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Aufruf zu Beiträgen

Theme: Warum Antisemitismus?
Subtitle: Zur Politischen Theorie der Judenfeindschaft
Type: Interdiszipliäre Tagung
Institution: Universität Duisburg-Essen
Location: Essen (Germany)
Date: 6.–8.5.2022
Deadline: 13.2.2022

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Hiermit laden wir dazu ein, vom 6. bis 8. Mai 2022 an der Universität
Duisburg-Essen Ansätze einer Politischen Theorie des Antisemitismus
zu diskutieren. Die Einladung richtet sich sowohl an etablierte
Wissenschaftler:innen als auch an den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Die Idee zu diesem Projekt entstand aus der Diagnose, dass
Antisemitismus in der Gegenwart offensichtlich immer wieder zum
Katalysator politischer Praxis wird. Ob auf den Demos der
Corona-Leugner:innen oder bei den rechtsterroristischen Attentaten
von Christchurch und Halle: Antisemitismus wird als Herzstück eines
verschwörungsmythologischen Zugangs zur Welt erkennbar.
Erstaunlicherweise scheint die Theorie des Antisemitismus diesen
praktischen Aspekt weniger zu beachten, obwohl es hierzu immer mehr
empirisches Material gibt. Theorien des Antisemitismus reagieren also
nur unzureichend auf die Ausdifferenzierung der empirischen
Antisemitismusforschung.

Gerade empirische Studien beziehen sich nach wie vor maßgeblich auf
Max Horkheimer und Theodor W. Adorno als theoretisches Fundament.
Dieselben hatten in den 1940er Jahren mit den Elementen des
Antisemitismus den Grundstein für die moderne Antisemitismusforschung
gelegt. Allerdings bezieht sich nicht nur die Forschung zu
Erscheinungsformen des Antisemitismus hauptsächlich auf die
Erkenntnisse der Kritischen Theorie. Auch die jüngeren Theorien des
Antisemitismus kommen immer wieder auf diese zurück. Doch eine genuin
theoretische Erweiterung auf Grundlage der Kritischen Theorie findet
kaum statt.

Diesem zentralen Defizit der Theorien des Antisemitismus soll sich
die Tagung stellen. Kritische Theorien der Gesellschaft haben bisher
nur sehr unzulänglich Fragen zur antisemitischen Praxis beantworten
können.

Diesem Problem soll sich interdisziplinär genähert werden. Dazu wird
Prof. Dr. Roger Griffin (Oxford Brooks University) einen
Einführungsvortrag halten, der nach der konstitutiven Rolle des
Antisemitismus für die Ideologie des Nationalsozialismus fragt.
Griffins politische Theorie der Palingenesis bietet die Möglichkeit,
sich mehr auf die antisemitischen Subjekte innerhalb von Bewegungen
zu konzentrieren und deren activism und enthusiasm zu analysieren, um
so Schlüsse auf deren Konstitution und Motivation ziehen zu können.

Erkenntnisleitend ist für uns, dass Antisemitismus als Praxis der
individuellen Partizipation an Herrschaftsstrukturen begriffen werden
kann und sollte. Mittels einer Praxis, die als
‚Selbstermächtigung‘ (Michael Wildt) beschrieben wurde, können sich
die an Bewegungen Partizipierenden über das gemeinsame Erleben
antisemitischer Gewaltakte als politische Subjekte erfahren. Doch
auch diese Erkenntnis bleibt eher theoriearm und vielmehr das
Ergebnis einer historisch-empirischen Dokumentenanalyse. In diese
begriffliche Armut soll die Tagung intervenieren.

Unserer Einschätzung nach ist für den Zugang zum Problem der Analyse
antisemitischer Subjekte und deren Praxis eine Politische Theorie
notwendig. Die Frage nach dem systematischen Zusammenhang der
Verfasstheit sozialer Ordnung und der Verfasstheit des Einzelnen –
als Frage nach der Politik und ihrem Subjekt – steht im Zentrum
Politischer Theorie. Sie antwortet daher darauf, wie Gesellschaft
sowohl durch Akteur:innen gestaltet wird, als auch wie Subjekte durch
eben jene Verhältnisse hervorgebracht werden, welche sie zu gestalten
beanspruchen.

Fragen der Tagung

In Adornos Rezeption Freuds oder der Beschreibung Eichmanns durch
Arendt wird der nationalsozialistische Antisemitismus als ein Wunsch
nach Auflösung des Individuums im Kollektiv beschrieben. Die
Einzelnen erlebten sich als Teil einer Gemeinschaft, die ihr je
individuelles Verhalten bestimmt und zu verantworten hat. Gleichwohl
wird im Zuge aktueller antisemitische Praktiken ein Streben nach
Befreiung voneiner abstrakten Unterdrückung geäußert. Selbst zu
denken, sich nicht anzupassen oder sich zu befreien, sind etwa
zentrale Motive der aktuellen Querdenken-Proteste. Auch hier
erscheint politische Praxis also nicht nur als heroischer Einsatz für
das Kollektiv, sondern gleichermaßen als Bewährung des eigenen
Handlungsvermögens und der individuellen Teilhabe an einer
Gemeinschaft.

Welche Bedeutung kommt einem solchen antisemitischen Kollektiv zu, an
das sich die Einzelnen in ihrer politischen Praxis binden und an
dessen Ideologie sie sich orientieren? Hier stellt sich zentral die
Frage nach dem Status des Kollektivs für das Subjekt. Zu prüfen wäre,
ob die Diagnose einer Determinierung durch gesellschaftliche
Herrschaftsstrukturen mit dem praxisrelevanten Selbstverständnis
antisemitisch Handelnder übereinstimmen kann.

Das hieße zu fragen:

- Welche Funktion erfüllt Antisemitismus für politische Bewegungen?
- Warum erfahren Akteur:innen sich gerade mittels Antisemitismus als
  Handelnde und nicht als durch ein Kollektiv beherrschte Objekte?
- Zerstört ein solches Kollektiv letztlich Subjektivität und löst sie
  in einer Masse auf?
- Ist Subjektivierung durch Antisemitismus nur eine Illusion – eine
  Nicht-Subjektivierung?
- Welche Formen von Verantwortung und Schuldfähigkeit sind an den
  Status eines (antisemitischen) Subjektes gebunden?
- Welche interdisziplinären Ansätze politik-, gefühls- oder
  subjekttheoretischer Art können zur Klärung dieses Problemkomplexes
  beitragen?
- Wie tradiert sich Antisemitismus trotz seiner Tabuisierung in der
  Bundesrepublik?

Einreichung des Abstracts

Gesucht werden Wissenschaftler:innen, die sich diesen und verwandten
Fragen mit unterschiedlichen disziplinären Hintergründen widmen
wollen. Senden Sie Ihre Abstracts für Vorträge von etwa 20 Minuten
bis zum 13. Februar 2022 an:
[email protected]

Die Abstracts sollten den Titel des Beitrags sowie Name und Anschrift
des:der Autor:in enthalten und nicht mehr als 2.500 Zeichen (inkl.
Leerzeichen) umfassen. Bitte fügen Sie einen kurzen Lebenslauf bei.
Bei Interesse, sich über die Moderation eines Panels oder das
Verfassen eines Tagungsberichts einzubringen, melden Sie sich gern
bei uns. Die Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Abstracts
können in beiden Sprachen eingereicht werden. Wir bemühen uns, die
Tagung in einen Sammelband münden zu lassen.

Die Tagung wird von der Hans-Böckler-Stiftung finanziert, es stehen
beschränkte Mittel für Übernachtungs- und Reisekosten zur Verfügung.
Wir bitten darum, bei Ihren Institutionen nach Möglichkeiten der
Kostenübernahme zu fragen.

Die Tagung findet vom 6.-8. Mai 2022 am Campus in Essen statt. Sollte
die pandemische Situation eine Veranstaltung in Präsenz unmöglich
machen, wird sie in den digitalen Raum verlegt.

Organisatoren

Anne-Maika Krüger (Technische Universität Berlin)
Felix Kronau (Universität der Bundeswehr München / Goethe-Universität
Frankfurt) Stefan Vennmann (Universität Duisburg-Essen)


Kontakt:

Stefan Vennmann
Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung
Universität Duisburg-Essen
Siegstr. 15
47051 Duisburg
Deutschland
Email: [email protected]




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