Liebe Jünger-Freunde,

nachstehende Rezension erscheint ebenfalls in der literaturkritik.de-Ausgabe im 
Mai 2006 und ist ebenfalls seit heute abend online. 

[in klammern sei der hinweis gestattet: in der Mai-Ausgabe ist auch eine Rez. 
(ganz ohne EJ) zu Koeppen-Unseld abgedruckt  
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9417&ausgabe=200605  
von Ihrem / Eurem herzlich grüßenden
tw




http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9452&ausgabe=200605

Die Simulation der Andersheit
Humboldt, Stoker, Jünger und Genet im postkolonialen Diskurs
Von Christoph Schmitt-Maaß


Postkoloniale Theorie boomt. Die deutsche Literatur aber krankt an wenig 
repräsentativen Texten, die sich zur Analyse anböten. Das man diesen Mangel 
auch produktiv verstehen kann und Texte in den Blick rückt, sie gegen den 
Strich liest, die auf den ersten Blick kaum miteinander zu tun haben, erweist 
sich in Oliver Lubrichs Dissertationsschrift als Stärke. Anhand von vier 
äußerst dichten Lektüren von Alexander von Humboldts "Relation historique" 
(1814ff.), Bram Stokers "Dracula" (1897), Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" 
(1920) und Jean Genets "Journal du voleur" (1949) zeichnet Lubrich Alterität in 
autobiografischen Genres als poetologisches wie thematisches Gestaltungsmoment 
nach.
Die streng textbezogene Lektüre versteht es vorzüglich, die doch gelegentlich 
überbordende Eigendynamik der postkolonialen Theorie auf die konkreten Texte 
anzuwenden. Gerade dieser scheinbar eher fern liegende Bezugspunkt der 
Alterität erweist sich als konzise Zugriffsfigur, die das jeweils 'Andere'' in 
einen gelegentlich verblüffenden Zusammenhang zu stellen versteht. 
Stellvertretend sei das Dracula-Kapitel erwähnt: Lubrich arbeitet heraus, dass 
der Sieg von Harker und Van Helsing über den Vampir, der als das 'ganz Andere'' 
zur britischen Lebenswelt fungiert (Transsylvanien, Untoter, Multisexuell etc.) 
und der durch das Vordringen der Technik, vor allem der immer schneller 
werdenden Kommunikationsmittel, besiegt werden kann: Der Pfahl, den Van Helsing 
dem Vampir ins Herz rammt, ist gleichzusetzen mit dem Telegraphenmast, der den 
anfänglich dominierenden Brief ablöst.
Lubrichs hochreflekierte Lektüre genießt den Vorzug, gängige Denkmodelle der 
postkolonialen Theorie am konkreten Text belegen zu können. Dennoch verwundert 
es, wenn in Fragen autobiografischer 'Genera'' plötzlich - trotz Lubrichs 
offenkundiger Kenntnis der neueren Theorien (de Man, Derrida) - der 
strukturalistische Ansatz Lejeunes wiederbelebt wird, der doch bei der Analyse 
solch ambivalenter Texte langsam ausgedient haben sollte. Begrüßenswert 
hingegen scheint der Ansatz, 'deutsche'' Texte, also auch Humboldts auf 
Französisch verfasstes Monumentalwerk - Lubrich fungiert auch als Herausgeber 
des Humboldt''schen "Kosmos" in der Anderen Bibliothek - europäisch zu 
kontextualisieren.
Das "Schwinden der Differenz" - also die Verflüchtigung einer zunächst in den 
Texten vermuteten Alterität - erweist sich als sinnfällige wie anschlussfähige 
Lektüremöglichkeit; der fremde Kontinent, der mythische Vampir, der 
mechanisierte Weltkrieg und der soziale Außenseiter stellen keine schlüssigen 
Konzepte von Andersheit zur Verfügung, sondern zeigen das Maß ihrer 
Konstruiertheit auf. Es sind Motive, die sich im Vollzug der Lektüre selbst 
dekonstruieren und sich mithin als literarisch simuliert erweisen.


        

Oliver Lubrich: Das Schwinden der Differenz. Postkoloniale Poetiken.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2004.
365 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN 3895284548 

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