Junge Freiheit, Nr. 28/06 vom 30. Juni 2006
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Jeder ist sich selbst der Einzige
Jüngers Lektüren, zwölfter Teil der JF-Serie: Marx und Engels hatten allen 
Grund, vor Max Stirner zu flüchten
Stefan Scheil

Stirners Bedeutung steht außer Zweifel; sie kann nicht überschätzt werden. Er 
hat das Geheimnis erfaßt, das sich in jedem Menschen verbirgt, das ihn im 
Wechsel des Weltlaufs erhält und ihm Würde verleiht.“ Der, den Ernst Jünger 
hier in einem Tagebucheintrag („Siebzig verweht“, 28. November 1977) so überaus 
hochschätzte, hatte diese Entdeckung gut hundertdreißig Jahre vorher 
beschrieben. Im Herbst 1844 erschien „Der Einzige und sein Eigentum“. Max 
Stirner sagte gleich eingangs, wen er mit seinem einzigen Buch treffen wollte:

„Was soll nicht alles meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die 
Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der 
Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache meines Volkes, meines Fürsten, 
meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere 
Sachen. Nur meine Sache soll niemals meine Sache sein. ‘Pfui über den Egoisten, 
der nur an sich denkt!’ Sehen wir denn zu, wie diejenigen es ihrer Sache 
machen, für deren Sache wir arbeiten, uns hingeben und begeistern sollen.“

Wie es sich hier schon ankündigt, so ist das ganze Buch buchstäblich eine 
„Unverschämtheit“. Stirner, mit bürgerlichem Namen Johann Caspar Schmidt, 
verschonte niemanden; ungerührt hielt er den Egoisten und den Egoismen aller 
Spielarten den Spiegel vor, drehte jeden Stein um und griff jede Autorität an, 
ob sie nun von Kirche, Staat, Partei, Individuum oder Gesellschaft verkörpert 
wurde. Jahrzehnte bevor Nietzsche den Willen zur Macht als Erkenntnisschlüssel 
proklamierte, hatte Stirner ihn in Gestalt des allgegenwärtigen Egoismus 
gefunden und darüber hinaus auch bereits die geistige Haltung skizziert, die 
ihm allein geeignet schien, in diesem Spiel die persönliche Souveränität zu 
behalten. Das alles war ihm „Meine Sache nicht“, wie eins seiner zentralen 
Axiome lautete, „Nichts geht über mich“ ein anderes.

„Zu absurd, um gefährlich zu sein“

Naturgemäß wurde dies gern als negativer Egoismus verstanden, der sich aus 
moralischer Verkommenheit gegen die vielen guten Dinge wendet, die nach deren 
Anspruch vorgeblich von den bereits gesetzten Werten aller Art verkörpert 
werden. Dies war nicht so gemeint, denn Stirner wollte keineswegs den aktiven 
Anarchismus predigen, und genau dies machte ihn später für Ernst Jünger so 
attraktiv. „Stirner hätte um ein Haar den Punkt getroffen, an dem ich den 
Anarchen vermutete“, läßt er im Roman „Eumeswil“ (1977) seinen Protagonisten 
Manuel Venator sagen. Ganz im Stil des Anarchen war Stirners Einziger kein 
militanter Gegner des Bestehenden. Der Sturz der vorgefundenen Ordnung war so 
wenig Seine Sache wie ihre Unterstützung. „Stirner läßt sich auf Ideen, 
insbesondere auf Beglückungsideen, nicht ein. Er sucht die Quelle des Glücks, 
der Macht, des Eigentums, der Göttlichkeit in sich; er will nicht dienstbar 
sein.“

Es überrascht daher nicht, daß „Der Einzige und sein Eigentum“ sofort auf 
Widerspruch traf, vor allem aber auf eine gewisse Ratlosigkeit. Das Buch 
erschien in Leipzig und wurde sofort beschlagnahmt. Der dortige Innenminister 
hob das Verbot auf, weil das Werk „zu absurd ist, um gefährlich zu sein“, in 
Preußen blieb es verboten. Noch irritierter reagierten alte Bekannte, die 
früher des öfteren gemeinsam mit Stirner in Hippels Weinstube debattiert 
hatten, in Berlin, Friedrichstraße 94. Wer sich bei Hippel traf, wurde damals 
der äußersten Linken zugerechnet. Das drückte sich in einer Teilnehmergruppe 
aus, unter der neben Stirner und zahlreichen mehr oder weniger heute noch 
bekannten Radikalen auch Karl Marx und Friedrich Engels zu finden waren. Diese 
verabschiedeten sich aber bald aus der Reihe der „Freien“, wie die 
Debattierrunde genannt wurde. Man könnte auch sagen, sie flüchteten aus gutem 
Grund.

An Stirner biß sich der Marxismus bereits die Zähne aus, bevor er überhaupt so 
recht formuliert war. Marx und Engels sahen die Herausforderung und versuchten 
ihr mit einem Pamphlet über die „Deutsche Ideologie“ zu begegnen, in dem sie 
ein Hauptkapitel für Stirner reservierten.

Hinter Stirners Feststellung, ich kann alles zu meiner Sache machen, aber 
nichts zu Meiner Sache, liegt der radikalste Angriff verborgen, der je gegen 
ihre Sache geführt wurde. Wo Karl Marx in der Aufhebung des Eigentums das 
letzte Ziel sah, fand Stirner keinen Handlungsbedarf. Der Abschaffung des 
Eigentums stellte er seine uferlose Ausdehnung gegenüber: Dem Einzigen gehört 
ohnehin die ganze Welt. Welchen Teil er davon direkt nutzt, ist Sache seines 
„Vermögens“. Fremde Eigentumsansprüche erkennt er grundsätzlich nicht an, 
erwartet aber auch von anderen, seine Eigentumsansprüche nicht anzuerkennen.

Politik wollte Stirner nicht zu seiner Sache machen

Marx wollte seinen erlösten Menschen später aus der Entfremdung befreien, indem 
er ihm statt eines Berufs mehrere überstülpte und steten Wechsel verordnete. 
Jeder soll morgens Fischer und abends Kritiker sein können, heißt es an der 
einzigen Stelle, an der er eine Konsequenz seines Denkens zu ziehen versuchte 
und einen Blick ins kommende Paradies warf. Stirner dagegen hatte erkannt, daß 
die Differenz zwischen dem Individuum und seiner jeweiligen Beschäftigung 
ebenso permanent wie unaufhebbar besteht. Sich dieser Differenz bewußt zu sein 
und sie auszuhalten gibt dem Menschen gerade jene Würde, die Jünger durch 
Stirner erfaßt sah.

Diese Tatsache kann demnach nicht durch ein Bäumchen-wechsel-dich-Spiel 
umgangen werden, etwa indem jeder abwechselnd der Pförtner, der Arbeiter und 
der Chef sein sollte, wie August Bebel vor dem Deutschen Reichstag in würdiger 
Einfalt die Geographie des kommenden marxistischen Wunderlands kolorierte. Der 
Hohn der übrigen Fraktionen für diese jenseits aller Realität positionierte 
Phrase knüpfte spontan an der Person Bebels an, hatte der gelernte Tischler 
doch zu dieser Zeit bereits Jahrzehnte an der Spitze der Sozialdemokratie 
verbracht und machte keine Anstalten, es noch einmal als Pförtner versuchen zu 
wollen. Diesem Vorbild gemäß neigten Sozialisten im Zweifelsfall auch künftig 
stets zum Egoismus, allenfalls hauchten sie ein letztes „Ich liebe euch doch 
alle“, wenn im fortgeschrittenen Greisenalter der Chefsessel doch aufgegeben 
werden mußte.

Stirner hätte sich darüber nicht aufgeregt. „Unbewußt streben wir alle der 
Eigenheit zu. Aber ein unbewußtes Tun ist ein halbes, und immer wieder fallt 
ihr in die Hände eines neuen Glaubens – ich aber sehe lächelnd der Schlacht zu.“

Mitte der 1960er Jahre lag Stirners Werk dem kommenden Aufstand der 
Achtundsechziger immer noch als Monolith im Weg. Viele hundert Seiten hatten 
Marx und Engels dem Versuch gewidmet, ihn beiseite zu räumen. Das war nicht 
gelungen, im Gegenteil verschwand ihr Manuskript lange Zeit in der Versenkung.

Mit dem Sozial- und Wirtschaftshistoriker Hans Helms machte sich nun zu dieser 
Zeit jemand auf, dies nachzuholen, und schwang dabei kräftig eine 
neuentwickelte Waffe, die den Gründervätern des Marxismus noch nicht zur 
Verfügung gestanden hatte: die Faschismuskeule. „Die Ideologie der anonymen 
Gesellschaft“, nämlich der damals aktuellen bundesdeutschen, sei nichts anderes 
als faschistisch und dies bereits seit mehr als hundert Jahren. In dieser 
Deutung der neueren deutschen Geschichte als eine Art „Faschismus von Stirner 
bis Adenauer“ gab es für Helms nirgendwo einen Bruch. „Stirnerismus und 
Nationalsozialismus“ erklärte er kurzerhand zu Variantionsformen desselben 
„faschistischen Ungeists“. Weshalb aber sollte nun der Einzige, der jede 
rückhaltlose Parteinahme kategorisch ablehnte, gerade zum Urahn einer 
Führerbewegung der totalen Treue geworden sein? Es mußte schon eine besondere 
Dialektik sein, die den Graben zwischen „Nichts geht über mich“ und „Du bist 
nichts, dein Volk ist alles“ überbrücken konnte.

Da ihm dieser Brückenbau nicht gelang, suchte Helms Ersatz, wies den immanenten 
Faschismus des aufgeräumten Wohnzimmers ebenso nach wie den der gutgekleideten 
Hausfrau. Weiter verwies er auf Mussolini, der zu seinen Sozialistenzeiten als 
passionierter Stirner-Leser bekannt war und 1911 in einem Brief aus dem 
Gefängnis davon gesprochen hatte, er sei nach der Lektüre der Geistesriesen 
Goethe, Schiller, Nietzsche und Stirner „ein echter deutsch“ geworden. Helms 
führte weiter die mutmaßliche Stirner-Lektüre Dietrich Eckarts an und hangelte 
sich schließlich zur Behauptung hoch, der „Einzige“ und „Mein Kampf“ seien 
„trotz oberflächlicher Widersprüche vollkommen miteinander zu vereinbaren“.

Er tat sich viel darauf zugute, in Stirner den Kleinbürger und im Kleinbürger 
angeblich den Protofaschisten entlarvt zu haben. Für Jünger war dies banal und 
bestensfalls insofern richtig, als der Einzige in jedem stecke, also auch im 
Kleinbürger. Aber erst wenn die großen Egoisten es zu toll treiben, ihm gar ans 
Leben und die Existenz wollen, schlage selbst der Kleinbürger manchmal zurück, 
was nicht in Stirners Text gefordert, aber möglich sei: „Wie kommt es, daß der 
Kleinbürger teils als Popanz, teils als Prügelknabe von der Intelligenz, der 
Großbourgeoisie, den Gewerkschaften behandelt wird? Wahrscheinlich deshalb, 
weil er sich weder von unten noch von oben an die Maschine bringen lassen will. 
Gehts gar nicht anders, nimmt er die Geschichte selbst in die Hand. Ein Gerber, 
ein Tischler, Sattler, Maurer, Anstreicher, ein Gastwirt entdeckt in sich den 
Einzigen, und jeder erkennt sich in ihm.“

Stirner selbst beschloß nicht, die Politik zu „seiner Sache“ zu machen. Die 
Revolution von 1848 ließ er unbeteiligt verstreichen, wie die meisten der 
anderen „Freien“ auch. Er blieb ein gut kleinbürgerlicher Lehrer, verheiratet, 
aber kinderlos, offenbar mit wenig Glück in den geschäftlichen Unternehmungen, 
die er sonst noch anstellte. Mit fünfzig starb er an einem Insektenstich, der 
sich entzündete.

Jünger ordnete ihn mit den Molltönen in die Reihe der ganz Großen ein, die sein 
Spätwerk gelegentlich kennzeichnen: „Antonius hat die Macht des Einsamen, 
Franziskus die des Armen, Stirner die des Einzigen erkannt. ‘Im Grunde’ ist 
jeder einsam, arm und einzig auf der Welt.“ Stefan Scheil

 

Max Stirner (1806–1856), gezeichnet von Friedrich Engels

Zeit seines Lebens war der Schriftsteller Ernst Jünger (1895-1998) ein großer 
Leser. Mehr noch: Lektüre stellte einen Teil seiner Existenz dar. Spuren dieses 
Lesens durchziehen sein Werk – von den „Stahlgewittern“ bis zu „Siebzig verweht 
V“: Um Jünger zu verstehen, muß man diesen Spuren folgen, leiten Sie doch zu 
Bedeutungsräumen, die hinter dem Text verborgen liegen. Jünger lesen heißt also 
„Spuren-Lesen“. Diese JF-Serie versucht einige Fährten aufzunehmen und 
ansatzweise zu entziffern. Und sie will natürlich auch zur Lektüre von Jüngers 
Lektüren anregen.



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