Text: F.A.Z., 19.04.2006, Nr. 91 / Seite 36

Martin Halter: Beschreibung von Beschreibern
Zwölf Schriftstellerporträts von Heinz Ludwig Arnold

Jeder Schriftsteller ist ein Unvollendeter, solange er lebt und schreibt. Er 
bleibt es selbst über seinen Tod hinaus: Werk und Biographie verwandeln sich in 
der Zeit. Aber es gibt doch Abstufungen und Unterschiede zwischen früh und nie 
vollendeten Dichtern, zwischen den Repräsentanten, die schon zu Lebzeiten an 
ihrem Denkmal meißeln, und den Märtyrern, die bis zuletzt mit sich und der Welt 
ringen. "Enden", zitiert Heinz Ludwig Arnold einmal Dürrenmatt, "ist stets 
willkürlich, ein Aus-der-Hand-Geben, ein Verlieren, schließlich ein Vergessen, 
resignierend wie jedes Vergessen. Das noch nicht Geschriebene und das 
Unvollendete gehören mir."

Arnolds Sympathie gehört offensichtlich den Unvollendeten. Einen Autor wie 
Ernst Jünger, dem er in jungen Jahren immerhin als Privatsekretär diente, 
schätzt er deutlich weniger als Friedrich Dürrenmatt, den barocken, kindlich 
verspielten Genußmenschen, der in seinen "Stoffen" das Abenteuer des Schreibens 
bis an die Grenzen der Konzeptliteratur führte. Arnolds Beziehung zu Jünger 
(von der man übrigens nichts erfährt), zählt dabei so wenig wie seine 
Freundschaft mit Dürrenmatt; dennoch profitieren alle zwölf "Literarischen 
Porträts" von der persönlichen Bekanntschaft.

Diese Sachlichkeit und Diskretion sind kennzeichnend für den Autor. Der 
Publizist Arnold, Herausgeber so verdienstvoller Werke wie der Kritischen 
Lexika zur deutschen und zur fremdsprachi-

gen Gegenwartsliteratur, der Zeitschrift "Text+Kritik" und der in Arbeit 
befindlichen Neuausgabe von Kindlers Literaturlexikon, ist fraglos einer der 
profundesten Kenner der deutschen Nachkriegsliteratur. Freilich verstand er 
sich immer mehr als Vertrauter, Vermittler und kritischer Begleiter der Autoren 
denn als Anwalt der Leser oder gar als Trendschnüffler auf dem Markt. Für die 
Verläßlichkeit und Genauigkeit seiner Porträts ist diese mittlere Position 
zwischen Literaturkritik und Literaturgeschichtsschreibung, Zeitgenossenschaft 
und Ewigkeit ein Vorteil: Unbeeinflußt von privaten Beziehungen, literarischen 
Vorlieben und Tagesmeinungen, beschreibt Arnold die historischen Verdienste, 
Stärken und Schwächen der Autoren. Nüchtern und uneitel dienend, aber durchaus 
kein Liebediener, tritt er hinter sie zurück und läßt sie mit längeren Auszügen 
aus ihren Schriften oder gemeinsamen Rundfunkgesprächen selber zu Wort kommen. 
Arnold neigt weder zu kumpelhaften Verbrüderungen noch zu gönnerhaftem 
Schulterklopfen, aber sein Bemühen um Fairness und Objektivität verträgt sich 
durchaus mit subjektiven Urteilen.

Schon die Auswahl spricht Bände. Natürlich sind Martin Walser und Günter Grass 
vertreten, Uwe Johnson und Peter Rühmkorf. Aber auch der Einzelkämpfer Rolf 
Hochhuth bekommt ein Plätzchen an der Sonne (wenn auch nur im Souterrain der 
engagierten Literatur), ebenso wie große Unzeitgemäße wie der ekstatische 
Mystiker Hans Henny Jahnn oder Peter Weiss, der letzte Partisan der 
sozialistischen Utopie.

Das gelungenste Porträt ist das von Ernst Jünger. Scharfsinnig und konzentriert 
arbeitet dessen einstiger Sekretär Jüngers Ästhetisierung des Schreckens, seine 
Abweisung der Geschichte und seine Flucht in den Mythos heraus; geduldig 
verfolgt er seine Häutungen vom Abenteurer zum Krieger, vom Waldgänger zum 
Anarchen und macht so beiläufig und gleichsam ex negativo ein Jahrhundert 
deutscher Geschichte lebendig. Arnold rühmt Jünger als großen Stilisten und 
Essayisten; aber er gibt dem heute fast vergessenen Erich Maria Remarque den 
Vorzug. Wo Jünger sich in den Stahlgewittern des Krieges eine gepanzerte Haut 
zulegte, die ihn gegen die Zumutungen der Moderne stählen sollte, hielt 
Remarque, von den nämlichen Erfahrungen ver- und "zerstört", die Wunde offen, 
die sein Widerpart stolz und egozentrisch als heroische Narbe präsentierte. Wem 
Arnolds Sympathien gehört, zeigt auch sein schönes Böll-Porträt: Mit großem 
Respekt, fast mit Zärtlichkeit würdigt er einen Autor, der heute weithin als 
katholischer Kitschier und toter Hund gilt. Schlechter kommt der andere 
deutsche Nobelpreisträger und ewige Mahner weg: Was Arnold an dem politischen 
Autor Böll als Demut und Geradlinigkeit rühmt, stößt ihm beim späten Grass als 
eitle Anmaßung und moralische Rechthaberei sauer auf.

Die literarischen Porträts ergänzen sich wechselseitig, beanspruchen aber keine 
Geschlossenheit. Arnold will keine Geschichte der deutschen 
Nachkriegsliteratur, kein Pantheon ihrer Götter entwerfen, und entsprechend 
unvollendet ist daher auch die Form: Neben gediegenen kleinen Monographien gibt 
es auch Nachrufe zu Lebzeiten, gedruckte Radiofeatures, Reden, Zeitungs- und 
Symposionsbeiträge. "Beschreibung eines Beschreibers", der Titel des 
Weiss-Porträts, könnte über jedem Beitrag stehen: Es geht um langsame 
Annäherungen, um - gedanklich wie stilistisch - sorgfältig ausgeführte Skizzen, 
nicht um mit breitem Pinsel und großer Gebärde ausgemalte Ölbilder. Hier ist 
ein Freund der Literatur (und mehr noch der Schriftsteller) am Werk, der die 
Unfertigen den schnell Fertigen, die nach landläufigen Maßstäben Gescheiterten 
den Erfolgreichen und die Außenseiter den gefeierten Würdenträgern vorzieht. 
Daß diese Haltung sich mit dem Selbstverständnis der älteren Generation der 
deutschen Nachkriegsliteratur (der jüngste der porträtierten Autoren, Hans 
Joachim Schädlich, ist Jahrgang 1935) deckt, belegt nur, daß Heinz Ludwig 
Arnold inzwischen selber ein Teil von ihr geworden ist. Martin Halter

Heinz Ludwig Arnold: "Von Unvollendeten". Literarische Porträts. Wallstein 
Verlag, Göttingen 2005, 336 S., geb., 26,- [Euro].


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