Liebe Jünger-Freunde,

nachstehende Rezension zu Julia Enckes WK-I-Buch ist seit heute abend online, 
sie erscheint in der literaturkritik.de-Ausgabe im Mai 2006. Zu Julia Enckes 
Buch sei noch einmal auf Gerd Krumeichs Rezension in der Süddeutschen Zeitung 
(s. Mailarchiv der juenger-list) verwiesen, der das Buch als das wichtigste 
Buch des Jahres bezeichnete. 
herzliche grüße rundum Ihr / Euer tw



http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9431&ausgabe=200605


Das Singen über den Köpfen
Julia Encke untersucht die literarische und psychologische Mobilmachung der 
Sinne zwischen 1914 und 1934
Von Oliver Pfohlmann


"Liebe Eltern, anbei Ansicht vom Kasino mit zerschossener Tür", schrieb Ernst 
Jünger 1915 auf die Rückseite eines Fotos. "Hebt bitte alle meine Bilder auf, 
ich möchte sie als Andenken sammeln." Offenbar grassierte auch unter Jüngers 
Kameraden die damals an der Front verbreitete Amateurfotografie. Im Nachlass 
Jüngers fand sich eine Sammlung mit rund 200 Bildern aus den Weltkriegsjahren, 
Aufnahmen von zerstörten Kirchen oder Szenen aus dem Frontalltag: Männer beim 
Befestigen von Gräben oder beim Trinkgelage.

Eines der Fotos zeigt Jünger lesend im Schützengraben, ein anderes nur mit 
einem Handtuch beschürzt beim Sonnenbad - bizarre Erinnerungsbilder aus den 
langen ruhigen Zwischenzeiten im Krieg, wie sie in dieser Zeit massenhaft 
entstanden. Die mit den ersten handlichen Apparaten wie der "Bubi" 
festgehaltenen Motive blieben wie bei Jünger auffallend statisch, die 
"Frontschweine" porträtierten sich gegenseitig. Selten wagte es einer, die 
Kamera über den Schützengraben zu halten. Zu sehen war dann wenig mehr als eine 
menschenleere Mondlandschaft mit einem fernen Stacheldrahtgewirr. Dass 
Aufnahmen von Kampfszenen eine Seltenheit blieben, verwundert nicht. Im 
Ernstfall betätigte man doch lieber den Abzug seines Gewehrs als den Auslöser 
der Kamera.

Ein ganz anderes "Antlitz des Weltkrieges" präsentierte Jünger dagegen in den 
Weimarer Jahren. In seinem gleichnamigen Bildband mit "authentischen" 
Amateuraufnahmen dominiert die Aktion. Todesmutig klettern da die Soldaten aus 
den Gräben und stürmen dem Feind entgegen, ungeachtet der neben ihnen 
einschlagenden Granaten. Oft genug freilich war die Aktion ein Produkt des 
Labors, nicht des Schlachtfelds. Denn das Medium Fotografie ist nicht erst seit 
den Möglichkeiten heutiger Bildbearbeitung trügerisch. Julia Encke, die in 
ihrer instruktiven Dissertation die literarische und psychologische 
Mobilmachung der Sinnesorgane im und nach dem Ersten Weltkrieg untersucht, 
macht an vielen der von Jünger präsentierten Bilder nachträgliche Retuschen 
kenntlich, aufgesprühte Explosionen oder eingezeichnete Einschläge.

Jüngers Bildbände waren eine Parallelaktion zu seiner politischen Publizistik 
in den 20er Jahren, lautet Enckes überzeugende These. Die Niederlage von 1918 
sollte in einen Triumph des Willens verwandelt werden, das geschlagene Volk 
sich psychisch rüsten für den "kommenden Krieg". Bilderserien von "Gefährlichen 
Augenblicken" (wie ein weiterer Jünger'scher Bildband hieß) mit Schnappschüssen 
verunglückender Sportler sollten dem Leser ein "Schock-Training" bieten, "eine 
Art Trimm-Dich-Pfad" für das Überleben in der "gefährlichen Landschaft". Die 
Feuilletonredakteurin der "Süddeutschen" widerspricht damit Karl-Heinz Bohrer, 
für den die bei Jünger zu findenden Beispiele für Momente der "Plötzlichkeit" 
eine rein ästhetische Angelegenheit sind, frei von allen ideologischen 
Verunreinigungen und Beleg für Jüngers Zugehörigkeit zur literarischen Moderne.

Während Bohrer genetische Aspekte ignoriert, untersucht Encke Jüngers 
jahrzehntelange Revision seines Kriegsjournals, vom Ur-Tagebuch, das dem 
schneidigen Stoßtruppführer auch als Merkbuch diente ("Eier: 0,50; Milch: 0,20 
Kartoffeln: 1,50"), bis zur sechsten Bearbeitung von 1978. Das Ergebnis: In 
Jüngers "Stahlgewittern" blitzt und donnert es im Lauf der Zeit immer heftiger; 
jene Plötzlichkeitsmomente sind häufig nachträgliche Einschübe, Erweiterungen, 
Ausmalungen. "Jüngers 'heißer Atem der Schlacht' entstammt der Schreibstube", 
folgert Encke. "Die jahrzehntelange Korrektur an den "Stahlgewittern" ließe 
sich [...] als unablässiges Retuschieren an den Bildern des Krieges 
beschreiben."

Es ist eine männlich heroische Lust am Erhabenen, an der Souveränität des 
Subjekts, die Jüngers Frühwerk dominiert. Dass er sich zur sensorischen 
Abhärtung seiner Leserschaft des Sehsinns bediente, ist kein Zufall, kann 
dieser doch die Objekte auf Distanz halten. Beim Hören ist das schwieriger, 
charakteristisch für das Ohr ist das Moment der Teilhabe. Nach Encke avancierte 
unter den Bedingungen des Stellungskriegs jedoch gerade das Gehör zum 
wichtigsten Sinnesorgan. "Über unseren Köpfen singt es, tief hoch", heißt es 
etwa im Kriegstagebuch Robert Musils. "Man unterscheidet die Batterien am 
Klang. tschuh i ruh oh - puimm."

Während man in den Lazaretten das vom Trommelfeuer beschädigte Ohr als 
Einbruchstelle des Traumas identifizierte, entwickelten in den Dienst genommene 
Experimentalpsychologen wie Musils Freund Erich von Hornbostel riesige 
Horchgeräte, mit denen sie an der Front den Feind belauschten. Nicht umsonst 
sprach man vom "Maulwurfskrieg", bei dem sich Deutsche und Franzosen 
wechselseitig unterminierten. Die eindringlichen Beschreibungen vom Alltag der 
stollengrabenden Soldaten gehören fraglos zu den Stärken von Enckes 
materialreicher und erfreulich lebendig geschriebener Studie. Unter der Erde 
war man ganz aufs Ohr angewiesen - aber hörte man wirklich die Spitzhacke des 
Feindes? Oder nur das Klopfen des eigenen Herzens?

Gerade der Ambiguität des Hörsinns widmeten sich in der Nachkriegszeit, wie 
Encke in luziden Interpretationen zeigt, sensiblere Autorengemüter wie Kafka 
oder Musil. Dem Maulwurf in Kafkas "Der Bau" macht ein mysteriöses Zischen die 
ersehnte Einsamkeit im selbstgegrabenen Labyrinth zur Hölle. In Musils Novelle 
"Die Amsel" lauscht der Protagonist einem "leisen Klingen", das allmählich zu 
einem singenden, auf ihn gerichteten Laut wird - der Ton eines Fliegerpfeils 
oder das Singen Gottes?

Wahrnehmungspsychologen arbeiteten deshalb nach dem Krieg an der Mobilmachung 
auch des Gehörs. Erich Waetzmanns "Schule des Horchens" sollte den Hörsinn so 
disziplinieren, dass sich künftige Krieger "der Führung des Ohres" anvertrauen 
konnten. Wenig später sorgten die Volksempfänger der Nazis für die praktische 
Erprobung. Wie aber alle Disziplinierung der Sinne sinnlos wurde, weil es 
nichts mehr wahrzunehmen gab, machte der Einsatz von Giftgas deutlich. Der 
"Hunnenstoff" Lost, das von den Deutschen entwickelte Senfgas, war praktisch 
geruchlos.

Julia Encke: Augenblicke der Gefahr. Der Krieg und die Sinne 1914-1934.
Wilhelm Fink Verlag, München 2005.
285 Seiten, 36,90 EUR.
ISBN 377054143X

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Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
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