Bernhard Reiter schrieb: > Am Montag, 4. Juni 2012 18:09:52 schrieb Dr. Michael Stehmann: > > Wer die Anwendbarkeit aller vier Freiheiten auch für andere Werke fordert, > > liegt damit eher auf der Linie von Debian als der der FSF. > > Aber die vier Freiheiten beziehen sich auf Software und über Jahre hinweg > entwickelt worden, um eine pragmatische Freiheit der Software-Anwendung > und -Nutzer gut zu sichern. Sie beziehen sich auf Eigenschaften von Software, > wie das Ausführen der Instruktionen und die juristisch gesellschaftliche > Einordnung von Software. > > Bei Dokumenten (die klar keine Software sind) gibt es andere Eigenschaften > und > Einordnungen. Eine Ansatz für viel Freiheit in der Gesellschaft sieht deshalb > auch leicht anders aus. Leider ist das lange nicht so gut durchdiskutiert, > wie bei Software. Einfach die vier Freiheiten zu übernehmen ist meiner > Ansicht nach zu einfach.
Grundsätzlich stimme ich zu, dass man die 4 Freiheiten nicht für alles fordern sollte, aber die Unterscheidung in Software und Nicht-Software finde ich willkürlich und nicht zielführend. Denn je genauer man hinschaut, umso mehr verwischen die vermeintlich klaren Grenzen zwischen Software und Dokumenten. Die prinzipiell unmögliche scharfe Abgrenzung von Code und Daten ist spätestens seit den 50er/60er Jahre mit Aufkommen der LISP- Sprachen bekannt. Selbst ein Dokument, das zunächst nicht als Software gedacht ist, könnte zu einer werden. Zum Beispiel könnte jemand daher kommen, und einenen technischen Standard wie die HTML-Spezifikation automatisiert zu interpretieren. Dann könnte man zwar argumentieren, dieser Interpreter sei ja die eigentliche Software, aber mit dieser Argumentation wäre auch jedes Perl-Script keine Software mehr, denn die "eigentliche Software" wäre ja dann der Perl-Interpreter. Weitere Beispiele finden sich in der Demo-Szene, wo in Echtzeit hohe Kunst errechnet wird. Wo endet die Abspiel-Software, wo beginnt die Musik- und Bildgestaltung? Zudem wird in der Software-Entwicklung doch immer viel Wert darauf gelegt, dass Code sich selbst gut dokumentieren soll. Das geht bis hin zum Literate Programming, wo das Handbuch nicht neben der Software existiert - nein, das Handbuch _ist_ die Software. Ich sehe daher Software eher als Mischform an, die sehr viele Charakteristika von Dokumenten, Kunstwerken, Anleitungen, etc. miteinander vereint. Daher lassen sich in meinen Augen sehr viele Argumentationen aus der Softwarewelt auch auf Musik, etc. übertragen. Nur als Beispiel: Warum ist eine "Non-Commercial"-Lizenz wie CC-BY-NC im Software-Bereich verpönt? Weil es viel geschickter ist, die Industrie mit ins Boot zu holen. Nun könnte man entgegnen, dass die Musik-Industrie eine viel "feindlichere" Umgebung ist als die Software-Industrie, zumindest was freie Werke angeht. Aber als Freie Software entstanden ist, war die Software-Industrie genauso "feindlich" wie die heutige Musik- und Filmindustrie. Dennoch hat es sich als sehr geschickt herausgestellt, ihnen die Hand zu reichen und sie Teil der Bewegung werden zu lassen - solange sie sich an die Spielregeln halten. Das heißt, auch strategisch gesehen ist sinnvoll, Künstlern für ihre freien Werke eher CC-*-SA statt CC-*-NC anzuraten. Solange der CC-Pool aber voller NC-Werke ist, wird sich keine neue Musik/Film/Buch-Industrie herausbilden, die freien Werken wohlgesonnen ist. In diesem Zusammenhang bin ich auch echt froh, dass Wikipedia und ähnliche Projekte sich nicht zur generellen NC-Lizensierung hinreißen ließen. Ich denke daher, dass es verkehrt ist, Software gegenüber allen anderen Arten von Werken scharf abzugrenzen. Stattdessen sollte man viel eher die Gemeinsamkeiten betonen - vorallem, was andere Industrien von dem Erfolgsmodell der Freien Software lernen können. Dennoch verstehe ich, dass man manchmal eine Abgrenzung machen will - etwa für politische Forderungen, dass bestimmte Dinge _immer_ frei sein sollen. Diese Abgrenzung würde ich aber nicht zwischen Software und Nicht- Software machen, sondern zwischen "Werkzeugen" und "Unterhaltung". Da gibt es zwar auch keine scharfe Trennlinie, aber zumindest trifft das den Kern des Problems in meinen Augen viel besser. Zum Beispiel sollten die 4 Freiheiten nicht nur bei Werkzeug- Software (Textverarbeitung, etc.) gefordert werden, sondern auch bei Lernmaterialien und Kartenmaterial, obwohl diese keine Software sind. Denn über diese wird ebenfals viel Macht ausgeübt. Weniger harte Forderungen würde ich an Unterhaltung stellen, aber hierzu zählen für mich nicht nur die neusten Kinofilme, sondern auch die meisten Computerspiele, obwohl diese ganz klar Software sind. Gruß Volker -- Volker Grabsch ---<<(())>>--- _______________________________________________ fsfe-de mailing list [email protected] https://mail.fsfeurope.org/mailman/listinfo/fsfe-de
