herzliche grüße tw
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Erscheinungsdatum 05.04.2006
Ein Singen über den Köpfen
Julia Encke untersucht die literarische und psychologische Mobilmachung der
Sinne zwischen 1914 und 1934
VON OLIVER PFOHLMANN
"Liebe Eltern, anbei Ansicht vom Kasino mit zerschossener Tür", schrieb Ernst
Jünger 1915 auf die Rückseite eines Fotos. "Hebt bitte alle meine Bilder auf,
ich möchte sie als Andenken sammeln." Offenbar grassierte auch unter Jüngers
Kameraden die damals an der Front verbreitete Amateurfotografie. Im Nachlass
Jüngers fand sich eine ganze Sammlung mit rund 200 Bildern aus den
Weltkriegsjahren, Aufnahmen von zerstörten Kirchen oder Szenen aus dem
Frontalltag: Männer beim Befestigen von Gräben oder beim Trinkgelage.
Eines der Fotos zeigt Jünger lesend im Schützengraben, ein anderes nur mit
einem Handtuch beschürzt beim Sonnenbad - bizarre Erinnerungsbilder aus den
langen ruhigen Zwischenzeiten im Krieg, wie sie in dieser Zeit massenhaft
entstanden. Die mit den ersten handlichen Apparaten wie der "Bubi"
festgehaltenen Motive blieben wie bei Jünger auffallend statisch, die
"Frontschweine" porträtierten sich gegenseitig. Selten wagte es einer, die
Kamera über den Schützengraben zu halten. Zu sehen war dann wenig mehr als eine
menschenleere Mondlandschaft mit einem fernen Stacheldrahtgewirr. Dass
Aufnahmen von Kampfszenen eine Seltenheit blieben, verwundert nicht. Im
Ernstfall betätigte man doch lieber den Abzug seines Gewehrs als den Auslöser
der Kamera.
Ein ganz anderes Antlitz des Weltkrieges präsentierte Jünger dagegen in den
Weimarer Jahren. In seinem gleichnamigen Bildband mit "authentischen"
Amateuraufnahmen dominiert die Action. Todesmutig klettern da die Soldaten aus
den Gräben und stürmen dem Feind entgegen, ungeachtet der neben ihnen
einschlagenden Granaten. Oft genug freilich war die Action ein Produkt des
Labors, nicht des Schlachtfelds. Denn das Medium Fotografie ist nicht erst seit
den Möglichkeiten heutiger Bildbearbeitung trügerisch. Julia Encke, die in
ihrer instruktiven Dissertation die literarische und psychologische
Mobilmachung der Sinnesorgane im und nach dem Ersten Weltkrieg untersucht,
macht an vielen der von Jünger präsentierten Bilder nachträgliche Retuschen
kenntlich, aufgesprühte Explosionen oder eingezeichnete Einschläge.
Jüngers Bildbände, Parallelaktion
Jüngers Bildbände waren eine Parallelaktion zu seiner politischen Publizistik
in den zwanziger Jahren, lautet Enckes überzeugende These. Die Niederlage von
1918 sollte in einen Triumph des Willens verwandelt werden, das geschlagene
Volk sich psychisch rüsten für den "kommenden Krieg". Bilderserien von
Gefährlichen Augenblicken (wie ein weiterer Jüngerscher Bildband hieß) mit
Schnappschüssen verunglückender Sportler sollten dem Leser ein
"Schock-Training" bieten, "eine Art Trimm-Dich-Pfad" für das Überleben in der
"gefährlichen Landschaft". Die Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung widerspricht damit Karl Heinz Bohrer, für den die bei Jünger zu
findenden Beispiele für Momente der "Plötzlichkeit" eine rein ästhetische
Angelegenheit sind, frei von allen ideologischen Verunreinigungen und Beleg für
Jüngers Zugehörigkeit zur literarischen Moderne.
Während Bohrer genetische Aspekte ignoriert, untersucht Encke Jüngers
jahrzehntelange Revision seines Kriegsjournals, vom Ur-Tagebuch, das dem
schneidigen Stoßtruppführer auch als Merkbuch diente ("Eier: 0,50; Milch: 0,20
Kartoffeln: 1,50"), bis zur sechsten Bearbeitung von 1978. Das Ergebnis: In
Jüngers Stahlgewittern blitzt und donnert es im Lauf der Zeit immer heftiger;
jene Plötzlichkeitsmomente sind häufig nachträgliche Einschübe, Erweiterungen,
Ausmalungen. "Jüngers heißer Atem der Schlacht' entstammt der Schreibstube",
folgert Encke. "Die jahrzehntelange Korrektur an den Stahlgewittern ließe sich
(
) als unablässiges Retuschieren an den Bildern des Krieges beschreiben."
Es ist eine männlich heroische Lust am Erhabenen, an der Souveränität des
Subjekts, die Jüngers Frühwerk dominiert. Dass er sich zur sensorischen
Abhärtung seiner Leserschaft des Sehsinns bediente, ist kein Zufall, kann
dieser doch die Objekte auf Distanz halten. Beim Hören ist das schwieriger,
charakteristisch für das Ohr ist das Moment der Teilhabe. Nach Encke avancierte
unter den Bedingungen des Stellungskrieges jedoch gerade das Gehör zum
wichtigsten Sinnesorgan. "Über unseren Köpfen singt es, tief hoch", heißt es
etwa im Kriegstagebuch Robert Musils. "Man unterscheidet die Batterien am
Klang. tschuh i ruh oh - puimm."
Das Ohr, Einbruchstelle des Traumas
Während man in den Lazaretten das vom Trommelfeuer beschädigte Ohr als
Einbruchstelle des Traumas identifizierte, entwickelten in den Dienst genommene
Experimentalpsychologen wie Musils Freund Erich von Hornbostel riesige
Horchgeräte, mit denen sie an der Front den Feind belauschten. Nicht umsonst
sprach man vom "Maulwurfskrieg", bei dem sich Deutsche und Franzosen
wechselseitig unterminierten. Die eindringlichen Beschreibungen vom Alltag der
stollengrabenden Soldaten gehören fraglos zu den Stärken von Enckes
materialreicher und erfreulich lebendig geschriebener Studie. Unter der Erde
war man ganz aufs Ohr angewiesen - aber hörte man wirklich die Spitzhacke des
Feindes? Oder nur das Klopfen des eigenen Herzens? Gerade der Ambiguität des
Hörsinns widmeten sich in der Nachkriegszeit, wie Encke in luziden
Interpretationen zeigt, sensiblere Autorengemüter wie Kafka oder Musil. Dem
Maulwurf in Kafkas Der Bau macht ein mysteriöses Zischen die ersehnte
Einsamkeit im selbstgegrabenen Labyrinth zur Hölle. In Musils Novelle Die Amsel
lauscht der Protagonist einem "leisen Klingen", das allmählich zu einem
singenden, auf ihn gerichteten Laut wird - der Ton eines Fliegerpfeils oder das
Singen Gottes?
Wahrnehmungspsychologen arbeiteten deshalb nach dem Krieg an der Mobilmachung
auch des Gehörs. Erich Waetzmanns Schule des Horchens sollte den Hörsinn so
disziplinieren, dass sich künftige Krieger "der Führung des Ohres" anvertrauen
konnten. Wenig später sorgten die Volksempfänger der Nazis für die praktische
Erprobung. Wie aber alle Disziplinierung der Sinne sinnlos wurde, weil es
nichts mehr wahrzunehmen gab, machte der Einsatz von Giftgas deutlich. Der
"Hunnenstoff" Lost, das von den Deutschen entwickelte Senfgas, war praktisch
geruchlos.
Julia Encke: "Augenblicke der Gefahr. Der Krieg und die Sinne 1914-1934."
Wilhelm Fink Verlag, München 2006, 285 Seiten, 36,90 Euro.
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