DIE WELT, Do, 29. Juni 2006
Crescendo der Vernichtung
Vor 90 Jahren begann an der Somme eine der grausamsten Schlachten des Ersten
Weltkriegs. Eine Million Menschen kamen um. Ein deutscher Soldat führte
Tagebuch: Ernst Jünger
von Heimo Schwilk
In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen, in einer trunkenen Stimmung
aus Rosen und Blut. Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke,
Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf
blumigen, blutbetauten Wiesen." Der Schriftsteller Ernst Jünger schrieb diesen
Satz unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, dem fast neun Millionen
Soldaten zum Opfer gefallen waren. Er steht am Anfang seines Kriegsbuches "In
Stahlgewittern", um dann vom Autor Wort für Wort, Kapitel für Kapitel widerlegt
zu werden. Denn nicht süß und ehrenhaft, sondern schmutzig und elend war das
Sterben an der Westfront, an der Jünger dreieinhalb Jahre lang kämpfte, um am
Ende mit dem höchsten preußischen Tapferkeitsorden, dem Pour le Mérite,
ausgezeichnet zu werden.
In den noch immer unveröffentlichten Kriegstagebüchern, die den
"Stahlgewittern" zugrunde liegen, hatte Jünger bereits Ende 1915 eine
ernüchternde Bilanz gezogen, die im Buch so nicht zu lesen ist: "Lange schon
bin ich im Krieg, schon manchen sah ich fallen, der wert war zu leben. Was soll
das Morden und immer wieder Morden? Ich fürchte, es wird zu viel vernichtet und
es bleiben zu wenige, um wieder aufzubauen. Der Krieg hat in mir doch die
Segnungen des Friedens geweckt."
Erst Ende 1914 war Jünger nach Notabitur und militärischer Grundausbildung an
die Front gelangt. Bei seinem ersten Kampfeinsatz im Frühjahr 1915 wurde er
verwundet, kehrte aber bald wieder zu seiner Einheit, dem Füsilierregiment 73,
zurück. Längst war aus dem Bewegungskrieg ein Stellungskrieg geworden, nachdem
sich die deutschen Offensiven an der Marne und in Westflandern Ende 1914
festgefahren hatten und auch die gegnerische Entente 1915 bei ihrem Versuch
gescheitert war, im Artois und in der Champagne den Durchbruch zu erzielen.
Nun, im Sommer 1916, wollen die Gegner des Deutschen Reiches mit einer
gewaltigen Anstrengung den Umschwung doch noch schaffen. In einer großen
Verbundaktion versucht die Entente an der Somme, am Isonzo und in Galizien die
Mittelmächte in die Defensive drängen. Hauptkriegsschauplatz für den
französischen Generalstabschef Joseph Joffre aber ist die Westfront, dort, wo
sich die Stellungen des deutschen Angreifers am weitesten vorgeschoben haben.
Joffre beabsichtigt, zusammen mit den Truppen der Engländer die deutschen
Verteidiger anzugreifen. Nahezu 30 Millionen Granaten liegen in den Magazinen
bereit.
Die letzte Juniwoche ist ein einziges Crescendo der Vernichtung, bis am 1. Juli
die Angriffswellen der Entente über die erste deutsche Grabenlinie
hinwegfluten. Noch befindet sich das Füsilierregiment 73 nicht im Zentrum der
Kämpfe, die weiter südlich toben, im Frontabschnitt der 2. Armee. Die 111.
Infanteriedivision, der Jünger angehört, bildet den linken Flügel der nicht
unmittelbar von den Angriffen betroffenen 6. Armee. Das Trommelfeuer auf die
Abschnitte bei Monchy hat allein den Zweck, deutsche Kräfte zu binden.
Die körperliche und seelische Belastung, der die Verteidiger unter der
gegnerischen Feuerwalze ausgesetzt sind, ist enorm. Der Soldat fühle sich,
schildert Jünger, als sei er an einen Pfahl gebunden, auf den mit einem
schweren Hammer eingeschlagen würde. "Stilles Heldentum im Ausharren", nennt er
das Warten auf den tödlichen Treffer. Immer wieder lobt der Zugführer das
Beharrungsvermögen seiner niedersächsischen Männer, die auch im größten Chaos
die Gelassenheit bewahren.
Die Soldaten auf beiden Seiten bekommen zu spüren, daß sich die Kriegsführung
immer weiter brutalisiert, die Artillerie trommelt auf die Frontabschnitte, an
denen der Einbruch geplant ist. Der Gegner soll nicht besiegt, sondern restlos
vernichtet werden. An beiden Brennpunkten der Front werden Gefangene nicht mehr
ins Hinterland verbracht, sondern gleich vor Ort massakriert.
Das Füsilierregiment 73 wird in den Brennpunkt der Somme-Schlacht, nach
Guillemont, verlegt. "3/4 werden wohl draufgehen", prophezeit Jünger im
Tagebuch, um trotzig fortzufahren: "aber immer mit frohem Mut!" Ein Foto aus
den Tagen vor der Schlacht zeigt einen verloren am Tisch sitzenden jungen Mann,
die Lippen zusammengepreßt und mit einem Blick, der ins Leere geht. Tatsächlich
wird die Schlacht für das Füsilierregiment 73 zur Katastrophe: von den 1600
Soldaten sind am Ende 71 gefallen, 464 verwundet und 554 vermißt.
Jüngers Bataillon erhält den Auftrag, die vorderste Linie "bis zum letzten
Mann" zu halten. Das kann nach Lage der Dinge nur die Aufopferung des Regiments
bedeuten. Böse Vorahnungen überkommen die Männer, als ihnen die ersten
Stahlhelme ausgehändigt werden. "Mehr als den Kopf kann's nicht kosten",
notiert Jünger sarkastisch, bevor er mit seiner Kompanie nach Les Mesnil
abrückt.
Auf den engen Straßen drängen sich Munitionskolonnen und Truppentransporter.
Dampfende Feldküchen suchen sich ihren Weg zwischen Lastkraftwagen, die von
Sanitätsfahrzeugen mit flatternden weißen Flaggen überholt werden. In der
Gegenrichtung marschiert abziehende Infanterie mit von Erschöpfung bleichen
Gesichtern unter lehmbespritzten Helmen. Gefechtsläufer berichten von
Nahkämpfen und dem Abschlachten der Gefangenen. Vor den Stellungen verbluten
die Verwundeten und schreien nach Wasser. Leichengeruch lastet über den
Trichterfeldern. Schwerbepackt mit Tornister, Zeltbahn und Kochgeschirr, die
Patronen in Gurten um den Hals gehängt, dazu einen Sandsack mit Handgranaten,
am Koppel Spaten und Beilpicke, rücken die Gibraltarfüsiliere in Combles ein.
Die Straßen sind von Granateinschlägen übersät, an ihrem Rand liegen
aufgeblähte Pferdekadaver, in den Trichtern zersplitterte Geschützprotzen. Die
Soldaten werden auf die Keller der Häuser verteilt. Bis vor wenigen Tagen
gehörte Combles der Etappe an, dann geriet es durch den Vormarsch der Engländer
in die Gefechtszone und wurde in Grund und Boden geschossen.
Vier Seiten seines Notizbüchleins widmet Jünger dem Durcheinander im Haus, das
er mit seinen Männern bezogen hat. Immer neu fesselt ihn die brutale Gewalt der
Veränderung, die Familien und Dorfgemeinschaften über Nacht ausgelöscht hat.
Doch das Chaos der Zerstörung hat auch eine Kehrseite: Die Flucht der Bewohner
von Combles bedeutet für die Soldaten einen Überfluß an Lebensmitteln. Im Haus
kochen sie Kaffee, draußen im Garten pflücken sie Erdbeeren. Dann holt auch sie
der Schrecken ein, der Himmel explodiert, die Erde bebt. Die benachbarten
Häuser stürzen unter dem erneuten Feuer zusammen. Die in den Kellern kauernden
Männer pressen die Hände auf die Ohren, einige werden tobsüchtig.
Nach dem Abflauen der Beschießung bricht die Kompanie gegen Mittag nach
Guillemont auf. Ein Hohlweg bei Frégicourt-Ferme ist der Engpaß, den die
Füsiliere passieren müssen, um ihre Verteidigungsstellungen zu erreichen. Sie
hasten über Leichenberge hinweg, von Granateinschlägen mit Erde überschüttet.
"Ekelhaftes Gefühl, auf solch weiche Tote zu treten. Und immer dieser süßliche
Gestank", kritzelt Jünger ins Tagebuch. Er muß die Männer seines Zuges nach
vorne brüllen, einige stürzen und bleiben liegen. Die Verbindungen zu den
Einheiten links und rechts der Stellungen am Ortsrand von Guillemont sind
abgerissen, auf dem Gelände liegt schweres Artilleriefeuer. Vom Graben ist nur
noch ein Trichterfeld übriggeblieben, gefüllt mit Uniformfetzen, Waffen und
Gefallenen. Als Zugführer bezieht Jünger ein in den Boden gewühltes Loch von
1,50 Meter Tiefe, gefallene deutsche Verteidiger liegen in Schichten aufgetürmt
im Graben, tote Engländer hängen über die Kraterränder, von Maschinengewehren
niedergemäht.
Der Anblick der verstümmelten und verwesenden Leichen ist den Soldaten
unerträglich. "Wir bedeckten etliche Tote mit Erde, bei einem konnte man nicht
vorbeigehen, ohne das Gewimmel der Würmer zu hören. Sein Schenkel war
aufgebrochen, darin wühlte eine weißlichschleimige Masse."
Durch das Feuer auf das Vorgelände werden Leichenteile nach oben geschleudert,
Verwesungsdunst macht den Männern das Atmen schwer, Trauben von Schmeißfliegen
bedecken die Toten. Von der Sommerhitze und dem Staub der zu Pulver zermahlenen
Mauern sind die Gaumen ausgedörrt, die Soldaten kauern apathisch in ihren
Löchern. Endlich - um ein Uhr nachts kommt die Ablösung, und der Zug muß wieder
zurück durch das Nadelöhr am Ortsausgang von Guillemont, auf dem
Schrapnellfeuer der Engländer liegt. Wer getroffen ist, wird im Laufschritt
mitgeschleppt. Jünger schreit, droht, stößt seine Männer nach vorne, hält
andere zurück, die in Panik weglaufen.
Schließlich erreicht sein Zug ohne größere Verluste Combles, von wo aus man
vier Tage zuvor aufgebrochen ist. Auch dort empfängt sie Leichengestank, ein
kleines totes Mädchen liegt wie eine vergessene Puppe in einem Vorgarten.
Tausende von Granateinschlägen haben den Ort verwüstet. Von Combles geht es
über Sailly bis zum Wald von Hennois, wo die erschöpften Männer ein Zeltlager
aufschlagen.
Wie so oft hält die Ironie des Lebens auch für den Kriegshelden Jünger eine
überraschende Pointe bereit: Beim Gang in die Küche eines verlassenen Hauses
wird Jünger von einer Schrapnellkugel am linken Unterschenkel getroffen, seine
zweite Verwundung und wie bei Les Esparges ein harmloser "Heimatschuß". Einige
Tage später werden ihm Kameraden im Offizierslazarett von Saint Quentin von der
Vernichtung des Bataillons berichten. Demnach sind die Engländer beim
benachbarten Regiment 76 durchgebrochen, ganze Grabenbesatzungen seien getötet
oder gefangengenommen worden.
Am Ende wird die Somme-Schlacht, als sie Mitte November 1916 in sintflutartigen
Regenfällen ertrinkt, mehr als eine Million Soldaten das Leben gekostet haben -
ohne daß eine der beiden Seiten einen entscheidenden strategischen Vorteil für
sich hätte erlangen können.
Jünger weiß, daß ihn ein gnädiges Schicksal vor dem Tod bewahrt hat. Am 6.
September 1916 bringt ihn der Lazarettzug nach Gera; im Garnisonslazarett soll
er gesundgepflegt werden. Von dort fährt Jünger nach Hannover, wo man ihm zwei
Wochen Heimaturlaub gewährt. Unterwegs beginnt er die achte Tagebuchkladde, ein
schmales Heft ohne Einband. Das Titelblatt ist mit einem Merkspruch versehen:
"Ich wünsche Glück und Kummer / durch Wechsel von Raum und Zeit / dann einen
tiefen Schlummer in Ewigkeit."
--
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
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