Sorry, in der vorangehenden E-Mail habe ich Zeilenumbrüche vergessen,
was die Lesbarkeit verringert. Daher jetzt derselbe Inhalt mit
Zeilenumbrüchen versehen:
Für Neo3 steht die Entwicklung einer sinnvolleren Hardware als die
verbreitete Standardtastatur im Raum. Andere Aspekte, wie z. B. der
Vorschlag, Neo modular zur einfacheren Adaption auf andere Sprachen zu
strukturieren, kommen auf.
Teilweise entspricht das nicht den für Neo2 zugrunde gelegten
Paradigmen.
Die Paradigmen könnten im Hinblick auf Neo3 überdacht werden.
> 1. Das schnellste und komfortabelste Schreiben findet auf der
> Grundlinie statt, folglich sollten alle häufigen Zeichen sich auf
> dieser Grundlinie befinden.
Als ergonomisch sinnvoll gilt es, die Finger nicht weit abspreizen zu
müssen. Die Grundposition der rechten Hand mag um eine Spalte nach
rechts verschoben werden, wodurch zwischen Grundposition des rechten
Kleinen Fingers und Enter (oder gar Backspace) nicht mehr als eine
Taste steht. Dadurch würde der Abstand zwischen den Zeigefingern 3
Tasten (statt 2), was besser bedienbar erscheint als das Erreichen der
äußeren Tasten mit dem rechten kleinen Finger.
> 2. Die Buchstabenpaare, die am häufigsten aufeinander folgen, sollten
> auf beide Hände verteilt werden, das ist ebenfalls für die
> Schreibgeschwindigkeit positiv.
Sind Leerzeichen, Interpunktionszeichen und Enter in den zugrunde
gelegten Bi- und Trigrammen enthalten? Welche Bi- und Trigramme am
häufigsten auf andere häufige Bi- und Trigramme folgen, das könnte
ebenfalls interessant sein.
> 3. Lassen sich bestimmte Buchstabenfolgen konzeptionell nicht auf
> beide Hände verteilen, so sollten sie Trommelabläufen von innen nach
> außen folgen, optimaler Weise mit einem Finger dazwischen, sprich von
> Zeigefinger auf Ringfinger oder kleinen Finger, vom Mittelfinger auf
> kleinen Finger und notfalls umgekehrt, immer streng nach
> Häufigkeitsverteilungen geordnet.
Könnte es sein, dass im Beispiel mit genannten Fingern die
voranstehenden Begriffe "innen" bzw. "außen" falsch interpretiert
worden sind? Soweit ich es in einer Studie gelesen habe, ist "innen"
bzw. "außen" so definiert: Wenn man in seine Handinnenflächen schaut,
dann zeigen die Daumen nach "außen". Folglich: Trommelabläufe beginnend
vom Kleinen Finger ("innen") und endend mit Zeigefinger bzw. Daumen
("außen") - nicht umgekehrt. Leider weiß ich nicht mehr, welche Studie
es war, aber diese Definition habe ich mir gemerkt.
> 4. Die stärkste Belastung sollte auf Zeige- und Mittelfinger liegen,
> die obere Reihe ist der unteren vorzuziehen, Ring- und kleiner Finger
> sollten möglichst wenig in die Ober- oder Unterreihe ausweichen
> müssen.
Dabei sollte nicht vergessen werden, dass der Zeigefinger viel mehr
Tasten bedient als der Mittelfinger, wodurch er ohnehin reichlich
belastet wird. Der Kleine Finger bedient nicht nur Buchstaben, sondern
auch Tasten, von deren Benutzungshäufigkeit wenig bekannt zu sein
scheint. Erst wenn die Anzahl der für den Kleinen Finger vorgesehenen
Tasten verringert wird, kann eine Tastenbelegung die Bezeichung
"ergonomisch" verdienen - ansonsten nur "alternative Tastenbelegung".
> 5. Es soll ein Layout für Rechtshänder werden, denn die meisten sind
> Rechtshänder, die Standardtastatur bevorzugt im übrigen in starkem
> Maße Linkshänder, denn die linke Hand muss weitaus die meiste Arbeit
> verrichten.
... für zweihändiges Zehnfingertippen.
> 6. Die deutsche Sprache hat Vorrang, danach folgen Rücksichtnahme auf
> die englische Sprache, Anglizismen, Programmierung und Shellbefehle
> (Unix).
Außer Programmierer gibt es Berufe, in denen viel getippt wird. Z. B.
das in juristischen Berufen häufige §-Zeichen muss derzeit
ungünstigerweise mit dem linken Kleinen Finger bedient werden. Für den
ergonomischen Aspekt von Neo wäre interessant, ob es weitere Zeichen
gibt, die (vor allem im deutschsprachigen Raum) überdurchschnittlich
häufig geschrieben werden, z. B. °. Auch wenn solche Zeichen in anderen
Berufen weniger benötigt werden, so ist ihre möglichst leichte
Erreichbarkeit durchaus wichtig, da Ergonomie zwecks Vorbeugung von
Berufserkrankungen zum Interessensgebiet von Berufsgenossenschaften
zählt, was sehr viele Menschen praktisch betrifft.
> 7. Ist der Platz für eine Taste statistisch ambivalent ein neuer oder
> der alte Platz, sollte sie der leichteren Umlernbarkeit auf dem alten
> Platz bleiben.
Das erscheint nur dann sinnvoll, wenn genug Zeichen der Neo-Belegung
auf demselben Finger wie bei quwertz-Belegung blieben. Das ist aber
nicht der Fall. Vorschlag: Punkt 7 ersatzlos streichen.
> 8. Ist der Platz für eine Taste statistisch ambivalent, sollte sie in
> logischen Blöcken angeordnet bleiben, da Erlernbarkeit und
> Geschwindigkeit durch ausnutzen von Mnemoblöcken einen Vorteil
> verspricht. Zudem ist eine solche Ordnung für einen Sichtschreiber
> einfacher.
Zur Erlernbarkeit gibt es Studien. Die Merkbarkeit der Anordnung ist
irrelevant. Im Vergleich zu alternativen Tastenbelegungen, deren
Anordnung nach Zeichenhäufigkeit in der jeweiligen Sprache erfolgte,
wurde mehrmals nachgewiesen, dass die qwertz-Belegung schwerer
erlernbar ist. Zehnfinger-Tastenbelegungen sind grundsätzlich nicht für
das Sichtschreiben konzipiert (besonders im hochwertigen Bereich sind
Standardtastaturen ohne Tastenaufdrucke erhältlich). Sichtschreiber
wissen mit der Zeit, wo welche Taste ist, d. h. sie gewöhnen sich an
jede beliebige Belegung. Vorschlag: Punkt 8 ersatzlos streichen.
> 9. Unvermeidbare ?Worst-case?-Szenarien wie das Hoch-/Runterspringen
> von Fingern sollten statistisch irrelevant bleiben.
> 10. Herkömmliche Tastaturen sollen Verwendung finden, eine
> ergonomische Neugestaltung der Tastatur ist nicht geplant (obwohl
> einige Ideen dazu bestehen).
Die in unserer Zeit üblichen Standardtastaturen haben sich in ihrer im
Laufe der Geschichte mehrmals erhöhten Tastenanzahl auf dem
Buchstabenfeld zu weit von der ursprünglichen Sholes-Belegung entfernt.
Standardtastaturen sind hardwareseitig bereits unergonomisch. Um einer
solchen Standardtastatur mit einer Neubelegung Ergonomie einzuhauchen,
müssten ausschließlich vertretbar gut erreichbare Tasten belegt werden
- und die anderen konsequenterweise unbelegt bleiben. Sofern ich es
zutreffend auffasse, kommt die Belegung einer ergonomischen Hardware
mit Neo in Frage. Falls das zutrifft, kann Punkt 10 entfallen.
> Mit Hilfe von Statistiken der Häufigkeitsverteilung der Buchstaben in
> der deutschen Sprache sowie der Häufigkeit bestimmter
> Buchstabenfolgen und Effizienz bestimmter Tastfolgen ergibt sich die
> Anordnung der Tasten auf die mehr oder weniger optimalen Plätze
> beinahe zwangsläufig.
Größe und Auswahl des zugrundegelegten Textkorpus spielt für Feinheiten
einer Tastaturbelegung eine entscheidende Rolle. Auch die schwieriger
erfassbare Häufigkeit, mit der bestimmte Buchstabenfolgen anderen
Buchstabenfolgen unmittelbar folgen, beeinflusst eine Tastenbelegung.
Was auch immer sonst noch berücksichtigt werden könnte: Die Anzahl der
möglichen Belegungen, die allesamt optimiert sind, wird erstaunlich
hoch sein. Da immer mehr als eine Lösung gut sein wird, kommt es nicht
so sehr auf Perfektion an.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Meine teils überspitzten
Kommentare sind nicht als negative Kritik gemeint, sondern als
Anregung, ob für Neo3 vielleicht Veränderungen in den Paradigmen
angebracht sein könnten.
Mit nettem Gruß
Karl