Ich bin extra noch vor den Spielen zur Videothek gepilgert. Dort sind ja bekanntlich saemtliche Filme des Planeten lagernd. Ich hab eine taeuschend echte Kopie von "Olympia 1936" (kostet wie alle Filme 10 RMB, also 1 EUR - Auslaenderpreis, wohlgemerkt) ausgehoben, bevor die Polizei die Videothek ausgeraeumt hat. In den letzten Tagen wurde naemlich alles, was unmoralisch, zwielichtig oder sonst der Macht missliebig ist, radikal ausgemerzt. Kein Funken der Unharmonie soll das chinesische Fest stoeren. Ich fuehle mich ja beinahe schlecht, Riefenstahl fuer den direkten Vergleich der Eroeffnungen heranzuziehen. Vor allem jetzt, da in den letzten Tagen die Rezeption des Auslaenders durch Einheimische einem Wandel unterworfen zu sein scheint. Waehrend man bisher wie mit Aussatz behaftet angesehen wird (ich kann jetzt nachvollziehen, wie sich Mitbuerger schwarzer Hautfarbe in Wien fuehlen), wird man nun von Kindern angequatscht mit "Hello. Where are you from?". Danach folgt auf Chinesisch die Frage, ob man chinesisch spreche. Was man auf chinesisch hoeflich verneint. Dann ist wieder Ruhe. Wehe man sagt dass man ein paar Brocken versteht - dann wird man mit Fragen jenseits des Verstaendnishorizonts geflutet...
Die Eroeffnung selbst habe ich in voller Laenge im chinesischen CCTV 7 mit chinesischem Kommentar verfolgt. Bemerkenswert war, dass der Spruch von "One World - one dream" ausschliesslich vom IOC-Praesidenten in den Mund genommen wurde. Im chinesischen Staatsfernsehen war nur von "China 2008" die Rede. Die Bilder waren zwar beeindruckend, aber ich moechte mir nicht ausdenken, was beispielsweise ein Andre Heller mit unbegrenztem Budget auf die Buehne gestellt haette. Abgesehen davon, dass er den Auftrag abgelehnt haette. Um zu verstehen, was da vor meinen Augen abgelaufen ist, musste ich deutlich weiter zurueckgehen als 1936. Naemlich bis ins Jahr 1421. Ich hatte in Vorbereitung meiner Reise zufaellig das Buch "1421 - als China die Welt entdeckte" von Gavin Menzies (deutsche Uebersetzung erschienen bei Knaur) gelesen. Und das bringt den richtigen Blickwinkel in die Eroeffnung: Man sieht ploetzlich keine Staatspraesidenten und keine Parteivorsitzenden mehr. Ich sehe den Kaiser von China und seine Mandarine, die das Wiedererstarken des chinesischen Kaiserhauses feiern und dazu die ganze ziviliserte und diesmal auch die unzivilisierte Welt dazu eingeladen haben. Etwa 70 Jahre, bevor sich Christoph Kolumbus anschickte, auf der Westroute nach Ostindien zu reisen, beherrschten die Chinesen bereits die Weltmeere, berechneten Sternpositionen, zeichneten Karten und navigierten exakt mit Hilfe von Leitsternen. Um die Dimensionen der Armada klarzustellen: Das Schiff von Kolumbus (50 Tonnen Frachtzuladung) war etwa so gross wie das Hauptruder eines chinesischen Flaggschiffs (mehr als 2000 Tonnen Frachtzuladung). China hatte mehrere Flotten, die anno 1420 die gesamte Welt mit unglaublicher Zielsicherheit bereisten, um sie zu erforschen, um Handel zu treiben - und um sie zu unterwerfen. Der Grund, warum wir in der westlichen Hemisphaere das nicht zur Kenntnis nehmen ist schlicht und ergreifend, dass zu diesem Zeitpunkt Europa sowohl im Aussenhandel als auch von den Erkenntnissen der Wissenschaft her voellig uninteressant war und daher einfach vom chinesischen Kaiser ignoriert wurde. Ja, auch wissenschaftlich war China absolute Weltspitze: In der verbotenen Stadt wurde eine Enzykopaedie von 4000 Baenden mit dem gesamten bekannten Wissen des Universums von tausenden Gelehrten zusammengestellt. Dazu alle Werke aller Denker vom 11. bis zum 13. Jahrhundert. Erstaunlich bespielsweise auch, dass man zu dieser Zeit am Markt in Peking hunderte gedruckter Romane kaufen konnte. Gutenberg baute seine Maschine dreissig Jahre spaeter... Dennoch: Wahrscheinlich war es fuer uns ein Gluecksfall, dass Europa ausgelassen wurde, denn saemtliche anderen Laender wurden durch die chinesische Familienabhaengigkeit unter ihre Kontrolle gebracht. Wie das Tributsystem funktioniert, hab ich schon 1990 im Chinarestaurant in Wien gelernt: Man bekommt Geschenke, die stets ein bisserl mehr Wert sind als die Gegenleistung, die man erbringt. So schafft man ein System der Abhaengigkeit, das rasch ausgebaut werden kann. So erhalten beide Parteien Macht, aber China behaelt stets die Kontrolle. 1420 wurden Gewuerze, Gold, Seide, Porzellan und seltene Tiere getauscht. Und am 2.Februar 1421 begann das Fest, dass dem heurigen offensichtlich als Vorbild gedient hat. Es waren 28 Staatsoberhaeupter anwesend, die mit extra entsandten luxurioesen Schiffsflotten aus hunderten Schiffen mit dreissigtausend Mann Besatzung zu Hause abgeholt wurden. Die Zusammensetzung so eines Konvois war aehnlich wie die westlichen im 2.Weltkrieg (Schatzschiffe innen, drum herum Handelsschiffe, Supportschiffe und ganz aussen schnelle Kriegsschiffe) und vermutlich aehnlich beeindruckend. Am damaligen Festbankett zur Einweihung der verbotenen Stadt nahmen nach historischen Quellen 26.000 Gaeste teil, die ein zehngaengiges Menue aus Schueseln aus feinstem Porzellan speisten. Wesentlich an der Zeremonie war, dass die auslaendischen Gaeste den Kaiser von China anerkannten: Jeder musste seinen Kotau vor dem Kaiser vollfuehren. Dessen eingedenk war ich gar nicht erstaunt, Bush, Putin und Sarkozy in zahnloser Eintracht auf der Tribuene inmitten anderer Gesandter sitzen zu sehen. Der seit 1949 offiziell abgeschaffe Kotau wurde offensichtlich wieder eingefuehrt. Alle sind sie bereits gefangen im System, die gesamte Welt durch ein simples Geschenk, naemlich billige Arbeitskraft, abhaengig zu machen. Die Welt verlagert ihre Werkbank nach China, im Gegenzug darf die Weltmacht China mindestens ein Jahrhundert der Geschichte streichen und zu alter Groesse aufsteigen. Was heisst darf - China fordert und nimmt einfach, denn es ist davon ueberzeugt, dass dem Land und seinen Leuten diese Position zusteht. Denn alles Schlechte kommt von aussen und nur das chinesische Wesen ist rein, unverdorben und maechtig. Wie es jetzt weitergeht ist sehr, sehr spannend. Die Rechnung des Kaisers von China damals ging anno 1421 naemlich nicht auf. Fuer die Errichtung der verbotenen Stadt, die Flotte, die Trockendocks, die Kanaele und Schleusen war naemlich das gesamte Land abgeholzt und versklavt worden, was binnen zwei Jahren zur Revolution fuehrte, die das Land in einer gewaltigen Buecher-, Menschen- und Materialverbrennung wieder zurueckwarf. Die Zerstoerung der heutigen Zeit ist nicht nur materiell, sondern die vielbeschworene Harmonie ist ganz gewaltig gestoert. Das System war irgendwann einmal kommunistisch - aber wenn die armen Landarbeiter zu tausenden in den Strassen hocken, auf denen die funkelnden Mercedes und Toyotas zwischen Arbeitsglaspalast und gated community hin- und herstauen, dann schuert das Hass. Momentan hegen noch alle die Hoffnung, dass jeder Chinese dereinst so leben wird. In der Praxis sind Landarbeiter in der Stadt nicht einmal kranken- oder unfallversichert und leben von einem Monatslohn, den ich fuer eine Hendlschwinge - AKA Saurierfluegel - bei KFC ausgebe. Wahrscheinlich hat ihnen auch noch niemand erzaehlt, dass der Planet nicht genug Treibstoff und Platz fuer ein Auto fuer jeden hat. Das Volk in China bleibt so lange ruhig, solange fuer jeden Profit dabei rausschaut. Wenn das nicht mehr der Fall ist, kracht es ziemlich schnell und nachhaltig, da hilft auch kein repressives Polizeisystem. Olymia 2008 brachte "one nation under the groove" - aber was kommt danach? Gibt es eine Vision, die ueber das Ziel Olympia 2008 hinausweist? Ich sehe keine. Selbst kuenstlerisch habe ich in der Eroeffnungsfeier nichts gesehen, das in die Zukunft weist. Es war eine Rueckblende mit einer verklaerten Bestandsaufnahme der Gegenwart. Wird es die chinesische Fuehrung schaffen, eine Vision fuer die Zukunft schaffen zu koennen? Irgendetwas sagt mir, dass auch zehntausend SportlerInnen nichts dazu beitragen koennen. Ihnen moegen zwar die Spiele gehoeren, aber wen interessieren hier schon die Spiele? Abgesehen davon, dass nur geschaetzte 2% der Chinesen ueberhaupt Strom und ein TV haben, um davon etwas mitzubekommen. China ist eine grosse Nation. Aber ich habe das schon ganz andere Nationen sagen hoeren. fra
