Liebe Jünger-Freunde, 

in einer neuen Biographie über Alexander Mitscherlich gibt es einige Erstdrucke 
von Jünger, aus Briefen Jüngers an "Zwitscherlich"  (Gretha Jünger dixit), wie 
ich verschiedenen Rezensionen entnahm (zB. in der ZEIT und der NZZ). Wieviele 
und in welchem Umfang, weiss ich nicht zu sagen, mir lag das Buch noch nicht 
vor. Dieser Hinweis also nur unter Vorbehalten. Deswegen kann ich auch nicht 
sagen, inwieweit das Buch Auskunft über die zunehmende Entfernung Mitscherlichs 
zu Jünger nach Kriegsende gibt. Bis hin zur erbitterten Gegnerschaft 
Mitscherlichs Frau zu EJ, die anlässlich der Goethepreisverleihung an EJ anno 
'82 recht aktiv publik wurde. 

Das Buch: Martin Dehli: "Leben als Konflikt". Zur Biographie Alexander 
Mitscherlichs. Wallstein Verlag, Göttingen 2007. 320 S., 10 Abb., geb., 29,90 
[Euro].

Nachstehend die neueste Rez. zum Buch, von Lorenz Jäger in der FAZ von morgen. 

Schöne Grüsse rundum,
Ihr / Euer 
tw





Text: F.A.Z., 11.06.2007, Nr. 132 / Seite 39
Wir, das Gericht
Ein Analytiker wird analysiert: Alexander Mitscherlichs Leben

Alexander Mitscherlich (1908 bis 1982) gehört zu den intellektuellen 
Gründungsgestalten der Bundesrepublik. Nun liegt seine Biographie vor. Sie 
lässt Mitscherlich-Ohrwürmer wie "Die vaterlose Gesellschaft" neu aufleben.

Ein Generationenwechsel hat stattgefunden. Der Schülerkreis von Alexander 
Mitscherlich, der das ehrende Andenken des Lehrers bewahrt hatte, steht am Ende 
seiner Arbeitsbiographie. Und Martin Dehli, dem wir nun den neuen, ungemein 
eindringlichen Blick auf die Lebensleistung Mitscherlichs verdanken, hat 
persönliche Loyalitäten gegenüber einem Meister weder zu behaupten noch zu 
dementieren - er ist vom Jahrgang 1971, da war Mitscherlich als öffentliche 
Figur der Bundesrepublik schon lange etabliert. So schließt sich Dehlis 
Biographie des Denkers - die im Untertitel bescheiden als Studie "zur 
Biographie" firmiert - dem großen Trend der Historisierung an. Oder, einfacher 
gesagt: Der zeitliche Abstand selbst ist es, der die Haltung der 
naiv-verehrenden Nachfolge unmöglich macht. Wüsste man es nicht aus dem 
Nachwort, dann würde man kaum glauben, dass es sich bei diesem Buch um eine 
Dissertation handelt - so hoch steht sie über den Normalprodukten des Betriebs. 
Sie wird in der Geschichte der deutschen Psychoanalyse Epoche machen.

Denn diese Disziplingeschichte ist in einem innerhalb der Wissenschaften 
auffällig hohen Maß die Geschichte einzelner charismatischer Lehrer. 
Mitscherlichs Anteil ist ein mehrfacher: Er gehörte zu den ersten 
Nachkriegsherausgebern der Zeitschrift "Psyche"; er begründete das Frankfurter 
Sigmund-Freud-Institut; und er gab eine Freud-Auswahl heraus, deren rote Bände, 
lange vor der Gesamtausgabe, für die deutschen Leser den ersten Zugang zu 
dieser Ideenwelt eröffneten.

Die deutsche Psychoanalyse der ersten Nachkriegszeit - wenn man die durchaus 
eklektische Theorie und Praxis denn so nennen darf - war nicht das, was man 
später, und immer ausschließlicher auf die Freudsche Gründung bezogen, darunter 
verstehen sollte. Auch hier wird die Zäsur in der Mitte oder am Ende der 
fünfziger Jahre liegen; die ersten Jahrgänge der "Psyche" hatten noch 
Abhandlungen astrologischen und graphologischen Inhalts veröffentlicht.

Vor allem trat Mitscherlich als Zeitkritiker der jungen Bundesrepublik hervor, 
als "Sozialpsychologe". Die Titel seiner Bücher hatten eine ikonische Qualität 
erreicht: "Die Unwirtlichkeit unserer Städte", "Die vaterlose Gesellschaft" und 
in besonderem Maße "Die Unfähigkeit zu trauern", gemeinsam verfasst mit seiner 
Frau, der Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich. Man kann schon hier den 
Befund resümieren, zu dem die Lektüre von Dehlis materialreichem Buch anregt: 
Mitscherlich kam aus der Bewegung konservativer Revolutionäre um Ernst Jünger 
und Ernst Niekisch - und dass er sich in seinen öffentlich wirksamen Schriften 
an das Kollektiv der Deutschen wandte, war eine Umcodierung der "deutschen" 
Präokkupationen jener frühen Jahre. Der Gestus blieb, die Etiketten wurden neu 
beschriftet.

Und es ist in der Analyse dieser Schrift, dass Dehlis Buch zur äußersten 
Schärfe kommt. Schon häufig wurde bemerkt, dass der Titel des 
Mitscherlich-Werkes selbst im Lauf der Jahre eine bemerkenswerte Umdeutung 
erfuhr. Denn ursprünglich lautete die These, der narzisstischen "Verliebtheit 
in den Führer", Grundlage der Begeisterung für den Nationalsozialismus, sei 
keine angemessene Phase der Trauer "um den erlittenen Verlust des Führers" 
gefolgt - während Margarete Mitscherlich später, dem neuen Geist angemessener, 
erklärte, das Ausbleiben einer kollektiven Trauer "nach den furchtbaren 
Verlusten an Menschlichkeit und Menschenleben" im Zweiten Weltkrieg sei das 
Hauptthema des Buches.

Wie dem nun auch sei: Erst das auktoriale "wir" der Mitscherlichs führt hier 
ins Innere des Problems. Es ist ein "wir", dem man in verschiedenen Rollen 
begegnet, es sind wir Deutschen, aber zugleich in merkwürdiger Distanz "wir", 
die Autoren, die "uns" durchschauen, kraft analytischer Kompetenz, und wissen, 
was an Lebenslügen im Kollektivgeist bereitliegt. Einmal heißt es, "wir waren 
sehr einverstanden mit der Führung, die typisch deutsche Ideale mit unserem 
Selbstgefühl aufs neue zu verbinden wusste", ein anderes Mal aber sind "wir" 
"sehr engagiert" an diese Untersuchung gegangen; und man bedürfte eines 
heutigen Supervisionsanalytikers, um dann ein drittes "wir" angemessen zu 
deuten: "Wo Schuld entstanden ist, erwarten wir Reue und das Bedürfnis der 
Wiedergutmachung . . . Wir verlangen also nach näherer Aufklärung über den 
Sprung, den so viele vom Gestern ins Heute taten." "Wir" sind Beobachter, 
Therapeuten, Ankläger, Richter und Gutachter in einer Person.

Selbst das wäre noch nicht der Kern der Sache. Dehli ist nicht der Erste, der 
bemerkt, wie wenig die Stimme der Patienten in den Schriften des analytischen 
Paares Gehör findet. Und er bringt es mit einem technischen Terminus auf den 
Begriff: "Den . . . psychoanalytischen Krankengeschichten gemeinsam ist ein 
signifikanter Mangel: Mit keinem Wort werden Fragen der Übertragung und 
Gegenübertragung erwähnt. So kommen weder die normativen Erwartungen, mit denen 
Alexander und Margarete Mitscherlich ihren Patienten begegneten, noch deren 
Reaktion auf ihre deutlich engagierten Analytiker zur Sprache. Der Standort der 
Therapeuten bleibt unsichtbar."

Es mag diese Unsichtbarkeit gewesen sein, die während der Frankfurter 
Studentenrevolte den Aktionskünstler Hans Imhoff zur legendären 
"Mitscherlich-Aktion" motivierte - die er später rekonstruierte und, um 
Gespräche mit Leuten aus Mitscherlichs Schülerkreis wie Heide Berndt erweitert, 
als Buch veröffentlichte. Die Zeitschrift "Kultur und Gespenster" hat kürzlich 
diesem denkwürdigen Ereignis einen Artikel gewidmet, im kommenden Heft wird der 
vollständige Text nachgedruckt.

Dehlis Leitparadigma ist die Verwestlichung Deutschlands nach dem Krieg oder, 
wie es ein bekannter Historiker kürzlich ausgedrückt hat, ohne des furchtbaren 
Doppelsinns seiner Prägung innezuwerden, die "Westernisierung". Man muss sie 
als Realität anerkennen, dennoch kann man sich fragen, welcher Preis dafür 
entrichtet werden musste. Und da fällt dann auf, dass alles Vorhergehende - in 
diesem Fall also die Gedankenwelt von Mitscherlichs Lehrer Viktor von 
Weizsäcker - von Dehli doch sehr schnell der "Konservativen Revolution" 
zugeschlagen wird, mit der sie höchstens indirekt zu tun hatte. Weizsäckers 
eigentliches Anliegen war wohl ein religiöses; noch in seinen späten 
Erinnerungen an Freud hält er diesem, bei aller Bewunderung im Einzelnen, die 
Religionskritik der Schrift "Die Zukunft einer Illusion" als entscheidendes 
Versagen vor.

Wer den besten Teil von Weizsäckers Werk kennenlernen will, in dem die 
psychosomatische Lehre vorbereitet wurde, sollte den kurzen Essay "Schmerzen" 
lesen, der in den zwanziger Jahren in der "Kreatur" erschien, einer 
Zeitschrift, die von einem Protestanten, Weizsäcker selbst, einem 
(ketzerischen) Katholiken, Joseph Wittig, und einem Juden, Martin Buber 
nämlich, herausgegeben wurde. Will man das schwierig zu fassende Programm der 
Zeitschrift auf einen Begriff bringen, dann könnte man von einer theologisch 
gerichteten Anthropologie sprechen. Und eine der erschütterndsten Erfahrungen 
ist es, dass auch diese Vorgeschichte einen Mann wie Viktor von Weizsäcker - 
einen großen, nur an Paracelsus zu messenden Arzt - nicht vor der Verstrickung 
in das Medizinsystem des Nationalsozialismus zu bewahren vermochte.

Historisierungen haben es an sich, dass sie in den gedanklichen Motiven eines 
Autors dessen eigene Lebensproblematik erkennbar machen. Nur noch mit 
Verwunderung vermag man die Deutung zu lesen, die Mitscherlich dem Auftreten 
Rainer Barzels angedeihen ließ. In einer Fernsehsendung analysierte er den 
damaligen Kanzlerkandidaten der CDU, indem er diesem ein neurotisches 
Vaterverhältnis attestierte. Dehlis Schrift gibt ausreichendes Material für die 
These, dass hier der eigene Vaterkonflikt des Analytikers mitgespielt haben 
mag, den er an seine Kinder weitergab, die zum Teil ohne ihn aufwuchsen.  
Lorenz Jäger

Martin Dehli: "Leben als Konflikt". Zur Biographie Alexander Mitscherlichs. 
Wallstein Verlag, Göttingen 2007. 320 S., 10 Abb., geb., 29,90 [Euro].



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