Am 19.05.2011 13:45, schrieb [email protected]:
...
Nun, ich persönlich finde alle grafischen Oberflächen, mit denen ich es
bisher zu tun hatte, absolut gesehen ziemlich Scheiße.
(Weshalb ich überwiegend Kommandozeilen- und Konsolen-Programme
verwende...)
Ich denke das stimmt, aber die meisten Leute inklusive mir haben immer
noch den Anspruch, irgend etwas noch so komplexes verwenden zu können,
ohne "die Betriebsanleitung zu lesen" geschweige denn einen Kurs zu
besuchen. Sie erwarten also ein intuitiv benutzbares UI, auch wenn es
das nicht wirklich gibt.
...
Damit sind wir auch schon bei einem weiteren wesentlichen Punkt: Die
Umstellung auf einen freien Desktop ist objektiv gar nicht schwerer, als
die Umstellung auf eine neuere Windows-Version. (Auch das wurde vor
Jahren in einer Studie gezeigt.) Die Gründe, wieso Nutzer sich
wesentlich mehr dagegen wehren, sind rein psychologischer Natur.
(Solange das System genauso heißt, nehmen sie implizit an, dass es
weniger Änderungen gibt. Außerdem sehen sie es als etwas
Unausweichliches -- während ein Umstieg auf freie Software eine bewusste
Entscheidung ist.)
Einverstanden. Jedoch tun sich die Leute genau deshalb offenbar weniger
schwer mit einem Umstieg z.B. WindowsXP zu Vista oder MS Office 2003 zu
2010, als bei kleineren Änderungen bei einem freien Programme.
...
Das stimmt zwar grundsätzlich; aber die Ursachen liegen in den
allermeisten Fällen nicht bei der Qualität der Software (und deren UIs),
sondern sind ganz wo anders zu suchen: Wenn man von der Umgewöhnung (und
den damit verbundenen Ängsten) absieht, liegen die Hauptprobleme bei
mangelnder Unterstützung für undokumentierte Hardware und unfreie
Dateiformate; sowie einer geringeren Anzahl von Leuten, die Support
leisten können.
Stimmt. Jedoch auch ohne dies: Ich mache gerade selber einen
Upgrade/Crossgrade von Kubuntu 8.04/KDE3.5/LTSP4.2 auf einem alten PC
auf OpenSuse 11.4/KDE4/LTSP5 auf einem performanten Server mit,
durchgeführt von einem verständnisvollen kompetenten Profi. Es ist
abgesehen vom Multimedia-Zeug ein Rückschritt, Bugs auf allen Ebenen,
weniger Perfomance, gravierende Usability Fehler, ein ziemlicher Verlust
von Arbeitszeit mit hoher Kostenfolge, wenn man jede Stunde bewerten
würde. Ich nehme an bei Win oder Mac wäre es noch schlimmer, aber da hat
man eben weniger Wahl. Jetzt stehe ich z.B. vor Entscheidungen wie: soll
ich die Langsamkeit von KDE4 und LTSP5 erdulden, oder zu Gnome und/oder
LTSP4 wechslen? Einerseits ist es schön, diese Freiheit zu haben, aber
sie kostet eben mehr, als wenn der Supporter einfach sagt: "Sie bekommen
Windows7 plus Programme XY und etwas anderes gibt es hier nicht!"
Nur solche die sich aus politischer Überzeugen oder technischem
Interesse die Mühe nehmen.
Das stimmt nicht wirklich: Es ist nach meiner Erfahrung (leider) immer
noch so, dass ein Großteil den Umstieg wagt, um den Stabilitäts- und
Malware-Problemen von Windows zu entkommen....
Ich kann hier nur für mich selbst sprechen. Ich hatte abgesehen von Spam
noch nie (bewusst) irgendein Security Problem und beschäftige mich
praktisch nie damit. Die Stabiltät und Malware-Resistenz von Linux ist
für mich deshalb selbstverständlich, bis etwas passiert. Hingegen sind
die Usability-Probleme insebesondere der GUIs und Anwendungen (vor allem
bei Upgrades) für mich dermassen nervend, dass ich sie ohne eine
politische/philosophische Motivation wohl nicht erdulden würde und mir
von Win oder Mac subjektiv Besserung versprechen würde - ob das nun
objektiv stimmt oder nicht. Ich kann deshalb jetzt etwas besser
verstehen, weshalb Projekte in diversen öffentlichen Stellen schief
gingen: die kleinen Probleme werden viel wichtiger genommen als die
grundlegende Funktionalität, die als selbstverständlich gilt.
Viele Grüsse, Theo Schmidt
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