Fred Rump
Tue, 05 Jul 2005 10:43:22 -0700
A comment to the non-German speaking readers:
At the end of WW2 many millions of Germans either
fled or were forced out of their homes (12-16
million is about as close as anybody can get) in
order to make room for Poles and Russians in the
shift towards the West agreed to by Roosevelt and
Churchill at Yalta. Ethnic cleansing of monumental
proportions that our history books hardly, if ever,
mention.
During the ensuing turmoil unspeakable crimes
against humanity occurred under the guise of
'humane' transfer. Again, millions of people died in
the process but we don't talk about it.
The survivors wrote to each other as they tried to
reestablish contact with their friends and families
via the Red Cross and refugee organizations.
Thousands upon thousand of letters were written and
a few still exist here and there and are published
in books as someone cared enough to speak about the
unspeakable. The following is such a letter written
in 1946 by the wife of one Elbing's doctors. The
letter just appeared in the 'Der Pangritz Kurier', a
publication of former Elbingers. Editor Hans Preuß
made commentaries in parenthesis.
Für unsere deutschen Leser sollte der Brief sich
wohl selbst erklären:
Unser Club-Mitglied Edith Diedrichsen, schickte
uns die Kopie eines Briefes von Frau Else Kumm,
Witwe des praktischen Arztes Dr. Rober Kumm, an
Rechtsanwalt Dr. Rudolf Passarge vom 2.Januar 1946
aus Leipzig. Dr. Kumm hatte seine Praxis zuerst am
Alten Markt 45, (Eingang Schmiedestraße. - Schuhaus
Baering) später Schmiedestr. 10 a und Rechtsanwalt
und Notar Dr. Passarge hatte seine Praxis zuerst in
der Kettenbrun-nenstraße (Wohnung Fr.-Wilh.-Platz
8), später A.-H. Straße 18 (Wohnung Ziese Str. 82)
1946 wohnte Frau Kumm in Leipzig, später in Melle
bei Osnabrück (Ev.Krankenhaus) und Dr. Pass
arge in Winsen an der Luhe.
Hier der Brief :
Wir haben bitter bereut, nicht rechtzeitig
geflüchtet zu sein, so grausig hatten wir uns den
Russeneinmarsch nicht gedacht. Das Gesundheitsamt
hatte am 23.1.45 gegen 15,00 Uhr noch angerufen, daß
mein Mann ohne Genehmigung die Stadt nicht verlassen
dürfte.
Als am 24. gegen 14, Uhr die Schiesserei schon
etwas ungemütlicher wurde, gingen wir mit Frisör
Günther, als die einzigen im Haus, nach Wittenfelde
zu Besitzer Klaffke am Thumberg. Dort war bereits
ein deutscher Spähtrupp von 75 Mann. Am Donnerstag
hatten die Russen bereits Seeteich, Stagnitten usw.
besetzt und ringsum brannten Gehöfte. Da die Russen
den Spähtrupp entdeckt hatten und das Gehöft Klaffke
unter Feuer nahmen, riefen wir die Polizei an, ob
noch eine Fluchtmöglichkeit bestände. Der Offizier
sagte, bei Schichau liegen seit 18,00 Uhr 3
Torpedoboote und 3 Zerstörer (Anmerkung der R
ed.: Leider keine Zerstörer), sie würden 3000 Mann
an Bord nehmen und mußten bis 23 Uhr Elbing
verlassen haben.
Wir machten alle, die wir auf der Straße trafen, auf
die letzte Fluchtmöglichkeit aufmerksam. Um 24 Uhr
würden alle Brücken gesprengt. Es herrschte Sturm
und Schneegestöber. Wir fuhren trotzdem los,
zusammen mit Frl. Unruh, Familie Klaffke, Günthers
und 2 Instleute. In der Bergstraße sagte man un s, 2
Schiffe seien um 12 Uhr auf der Höhe von Tolkemit
gesunken ( ? ) Wir entschlossen uns dazubleiben und
begaben uns in den Keller des Hauses Neue Gutstr- 2,
welches einer Schwester von Frau Klaffke gehörte.
Hier waren bereits 15 Familien anwesend. Am Freitag
um 12 Uhr setzte vom Drausensee her die Beschiessung
mit Stalinorgeln ein. Als erstes Haus erhielt die
Villa Bäring einen Volltreffer, den zweiten erhielt
um 15 Uhr unser Haus Schmiedestr. (gemeint ist das
Georgenbrüderhaus - Alter Markt 45). Es brannte in
der Kettenbrunnenstr., Mauricio und die Schmiedestr.
bis Ebel (Inh. von Diecker t Haus Nr. 19)
Die Lehrerin Albrecht hatte sich in der Nacht vom
23. zum 24. beide Pulsadern durchgeschnitten, nicht
richtig tief genug, verblieb allein im Hause zurück
und verbrannte. In der selben Nacht aus dem kleinen
Fischgeschäft, Frau Fähndrich (sicher Fägenstädt)
sich, ihren Kindern und Angehörigen, acht Personen,
auch die Pulsadern geöffnet. Sie waren, als wir am
24. geholt wurden, bis auf den alten Fitkau (Fietkau
) bereits verblutet.
Am 27. brannte der Königliche Hof, Deutsche Bank,
Ligowski, Central Hotel. Am 28. zogen wir zu
Kolkmanns in der Hohezinnstr. (Nr.12) Nur Frau
Borgstedt war mit uns zusammen. Wasser, Licht und
Gas gab es bereits seit dem 24. nicht mehr.. Die
Heizung bei K(olkmanns) war auch geplatzt. Wir
wohnten alle 5 beim Hausmeister, nachts im
Luftschutzkeller. Hubrecht bug noch Brot, Fleisch
gab es noch bei Holzweiß. Jede Nacht um 4 Uhr sagte
der russ. Lautsprecher durch, die Stadt solle sich
ergeben, auch zogen hunderte von Frauen und Männer
und Kinder mit weißen Fahnen vom Preußenberg zum
Rathaus, aber der Oberstleutnant Schöpfer tat es
nicht. Er stellte im Stadtgarten noch 2 schwere
Batterien auf und dann gingen ständig die schweren
Granaten über K(olkmann)s. Haus.
Am 9.2. bekam das Haus Hohezinnstr. Nr. 2 6
Volltreffer, 8 Einwohner wurden unter Schutt
begraben, die übrigen kamen zu uns. Darunter auch
eine Frau Them (Thom) mit Tochter aus dem Haus
Hohezinnstr. 14. Am 9.2. bekamen wir 2 Volltreffer,
Herr K. wurde ein Bein ausgerissen, er flog gegen
die Wand und war sofort tot. Am 10. gegen 8 Uhr
besetzten die Russen die Hohezinnstr. Alle Männer
wurden verhaftet, wir Frauen mußten 10 km aus der
Stadt nach Kl. Stoboy. Die Russen hatten 3 Wochen
Plünderungsfreiheit, verhafteten Frauen, Mädchen und
Männer vom Volkssturm. Letzteren wurden gleich
erschossen. Frau Borgstede (Bismarkstr.l) verloren
wir auf dem Marsch durch die brennende Stadt. Wir
haben sie nie wieder gesehen. Wir mußten über Tier-
und Menschenleichen, Schwerverletzte und glühende
Drähte steigen und wurden immerzu getrieben. Dabei
rissen uns die einziehenden betrunkenen Kampftruppen
alles aus den Händen. Wir hatten noch nicht einmal
mehr einen Kamm. Wir waren mit 70 Personen in 2
Insthäusern.
Tag und Nacht kamen die Russen und holten die
Frauen heraus. Besonders eine Frau Ziegeleibesitzer
Müller von Damerau. Sie war mit einem 9 Monate altem
Kind und Mutter bei uns. Die arme Frau wurde dauernd
vergewaltigt, streubte sie sich, wurde sie
geschlagen und die Mutter mußte dabei am Bett knie
n. Es war alles entsetzlich. Auch die alte Frau
Baurat Mohnen (Königsberger Str. 58) war nach
Aschbuden geflüchtet und wurde da vergewaltigt. Eine
Frau Kämmer (Installateur A.-H.-Str. 20 ) war mit
einem 5 Monate altem Enkel bei uns. Die 68 jährige
Frau wurde 9 x hintereinander vergewaltigt und die
Tochter, Frau Fiedler 15 x. Sie bekam noch eine
Säure in die Geschlechtsteile gegossen. Der alte
Vater blieb bei der Tochter in Elbing, während Frau
K. mit Kind nach Vogelsang flüchtete. Er schnitt
sich und der Tochter die Pulsadern auf. Viele Leute
wurden nach Sibirien verschleppt. Es wurde gesagt
2-3 Tage aufräumen und dann kamen die armen Menschen
nach Sibirien. Die ersten Kranken kamen nach hier.
Ich habe sie im Lager aufgesucht. Von Lagern mit
2700 lebten noch ca 600. Furchtbares haben sie
erdulden müßen.
Frl. Unruh, Frl. Eisemann von Herzfeld & Schwan,
Frl. Müller, Ziegelei Damerau, Pfarrer Jeroschewitz
von Pangritz, letzterer ist am 10.7. in Chelabinsk
am Ural gestorben, alle sind in Sibirien, Am 1.5.
kamen wir wieder zur Stadt, alles in Trümmer. Keine
Kirche, kein Laden, die herrliche Annenkirche, alles
zerschossen, ausgebrannt. Und wie hatten die Russen
gehaust, kaum zu beschreiben. 90% der Frauen
verseucht und schwanger. 4 Wochen habe ich meinen
Mann gesucht, bis ich ihn in einem Hinterstübchen am
Georgendamm fand. Wir hatten uns in der Roonstr. 3
eine kleine Wohnung, 2 Zimmer, Bad, Küche, zurecht
gemacht. Mit uns wohnte Frau Stammer, sie starb im
Juni, Frau Hoffmann, Schwester von Frau Rebs
(Obering. Sonnenstr.72) sorgte sich um ihren Mann,
der auch verschleppt war. Frau Netke lag im Sterben
als ich gerade wegfuhr. Eine Lehrerin Hohmann 83
Jahre, Herr und Frau Wilke , (Destillateur bei
Stobbe bezw. Verwalterin der Küche), Frau Papproth
und Tochter kamen nach Sibirien. Frl. Reichwald
(Reichswald, Lehrerin Hohezinnstr. 2) Frau Boyens
geb. Reimer (Ing. Bismarckstr. 2) von Albert Dyck
starb im Luftschutzkeller.
Am 8. März bezog die GPU die Häuser Roonstr. 5+7
Da dort Tag und Nacht Posten standen, konnten wir
endlich zur Ruhe kommen und uns auch ausziehen. Von
da ab kamen keine Russen mehr in unser Haus, Major
Orgin und Generaloberst Terrassow hielten Ordnung,
der General bestimmte auch, daß ich am 14.7. mit dem
Auto nach Berlin kam. Wir waren ca. 25 000 in Elbing
als die Russen einfielen. Frl. Komnick kam Pfingsten
aus Danzig zurück. Suschkes (Kaufmann Hindenburg
Str. 51 -Inh. der Firmen Hube, Nachf. Herrenstr. +
Danielowski Nachf. A.-H.- Str. 55 + Likör und
Frühstücksstuben "Am Johannistor") kamen ebenfalls
Pfingsten, ausgeplündert und verlaust aus Danzig und
wohnten in einer Garage in der Arndtstr. Volkmanns -
Dambitzen kamen wieder, er aus der Gefangenschaft
aus Graudenz, barfuß mit einer alten Pferdedecke und
voller Läuse, hatte 60 Hiebe nackend erhalten, er
sollte absolut sagen, er wäre PG.
Sie kam im Juni mit Schwiegertochter und Enkel.
Die Schwiegertochter von den Russen schwanger, beide
gingen täglich von 5-19 Uhr Russenwäsche waschen.
Frau Lissau, Lehrerin war auch noch da, auch Frau
Amtsgerichtsrat Eggert hatte Frau Prof. Schultze bei
sich in der Hindenburg Str. wohnen. Sie ist auch
gestorben. Steuerrat Dragel (Dargel[?], Arndt Str.
la) und Lehrer Konopatzki hackten Holz, holten
Kohlen, schuppten Fische usw für die russ.
Offiziersküche und erhielten dafür 3 x täglich Suppe
und Brot und gaben davon Suschkes etwas ab, denn die
hatten garnichts. Herr D. kam im September mit
russ. Auto nach Berlin und ist am Finanzamt
Osterburg in der Altmark angestellt und auch unter
dieser Adresse zu erreichen. Frau Rechtsanwalt
Bandow (Büro Bandow & Gaupp, Wilhelmstr. 44 -Wohnung
Moltkestr. 2) und Frau Dr. Gross (Erwin Gross -
Medizinalrat und Kreisarzt- Mühlendamm 38) sind noch
in Elbing. Frl. Pudow (Emma Pudor,Oberschullehrerin,
Jahnstraße 2), Frl. Schottky (Gertrud, Studienrätin,
Jahnstraße 2), Frau Dyck, Frau Fuchs sind im
September aus Elbing raus. Frl. P. und Sch. wohnen
in Göttingen und schreiben ihre Elbinger Erlebnisse
in Buchform, Adresse unbekannt. Frau D. und Fuchs
wohnen in Meiningen, Theodorenstr. 12. Frau
Barmwoldt (Gewerbeoberlehrer, Königsberger Str. 53
b) ist auch noch in Elbing. Herr B. wurde von den
Russen erschossen. Ebenso Major Bender, Frau Brenke
(Studienrat Dr. Max, Heimstätte 35) nahm sich das
Leben. Direktor Sinnhuber erschoss sich mit Fra
u. Herr Ernst Schmidt, Hohenhaff wurde auch
erschossen, sie war vom vielen vergewaltigen
irrsinnig geworden.
Frau Direktor Müller, Englisch Brunnen, ist auch
erschossen, er wurde verschleppt. Auch Konditor
Teuke wurde erschossen. Ziegelleibesitzer Schmalfeld
erschoss sich und seine ganze Familie, sie sollte
von 4 Russen vergewaltigt werden, da stellte sich
das Hausmädchen zur Verfügung. Während die Russ
en mit dem Mädchen gingen, erschoss er alle.
Dr. Brenke, Lehrer Rudat (Oberlyzeallehrer i.R.,
Talstr. 13), Frau Gaigalat (Dr. Oskar Gaigalat,
Arzt, A.-H.-Str.56), wohnten alle bei Frl. Gaigalat
(Margarete, Lehrerin, Damaschkestr. 30), Herr und
Frau Weinhändler Wolff, ebenfalls. Frau Bender,
schälte von früh bis abends Kartoffeln in der Russ
enküche, dafür erhielt sie Essen, aber ohne Fleisch
- die deutschen Schweine brauchen nichts ! Ebenso
schälte Frau Dyck, Frau Fuchs den ganzen Tag
Kartoffeln.
Mein Mann war einziger Arzt in Elbing. Pastor
Westren - Döll (Doll, St. Annen) einziger Pfarrer.
Im Juli starb seine Frau. Ihre Villa stand noch, nur
ohne Möbel. Mein Mann wurde am Karfreitag von der
Tscheka wieder verhaftet, am Sonnabend mußte er in
Fichthorst Heu laden und am Osterfeiertag, an
seinem 74. Geburtstag, kam er nach Hause und mußte
am 3.4. im Hospital Bergstr. (gemeint ist sicher die
Bergschule in der ein Lazarett eingerichtet war) mit
Ärzten anfangen. Es waren noch 1560 Deutsche in der
Heinrich von Plauen Schule, die am 3.4. weiter nach
Osten kamen.
Die Soldaten griffen Ostern von Hela und Steegen
aus Elbing an (?) da sie kein Proviant mehr hatten,
mußten sie sich ergeben. Sie kamen am 20.4. durch
Elbing und wurden hinter Braunsberg interniert,
Hauptmann Helmut Langling (Lengning, Schmiedestr.
13/14) war auch dabei. Mein Mann kam eines Tages
aus dem Lazarett und sagte mein altes gutes
Schmidtchen (gemeint ist sicher einer der beiden
Ärzte - Dr. Arthur Schmidt I , Fr-Wilh. -Platz 8
oder Dr. Fritz Schmidt II, A.-H.- Str. 35), er war
mit seiner Wirtin in der Gärtnersiedlung
Drausenseestr., starb da und ist im Garten beerdigt.
Sie glauben ja nicht, die Leute starben wie die
Fliegen und so traurig es ist, es war so etwas
alltägliches, man sprach einmal darüber und dann war
schon wieder etwas Neues da. In der Hohenzinnstr.
wohnten nur noch in der Nr. 12 die alten zwei
Wandels (sicher Gottlieb, Mitinh. der Fa. Wandel und
Weidemann, Fr.- Wilh.- Platz 13) und Nr. 14 Frl.
Leber (Berta Direktrice, Hohezinne lla) alle anderen
Häuser waren schwer beschädigt. Frau Rektor Bauch
(Magdalene, Herrenstr. 32) und Tochter sollen auch
noch in Elbing gewesen sein, wie uns Frau Borgstede
sagte, wir haben sie nicht gefunden, es sind viele
Hunderte verschüttet. Prof Meyer starb in seinem
Keller und wurde in seinem Garten beerdigt.
Mein Mann hatte am 1.5. kranke Frauen zu
untersuchen, hatte ein Furunkel in der Nase, bekam
am 3.5. 40° Fieber, Wundrose und starb am 5.5.. Der
poln. Stadtpräsident, ein Jude, Ingenieur aus Posen,
kam sofort und sagte dass die Stadtverwaltung einen
Sarg schicken würde. Wir haben ihn auf dem Marie
nfriedhof neben seinem guten Freund Schroeder von
der Reichsbank beerdigt. Alte gute Patienten haben
seine Ruhestätte gegraben. Die Russen schössen, als
der Sarg aus der Haustür getragen wurde, dreimal
über den Sarg. Sie sagten immer "Unser gute alte
Doktor". Er hatte vielen geholfen, denn sobald sie
geschlechtskrank sind, wird das gemeldet und sie
werden degradiert. Sie kamen abends mit Oel, Brot,
Speck, Fleisch und ließen sich heimlich behandeln,
dadurch hatte man wenigstens zu essen. Wir lebten
von dem, was Flüchtlinge und Russen in den leeren
Häusern gelassen hatten.
Frau Schuppenhauer (Bismarck Str. 9) kam im Juli
aus Schwerin zurück, wohnte mit ihrem Mann, der an
Venenentzündung erkrankt war, in einem Insthaus in
Fichthorst mit einer Frau Illing aus Bossbruch.
Prof. Ehrlich wollte am 27.1. aus dem Rathaus mal
nach seiner Wohnung (York Str.8) gehen. Als er in
der Sturmstraße aus der Tür tritt, reißt ihm eine
Granate den Kopf ab. Rektor Sablotny und Frau waren
noch da, wie mir Frau Erdmann, Tochter von
Bäckerobermeister Kirschner {Emil Kürschner,
Hindenburgstr. 16), der auch in Sibirien ist,
erzählt. Frau Erdmann ist auch seit Dezember in
Leipzig.
(Die nächsten Zeilen sind leider durcheinander
geschrieben, so daß man nicht genau weiß wer da in
der Grünstraße aus dem 2. Stock gesprungen und nach
2 Tagen verstorben ist, nachdem die Russen sie
belästigt hatten.)
Viele Häuser brannten nachträglich ab. Die Russen
sagten "die verfluchten Polski" und die Polen
schimpften auf die Russen, Waren sie zusammen sagten
sie "die Deutschen" (und meinten damit wir hätten
die Häuser selbst angesteckt). Dann wurde auf der
Straße verlesen: "Brennt es wieder so, so werde
n von 100 Deutschen, 10 erschossen."
Landgerichtsrat Dogs und Frau (Tannenberg-Allee
45 in dem auch der Schweizer Konsul Stucki wohnte)
der alte Besitzer Kallender wurden erschossen.
Fleischer Wiechert (Wichert, Herrenstraße 24) starb
an Herzschlag, als die Russen die Tochter
verschleppten. Fleischer Schoenfeld (Karl Schönfeld,
A.-H.- Str. 42) starb an Typhus. Dr. Jost und Dr.
Romeick (Franz, Frauenarzt und Klinikbesitzer,
Grünstr. 61) Ziechenau verschleppt, erhielten
täglich Schläge, sind im Sept. nach Elbing gebracht
und Dr. Romeick ist wie ich von Lehrer Droese hörte,
der im Dezember aus Elbing kam, mit einem
Frauentransport im Nov. nochmals nach Sibirien
verschleppt worden.
Heute (2.1.1946) schrieb mir Frau Blödian (Ida,
Hotelbesitzerin ,"Hotel Königlicher Hof" Fr. Wilh.-
Platz 13) aus Merseburg, Herr Korsch ( Oskar.
Oekonom, Fr.-Wilh.-Platz 10/l1) hat in Jüterborg das
Bahnhofsrestaurant, Rechtsanwalt Wichowski und Frau
sind in Jena, letzterer sucht seine 3 und 5 Jahre
alten Kinder. Dr. Hartwich (Schmiedestr. 10 a).
Tanzlehrer Stoige, Dalkhaus und der alte Ligowski
(Bäckerei und Konditorei, A.H.-Str. 1-8) in
Altenburg. Dr. Ligowski ist am Landesamt Weimar, sie
verkauft Brot in Salzwedel. Frau Dr. Rohman wohnt in
Serbitz bei Altenburg, er starb verwundet in D
anzig. Musikdirektor Palz (Alfred Pelz, Junkerstr.
37) ist am Stadtorchester Weissenfeis angestellt und
Lehrer Hauwitz (Haugwitz Louis. Mittel-schullehrer,
Mühlendamm 85) daselbst als Lehrer.
Ich fuhr im August mit Ehepaar ? dieselben waren 4
Wochen in Danzig mit Suschkes einem Studienrat Horn,
Bruder von Dr. Hom im Keiler zusammen. Eines Abends
wurde Frau Hom, nachdem beide Söhne geholt worden
waren, aus dem Keller geholt. Sie nahm eine Röhre
Veronal mit, nach mehreren Stunden wurde die alte
Dame berausgerufea. voller Angst nahm sie ihren Mann
mit. da führt man sie in die Waschküche. Auf einer
Matratze lag völlig nackend, bewußtlos Frau Hom. Sie
lebte noch 2 Tage und eine Nacht, ihr Mann hielt
Wache bei ihr. Es ist doch ganz furchtbar, und da
wird so viel erzählt, wie unsere Soldaten gehaust
hätten. Ich kann das nicht schildern, von den Leiden
unserer Soldaten in Sibirien, auf 30,000 werden die
verschleppten aus Pommern, Ost- und Westpreussen
geschätzt.
Auch jetzt erzählte Frau Erdmann, kommen die Polen
in die Wohnungen, die Miliz, Bengels von 16-17
Jahren schlagen auf die Menschen, schlitzen ihnen
die Betten auf. Verwaltungsrat Zemecke. die allen Z.
wohnen in Halle, schrieb mir. sein 70 Jahre alter
Schwiegervater kam aus Elbing am 18. Oktober
und starb am 19. Okt. Er mußte täglich 6 Stunden
Leichen begraben, mußte 600 Zloty von Elbing bis
Berlin bezahlen, seit Juli hatte er kein reines Hemd
an. Der alte Cayk (?), früher Ratskeller ist auch
von den Russen erschossen worden, er und Frl. Blohm
(Geschäftsinhaberin, Brückstr.12) flohen aus Danzig,
er sollte stehen bleiben ging aber weiter, da
erschossen sie ihn.
Wissen Sie wo Rechtsanwalt Liptau ist? Seine Frau
flüchtete mit den Kindern und Eltern am 22.1. im
Landauer. Vor Danzig kamen Tiefflieger, die Alten
erhielten Bauchschüße, der Landauer brannte
lichterloh, sie konnte noch die 2 Kinder rauswerfen
und verbrannte selbst vor den Augen der Kinder. Arb
eiter nahmen sie mit und kamen im Mai mit ihnen nach
Elbing. Frau Naumann, wohnte über Loeser & Wolff in
der Schmiedestr., sie arbeitete Zöpfe, ihr Mann war
total gelähmt, jetzt wohnten sie Tirpitz-Allee. Sie
muß an Ecken stehen und Brot betteln. Sie nahm sie
zu sich mit und der russ. Kommandant wollte ihr
Brotzulage geben. Ich suche nun eine Frau Hinz,
fegte mit ihrem Mann früher die Straße, bekam von
den Russen ein Kind in Pflege, das aus der Nogat
gefischt wurde, ca 4 Monate alt, die Wäsche war mit
A.Z. mit 9 zackiger Krone gezeichnet. Die Mutter
trieb an einer Wanne angebunden, in der das Kind
lag, tot daneben.
Grausiges haben wir in den 6 Monaten erlebt. Eine
Lehrerin Grundmann (wahrscheinlich die Tochter von
Konrektor Grundmann, Mühlendamm 78) war mit Mutter 4
Tage und Nächte in Vogelsang und wollten erfrieren
und verhungern. Am 5. Tag schleppten sie sich bis
Stagnitten. Eine Lehrerin Brunk schnitt sich auch
die Pulsadern auf, traf nicht richtig und der linke
Arm wurde ihr bis zur Schulter abgenommen.
Die Schweizer, 17 Familien, waren gefangen unter
russ. Bewachung in der Tannenberg-Allee in dem Haus
in dem vordem das Konsulat war. (45). Die
Verwaltungsgebäude von Schichau sind ausgebrannt, In
Trettinkenhof arbeiteten ca. 800 Frauen, Männer und
Russen. Unsere Gefangenen mußte die HUB Gleise
verbreiten, täglich kamen 2 mal russ. Züge, ca 100 -
200 Wagen und holten Maschinen. Was nicht raus ging,
wurde gesprengt, auch bei Loeser & Wolff wurden 1
Mann U-Boote gebaut (?), die Maschinen kamen auch
nicht fort. In der "Grünen Hand", Königsberger Str.
hing sich Frau Liedtke mit Tochter und Bekannten
auf, 11 Personen. Pastor Westren Döll (Doll)
erzählte mir, in der Sonnen- und Traubenstraße
ertränkten Frauen ihre Kinder in der Regentonne und
erhängten sich. 43 Personen, sie konnten die
Vergewaltigungen nicht mehr ertragen. Frau Bandow,
Frau Barmwoldt und noch zwei Frauen wohnten bei Frau
Groß, Mühlendamm (wahrscheinlich die Frau von Dr.
Erwin Groß, Medizinal und Kreisarzt, Mühlendamm 38),
sie sollten auch raus.
Berufsschule Königsberger Str. ist Rathaus.
Kaffee Rockeis waren noch da. Am 28.1. waren im
Rathaus auch noch Leeser (OB Leser), der dann in
Kiel von den Russen verhaftet wurde, wie man mir in
Berlin mitteilte. Der Kreisleiter und Herr Quandt
(Stadtamtmann) waren noch da, aber 15 große Autos
standen abfahrbereit auf der Straße, mit dem ist
Frau Fischer geb. Netke noch raus. Der
Stadtkommandant Schöpfer ist am 21.2. von den Russen
erhängt. (?) Wir mußten uns melden, sollten ab Mai
10 Zloty für ein Zimmer bezahlen. Es gab in poln.
Läden alles zu kaufen, wenn man Zloty und Silbergeld
hatte. Frl. Harwardt von Herzfeld & Schwan war noch
da und rauchte von früh bis spät Pfeife.
Schichau hat in Wesermünde (Bremerhaven) eine
Zweigstelle eröffnet, da ist Dir. Noe und Dir.
Rücker. In der Noe Villa (Schichau Str.) wohnt der
russ. Kommandant und Frau, beide Juden, dick zum
platzen und von früh an betrunken. In Nauenburg ist
Frl. Schröter von der Deutschen Bank, spült täglich
8 Stunden Flaschen für 20 RM Wochenlohn. Herr
Kotowski war erst Fensterputzer, Tiefbauarbeiter und
jetzt Arbeiter bei den Leunawerken, beide hatten
seit April kein Gehalt mehr bekommen. Frau Langner
(sicher die Frau von Bankdirektor Dr.Alfred L.,
Hansastraße 4) wohnt in Hildburg, Krs. Hildburghause
n, dort hat sich Dir. Wemter (Bruno Wermter,
Bankdirektor, Fr.-Wilh-Platz 4) im Juli erschossen.
Obering Dreyer (Karl, Amdstr.3) mit Schwiegertochter
und Enkel arbeiten in Koggenhöfen, er als Mädchen
für alles, sie hatte 80 Kühe zu melken, 9 mal waren
sie von Ort zu Ort gejagt. Ihr Häuschen in Woge
nap ist ganz ausgeplündert. Herr Schrock-Opitz ist
auch erschossen. Eine Elbingerin heiratete im
Vogelsanger Forsthaus einen russ. Major. (Die im
Brief genannte Person konnte es nicht gewesen sein,
wie noch_lebende Angehörigen aussagten) Kahlberg,
Cadinen, Tolkemit, Bollwerk mit dem Siebengiebelhau
s ist alles zerschossen, es steht kein Haus mehr.
Der Cadiner Prinz flüchtete am 24. 1. zusammen mit
dem alten Ligowski über Kahlberg nach seinem
Stammschloß Sigmaringen (?) Dr. Würker (Königsberger
Str. 29) war Arzt in Pr. Holland, kam aus dem
Zuchthaus Wartenburg. In der Pauluskirche hatten die
Russen die Pferde drin, die Bänke standen auf dem
Schulsportplatz.
PS. Viele Namen sind in dem Brief, scheinbar durch
das Abschreiben, verkehrt geschrieben, habe sie
soweit wie möglich verbessert und auch Erläuterungen
zu einzelnen Personen hinzugesetzt. Alle diese
Angaben stehen in (Klammern) Auch bei einigen
Terminangaben, die zweifelhaft sind, steht ein (?)
Viele Angaben hatte Frau Kumm ja auch nur vom
"Hörensagen". Trotzdem ist dieser Brief ein
einmaliges Dokument über das Schicksal vieler
Elbinger, die ich unseren Lesern nicht vorenthalten
wollte.
Hans Preuß
[EMAIL PROTECTED]
26 Warren St., Beverly, NJ 08010
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