herzliche grüße rundum, tw

JUNGE FREIHEIT  10/06 01. März 2006 

Der Wille zum Schmerz
 Jüngers Lektüren, zehnter Teil der JF-Serie: Nietzsche und Jünger, ein 
Deutungsversuch in drei Schichten
 Alexander Pschera 

Nietzsches Werk scheint dazu bestimmt zu sein, immer wieder auf Gemeinplätze 
reduziert zu werden. Der bündige, schmissige Stil, in dem dieses Werk über 
weite Strecken verfaßt ist, leistet dieser Vereinfachung Vorschub. Man kann das 
allerdings auch positiv sehen: Dynamistisch gehen Philosopheme hier über in die 
Sprache des wahren Lebens. Sie beginnen dort fortzuleben und, womöglich, die 
Realität zu verändern. 

Die Generationen, die nach dem unscharf zitierten Grundsatz „Was nicht tötet, 
härtet ab“ erzogen wurden, sahen in Nietzsche bekanntlich den Vertreter einer 
Philosophie der Macht und des „Übermenschen“. Sie sahen in ihm nicht den 
„Philosophen“, sondern vielmehr den Überwinder der Philosophie mit ihren 
eigenen Mitteln. Mit diesem Nietzsche im Tornister stritt es sich leichter. Wer 
will, kann darin den unmittelbarsten Einfluß sehen, den Philosophie unter 
Zurücklassung ihrer eigenen Zukunft aufs Leben zu nehmen imstande ist. Alle 
anderen sprechen von Mißverständnissen. 

Nietzsche-Maximen werden zu Zeichen 

Auch Ernst Jünger gehörte zu der Generation der eher pragmatischen 
Nietzsche-Anwender. Und so nimmt es nicht wunder, wenn sich in Jüngers Werk, 
auf das Friedrich Nietzsche einen kaum zu überschätzenden Einfluß ausübte, 
immer wieder jene kompakten Sätze finden, die, aus ihrem Zusammenhang genommen, 
ihre signalhafte Wirkung erst wirklich entfalten. „Was mich nicht umbringt, 
macht mich stärker“, „Denn alle Lust will Ewigkeit“, „Gott ist tot“, „Die Wüste 
wächst/Weh dem, der Wüsten birgt“: Diese Zitate sind zum einen ein Reflex jener 
generationsbedingten Signalverwendung der Sentenzen Nietzsches. Jünger zitiert 
beispielsweise bis in die allerspätesten Tagebücher den Satz „Gott ist tot“, um 
Nietzsche als Zeugen für die eigene Deutung der Erdgeschichte anzurufen. Dabei 
bleibt es unklar und letztlich auch irrelevant, wie Jünger diesen Satz 
Nietzsches versteht: ob als Endergebnis einer metaphysischen Spekulation oder 
aber, was etwas ganz anderes ist, als Feststellung einer gesellschaftlichen 
Realität, als eine Feststellung, die Gott nicht als substantiell tot, sondern 
als „nicht-von-den-Menschen-gelebt“ beschreibt. Für diese Art gedanklicher 
Ziselierung ist Nietzsche in der Wahrnehmung der Nietzsche-Pragmatiker der um 
die Jahrhundertwende Geborenen nicht zuständig. 

Allerdings tut man Ernst Jünger unrecht, wenn man nur diesen Einschlag sieht. 
Beschränkt man sich darauf, so dringt man nicht durch die erste 
Nietzsche-Schicht in Jüngers Werk hindurch, die durch eben jene Maximen 
gebildet wird. Die Nietzsche-Maximen stehen nicht isoliert als Reste einer 
wilhelminischen Lebenshaltung und eines körperbetonten Pragmatismus, sondern 
sie werden, wie alle Zitate in Jüngers Texten, in neue Zusammenhänge 
eingebunden. Um sie kristallisiert sich Jüngers eigenes Denken. Sie werden 
solcherart zu Zeichen, die der Vernetzung und Kommentierung bedürfen. Diese 
Zeichen veranschaulichen und erweitern den eigenen Gedankenfluß, ja sie geben 
ihm eine historische Perspektive. Indem Jünger diese Zeichen in die eigenen 
Texte aufnimmt und sie fortschreibt, stellt er sich selbst als Fortsetzer in 
jene Tradition. 

Nicht nur Jünger selbst sah sich als Erbe Nietzsches. Auch Martin Heidegger 
interpretierte Jüngers „Arbeiter“ und die „Totale Mobilmachung“ als die einzige 
zeitgemäße Aktualisierung von Nietzsches Denken. Jünger, so Heidegger, sieht 
die „heutige Wirklichkeit als Wille zur Macht“. Jünger setzt Nietzsches Denken 
fort, ja er führt es, die abendländische Metaphysik zu einem Ende bringend, 
weiter. Heidegger: „Was Jünger deutlicher sieht als Nietzsche ist das, was 
Nietzsche zu seiner Zeit in diesen Erscheinungen noch nicht sehen konnte, da 
sie selbst noch in der Wirklichkeit versteckt lagen. Im Ganzen sind es die 
Erscheinungen der Technik als der Grundweise der Einrichtung und Sicherung des 
Wirklichen als Wille zur Macht.“ 

Jünger kann diese Wirklichkeit als Wille zur Macht, die Nietzsche noch 
„erfragen“ (Heidegger) mußte, nun „beschreiben“, da diese Wirklichkeit jetzt 
sichtbar ist. Dies ist die zweite, auch chronologisch spätere Nietzsche-Schicht 
im Werk Ernst Jüngers. Doch bekanntlich zeichnet sich Jüngers Werk nach der 
zweiten Jahrhunderthälfte dadurch aus, jene nihilistischen Positionen der 
1930er Jahre hinter sich zu lassen. Was geschieht, so kann man fragen, an jener 
Schwelle mit Friedrich Nietzsche? In welche Schicht dringt der Leser, der 
immerhin schon bis hierher gekommen ist, dann vor? Oder anders gefragt: Was an 
Nietzsche nimmt Jünger mit „Über die Linie“? 

Die Geburt einer neuen Werteordnung 

Diese Frage läßt sich leichter stellen als beantworten. Pragmatische 
Nietzsche-Signale sendet Jünger bis 1996 aus. Diese Kontinuität vermittelt 
zunächst den Eindruck großräumiger Stringenz. Doch – und diese Einsicht hilft 
hier weiter – befinden wir uns erst auf der obersten Schicht. Es gibt einen 
markanten Punkt in Jüngers Werk, an dem bereits terminologisch ein Umschlag 
stattfindet, der von Nietzsche weg- und in die dritte Schicht sozusagen 
hinabführt. Dieser Wendepunkt ist gekennzeichnet durch die Einführung des 
Schmerzes als einem elementaren Wert. 

Jünger räumt in seinem Essay „Über den Schmerz“ (in der Sammlung „Blätter und 
Steine“, 1934) einem Phänomen breiten Raum ein, das in der Tradition Nietzsches 
höchstens als Stimulans körpereigener Widerstandskräfte und als 
Durchgangsstadium Berechtigung hat oder das – als „Leiden“ und „Mitleiden“ – 
für die Schwäche und Dekadenz der abendländischen Welt steht. Jünger aber 
anerkennt den Schmerz als eine Figur des Elementaren. Der Schmerz markiert die 
Geburt einer neuen Werteordnung, weil er zugleich den letzten und den ersten 
Wert der abendländischen Ordnung darstellt. Nicht die Überwindung des 
Schmerzes, sondern die Tatsache seiner unauflöslichen, unüberschreitbaren 
Existenz ist wesentlich. Die Bedeutung des Schmerzes liegt nicht darin, daß er 
den Menschen zum Duell herausfordert, in dem einer von beiden ausgelöscht wird, 
sondern darin, daß der Mensch im Schmerz eine Steigerung erleben kann. 

Denken in mythischen Räumen und Bildern 

Der Schmerz als Phänomen öffnet Perspektiven. Mit dieser Einsicht bewegt sich 
Jünger von Nietzsche weg. Er löst die Figur des Schmerzes aus dem Kontext des 
Leidens und Mitleidens, der für Nietzsche der Kontext der Schwäche des 
Christentums war, und verankert ihn tief in den Fundamenten des Seins. Jünger 
ersetzt dadurch den „Willen zur Macht“ durch einen „Willen zum Schmerz“. 

Damit sind eine Reihe von Konsequenzen verbunden. Jünger rückt mit dieser Kehre 
in die christliche Tradition des „Schmerzensmanns“ ein. Die Rückführung des 
Leidens auf den Schmerz als elementarer und letztgültiger Kategorie verweist 
Jünger auch zurück auf die Ursprünge des christlichen Abendlands. Äußeres 
Zeichen hierfür ist die zu diesem Zeitpunkt einsetzende Lektüre der Bibel und 
der Tagebücher Léon Bloys, deren Gegenstand ein christliches Leben ist, das im 
Schmerz seine Selbsterfüllung findet. 

Eine weitere Konsequenz: Jünger rückt ab von dem, was er selbst einmal den 
„heroischen Realismus“ genannt hat und was Heidegger neu formulierte als 
„Beschreiben des Wirklichen als Wille zur Macht“. Statt dessen entwickelt sich 
nun ein Denken in mythischen Räumen und Bildern, das die Wirklichkeit 
einschließt, sie zugleich aber auch relativiert. Es sind nun nicht mehr jene 
leeren, kahlgefegten Bühnen Nietzsches, auf denen sich mit unerbittlicher 
Konsequenz der Wille zur Macht entfaltet, die die Topologie der Jüngerschen 
Texte bestimmen. Die Bühnen dieser Texte beginnen sich nun mit mythologischem 
Personal zu füllen. Zu diesem Personal zählen von nun an nicht nur die Götter, 
sondern auch der christliche Gott. 

  

Dr. Alexander Pschera ist Germanist. Im Rahmen dieser JF-Serie sind bisher von 
ihm Beiträge erschienen über Ernst Jünger und Hermann Löns (JF 5/05), Léon Bloy 
(JF 9/05), Franz Kafka (JF 14/05), Aldous Huxley (JF 18/05) und Otto Weininger 
(JF 28/05). Von Harald Harzheim stammen Beiträge über Maurice Barrès (JF 23/05) 
und den Marquis de Sade (JF 37/05), von Alexander Michajlovskij über 
Dostojewski (JF 33/05) und von Wolfgang Saur über Jacob Burckhardt (JF 3/06). 

Foto: Nietzsche als Abiturient, aufgenommen 1864: Auf Ernst Jünger übte der 
Philosoph einen kaum zu überschätzenden Einfluß aus 

  

Zeit seines Lebens war der Schriftsteller Ernst Jünger (1895–1998) ein großer 
Leser. Mehr noch: Lektüre stellte einen Teil seiner Existenz dar. Spuren dieses 
Lesens durchziehen sein Werk – von den „Stahlgewittern“ bis zu „Siebzig verweht 
V“. Um Jünger zu verstehen, muß man diesen Spuren folgen, leiten sie doch zu 
Bedeutungsräumen, die hinter dem Text verborgen liegen. Jünger lesen heißt also 
„Spuren-Lesen“. Diese JF-Serie versucht, einige Fährten aufzunehmen und 
ansatzweise zu entziffern. Und sie will natürlich auch zur Lektüre von Jüngers 
Lektüren anregen. 

  

   

-- 
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
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