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Mittwoch, 19. Juli 2006

Theater und Radio in neuer Dimension

Beim Lokalradio Rostock wurde ein Experiment gewagt und gewonnen / Der 
NNN-Report

Ob eine Idee wirklich gut ist, zeigt sich im Praxistest. Zur Idee: Das 
Theaterstück mit dem intellektuell schwergewichtigen Titel "Borges tötet Jünger 
scheinbar ohne Motiv" von Omar Saavedra-Santis, dessen "Don Quixote" am 
Volkstheater im März Premiere feierte, soll von Schauspielern live im Radio 
gelesen werden und zwar inklusive der Regieanweisungen, die vom Autor 
persönlich gesprochen werden.

Nein, ein Hörspiel ist es nicht und auch keine Lesung, so Ella Schlenz, 
Redakteurin und Gleichstellungsbeauftragte vom Lokal Radio Rostock (Lohro) und 
Leiterin des Projektes Radio-Theater bei Lohro. Das Besondere am Radio-Theater 
sei, dass der Autor durch seine aktive Teilnahme in die Wahrnehmung des 
Publikums rückt.

Entstanden ist die Idee, als Omar Saavedra-Santis am 10. Mai gemeinsam mit 
Alejandro Quintana dieses Stück im Literaturhaus Rostock las und der Autor 
öffentlich verkündete: "Ich bin eine Hure und suche einen Freier." Was gemeint 
war, ist natürlich weit entfernt von obszönen Notwendigkeiten, sondern einzig 
Ausdruck der verzweifelten Suche nach Umsetzung des Stücks. Bei eben diesem 
Vorhaben stößt der Autor von Seiten der Verlage auf Gegenwind.

Titel und Text des Stückes seien so anspruchsvoll, dass man wohl befürchtet, 
nur eine kleine intellektuelle Clique anzusprechen. Dass so etwas vielleicht 
kein Millionengeschäft verspricht, ist möglich, aber ist es auch wichtig? Für 
einen Verlag hin und wieder schon, aber da sind ja noch die Theater, die ihre 
Subventionen gerade deswegen erhalten, damit sie nicht nur nach ökonomischen, 
sondern auch nach künstlerischen und kulturellen Aspekten handeln können.

Das Publikum saß wie im Seminarraum

Mitarbeiter des Volkstheaters, die sich mit öffentlicher Wirksamkeit 
beschäftigen, waren sehr skeptisch, ob man dem Publikum zumuten könne, sich auf 
Grund von Text und Regieanweisungen ein Theaterstück vorzustellen. Wie sich am 
vorigen Sonntag in den Räumen von Lohro herausstellte, kann man dass sehr wohl. 
Das Publikum saß in einem provisorisch dekorierten Seminarraum des Senders und 
schaute auf eine moderne Lautsprecherbox, geschmückt mit einem fünfarmigen 
Leuchter, der allerdings nur drei Kerzen hielt. Die gläserne Rückwand war mit 
Zeitungen abgedeckt, und einige winzige Fernseher waren in dem kleinen Raum 
verteilt.

Eine ganz besondere Form der Ästhetik

Irritation und Skepsis auf den Gesichtern der Gäste, zu denen Prof. Helmuth 
Lethen und Frau Prof. Ehlers nebst Gatten gehörten. Als das Stück gelesen 
wurde, konnten die Hörer dies live am Radio verfolgen, und das Publikum im 
Sender musste sich entscheiden. Über die Monitore konnte man in 
Überwachungskamera-Ästhetik die Akteure: Omar Saavedra-Santis – Autor (als 
Autor), Alejandro Quintana (Regie) und als Borges, Jürgen Reimer (als Ernst 
Jünger) und Undine Cornelius (als Mary) und Senorita Fukuzawa beim 
sprechen/spielen beobachten. Gleichzeitig saß man im Nebenraum, was einem sehr 
wohl bewusst war, da Startsignale, beispielsweise durch Klopfzeichen, an der 
Tür gegeben wurden, und man verfolgte das eigentliche Geschehen über ein 
drittes Medium, nämlich den altarähnlichen Lautsprecher.

"Die ganze Atmosphäre roch nach Arbeit", wie Alejandro Quintana es ausdrückte. 
Durch die Monitore hatte man das Gefühl, die Künstler bei einer Probe zu 
erwischen und Anfangs war man froh, wenigstens etwas zum Schauen zu haben. Das 
Stück erwies sich aber als dermaßen dicht, interessant und unterhaltsam, dass 
jegliche visuelle Untermalung überflüssig wurde. Die eindringlichen Stimmen der 
alten Schule transportierten nicht nur das gesprochene Wort, sondern ließen das 
Theater im Kopf erstehen.

Gemeinsame Erlebniswelt verschiedener Medien

Entgegen aller Unkenrufe, spielte es überhaupt keine Rolle, wenn man die Werke 
der Protagonisten nicht kannte, denn es handelt sich wie bei jeder Literatur um 
Fiktion, wie der Autor betonte. Die Handlung und vor allem die punktgenauen 
Dialoge sprachen für sich. Es wäre wünschenswert, wenn solche Autoren wie Omar 
Saavedra Santis auch mit solchen Stücken auf der Theaterbühne vertreten wären.

Welche Rückschlüsse nun aus der einen Tatsache, dass Alejandro Quintana an 
diesem innovativen Projekt teilnimmt und einer anderen Tatsache, nämlich, dass 
er jüngst eine Wohnung in Rostock gemietet hat, zu ziehen sind, bleibt jedem 
selbst überlassen. "RadioTheater" bei Lohro wird in Serie gehen und das nächste 
Projekt mit Johanna Schall ist schon in Arbeit, so verriet Ella Schlenz noch am 
Ende des ungemein lohnenden Abends.

Katharina Leppin



-- 
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