Hallo Martin, da ich immer häufiger mit Leuten aus den verschiedensten Interessengruppen in's Gespräch komme, erschliesst sich mir ein immer detailierteres Bild der Grundhaltungen. Vielen ist Freifunk tatsächlich erst einmal suspekt: "Leistungen ohne Gegenleistung? Sehr merkwürdig... Wo ist der Haken?". Dann wird so lange gesucht, bis ein realer oder eingebildeter Haken gefunden wurde. Schwupps, droht die Schmuddelecke. Sei's drum, hier meine persönliche Einschätzung:
Was "Missbrauch" angeht, finde ich es vollkommen egal, wer
Freifunkknoten aufstellt. Dadurch wächst in erster Line das Netz weiter,
was ja auch wünschenswert ist. Problematisch wird es, wenn Freifunk
gezielt ausgenutzt wird, sei es durch Vereinnahmung des Namens ("Wir
sind toll! Wir schenken euch Freifunk!") oder durch jeglichen, bewussten
Bruch der "Freifunkethik". Freifunk für illegale Aktivitäten zu nutzen,
Nutzerdaten auszuspähen oder zu manipulieren, Fake-Knoten als Köder
aufzustellen etc. sind definitiv Missbrauch. Jeder korrekt aufgestellte
Knoten ist ein guter Knoten. Letzten Endes sind sie alle gleich.
Ich würde es begrüßen, wenn Freifunk in seiner ursprünglichen, gewollten
Form Teil der Gesellschaft würde. Es wäre eine freie Alternative zum
regelrecht durchkommerzialisierten Internet. Wachtum um jeden Preis
hingegen schliesst sich bei Beachtung der selbst auferlegten Regeln
selbst aus. Dann wäre Freifunk gescheitert und nur ein Abziehbild seiner
ursprünglichen Idee, ein drahtloses Internet mit den selben Nachteilen
wie zuvor.
Gruß
Pascal
Am 09.09.2015 um 13:48 schrieb Martin Hüdepohl:
> Hi Leute,
>
> mal ein paar Fragen in die Runde:
>
> Was meint Ihr: Gibt es eigentlich sowas wie Missbrauch von Freifunk?
> Und wenn ja, wie würdet Ihr das definieren? Wie würdet Ihr es finden,
> wenn, sagen wir mal, moralisch nicht ganz koschere Unternehmen wie
> "Shell" oder "backfactory" Freifunk anbieten würden? Oder
> Scientology-Zentren? Würdet Ihr sagen: jeder Knoten ist ein guter
> Knoten?
>
> Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich mich positionieren soll. Wurde
> zu dieser Frage schon mal ein Konsens gefunden?
>
> Also, meine Erfahrung ist, dass sich diejenigen von Freifunk viel
> leichter überzeugen lassen, die einen konkreten, geldwerten Vorteil
> davon haben. Allerdings, wenn man überwiegend solche Leute anspricht
> - irgendwie würde das Freifunk ja tatsächlich in eine Schmuddelecke
> schieben; würde Freifunk in gewisser Hinsicht zum bloßen Service zur
> Umgehung der Störerhaftung diskreditieren.
>
> Sollte man so schnell wie möglich wachsen, so dass Freifunk bald nicht
> mehr aus der Gesellschaft wegzudenken ist? Oder sollte man "nicht
> wachsen um jeden Preis", wie Andre es formuliert hat?
>
> Richtig schwierige Fragen, finde ich.
>
> Es grüßt
>
> Martin
>
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