From: Michael Giebl <[EMAIL PROTECTED]>
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Der Unerschrockene
Der Sanitäter Andreas Weiss wird in einer neuen
ORF-Doku-Soap als Held der Wiener Rettung
gefeiert. Unter seinen Füßen erstickte der Afrikaner Cheibani Wague.
Diese drei Männer sind wahre Helden des Alltags, sagt Dodo Roscic, Leiterin
der ORF-Programmentwicklung, ich bin stolz,
dass wir sie und ihre harte Arbeit ins
Rampenlicht bringen können, genau wie ihre
unerschrockenen Persönlichkeiten und ihren unermüdlichen Schmäh.
Kommenden Mittwoch startet der ORF seine
Doku-Soap Wiener Blut die 3 von 144. In
Trailern und Zeitungsinterviews wird die von der
Produktionsfirma Mediavilm produzierte Serie
schon jetzt beworben. Reale Geschichten aus dem
spannenden Alltag dreier Rettungsfahrer soll
das Publikum zu sehen bekommen. Die
Hauptdarsteller der TV-Serie sind tatsächlich
Sanitäter der Wiener Berufsrettung: Andy, Georg
und Ernst, ein ehemaliger Fiakerfahrer, ein
Ex-Kfz-Mechaniker und ein Exrauchfangkehrer sind
super Typen, die ihre Bestimmung zum Retten
von Leben entdeckt haben. Durch ihre
langjährige Erfahrung seien sie Vollprofis.
Mal retten sie in der Serie einen zu Boden
gestürzten Pensionisten, dann mampfen sie wieder
eine Burenwurst oder rasen zum Opfer eines Schusswechsels.
Eines bleibt in den PR-Berichten von ORF und
Rettung unerwähnt: Einer der drei heldenhaften
Rettungsfahrer war schon einmal im Fernsehen zu
sehen. Im Juli 2003 sah man Andy Weiss, 45, zwar
nicht im Unterhaltungsprogramm, dafür aber in
den Nachrichten. Der ORF-Report sendete ein
verwackeltes Schwarz-Weiß-Amateurvideo, das der
Falter bei einem Anrainer des Wiener Stadtparks
aufgetrieben hatte. Was auf dem Band zu sehen
war, erschütterte die Spitzen von Polizei,
Rettung und Politik. Im Scheinwerfer eines
Einsatzfahrzeugs lag ein Mann regungslos am
Bauch. Die Person wurde von Sanitätern und
Polizisten zu Boden gedrückt, während ein
Amtsarzt mit den Händen im Hosensack daneben
stand, als ob ihn das Schicksal des Patienten nichts anginge.
Der Mann, der da gerade starb, war Cheibani
Wague. Der 33-jährige Physikstudent und
Krankenpfleger aus Mauretanien schnappte, wie
man heute weiß, vergeblich nach Luft, weil er
mit dem Bauch nach unten gegen den Asphalt gedrückt wurde.
Eine Person stand während des Todeskampfes sogar
mit seinem Bein auf dem Afrikaner: Andy Weiss,
45, jener ehemalige Fiakerfahrer, der sich nun
als TV-Star in Szene setzt. Weiss ist nach wie
vor bei der Rettung tätig, denn das Gericht
hatte ihn vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung
freigesprochen. Die Rettung hob seine
Suspendierung auf. Die Rettung findet ebenso
wie der ORF heute, fünf Jahre später, nichts
mehr dabei, ihn nun als Helden zu vermarkten. Er
sei, so eine Sprecherin der Rettung, ein Sanitäter wie alle anderen auch.
Weiss absolvierte eine Lehre im Gastgewerbe, vor
20 Jahren kutschierte er Touristen als
Fiakerfahrer durch die Stadt. Dann ließ sich der
Hobbytaucher zum Notfallsanitäter ausbilden und
heuerte bei der Berufsrettung an. Der Fall
Wague, so sagt der Sanitäter heute im Gespräch
mit dem Falter, sei ein menschliches Drama
gewesen, das auf meiner Festplatte eingebrannt
ist. Weiss sagt, er bekomme Ganslhaut, wenn
er an jene Nacht im Juli 2003 zurückdenke. Man
wollte Wague doch nur ins Spital bringen, ihm
helfen. Er sei ein Retter und kein Rassist und
Menschenhasser, zu dem ihn manche Medien
gestempelt hätten. Eine Hatz sei da im Gange
gewesen. Auch er habe nun das Recht, in ein normales Leben zurückzufinden.
Das ist richtig, dennoch klingt es ein wenig
befremdend, wenn sich Weiss nun als Held
inszeniert, noch dazu in einer Serie namens
Wiener Blut vor allem wenn man bedenkt, wie
stümperhaft und chaotisch die Einsatzkräfte bei
jenem tödlichen Einsatz agierten, wie
überfordert sie alle mit einer Situation waren,
die in Metropolen oder psychiatrischen Stationen
jede Nacht vorkommen können. Ein junger,
kräftiger Mensch randaliert, sollte beruhigt und
auf die Psychiatrie gebracht werden. Stattdessen
starb er am Asphalt des Wiener Heumarkts. Mehr
noch: sein Tod sollte nachträglich als Unfall,
als Tod durch Herzversagen vertuscht werden.
Vor allem einem Anrainer des Stadtparks ist zu
verdanken, dass der Fall vor Gericht und
Menschenrechtsbeirat landete und Reformen im
Polizeiapparat nach sich zog. Er filmte das
nächtliche Geschehen und übergab das Video dem Falter.
Wague hatte in jener Nacht heftigen Streit mit
einem Arbeitskollegen, der Rettung und Polizei
zu Hilfe rief. Der Mauretanier tobte im
sogenannten Afrika-Dorf, das im Stadtpark
Kindern den Kontinent näherbringen sollte. Die
Einsatzkräfte waren schnell vor Ort, anfangs
beruhigten die Polizisten die Situation, sie
brachten Wague dazu in den Notarztwagen
einzusteigen. Als der Mauretanier aber hörte,
dass er auf die Psychiatrie gebracht werden
sollte, sprang er aus dem Wagen, rempelte Beamte
und Sanitäter nieder, entkleidete sich, sang wirre Lieder, warf Steine.
Die Einsatzkräfte sagten vor Gericht, sie hätten
es mit der Angst zu tun bekommen. Hier am
grünen Tisch, erzählte einer vor Gericht, könne
sich keiner vorstellen, dass Menschen wie
Elefanten brüllen und toben können. Sie alle
fixierten ihn am Boden, auch aus Selbstschutz
und wussten offenbar nicht, wie lebensbedrohend
sie agierten. Selbst als Wagues Kopf bewusstlos
zur Seite fiel, geschah nichts. Ich will hier
Sanitäter in Hektik sehen, sagte Alfred Kaff,
der Chefarzt der Rettung im Jahr 2003, als der
Falter ihm das Band vorspielte. Ein
Gerichtsmediziner schrieb später: Es ist davon
auszugehen, dass eine sofortige lebensrettende
Maßnahme entsprechend einer Laienschulung
zumindest mit Herzmassage auch außerhalb des
Rettungswagens möglich und sinnvoll gewesen wäre.
Andreas Weiss hatte so wie all die anderen
Einsatzkräfte nichts dergleichen getan. Seine
Begründung findet sich in einem
Polizeiprotokoll: Bei einer Person mit weißer
Hautfarbe sind die Symptome für Sauerstoffmangel
visuell gut wahrnehmbar. Im gegenständlichen
Fall handelte es sich jedoch um eine Person mit
dunkler Hautfarbe, sprich um einen
Schwarzafrikaner. Die Staatsanwaltschaft klagte
Weiss an. Aber das Gericht sah die
strafrechtliche Verantwortung nur beim Notarzt
und bei jenem Polizisten, der Wague das Knie in
den Rücken presste. Der Arzt wurde zu sieben,
der Polizist zu vier Monaten bedingter Haft verurteilt.
Weiss blieb unbescholten. Er fährt nun weiter
mit der Rettung. Und, das ist wichtig zu
betonen, er rettet weiter das Leben von in Not
geratenen Wienern. Aber ein Fernsehstar? Nadja
Lorenz, die Anwältin von Cheibani Wagues Witwe,
sagt: Das ist pietätlos. Im ORF beteuert
Konzernsprecher Pius Strobl: Die Rettung hat
uns von der Vorgeschichte ihres Mitarbeiters
nicht informiert. Doch wir nehmen zur Kenntnis,
dass er unschuldig ist. Als Strobl das sagt,
wirkt er nicht sonderlich erfreut. Auch er kennt
schließlich das Video aus dem Stadtpark.
Tod im Park
Cheibani Wague starb im Juli 2003 im Stadtpark.
Rettungsleute und Polizisten hatten den
Afrikaner am Boden fixiert. Der Notarzt stand
untätig daneben, als Wague bereits nach Luft
schnappte. Der Falter enthüllte den Fall. Im
Foto unten sieht man Andreas Weiss ganz vorne.
Er fixiert mit einem Bein den Sterbenden und hält sich am Auto fest.