Hallo allerseits,
Pascal Hauck ſchrieb am 18.09.2009 09:36 Uhr:
Am Freitag, 18. September 2009 07:43:17 schrieb Martin Roppelt:
<Multi_key> <u> <u> <1> <7> <f> <space> : "ſ"
Jetzt kann also das ſ von der Tastatur entfernt werden?
Ich schrieb doch schon, dass das kein gutes Beispiel war … ;-)
Aber ich geh’ dann schon mal die Messer wetzen …
… Nein? … Na gut.
Puh, das Messerwetzen wäre doch nicht nötig gewesen – Konsens
wiederhergestellt :-).
Gebrochene Grüße,
Dennis-ſ
PS: Vorsichtshalber füge ich dann aber doch nochmal meine so ›beliebte‹
wie überlange »Pro ſ«-Signatur an:
--
In den gebrochenen Schriften (Fraktur, Sütterlin, …) ſchreibt man das
»normale« s nur am Silbenende; anſonſten wird das lange ſ geſchrieben¹².
So tritt die Silbenſtruktur weſentlich deutlicher hervor und der Text
iſt viel leichter zu leſen. Oft beſteht zwischen ſ und s auch ein echter
inhaltlicher Unterſchied:
Der Satz »Die Wachstube in der Wachſtube, die am Dienſttag Dienstag nach
der Verſendung der Versendung über das Kreiſchen der Kreischen in
Röſchenhofs Röschenhof anläſslich des Landestages zum Landeſteg gebracht
wurde …« bedeutet etwa (einmal ganz explizit aufgebröſelt):
»Die Wachs-tube (eine Tube voller Wachs) in der Wach-ſtube (die Stube in
der Wache), die am Dienſt-tag (ein Tag, an dem man arbeiten muſs)
Diens-tag (der Wochentag) nach der Ver-ſendung (etwas wurde
transportiert) der Vers-endung (etwa am Ende eines Gedichtes) über das
Krei-ſchen (ſich laut artikulieren, brüllen) der Kreis-chen
(Verniedlichungsform der geometrischen Figur Kreis) in Rö-ſchen-hofs
(Der Hof von einer Perſon mit den Namen Rösch) Rös-chen-hof (ein Ort
voller kleiner niedlicher Roſen) anläſslich des Landes-tages (Das
Jubiläum eines Landes) zum Lande-ſteg (Ein Platz, wo man vom Land aufs
Schiff wechſeln kann) gebracht wurde…«
Bedauerlicherweiſe werden die Gebrochenen Schriften heutzutage von
vielen mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht. Das iſt jedoch
völlig falſch: Am 3. Januar 1941 verboten die Nationalſozialisten mit
dem ſog. »Normalſchriftenerlaſs«³ die Verwendung gebrochener Schriften
im Schulunterricht und in den Behörden, da es ſich um »Schwabacher
Judenlettern« handle.
Bis zu dieſem Verbot waren Gebrochenen Schriften über Jahrunderte hinweg
im deutſchen Sprachraum üblich; ſo wurde die Bibelüberſetzung Martin
Luthers in der Schwabacher, »Das Kapital« von Karl Marx in der
Frakturſchrift geſetzt. Andere mögen auch heute noch den Befehlen des
»Führers« Folge leiſten und ſich damit ſelbſt der Fähigkeit berauben,
die Briefe ihrer Großeltern leſen zu können – aber ich gehöre nicht dazu!
Beſondere Ironie liegt darin, daſs dieſe Tatſachen den meiſten
Nazivollpfoſten gar nicht bewußt ſind; geſchweige den die Anwendung des
langen ſ: Wenn in der Bierwerbung nicht Haſſeröder geſagt werden würde,
würden die wahrſcheinlich »Hafferöder« dazu ſagen ;-).
»Die deutſche Schrift iſt uns eine Lebensnotwendigkeit wie Luft, Waſſer
und Brot. Aber auf die lateiniſche wollen wir ſo wenig verzichten wie
auf Salz, Wein und Muſik. Und das ſei auch das Maßverhältnis.«
‣ Otto Hupp (* 1859, † 1949), Heraldiker, Schriftgrafiker, Kunſtmaler
und Ziſeleur.
»Wie dunkler Tannen würziger Harzduft, wie wenn die Amſel weithin durch
den Abend ruft, wie des Wieſengraſes leichtſchwankende Zierlichkeit,
herrlichſte, deutſcheſte Schrift, ſo lieben wir dich ſeit langer Zeit«
‣ Rudolf Koch (* 20.11.1876; † 09.04.1934; Typograf und Schriftkünſtler)
über die Frakturſchrift.
»ex antīquā faſcitā mē expediō«
(lat.) Ich rette mich aus der faſchiſtiſchen Antiqua
‣ MartiN EO
¹ Eine gute allgemeine Einführung zum langen ſ bietet etwa die Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Langes_s
² Eine ausführliche und die meines Wiſſens auch genaueſte Beſchreibung
der »ſ oder s«-Regeln gibt es hier:
http://www.e-welt.net/bfds_2003/bund/fragen/13_Langes%20oder%20rundes%20S.pdf
³ Der Normalſchriftenerlaſs in der Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Antiqua-Fraktur-Streit#Normal-Schrift