die die Leute sagen laesst: Geil, das will ich in meiner Stadt
auch! Wenn Du Dein Proposal einfach mal fuer eine Gegend "durchziehen"
wuerdest und eine Routingsoftware schreibst, die - und sei es nur
prototypisch fuer eine Stadt, das ist ja vom Algorithmus her nicht der
Rede wert - dann aufgrund der detaillieren Informationen Instruktionen
generiert wie "wechseln Sie an der Ampel die Strassenseite" oder die
sonst eben grossartige Moeglichkeiten bietet, die ueber etablierte
Routingsysteme hinausgehen, dann waere es sicherlich viel leichter, die
Leute fuer solche Details zu sensibilisieren.
Grundsaetzlich ist ein Proposal der Art "ich tagge auf diese und jene
Weise, und damit habe ich gute Erfahrungen gemacht und nun kann ich
diese coole Applikation hier nutzen" viel ueberzeugender als ein "aeh,
also, ich koennte mir vorstellen dass es cool waere wenn wir alle in
Zukunft auf diese und jene Weise taggen würden, dann könnte irgendjemand
bestimmt auch mal eine coole Applikation schreiben...".
Es wird manchmal gesagt, OpenStreetMap sei eine "Doocracy", also ein
System, in dem die an der Macht sind, die etwas tun. Das ist natuerlich
so allgemein etwas fragwuerdig (wenn jetzt jemand einfach mal so die Map
Features aendert und seine Lieblingstags eintraegt, wird sich schnell
rausstellen, dass er zwar etwas "getan" hat, aber nicht "an der Macht"
ist). Trotzdem ist was Wahres dran - die, die OSM wirklich einsetzen,
die, die viel mappen oder Software schreiben oder sonstwas machen, haben
in der oeffentlichen Diskussion ein viel groesseres Gewicht als die, die
"nur" gute Ideen haben ("man koennte, man sollte, ich schlage vor...").
Interessanterweise sind die "Macher" zugleich oft Leute, denen relativ
egal ist, was die anderen tun. Die ziehen ihr Ding durch, schreiben
vielleicht auch mal drueber, aber in den seltensten Faellen siehst Du
einen Macher um Aufmerksamkeit werben. Die Aufmerksamkeit kommt von ganz
allein, wenn das, was er macht, fuer gut empfunden wird.
Ich weiss, dass das jetzt viel pauschales Zeugs ist und dass es fuer
alles eine Grenze gibt; man merkt das auch an komplexen Themen wie API
0.6, da braucht unser Projekt schonmal laenger als eines, das strenger
organisiert ist. Der Pragmatismus, der einen "Macher" auszeichnet, kann
von anderen auch als Resignation gelesen werden. Jeder zweite halbwegs
technikbewanderte OSM-Newbie schaut sich irgendwann das Datenmodell an
und sagt: Das ist doch alles Schrott, das muesste man besser machen. (Da
bin ich auch keine Ausnahme, wie diese Paper vom April 2007 beweist:
http://www.remote.org/frederik/tmp/towards-a-new-data-model-for-osm.pdf)
- Irgendwann denkt man sich dann aber doch, dass man mehr erreicht, wenn
man lernt, mit dem Existierenden zu arbeiten und es ggf.
schrittchenweise zu verbessern. Oder man ist halt nicht bereit, sich
darauf einzulassen, und geht wieder ;-)
Bye
Frederik
--
Frederik Ramm ## eMail [email protected] ## N49°00'09" E008°23'33"
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