Hallo Anna,

Es tut mir Leid, dass ich erst jetzt antworte (ein Jahr später … ich
hatte deine Antwort und Peters Antwort auf deine Antwort übersehen —
dein Papier ist mir grade wieder in die Hände gefallen und ich habe bei
einer Suche gemerkt, dass Du geantwortet hattest).

> Um es kurz zu machen, ich Stelle euch meine Daten natürlich gerne zur 
> Verfügung. Das Paper wird allerdings offiziell erst im Mai 
> veröffentlicht und solange wird es noch dauern bis wir die Daten 
> ebenfalls veröffentlichen. Bis dahin kann ich euch aber Beispieldateien 
> zweier Studienteilnehmer zukommen lassen, wenn ihr interessiert seid.

Hast Du die Daten inzwischen online gestellt (oder kannst Du sie uns zur
Verfügung stellen)? (bei deinem Papier habe ich sie nicht gefunden)

> Eine Frage an euch hätte ich aber auch:
> Was ist eure Methode die Zeichen der unteren Ebenen zu optimieren 
> (Punktuation, Klammern, Sonderzeichen etc)? Oder wurde "einfach" 
> entschieden welche Modifier Tasten benutzt werden und wo welches Zeichen 
> hinkommt?

Bei Neo2 sind Ebene 3 und 4 unabhängig von den die anderen Ebenen
(Großbuchstaben, griechische und mathematische Zeichen) hängen logisch
mit Ebene 1 zusammen, z.B. μ und m oder Σ (die Summe) und s.

Bei meinem Optimierer wird angenommen, dass die Tippenden den Modifier
mit der anderen Hand drücken.[1]

Bei der Optimierung bleiben die Zeichen auf Ebene 3 (Klammern u.ä.) und
Ebene 4 (Zahlen und Bewegungstasten) immer an der gleichen Stelle, die
Zeichen auf Ebene 2 (Großbuchstaben), 5 und 6 (griechische und
mathematische Zeichen) bewegen sich mit der Taste auf Ebene 1 mit.

[1]: Genaue Implementierung:
     
https://bitbucket.org/ArneBab/evolve-keyboard-layout/src/0e9c3acee37060c8eadb726c5ed618a684b32ccf/ngrams.py?#ngrams.py-38

> Dies ist, nebenbei ein Punkt, in dem man die Neo Tastatur weiter 
> verbessern könnte. Was unser "How we type" Paper zeigt, ist dass Leute 
> sehr unterschiedlich tippen. Die meisten Computernutzer haben das 
> Zehnfingersystem nicht gelernt und ihre eigene Strategie entwickelt. Das 
> macht die Optimierung einer Tastatur natürlich umso schwerer. Aber auch 
> spannender. Wie können wir eine robuste Lösung finden, die optimal für 
> verschieden Tippstrategien funktioniert?

Brauchen wir so eine Lösung?

Die unterschiedlichen Tippstrategien könnten ihren Ursprung darin haben,
dass die QWERTZ-Tatstatur für das Zehnfingersystem nicht wirklich gut
geeignet ist, weil sie große Bewegungen von der Grundlinie erfordert
(z.B. für "un" oder "der"). Unsere Bewegungskosten-SVGs zeigen das
deutlich (auch wenn sie nicht mehr ganz aktuell sind, qualitativ passen
sie immernoch):
http://www.draketo.de/licht/freie-software/neo-tastaturlayout-pruefen-und-evolutionaer-entwickeln

- QWERTZ: http://www.draketo.de/files/qwertz_klein.png
- Neo2: http://www.draketo.de/files/neo2_klein.png
- Automatisch optimiert: http://www.draketo.de/files/tnrs_klein.png

Gelbe Linien sind hier sehr unschön zu tippende Bigramme, rote sind noch
unangenehm (hohe Kosten) während hellblaue vom Optimierer als angenehm
eingestuft werden.[2]

Da Leute für eine neue Belegung sowieso umlernen müssen, wäre es meiner
Ansicht nach geschickter, die Belegung so zu optimieren, dass das
Zehnfingersystem optimal funktioniert — oder genauer: Dass die
Verwendung mit allen Fingern und minimaler Handbewegung und minimaler
Abweichung der Finger von ihrer entspannten Lage möglich ist.

[2]: Es wäre interessant zu prüfen, ob diese Kosten mit der Verzögerung
     zwischen zwei Tasten korrellieren — vielleicht zusätzlich
     modifiziert mit dem Grad an Vorbereitung des zweiten Fingers.

> Um Strategien zwischen Englisch- und Finnisch-Tippern vergleichen zu 
> können (welcher Finger drückt welche Taste), haben wir nur die 
> Buchstaben betrachtet die in beiden Sprachen vorkamen und jeden 
> Buchstaben gleich gewichtet.

Ein Ergebnis, das dafür vielleicht nützlich sein könnte, ist, dass wir
gesehen haben, dass eine Tastaturbelegung, die nur für die deutsche
Sprache optimiert ist, für das Englische sehr unangenehm zu benutzen
ist. Für einen gemischten Deutsch-Englischen Korpus zu optimieren (30%
Englisch, 70% Deutsch) funktioniert allerdings für beide Sprachen sehr
gut.

Liebe Grüße,
Arne


Feit Anna writes:

> Hallo Arne,
>
> ich gehe mal davon aus, dass das hier auch auf deutsch geht.
>
> Ich habe mich schon einmal mit der Neo Tastatur beschäftigt und finde 
> das Projekt wirklich super. Ich hatte mich mal ein bisschen in euer Wiki 
> und Code eingelesen. Eure Ansätze machen Sinn, allerdings fehlt meiner 
> Ansicht nach oft eine wissenschaftliche oder statistische Grundlage für 
> viele eurer Entscheidungen, was Gewichte oder Werte in der Optimierung 
> angeht.
>
> Ich bin mir sicher dass meine Daten euch da zumindest einen Startpunkt 
> liefern können, auch wenn sie nicht spezifische für die Modellierung des 
> Zehnfingersystems gesammelt wurden.
> Dies ist, nebenbei ein Punkt, in dem man die Neo Tastatur weiter 
> verbessern könnte. Was unser "How we type" Paper zeigt, ist dass Leute 
> sehr unterschiedlich tippen. Die meisten Computernutzer haben das 
> Zehnfingersystem nicht gelernt und ihre eigene Strategie entwickelt. Das 
> macht die Optimierung einer Tastatur natürlich umso schwerer. Aber auch 
> spannender. Wie können wir eine robuste Lösung finden, die optimal für 
> verschieden Tippstrategien funktioniert?
>
> Um Strategien zwischen Englisch- und Finnisch-Tippern vergleichen zu 
> können (welcher Finger drückt welche Taste), haben wir nur die 
> Buchstaben betrachtet die in beiden Sprachen vorkamen und jeden 
> Buchstaben gleich gewichtet. Die effektive Nutzung der Finger ist dann 
> natürlich wieder Sprachen und Textabhängig. Dennoch zeigt es welchen 
> Bereich die Finger auf der Tastatur abdecken, und das kann sehr 
> unterschiedlich sein. Eure Gewichtungen würden sich natürlich für jede 
> Strategie ändern. Für jemanden der nur den Zeigefinger der rechten Hand 
> benutzt ist die Qwertz "j" Taste genauso gut oder schelcht zu erreichen 
> wie die Qwertz "o" oder "m", zumal der Finger nicht auf der Qwertz "j" 
> Taste als Startposition ruht.
>
> Die richtigen Gewichtungen zu finden ist schwierig und ein gutes 
> Tippmodell, das die Tippgeschwindigkeit einer Buchstabensequenz 
> voraussagt, gibt es noch nicht. Alle mir bekannten Modelle sind auf das 
> 10-Finger System zugeschnitte und, noch schlimmer, beruhen auf den 
> Forschungen von vor über 30 Jahren (z.B. Dvorak oder Salthouse 
> <https://www.researchgate.net/profile/Timothy_Salthouse/publication/19446858_Perceptual_cognitive_and_motoric_aspects_of_transcription_typing/links/0c9605374d141d8cf1000000.pdf>).
>  
> Das Tippen auf modernen Keyboards geht wesentlich einfacher und wir 
> haben zum Beispiel herausgefunden, dass Bigrams die mit Fingern 
> unterschiedlicher Hände getippt wurden, kaum schneller sind als mit 
> Fingern der gleichen Hand, bei manchen ist es sogar langsamer - ein 
> Effekt der für Schreibmaschinen wieder und wieder berichtet wurde und 
> auf den alle Modelle aufbauen. Auf flachen Computertastaturen bei denen 
> es kaum Kraft benötigt eine Taste zu drücken, ist die Vorbereitung des 
> nächsten Buchstabens mit einem Finger der gleichen Hand oft genauso 
> schnell möglich wie mit einem Finger der anderen Hand.
>
> Ok, diese email wurde länger als gedacht ;)
> Um es kurz zu machen, ich Stelle euch meine Daten natürlich gerne zur 
> Verfügung. Das Paper wird allerdings offiziell erst im Mai 
> veröffentlicht und solange wird es noch dauern bis wir die Daten 
> ebenfalls veröffentlichen. Bis dahin kann ich euch aber Beispieldateien 
> zweier Studienteilnehmer zukommen lassen, wenn ihr interessiert seid.
>
> Eine Frage an euch hätte ich aber auch:
> Was ist eure Methode die Zeichen der unteren Ebenen zu optimieren 
> (Punktuation, Klammern, Sonderzeichen etc)? Oder wurde "einfach" 
> entschieden welche Modifier Tasten benutzt werden und wo welches Zeichen 
> hinkommt?
>
> Gruss,
> Anna Feit
>
>
> On 15.2.2016 23:15, Arne Babenhauserheide wrote:
>> Dear Anna Maria Feit,
>>
>> I am reading your paper How we Type. I’m a member of the Neo-Layout
>> community¹ and working on algorithmic optimizations of keyboard
>> layouts. For this we try to identify cost factors while typing — what
>> kinds of movements are problematic for typists — and use them to
>> optimize the keyboard layout to reduce strain on the hand.
>>
>> I thought that (a) this might interest you, and (b) your data might
>> provide part² of the information we need to improve the optimizer.
>>
>> Our current results are documented in the readme³ and the configuration
>> file⁴ of one of our optimization programs.
>>
>> Can you provide access to your timing data in a way which allows us to
>> derive cost factors from it?
>>
>> Best wishes,
>> Arne
>>
>> ¹: http://neo-layout.org
>>
>> ²: I assume that this will only provide part of the information, because
>>     your data is gathered from people who trained to use the movements in
>>     the QWERTY layout. However your result that the language does not
>>     matter so much hints at much easier application of the data.
>>
>> ³: README, partially in german:
>>     
>> https://bitbucket.org/ArneBab/evolve-keyboard-layout/src/81700c3d2765b6ae0f25164a3e53483340d3b956/README
>>
>> ⁴: config file describing the cost factors. The implementation is in a
>>    separate code file⁵:
>>    
>> https://bitbucket.org/ArneBab/evolve-keyboard-layout/src/81700c3d2765b6ae0f25164a3e53483340d3b956/config.py
>>
>> ⁵: Implementation of the cost factors:
>>     
>> https://bitbucket.org/ArneBab/evolve-keyboard-layout/src/81700c3d2765b6ae0f25164a3e53483340d3b956/layout_cost.py
>>

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