Liebe Jünger-Freunde,

in der morgigen FAZ ist eine Besprechung des diesjährigen Jünger-Symposions 
enthalten, verfaßt von Martin Thoemmes. 
Text s. unten.

Herzliche Grüße rundum, Ihr/Euer TW


Text: F.A.Z., 19.04.2006, Nr. 91 / Seite 38
Keine Uhr im Wald
Ein Symposion mustert den Zeitbegriff der Brüder Jünger

Letzter Tag des 8.Ernst-Jünger-Symposions: Der "Wilflinger Musikverein" hatte 
gerade den Marsch "Preußens Gloria" beendet, die Stimmung war gehoben. Die 
Witwe Lieselotte Jünger, den Jünger-Lesern auch bekannt als das "Stierlein", 
und der Bildhauer Gerold Jäggle enthüllten dessen gelungenes Denkmal am 
Wilflinger Weiher - aber auch ein Desaster: Irgendein Schelm hatte dem 
bronzenen Jünger in einer vermutlich nächtlichen Aktion sowohl eine rote 
Pappnase als auch einen Büstenhalter appliziert. Es folgte nicht, wie man hätte 
glauben können, ein Aufschrei der Empörung, sondern ein nachhaltiger 
Heiterkeitsausbruch, dem sich weder die Witwe noch der Bildhauer, noch 
irgendeine andere Spektabilität zu entziehen vermochten.

Diese kuriose Szene kennzeichnete das gesamte Symposion. Es strafte die längst 
angerosteten Klischees über weihevoll dräuende Jünger-Jünger nicht zum ersten 
Mal Lügen. In heiterer Gelassenheit und - zumeist - größter Luzidität berieten 
Referenten verschiedener Nationalitäten und wohl auch unterschiedlicher 
politisch-geschichtsphilosophischer Herkunft hauptsächlich das vorgegebene 
Thema des Zeitbegriffs bei den Brüdern Ernst und Friedrich Georg Jünger. Der 
Freiburger Philosoph Günter Figal setzte das Motto. Bei Ernst Jünger lerne man 
- insbesondere in seiner Schrift "An der Zeitmauer" und im Buch "Das 
Abenteuerliche Herz" - etwas über die Zeit, was es sonst nicht gebe. Der 
traditionellen Sicht, daß die Zeit ein Prozeß des Kommens und Vergehens und wie 
ein Fluß sei, stelle Jünger die Zeit als Ordnung entgegen, aus der es 
anarchische Ausbrüche gebe, "Stürze aus der Ordnung der Zeit", beispielsweise 
im Phänomen des "zweiten Gesichts", in der die Zukunft momenthaft zur Gegenwart 
werde, in der Vergegenwärtigung nicht Anwesender und in der Kunst, insbesondere 
in derjenigen des Surrealismus. Die "Zeitmauer", welche die Ordnung der Zeit 
vom Zeitlosen trenne, scheide nicht nur, sondern verbinde auch und werde 
zuweilen brüchig.

Der junge Moskauer Philosoph Alexander Michajlowskij sieht bei Jünger jedes 
Verlassen des Gleichmaßes der Zeit wie den Rausch, den Schlaf und das 
Herantreten an das Heilige als Vorstufen des Todes. In diesen Zuständen 
verlasse der Mensch seine Rolle als "Zeitmanager" einer mechanistisch 
verstandenen Zeit. Im Bild des Waldes, das in seiner Schrift "Der Waldgang" 
aufscheint, sei der Ort auch des zeitlich verstandenen Überflusses, der Mensch 
trete aus der Region des "Anschlusses", des Metrischen und nähere sich dem 
Bereich der Ewigkeit. Im Wald, wo es keine Uhr gebe, so Michajlowskij, befreie 
sich der Mensch von seiner alltäglichen Galeerenarbeit. Der Wald in diesem 
Sinne, der auch in der Großstadt zu finden sei, und der Rausch führten aus der 
mechanischen Zeit heraus, wobei es Michajlowskij als bedenklich einstufte, daß 
heute Drogen zunehmend dazu mißbraucht würden, um "fit" für den Alltag zu sein.

Steffen Dietzsch (Berlin) und Giuliana Gregorio (Messina) konnten an die 
anderen Vorträge anknüpfen, als sie über den Zeitbegriff bei Friedrich Georg 
Jünger sprachen, wobei auffiel, daß auf der Tagung, wenn von "Jünger" 
gesprochen wurde, zumeist Ernst gemeint war. Technisch gewonnene Zeit sei im 
Sinne Friedrich Georg Jüngers keine wirklich freie Zeit, sondern gemessene, 
also "tote Zeit". Im Unterschied zur als linear angenommenen Zeit des 
christlichen Wirklichkeitsverständnisses war Friedrich Georg Jünger, wie 
Dietzsch systematisch darlegte, von der zyklischen Zeit, dem Gedanken der 
Wiederkehr durchdrungen, geschichtsphilosophischen Konstruktionen habe er 
mithin wenig abgewinnen können. Auch alles Gedachte sei eine Wiederkehr, wobei 
Dietzsch zwischen Wiederkehr und Rückkehr begrifflich scharf unterschied.

Gregorio verglich Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen mit 
Friedrich Georgs Theorie der Wiederkehr und fragte, ob Nietzsches Lehre nicht 
als ein perpetuum mobile zu verstehen sei. Jüngers Sicht sei weniger 
titanenhaft und antiker als Nietzsches Lehre. Entgegen landläufiger Ansicht sei 
hingegen Friedrich Georg Jüngers Lehre von der Wiederkunft, auch der 
Wiederkunft des Göttlichen, dionysischer als diejenige Nietzsches. Jener sah 
die Wiederkehr stärker in Kosmos und Natur, im dionysischen Festzug von Mensch 
und Tier, kurz: im Überfluß. Hier sei die Konstruktion des Nietzscheschen 
"Übermenschen" völlig entbehrlich, der Mensch werde bei Jünger so angenommen, 
wie er sei, sie pries in diesem Sinne die "Humanität" Friedrich Georg Jüngers.

Am Vorabend der eigentlichen Tagung bestand Arnold Stadler darauf, nicht als 
Schriftsteller, sondern als Leser über die Reisetagebücher Ernst Jüngers zu 
sprechen, und berichtete erheiternd über die Kontroverse zwischen letzterem und 
Martin Heidegger über den Sinn des Reisens. Unmittelbar vor einer Weltreise im 
Jahre 1965 erhielt Jünger einen verdikthaften Brief Heideggers, der mit Lao Tse 
das zwecklose Reisen verurteilte. Stadler sah Heidegger in seinen "Meßkircher 
Laufstall" verbannt, zitierte Jüngers kühle Entgegnung, auch an Bord könne man 
arbeiten, und sah Jüngers weit ausgreifende Reisen nicht als Zeitvertreib, 
sondern als "Weltbegegnung", die als "Basisstation" allerdings immer der 
Wilflinger Provinz bedurfte. Das Symposion im Kloster Heiligkreuztal unweit von 
Wilflingen war jedenfalls der Reise wert und ließ deutlich werden, daß sich die 
Philosophen der Jünger-Brüder inzwischen intensiver annehmen als die 
Literaturwissenschaftler. MARTIN THOEMMES



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