Achtung: lang und komplex.

Bernhard Dippold wrote:
> Wozu dient eine Zweitstimme, wenn sie mit der Erststimme identisch sein
> darf?

Zur Erläuterung meines Gedankenganges:

Es gebe drei Kandidaten (a,b,c) und sechs Wählertypen (1-6), die
Präferenzen gegenüber der Reihung der Kandidaten entsprechend folgender
Tabelle haben. (Ich will mal solche exotischen Positionen wie "die wird
nur Lead über meine Leiche" mal nicht berücksichtigen. ;-)

1:abc 2:acb 3:bac 4:bca 5:cab 6:cba

Wenn jetzt die Stimmensummen der Erststimme 1+2 genau 3+4 entsprechen
und 5+6 kleiner ist, hat man einen Gleichstand zwischen a und b.

Üblich wäre eine zweite Wahl mit nur den Kandidaten a und b. Würden 1+2
und 3+4 ihre erste Präferenz nicht ändern (warum auch?), und würden
nicht neue Wähler mobilisiert werden, würde das Verhältnis von 5/6 die
Wahl entsprechend ihrer zweiten Präferenz entscheiden. Dies sind die
Wähler, die von c zu a oder b wechseln (müssen).

Beispiel 1: 1:12 2:8 3:8 4:12 5:3 6:2
1. Wahl a:20 b:20 c:5
2. Wahl a:23 b:22
"a ist gewählt"

Um eine zweite Wahl mit nur zwei Kandidaten und den dadurch entstehenden
Mehraufwand zu vermeiden kann man eine zweite Stimme heranziehen.

Erster Fall: man erfragt eine Reihung entsprechend der Präferenzen, die
die Wähler haben, dann wäre eine Doppelnennung (z.B. aa) nicht
gestattet. Wahlentscheidend ist jetzt 3+5/1+6. Geht man davon aus, dass
entsprechend des Wahlausganges die ehemaligen Befürworter von a und b,
also 3 und 1, zahlreicher sind als die Befürworter von c, also 5 und 6,
bedeutet dies erstaunlicherweise, dass die Wahlreihenfolge sich genau
entgegen der Präferenzen der meisten Wähler verhält, während
Wechselwähler kaum Einfluss haben. (Die Zahlen sind natürlich etwas an
den Haaren herbeigezogen, deshalb nur ein Beispiel, mit leicht anderen
Zahlen kann man ganz andere Dinge "beweisen".)

Beispiel 2: 1:12 2:8 3:8 4:12 5:3 6:2
1. Stimme a:20 b:20 c:5
2. Stimme a:11 b:14

Also wäre b gewählt, und zwar gerade von den 12 Leuten, die im Grunde a
vorziehen würden. Man kann natürlich auch sagen, sie präferieren ja b
immerhin an zweiter Stelle, während offenbar a stärkere Ablehnung unter
den Unterstützern von b gefunden hat. Umgekehrt führt dies zu der
wahltaktisch etwas zweifelhaften Methode, statt einem starken
Gegenkandidaten b lieber einem Außenseiter die Zweitstimme zu geben.
Würden sich sechs Wähler von a diesen Trick einfallen lassen:

Beispiel 3: 1:6(=12-6) 2:14(=8+6) 3:8 4:12 5:3 6:2
1. Stimme a:20 b:20 c:5
2. Stimme a:11 b:8
"a ist gewählt"

Zweiter Fall: man erbittet eine zweite Stimmabgabe in derselben Wahl.
Damit ist es durchaus erlaubt Dopplungen abzugeben. Natürlich gilt ganz
trivial, dass die Zweitstimme ohne Effekt ist, wenn alle Wähler eine
Dopplung abgeben, man muss dann die Wahl mit zwei Kandidaten wiederholen.

Von einer Wiederholungswahl unterscheidet sich die Zweitstimme dadurch,
dass vorher nicht klar ist, welches die gleichstarken Kandidaten sein
werden. "Falsch" gezählt werden die Stimmen, die ihren präferierten
Kandidaten a und b fälschlicherweise nicht in der Stichwahl gesehen
haben und daher ihre Stimme an c verschwenden oder mit ihr sogar den
gleichstarken Kandidaten zum Wahlsieg verhelfen. Auf der anderen Seite
werden all die Stimmen "richtig" gezählt, die gerade auf die richtige
Stichwahl gesetzt haben, im Beispiel also die Unterstützer von c, die
die Niederlage ihres Kandidaten vorhergesehen haben und noch bei der
Entscheidung zwischen a und b mitreden wollen. Und natürlich die
Doppelstimmler von a und b.

Die genaue Frage zur dieser Zweitstimme ist für den zweiten Fall also
nicht wie im ersten Fall "Welcher Kandidat ist dir am zweitliebsten?" im
Sinne einer Präferenz sondern eher "Wenn die deiner Meinung nach
beliebtesten Kandidaten gleichauf stehen, welchen würdest du dann haben
wollen?" Diese Frage ist deutlich näher an der Frage einer
Wiederholungswahl ("Diese beiden Kandidaten sind am beliebtesten aber
gleichauf, welchen davon willst du?") und bietet nicht so viele
Möglichkeiten zu taktischen Zweitstimmenvergaben. (Zumindest fallen mir
keine ein.)

Ich würde sie daher vorziehen.

PS Man kann alles natürlich noch viel komplizierter machen und gleich
die Zweitstimme oder sogar eine Reihung in die Auswertung mit
einbeziehen. Ich habe da mal ein paar Modelle gesehen, aber auch nicht
verstanden.

PPS Jetzt bin ich wieder nicht dazu gekommen, den dritten Entwurf zu
lesen. Ich bitte noch um einen Tag Aufschub.

PPPS Zumindest habe ich mir die Übersetzersoftware heruntergeladen,
installiert und etwas rumgespielt. Ist doch auch schon mal was.


Gruß,
-- 
                          Michael Thomas Kirchner

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