Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2004, Nr. 292 / Seite 31 Kommentar Unter Strom
Es müßte Ernst Jünger wurmen, wenn er der Zeitung entnähme, wer inzwischen noch alles in den Genuß einer verbilligten Stromzufuhr kommt. Verbilligte Stromzufuhr - das galt bislang als Privileg von Geistesheroen, für die auch das Nobelpreis-Schema schon zu eng geworden war. Im Fall von Ernst Jünger, wir erinnern uns, ging man seinerzeit sogar aufs Ganze. Da wurde nicht nur Stromverbilligung in Aussicht gestellt, da ging es um die komplette Stromkostenbefreiung. "An Ihrem hundertsten Geburtstag am 29. März 1995 wird ein Trupp von der Energieversorgung Schwaben kommen und in Ihrem Haus den Zähler abmontieren", hatte der Vorstandschef der Energieversorgung Schwaben, Wilfried Steuer, in Anwesenheit Jüngers öffentlich versprochen. "Dann leben Sie stromkostenfrei." Wie die Sache ausging, ist bekannt: Das schwäbische Energieunternehmen fiel seinem generösen Vorsitzenden in den Rücken, es besann sich auf seine sprichwörtliche Schwabenknauserei und kippte die Stromfreiheit für Jünger mit dem Argument, man könne ja nicht wissen, wie viele Jahre dieser Dichter noch durchhalte. Woraufhin Steuer, dieser hochgemute Strommann, Jüngers Stromrechnung tatsächlich auf die private Kappe nahm. Leben mit abmontiertem Zähler ist natürlich ein symbolisch hoch aufgeladener Akt - Steuer weiß es, Jünger wußte es -, es bedeutet soviel wie: Rücken frei für die wirklich wichtigen Eskapaden im Leben, für ein Dasein auf vorgeschobenem Posten, für eine Meditation im Grünen bei nahendem Gewitter, für die souveräne Ortsbestimmung im Dreieck Technik, Macht und Geist. Stromfreiheit für Jünger, das war eine Bild für die unversiegbare Energiequelle, auf die einer angewiesen ist, der die Welt auf einen Käferkosmos herunterkühlt - eine Chiffre für den Wärmestrahl inmitten einer Verhaltenslehre der Kälte. Und heute? Wir stehen vor den Trümmern einer Symbolpolitik des Heroischen. Von abmontierten Zählern ist weit und breit nicht mehr die Rede, ein Satz wie "Dann leben Sie stromkostenfrei" wirkt in seiner Unbedingtheit wie eine Verheißung aus längst versunkener Zeit. Heute wird Stromkostenfreiheit nur noch in kleiner Münze gewährt, sie wird nicht länger öffentlich versprochen, sondern heimlich ausgekungelt, als mickriger Stromrabatt in beliebigen Hinterzimmern. Und wenn die Sache auffliegt, wird flugs der Zähler abgelesen und alles kleingeredet. Der geldwerte Vorteil seines Stromrabatts betrage ja nur 1400 Euro im Jahr, jammerte jetzt irgendein stromrabatthalber zur Rede gestellter CDU-Meyer. Zehn Jahre nach Jüngers Hundertstem leben wir in einer anderen Welt: Die Energietrupps setzen wahllos jeden unter Strom, von dem sie sich einen politischen Vorteil versprechen. Und die jämmerlichen Polit-Meyer lassen nicht einmal ahnen, welch ehrwürdiges Instrument zur Adelung des Geistes an ihnen zerbricht. Statt sich heroisch in den Untergang zu fügen, rechtfertigen sie sich. gey __________________________________________________________ Mit WEB.DE FreePhone mit hoechster Qualitaet ab 0 Ct./Min. weltweit telefonieren! http://freephone.web.de/?mc=021201 _______________________________________________ Juenger-list mailing list [email protected] http://www.pairlist.net/mailman/listinfo/juenger-list
