__________________________________________________
Ankündigung Theme: Philosophieren in der islamischen Welt der Moderne Subtitle: Eine interkulturelle Perspektive Type: Online-Ringvorlesung Institution: Arbeitskreis 'Interkulturelles Philosophieren: Theorie und Praxis', Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie (WiGiP) Location: Online Date: Sommersemester 2022 __________________________________________________ Mit Philosophieren in der islamischen Welt der Moderne ist primär die Philosophie in ihrer systematischen und doktrinären Vielfalt gemeint, die sich nur in argumentativer und begrifflicher Auseinandersetzung mit verschiedenen philosophischen – asiatischen, griechischen, europäischen, afrikanischen, nord- und lateinamerikanischen – Traditionen verstehen lässt. Die Philosophie ist somit nicht zwangsläufig an eine religiöse oder kulturelle Voraussetzung gebunden, sondern entsteht stets in einem interkulturellen und globalen Austausch. Der von Anke von Kügelgen 2021 herausgegebene vierte Band der Reihe Philosophie in der islamischen Welt(hg. v. Ulrich Rudolph), die im Projekt Grundriss der Geschichte der Philosophie (hg. v. Laurent Cesalli und Gerald Hartung im Schwabe Verlag) angesiedelt ist, widmet sich der Komplexität des Philosophierens im modernen arabischen, osmanisch-türkischen, iranischen und südasiatischen Sprachraum vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Mit diesem Grundlagenwerk wird weltweit erstmals ein fundierter philosophiehistorischer Zugang zu Philosoph:innen und Themen dieser Regionen in einer Gesamtschau vorgelegt. Die Ringvorlesung Philosophieren in der islamischen Welt der Moderne. Eine interkulturelle Perspektiveknüpft an dieses Werk an und stellt dieses Philosophieren anhand der Debatten zu Kritik, Säkularität, spekulativem Realismus und Moderne in einer systematischen und interkulturellen Perspektive vor. In vier Panels wenden sich die internationalen Gäste interdisziplinär und interkulturell verschiedenen philosophischen Themenkomplexen im arabischen, persischen und osmanisch-türkischen Sprachraum zu und eruieren die Möglichkeit eines globalen Philosophierens. Die Vorträge finden in zoom Stream statt. Koordination: Dr. Sarhan Dhouib Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie an der Universität Hildesheim, Feodor Lynen Stipendiat der Alexander von Humboldt Stiftung. In Kooperation mit: Philosophie in der Islamischen Welt der Moderne Leitung Kata Moser (Universität Göttingen), Roman Seidel (FU-Berlin) https://philosophy-in-the-modern-islamic-world.net Unter Mitarbeit von: Cristina Chițu Mitarbeiterin am Institut für Philosophie an der Universität Wien, Vorstandsmitglied der WiGiP Prof. Dr. Dr. Hans Schelkshorn Vorstand des Institut für Interkulturelle Religionsphilosophie an der Universität Wien, Präsident der WiGiP Vortragende und Termine 17. März, 19.00 (CET) via zoom Bitte um Anmeldung: [email protected] Dr. Sarhan Dhouib (Universität Hildesheim) Prof. em. Dr. Anke von Kügelgen (Universität Bern) Kritikauffassungen in der arabischsprachigen Philosophie Neben einer Reflexion über den Kritikbegriff in der arabischsprachigen Philosophie der Gegenwart, deren Auseinandersetzungen von Kant bis hin zur Kritischen Theorie der Gegenwart reichen, stehen eigenständige kritische Ansätze zu Kultur, Gesellschaft und Religion von unterschiedlicher philosophischer und theoretischer Fundierung. Dabei nimmt die Kritik (naqd) explizit neue Gestalt an und wird z.B. in Form von „Selbstkritik“ (an-naqd aḏ-ḏātī) bei Sadik Jalal al-Azm (1934-2016), „anthropologischer Kritik“ (an-naqd al-anṯrūbūlūǧī) bei Paul Khoury (1921-2021), „doppelter Kritik“ (an-naqd al-muzdawiǧ) bei Abdelkhébir Khatibi (1938-2009) und verschieden gearteter Rationalitätskritik u.a. bei ʿAbdarraḥmān Badawī (1917-2002), Mohammed Arkoun (1928-2010) und Muḥammad ʿĀbid al-Ǧābirī (1935-2010) entwickelt. Die Arbeiten zur Kritik entfalten sich in systematischen und argumentativen Schriften sowie in Essays, Aphorismen und Erwiderungen. In diesem Zusammenhang steht die Philosophie zum einen im Dialog mit anderen Disziplinen wie Orientalistik, Theologie, Literatur und Kunst; zum anderen tritt sie bewusst in Konflikt zu ihnen oder stellt sogar die Theologie als akademische Disziplin in Frage. Das Panel verfolgt das Anliegen, kontroverse Ansätze zur Kritik ausgewählter Autor:innen zu behandeln und ihre Aktualität in den Vordergrund zu stellen. 7. April, 19.00 (CET) via zoom Bitte um Anmeldung: [email protected] Dr. Michael Frey (Universität Bern) Prof. Dr. Elizabeth Suzanne Kassab (Doha Institute for Graduate Studies) Nassif Nassar über philosophische Unabhängigkeit und menschliche Freiheit Nassif Nassar (geb. 1940) ist einer der bedeutendsten arabischen Philosophen der Gegenwart. Mit seinen zahlreichen Schriften hat er seit den späten 1960er Jahre Debatten über Säkularismus, Demokratie, Toleranz und Gerechtigkeit sowie das Verhältnis von Tradition und Moderne mitgeprägt. Getragen wurde sein Denken stets von der Überzeugung, dass die philosophische Denk- und Diskursweise eine wesentliche Rolle dabei spielen kann und soll, die arabische Welt in eine demokratisch-freiheitliche Zukunft zu führen. In diesem Panel beschäftigen wir uns zum einen mit Nassars Forderung nach einer unabhängigen zeitgenössischen arabischen Philosophie, die im kritischen Dialog sowohl mit ihrer klassischen philosophischen und intellektuellen Tradition als auch der „westlichen“ Philosophie zu sich selbst findet. Zum anderen wenden wir uns Nassars Auseinandersetzung mit dem Freiheitsbegriff zu, in der er sich mit individuellen Freiheitsrechten, aber auch Pflichten gegenüber dem Gemeinwesen und der Umwelt auseinandersetzt. Ziel des Panels ist es, die Anliegen dieses Denkers in ihrem Entstehungskontext zu verstehen, aber auch Möglichkeiten eines transkulturellen systematischen Austausches auszukundschaften. 5. Mai, 19.00 (CET) via zoom Bitte um Anmeldung: [email protected] Dr. Mansooreh Khalilizand (Universität Münster) Dr. Roman Seidel (Freie Universität Berlin) Dynamik des Seins. Aktuelle Perspektiven auf Ontologie in Iran Der zeitgenössische philosophische Diskurs in Iran ist durch zwei bedeutende Entwicklungen gekennzeichnet: einerseits die sich im 19. Jahrhundert intensivierende Rezeption und Adaption moderner europäischer Strömungen der Philosophie und andererseits die Etablierung der Philosophie Molla Sadras, der zwar – ein Zeitgenosse Descartes – bereits im 17. Jahrhundert wirkte, dessen metaphysisches Denksystem aber erst im 19. Jahrhundert in Iran dominant wurde und bis heute enorm wirkmächtig ist. Dabei stehen insbesondere Sadras Analysen des Seinsbegriffs, dessen Bedeutung im Zusammenhang mit Wandel, Realität, Einheit und Vielfalt, sowie Wahrheit im Fokus vieler auch vergleichender philosophischer Diskussionen in Iran. Dieses Panel widmet sich der Metaphysik im Iran der Gegenwart in drei Schritten. In einem kurzen historisch-philosophischen Überblick wird Roman Seidel Kontext, Grundideen und Bedeutung von Molla Sadra in Iran heute einführen. Anschließend wird Mansooreh Khalilizand in ihrem Vortrag Das Sein Neudenken. Die andere Ontologie von Sadr al-Din Shirazi die Hauptlinien von Ṣadrās Denken, sowie einige seiner Kernkonzepte wie die Substantielle Bewegung, das Primat und die Gradation des Seins skizzieren und dabei das Innovative seines philosophischen Systems – auch im Verhältnis zur peripatetischen Tradition der islamischen Philosophie – erörtern. Zudem wird diskutiert, wie zentrale islamische Konzepte – Allah, Koran, Schöpfung – in Ṣadrās System eine radikale philosophische Transformation erfahren und was insgesamt in seinem Denken für uns heute von Relevanz sein kann. In einem moderierten Gespräch werden die Teilnehmer:innen des Panels schließlich über Perspektiven auf Ṣadrā als „zeitgenössischen Denker“ sowie über Anknüpfungspunkte seiner Philosophie im Kontext eines globalen philosophischen Diskurses mit Blick auf Denker des 20. Jahrhunderts - etwa Heidegger, Whitehead und Corbin - diskutieren. 9. Juni, 19.00 (CET) via zoom Bitte um Anmeldung: [email protected] Aspects of the Development of Modern Turkish Academic Philosophy The Ideal of Turkish Modernity in Turkish Philosophical Humanism Prof. Dr. Zeynep Direk (Koç University, Istanbul) Philosophical anthropology and value theory in the Turkish philosophical scene have been ardent philosophical buttresses of Turkish modernity. Inspired by Nicolai Hartmann and Max Scheler and, Turkish philosopher Takiyettin Mengüşoğlu and, his pupil, Ioanna Kuçuradi created an academic tradition, which I shall call "Turkish philosophical humanism," which influenced various generations of Turkish philosophers. Ioanna Kuçuradi, in particular, played an important role in institutionalizing this tradition. Her value theory in ethics was grounded on Mengüşoğlu’s ontological anthropology, which was enrooted in Mengüşoğlu’s interpretation of Hartmann. For both Mengüşoğlu and Kuçuradi, philosophical anthropology (ontology) is the fundamental ground of all philosophy: For example, Betül Çotuksöken's recent work claims to invent the notion of "anthropontology:" This neologism is, in fact, a reiteration of what I identify as the fundamental tenet of the Turkish philosophical, anthropological tradition, namely, every philosophy has a conception of man and an understanding of "moral value" that, implicitly or explicitly, accompanies its concept of man. In my talk I will not engage with the anthropologization at work in this tradition. I will inquire into the specific elements of this ontology and ethics that portrayed a philosophical and political image of the ideal citizen of modern Turkish Republic. Turkish philosophical humanism stressed that to conserve the value of human being the constitutional law must be revised, changed, and improved from an ethico-philosophical perspective. Moreover, to preserve the principles at the foundation of the Turkish State, it suggested that the employees in State institutions should be educated in philosophy and ethics. The secular personalism of Kuçuradi’s value theory, her concept of individual agency reflects best the new model of secular citizen that the political system aimed at nurturing. It required a new definition of human being, that can break with the collective and hierarchical social forms, which absorb in anonymity the individual as a decision maker and actor. On the Institutionalization of Academic Philosophy in the Republic of Turkey (1930s to 1970s) Prof. Dr. Christoph Herzog (University of Bamberg) Philosophy as an academic discipline had already been present in the late Ottoman Empire and was inherited by the Republic of Turkey. When the Darülfünun was dissolved and changed to Istanbul University in 1933, the German philosopher Hans Reichenbach was put in charge of the recreated department of philosophy. However, his vision of a thoroughly neo-positivist philosophical agenda for the new nation state did not materialize. Philosophy at Istanbul University became deeply influenced by German philosophical traditions. When philosophy was implemented in Ankara University in the 1940s, it was the French model of academia that was prevalent. However, philosophy in Ankara University acquired an emphasis on the history of science in the Islamic World. Philosophy, on the other hand, was strong in the Theological Faculty of that same university. While Reichenbach had been unsuccessful in his attempt in the 1930 implementing his vision of analytical philosophy in Istanbul in the 1930s, modern logic and analytical philosphy struck root during the 1960s at the newly founded Middle East Technical University in Ankara where, however, philosophy was not properly institutionalized as a department. These – and other examples – demonstrate that, although structural and political factors at times had a strong and undeniable impact on the institutionalization of academic philosophy and even on its basic orientation, in the end philosophers and their thinking proved unprojectable and unpredictable showing a distinct sense of autonomy (“Eigensinn”). Kontakt: Wiener Gesellschaft fuer interkulturelle Philosophie - WiGiP Email: [email protected] Web: http://www.wigip.org __________________________________________________ InterPhil List Administration: https://interphil.polylog.org InterPhil List Archive: https://www.mail-archive.com/[email protected]/ __________________________________________________

