Hallo Kristian, danke für Deine persönlichen Erfahrungen zur Thematik.
On 10/8/19 8:37 AM, Kristian Rink wrote: > Bei Messengern habe ich das mit XMPP ebenso gemerkt: > Irgendwann *wollen* die Leute nicht den wackeligen XMPP-Client als > zusätzliches Tool haben, das alles ein wenig schlechter kann als all > die anderen Werkzeuge, die sie privat nutzen. Deswegen sollte es so langsam auch nicht mehr "<proprietäre Lösung> oder XMPP" heißen, sondern "<proprietäre Lösung> oder <freie Lösung, die nicht XMPP ist>". Das muss ja nicht unbedingt Matrix sein, sondern auch Mattermost oder RocketChat. Dass freie Lösungen den proprietären Lösungen in der Akzeptanz deswegen hinterherhinken, weil sie auf bestimmte Bedürfnisse schlecht, gar nicht oder zu spät eingehen, mag in der Diagnose auf den ersten Blick stimmen, berücksichtigt aber nicht das Problem, dass unser Wirtschaftssystem nicht *reagiert*, sondern diese bewusst *herstellt*. Das meinte ich mit "induzierter Bequemlichkeit": User werden bewusst so erzogen, dass sie unfreie Lösungen bevorzugen. Ich habe das an mir selbst beobachten können, weil ich in der Prä-Snowden-Ära (also bis Mitte 2013) selbst alles genutzt habe, was der Markt an proprietären Lösungen hergab. Der Wechsel kam einer Selbst-Amputation meiner digitalen Gliedmaßen gleich, nur um dann festzustellen, dass ich diese eigentlich nie gebraucht habe (aber ja, ich kann verstehen, warum zu einer derartigen "Selbst-Amputation" die wenigsten bereit sind - aber auch die Angst vor derartigen Maßnahmen halte ich für induziert). > Ich denke, je früher wir von der Idee "selbstbetriebener" Infrastruktur > als Standardfall wegkommen, desto besser für uns und für "Freie > digitale Infrastruktur". Okay, aber so können wir das Kapitel "Rest-Föderalismus im digitalen Raum" völlig begraben. Die Lösung für die großen digitalen Fragen heißt meiner Meinung nach nicht "*weniger* Föderalismus durch freie Software", sondern "*mehr* Förderalismus durch freie Software" (ja: die auf den funktionalen Bedarf, sei er gerechtfertigt oder nicht, adäquater reagiert). Das, was NewVector mit Matrix und Riot auf die Beine gestellt hat, halte ich diesbezüglich für ein Vorzeigeprojekt (weil: in der Lage, die "weniger autonomiebewusste" Mehrheit dort abzuholen, wo sie steht, ohne der "autonomiebewussten" Minderheit irgendetwas aufzunötigen, was mit ihren Prinzipien nicht vereinbar ist). > Dieses Modell halte ich schlicht nicht für > zukunftsfähig bzw. langfristig sinnvoll. Es skaliert nicht - wir > brauchen nicht Tausende Leute, die im Klein-Klein solchen Kram > betreiben, sondern lieber viele Leute, die sich gezielt und strategisch > hinter Lösungen scharen mit dem Ziel, "Freie" Alternativen zu schaffen, > die nicht nur "Frei", sondern auch von Funktionalität, Bedienbarkeit, > Administrierbarkeit, ... auf Augenhöhe mit Slack und Co. sind. Ferner: > Eigenbetrieb gibt der momentane Arbeitsmarkt eigener Erfahrung nach > nicht her (es fehlen Fachleute, die das auch für KMUs leisten könnten). > Dafür ist die Nummer mit der Infrastruktur, die man heute auch in > mittleren Unternehmen schon hat, viel zu groß, wenn man Themen wie > DSGVO, Compliance, ... anhängt und "richtig" machen will. Dafür ist > auch das Risiko für alle anderen zu groß, wenn man an DDoS-Angriffe > durch gekaperte, schlecht gepatchte Systeme denkt, die von > "irgendjemandem" installiert und mehr oder weniger "betrieben" wurden. ...und genau das meinte ich mit "Datenschutz, der dem Recht gerecht wird, aber nicht den Menschen": Unser Rechtssystem scheint mir faktisch die Interessen derer zu schützen, die sich eine Armada von Anwält/innen und Fachkräfte leisten können. Bei allen anderen verursachen die rechtlichen Auflagen puren Angstschweiß. Ich sehe darin keinen Zufall. Zum Thema "dies das auch für KMU leisten können" und konkret auf unser Thema bezogen: https://www.modular.im/services/matrix-hosting - sind das Preise, die KMU bereit wären, zu zahlen? Noch konkreter: Hätte die FSFE das Geld, für 1000+ User das Paket für 1498,50$/Monat zu zahlen? > Ich glaube, wir brauchen vielmehr einen robusten, datenschutzkonformen, > freien europäischen SaaS-Markt, der mit Ideen Freier Software vereinbar > ist und Nutzern, Firmen *trotzdem* die Möglichkeit gibt, dieses Stück > IT als spezialisierte Leistung genau so einzukaufen, wie man sich ein > Auto kauft (statt es selbst aus Einzelteilen zu bauen) oder sein Mittag > in einem Restaurant nimmt (statt sich die Tiere selbst zu züchten und > zu schlachten bzw. das Gemüse selbst anzubauen und zu ernten). Das halte ich wie bereits angedeutet nur auf den ersten Blick für einen zukunftstauglichen Weg. Um Deinen Vergleich mit Nahrungsmittelproduktion aufzugreifen, vergleiche mal die Aussagen von denen, die noch wissen wie man sich selbst versorgen könnte, mit meiner These zur fehlenden "Rechtschaffenheit" unseres Rechtssystems, bspw. anhand des (ca. einminütigen) Gesprächs am Esstisch einer Bäuerin in "The Uncertainty Has Settled": https://invidio.us/watch?v=KbGBcL3x_8s (9:20-10:04). Gruß Roland
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