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Text: F.A.Z., 13.07.2006, Nr. 160 / Seite 34


        Der spinnt, der Katholik
Gott ist weg, nicht tot: Eine Studie über den Außenseiter Leon Bloy

Leon Bloy ist hierzulande bislang nur innerhalb von kleinen, sich oft elitär 
gebenden Zirkeln gelesen worden. Das Werk des Franzosen wurde lediglich 
sporadisch ins Deutsche übersetzt. Die Mehrzahl seiner Bücher ist derzeit, wenn 
überhaupt, nur in Antiquariaten erhältlich. Die wenigen Liebhaber, die den 
katholischen Fanatiker dennoch entdeckt haben, preisen ihn um so vehementer. Zu 
ihnen gehört der Germanist Alexander Pschera, der Bloy eine knappe Studie mit 
dem mystischen Untertitel "Pilger des Absoluten" gewidmet hat.

Tatsächlich eignen sich nur wenige moderne Autoren so gut zur Heiligenverehrung 
wie der 1846 geborene Leon Bloy. Er betrachtete sich als Werkzeug Gottes und 
erscheint heute als Inbegriff des verkannten Hungerleiders, ja als eine 
Fleischwerdung Hiobs. Zunächst vollkommener Atheist, wurde Bloy im Jahre 1868 
Sekretär des Schriftstellers und Kritikers Jules Barbey d'Aurevilly und von 
diesem zum Katholizismus bekehrt. Wie die Wandlung vor sich ging, ist leider 
nicht bekannt. Mit dem Übereifer des Konvertiten verkündet der Geläuterte 
jedenfalls danach: "Alles, was nicht ausschließlich, durch und durch katholisch 
ist, hat kein anderes Recht, als zu schweigen, und es ist kaum würdig, die 
Nachttöpfe eines Krankenhauses auszuspülen oder die Latrinen einer deutschen 
Infanteriekaserne auszukratzen."

Nach der Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg geistert Bloy als verkrachte 
Existenz durch Paris. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten, religiöse und 
historische Essays, Pamphlete, Briefe und Tagebücher - allesamt Chroniken 
seines ganz persönlichen Leidens, durchzogen von inbrünstigen Gebeten und 
maßlosen Haßtiraden auf Journalisten, Schriftsteller, Naturalisten, 
Symbolisten, Gläubiger, Vermieter, Deutschland, England, Protestanten und laue 
Katholiken.

In den Zeitungsredaktionen und im Literaturbetrieb macht der Autor sich 
unmöglich, er beschimpft Emile Zola als "Kretin aus den Pyrenäen" und findet 
für Alphonse Daudet sogar noch weitaus derbere Schmähungen. Zu Lebzeiten 
erfolglos, muß er seinen Unterhalt als Bürohilfe erarbeiten oder erbetteln; 
meistens läuft er sich auf der Suche nach Almosen die Schuhsohlen ab, auch zu 
Zola. Zugleich prangert Leon Bloy seine heuchlerischen Glaubensbrüder an, die 
durch mildtätige Gaben ihren Seelenfrieden erkaufen wollen. Sein "esoterischer, 
überspannter Dogmatismus am Rande der Häresie" (Pschera) entfremdet ihn der 
Kirche. Am Kloster wird er abgewiesen.

Private Schicksalsschläge vervollständigen das Elend: Bloy missioniert eine 
Prostituierte. Diese verfällt daraufhin dem Wahnsinn und stirbt in geistiger 
Umnachtung. Im Jahre 1890 heiratet Bloy die Dänin Jeanne Molbach, nachdem auch 
diese zum katholischen Glauben übergetreten ist. Zwei Söhne sterben schon als 
Säuglinge, die Mutter erkrankt lebensbedrohlich. Bis zu seinem Tod im Jahre 
1917 bringt es Leon Bloy, der nach eigenen Angaben vor Hunger und Kälte von 
Visionen heimgesucht wurde, immerhin auf ein sechzehnbändiges Gesamtwerk.

Als Hauptwerk gelten seine Tagebücher und das "Das Heil durch die Juden", eine 
Schrift gegen den verbreiteten Antisemitismus in der Dritten Republik, die dem 
Judentum als Werkzeug Gottes eine heilsbringende Rolle für die gesamte 
Menschheit zuerkennt. "Nicht nötig, hinzuzufügen, daß er Antisemit war", 
kommentierte der argentinische Bloy-Kenner Jorge Luis Borges diesen Text.

Alexander Pschera versucht nun, den Franzosen vom Ruf eines "katholischen 
Spinners" zu befreien. Er erkennt in dem Esoteriker eine mögliche 
"Schlüsselfigur" des Renouveau catholique, hebt ihn unter den Autoren der 
Gegenmoderne auf den Rang seines Zeitgenossen Friedrich Nietzsche. Beide haben 
das Werk des anderen wohl kaum wahrgenommen, doch Pschera fördert durch die 
Gegenüberstellung der zentralen Denkfiguren Nietzsches und Bloys einige 
interessante spiegelbildliche Entsprechungen zutage. Der Diagnose des 
Nihilismuskünders "Gott ist tot" steht das "Gott ist abwesend" des Katholiken 
gegenüber.

Die zwei machen die gleichen Feinde aus: die schwächliche Dekadenz sowie die 
positivistisch-rationalistischen Platitüden ihrer Zeitgenossen. Beide wollen 
durch die Zertrümmerung der brüchigen Ordnungsvorstellungen ihrer Epoche zu 
einem neuen Lebenssinn vorstoßen. "Philosophieren mit dem Hammer", nennt 
Nietzsche das. Bloy bezeichnet sich als "Entrepreneur de demo-

litions", als Abbruchunternehmer. Ein neuer Mensch soll die künftige Welt 
vorbereiten. Für den deutschen Philosophen ist es der Übermensch auf der 
Berghöhe, für den Franzosen der Schmerzensmann im Sturz ins Bodenlose: er 
selbst.

Bloys Weg ist eine hochmütige Imitatio Christi. Von Gott fordert er möglichst 
zahlreiche Qualen und Entbehrungen ein. Was ihn darüber hinaus mit Nietzsche 
verbindet, ist die heroische Akzeptanz des Schicksals, das Verlangen nach 
ungeheuren Prüfungen seines Willens. Doch während Nietzsche mit seinem 
Zerstörungswerk die Flucht nach vorne, ins Unbekannte, Unwegsame antritt, 
wendet Bloy sich zurück: zum Schöpfer, zur Heilsgeschichte, zu monarchistischen 
und legitimistischen Vorstellungen. Insofern ist der Vergleich des 
"bekanntesten und des unbekanntesten Augurs der Moderne" (Pschera) 
aufschlußreich; es stellt sich in diesem Zusammenhang jedoch die Frage, ob man 
nicht bei anderen Paarungen moderner Denker zu ähnlichen Ergebnissen käme. Der 
unerwartete Clou der Studie ist die Kontrastierung zweier so ungleicher 
Bloy-Verehrer wie Ernst Jünger und Heinrich Böll. Beide waren im Zweiten 
Weltkrieg als Wehrmachtssoldaten in Paris stationiert. Beide lasen dort Bloy. 
Böll war bereits 1936 als Neunzehnjähriger, angeregt vom "Blut der Armen", 
Katholik geworden. "Weißt du auch, daß ich unmittelbar durch Leon Bloy gerettet 
worden bin; durch diesen Mann, den ich am meisten liebe von allen, die je in 
Europa Bücher geschrieben haben", berichtete er Annemarie Cech. Weil Heinrich 
Böll nur einen Monat nach dem Tod des Franzosen, im Dezember 1917, geboren 
wurde, äußerte er sogar den Wunsch, Bloys Biographie durch sein eigenes 
literarisches Schaffen fortzusetzen.

Der gut zwanzig Jahre ältere Ernst Jünger dagegen wurde von Carl Schmitt auf 
Leon Bloy aufmerksam gemacht. Während des Nationalsozialismus wandelte er sich 
vom nihilistischen zum christlich beeinflußten Denker. Vor seinem Tod 1998 
konvertierte auch er zum katholischen Glauben. Bloys Motto "Alles ist 
anbetungswürdig", von Ernst Jünger in seinen Pariser Tagebüchern zitiert, 
könnte auch dessen Leitspruch sein. Doch bewunderte der Ästhet Jünger den 
Mystiker Bloy für dessen vulgäre Polemik nur naserümpfend, nannte ihn einen 
"Zwillingskristall aus Diamant und Kot". Böll ereiferte sich daraufhin in 
seinem Diarium über diese "kaltschnäuzige Abfertigung" seines Lieblingsautors. 
Trotzdem, so betont Pschera, war es Ernst Jünger, der Bloy in Deutschland am 
nachdrücklichsten bekannt gemacht hat.

Allerdings gibt es noch andere Wege zu Leon Bloy als den in dieser Studie 
aufgezeigten. "Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Historiker der Zukunft in 
ihm einen Mystiker sehen werden; wir sehen vor allem den unbarmherzigen 
Pamphletisten und Erfinder von phantastischen Geschichten", schrieb Jorge Luis 
Borges im Vorwort der "Unliebsamen Geschichten", die er in seiner "Bibliothek 
von Babel" herausgab. Diese Sammlung Bloyscher Kurzprosa über den Geiz, die 
Gier und die Skrupellosigkeit der kleinen Leute liest sich wie das Kondensat 
der bösartigsten Erzählungen etwa eines Guy de Maupassant.

Wenig Scheu vor Bloys Unflat hatte auch Joris Karl Huysmans, neben Auguste 
Villiers de l'Isle-Adam einer der wenigen Pariser Literaten, die mit dem 
verfemten Autor befreundet waren. Er hat Bloy die wohl exklusivste und zugleich 
eine zweischneidige Reverenz erwiesen, indem er ihn in den Bücherschrank seines 
Herzogs Des Esseintes aufnahm. Der neurotische Dandy aus Huysmans Hohelied der 
Dekadenz "Gegen den Strich" wählt seine Autoren nach Temperament und nicht nach 
Vollkommenheit aus, denn nur "die stärksten Gefühlsregungen, die krankhaftesten 
psychologischen Launen und die übertriebensten Entartungen einer Sprache" 
reizen ihn. Bezeichnenderweise bevorzugt er vornehmlich exzentrische geistliche 
Schriftsteller. Die kurze Notiz zu Bloy lautet: "Daher beeilte sich der 
Katholizismus, aus seinen Zeitungen einen seiner Anhänger zu verbannen, einen 
begeisterten Pamphletisten, der eine wütende, zugleich preziöse, naive und 
wilde Sprache schrieb, Leon Bloy."

Dieser beendete allerdings die Freundschaft zu seinem Fürsprecher, als dessen 
Satanismus-Roman "Tief unten" erschien. Joris Karl Huysmans' anschließende und 
endgültige Kehre zu einem ebenfalls höchst eigenwilligen Katholizismus ließ 
Leon Bloy jedoch unbeeindruckt. Angesichts der Nähe ästhetizistischer Autoren 
zum religiösen Dogmatismus dürfte ihn jedoch mehr mit deren Dekadenz verbinden, 
als ihm vermutlich lieb war. FELIX JOHANNES KRÖMER

Alexander Pschera: "Leon Bloy". Pilger des Absoluten. Edition Antaios 2006, 135 
S., 12,- [Euro].



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