schöne grüße rundum, tw
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Erscheinungsdatum 05.04.2006
"War ganz nett"
Kein Briefwechsel unter Freunden: Gottfried Benn und Ernst Jünger schrieben
einander von 1949 bis 1956
VON INA HARTWIG
Nun, da die Email den handgeschriebenen beziehungsweise auf der Schreibmaschine
getippten Brief ablöst, wächst das Bewusstsein für den Wert des Papiermediums.
Kürzlich wurde der Briefwechsel zwischen Wolfgang Koeppen und Siegfried Unseld
publiziert (FR vom 30. März), und die Deutung, hier würde der über dreißig
Jahre lang aufgeschobene, nie fertiggestellte Roman des Autors gewissermaßen
"ersetzt" durch einen kunstvoll neurotischen Briefwechsel mit seinem Verleger,
mag den Kern erfassen: dass nämlich Briefe über das Potential verfügen,
Literatur zu sein.
Gilt das auch für den Briefwechsel zwischen den Schriftstellerkollegen
Gottfried Benn (1886-1956) Ernst Jünger (1895-1998)? Im emphatischen Sinne
bejahen lässt sich die Frage nicht. Dass der Dichter und Hautarzt Benn ein so
begnadeter wie zwanghafter Epistolograph war, steht fest. Jeden Tag schreibt er
mehrere Briefe und Notizen, gern auf Rezeptzettel, gern an Frauen, mit denen er
gerade bändelt; aber auch an seine Tochter, seinen Verleger, an Kollegen und
Freunde, wobei das größte Konvolut der Briefwechsel mit seiner männlichen Muse
F.W. Oelze ausmacht, dem Gentleman aus Bremen. Originell ist Benn immer, der
Ton jedoch wechselt stark, je nachdem, ob er seinen Briefpartner
beziehungsweise seine Briefpartnerin mag oder nicht. Ernst Jünger mag er
offenbar nicht besonders.
Umgekehrt fühlt sich Jünger von Benn extrem angezogen. Allein zu diesem und zu
Oswald Spengler habe er von sich aus den Kontakt gesucht, wie er Vertrauten
gesteht. In den zwanziger Jahren will er Benn bereits einen Brief geschrieben
haben, der unbeantwortet blieb. Jünger ist zäh. Am 3. November 1949 lässt er
durch seinen Sekretär Armin Mohler dem Berliner Kollegen sein jüngstes Buch
Heliopolis zukommen, mit handschriftlicher Widmung, was der Beschenkte - gegen
den Rat seiner Frau Ilse Benn, die für Nichtbeachtung plädiert - mit einem
freundlichen Dankesbrief und Zusendung seines Goethe-Aufsatzes beantwortet.
Dieser Briefwechsel bleibt das Zeugnis ungleicher Zuneigung. Noch ein Jahr vor
Jüngers Kontaktaufnahme wettert Benn gegenüber Oelze: "Ernst Jünger! Da ich
immer wieder mit dem zusammen genannt werde, interessiert er mich allmählich u.
ich las (. . .) ,Strahlungen'. Ich las Satz für Satz, fing mit
kameradschaftlichen Gefühlen an, las die ganze Sylvesternacht (...) u. ich muss
sagen: katastrophal! Weichlich, eingebildet, wichtigtuerisch u. stillos.
Sprachlich unsicher, charakterlich unbedeutend."
Die Laune des Capitano
Die Freunde Jüngers, besonders das "Sorgenkind" Gerhard Nebel, sind in ihren
Ausfällen gegen Benn auch nicht gerade zimperlich, wie Holger Hof, der
Herausgeber des Briefwechsels, treffend bemerkt. "Benn halte ich für einen
Schädling ersten Ranges, ihm muss das Handwerk gelegt werden", ätzt Nebel in
einem Brief an Jünger. Armin Mohler wiederum beschwichtigt das "Sorgenkind", es
möge Benn nicht öffentlich herunterzuputzen, "um den Capitano heraufzuheben":
"Er würde das gar nicht schätzen, denn er legt grossen Wert auf gute
Beziehungen zu Benn."
Die sollte Capitano Jünger schließlich haben, von 1949 bis zum Tode Benns im
Jahr 1956. Gute, aber keine freundschaftlichen Beziehungen. Es will ihm einfach
nicht glücken, Benn in seinen Strudel des Werbens hineinzuziehen, wozu etwa die
Aufforderung gehört, gemeinsam mit Drogen zu experimentieren ("Wir sollten uns
auch einmal über Mescalin unterhalten"). Ein andermal beschwört er Benn, ihn am
Mittelmeer besuchen. Benn bleibt spröde - und auf verführerische Weise
fatalistisch: Als Stimulantien genügten ihm "Cafe und Cigaretten". Dem
geliebten Süden entsagt er. Nicht einmal nach Frankfurt am Main ist er zu
kommen bereit, wohin die "schöne Frau von Schnitzler" (Benn) zu einem kleinen
Symposion mit Carl Schmitt, Jünger und dem Sohn Max Beckmanns geladen hat. Er,
Benn, habe zu wenig Geld, vor allem sei er "kein Salonmatador", er "schweige
meistens und gebe allen andern recht". Man könnte seine Methode im Umgang mit
Jünger Abwehrstilisierung nennen.
Aber im Mai 1952 gelingt dann doch ein Treffen, ein einziges Mal, in Benns
Berliner Wohnung, Bozener Straße 20. Jünger kommt "inkognito", was immer das
heißen mag. Ilse Benn, die Zahnärztin, ist ebenfalls zugegen. Wenige Tage
später lässt sich Benn im Brief an Jünger zu einem "herzlichen Gruss"
hinreißen, man denke "gerne" an seinen Besuch zurück, und im übrigen wünschten
er und seine Frau Jünger "einen schönen Sommer (. . .) mit Ihren Käfern u.
Steinen und Flechten". Die süffisante Überheblichkeit Benns vermag nicht zu
verhindern, dass die beiden Herren fortan Grüße und Glückwünsche zu
Geburtstagen, zum Jahreswechsel oder zu erhaltenen Literaturpreisen austauschen.
Wer war die Tänzerin?
"Kommen Sie auch einmal zu mir", bittet Jünger zwei Wochen nach der Berliner
Begegnung, und fügt hinzu: "Hinsichtlich der Tänzerin habe ich Ihren Rat
befolgt, und ich bin neugierig, wie sich die Angelegenheit entwickeln wird."
Schade, dass der Herausgeber in seinem vorzüglichen Anmerkungsapparat und
Nachwort über die Tänzerin lediglich mitteilen kann: "nicht ermittelt".
"Vorige Woche hatte ich Besuch von - - Ernst Jünger!", meldet Benn zeitgleich
an Oelze. "War ganz nett. Bescheidener als ich erwartet hatte. Wie sieht er
aus? Nicht so eitel u. affektiert wie seine Bilder. (. . .) Wir tranken ganz
reichlich u dabei kamen wir uns näher u wurden offen miteinander." So offen
wird Benn, dass er Jünger in seine Pensionsbezüge einweiht, und dies wieder mit
einer umwerfenden Direktheit: "Sehr angenehm - Geld ohne Arbeit; mir ein ganz
neuer Begriff."
In ihren Abneigungen gegen den damaligen Präsidenten des P.E.N.-Clubs und
späteren DDR-Kulturminister Johannes R. Becher oder gegen den Emigranten und
Publizisten Peter de Mendelssohn stimmen Benn und Jünger vollkommen überein.
Der Kommunismus ist ihnen offenbar noch mehr zuwider als die junge
bundesdeutsche Demokratie. Beide würgen an ihrer Vergangenheit beziehungsweise
daran, dass die Nachkriegsöffentlichkeit sie für ihre kurzfristigen
Nazi-Sympathien abstraft.
Dennoch ist 1949 für Benn das Jahr seines "brillanten Comebacks", wie
Marguerite Valerie Schlüter im Nachwort zu Benns Briefen an den Limes Verlag
formuliert, die jetzt im Rahmen der Werkausgabe bei Klett-Cotta erschienen
sind. Benn und Jünger geben sich ähnlich entrückt - wobei ersterer den Gefahren
der Eitelkeit mit weit mehr Esprit zu begegnen versteht: Man könne gern
behaupten, er sei "Kommandant von Dachau" gewesen und übe "Geschlechtsverkehr
mit Stubenfliegen" aus; es sei ihm egal, er widerspräche nicht. Jünger
seinerseits, der Benn lang überleben sollte, klopft sich noch 1989 im Interview
mit der Zeit auf die Schulter, im Unterschied zu Benn habe er sich frühzeitig
von den Nazis abgewandt. Was der ehemals im schönen Paris stationierte deutsche
Wehrmachtsoffizier Jünger damit wohl sagen wollte? Mit sicherem Instinkt hatte
Benn, als er Jünger für die Zusendung von Heliopolis dankte, die Verse
beigelegt: "Wir sind von Aussen oft verbunden,/wir sind von Innen meist
getrennt". Innerlich getrennt, das blieb Benn unabweisbar.
Medizinische Lässigkeit
Es dürfte gerade deshalb von Bedeutung sein, dass Jünger noch 1970 einen
literarischen Text von sich, Annäherungen, mit einem Benn-Brief gewissermaßen
schmückt. In diesem Brief, den der schwerkranke Benn ihm im Frühjahr 1956, gut
drei Monate vor seinem Tod am 6. Juli, schreibt, kommt jene frappante
medizinische Lässigkeit im Umgang mit dem eigenen Körper zum Ausdruck, die
Jünger fasziniert und die ihm, dem Ästheten der Kälte, nicht zur Verfügung
steht.
"In guter Erinnerung ist mir ein Abend bei Gottfried Benn", setzt Jünger an.
"Lieber hätte ich ihn am Mittelmeer getroffen, an Küsten, an denen man aufatmen
kann, als ob man aus dem Zuchthaus käme, und an denen auch er sich wohlfühlte.
Doch er schrieb mir, ich glaube nach Montecatini: ,Würde gern mit in den Süden
fahren, aber ich müßte soviel Diätregeln befolgen (Duodenalgeschwür) soviel
Medikamente mitnehmen (Rheumatismus), soviel Salbentöpfe einpacken (Ekzem), daß
ich mich nicht fortgetraue. Bis zum siebzigsten Jahr konnte ich meinem Körper
zumuten, was ich wollte; er parierte und tat alles, was mir gefiel. Plötzlich
große Baisse, und die albernen Worte ,allergisch' und ,neurovegetativ' nützen
mir nichts, helfen mir nicht weiter.'"
Die meisten der in dieser Ausgabe erstmals ungekürzt abgedruckten Briefe Benns
sind in den Ausgewählten Briefen des Limes Verlags von 1957 enthalten. Doch
noch nie ist die Benn-Jünger-Beziehung so komplex gebündelt worden. Eine
geschickte Entscheidung des Herausgebers war es, einige Seiten aus Jüngers
Annäherungen - mit der Erinnerung an den Besuch bei Benn - dem Briefwechsel
anzufügen. Diese Passagen werden Jüngers literarischem Talent gewiss gerechter
als dessen Briefe, die gegen Benns epistolarische Kunst kaum ankommen.
Scharfsinnig und irgendwie zartfühlend schildert Jünger die Bennsche Wohnung,
in der gleich zwei Arztpraxen von unterschiedlichster Anmutung untergebracht
sind. Bei Ilse Benn, sinniert Jünger, "sich einen Zahn ziehen zu lassen, musste
fast ein Vergnügen sein".
Er schlürfte also nicht nur des Gastgebers Burgunderwein, sondern Atmosphäre.
So wird nachträglich deutlich, wer der Profiteur dieses ungleichen
Briefwechsels war. Wenn man denn in diesen Kategorien urteilen möchte.
Gottfried Benn / Ernst Jünger: "Briefwechsel 1949 - 1956." Herausgegeben,
kommentiert und mit einem Nachwort von Holger Hof. Klett-Cotta Verlag,
Stuttgart 2006, 154 Seiten, 14,50 Euro.
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