Liebe Jünger-Freunde,

die erste mir zur Kenntnis gelangte Rez. zu Helmuth Kiesels Jünger-Biographie 
erschien heute im "Marburger Forum" ( http://www.philosophia-online.de ), sie 
ist als PS beigefügt.

Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw


Marburger Forum, Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), 
Heft 4

Timo Kölling : Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie - Ein erster 
Eindruck

In seiner »Theorien des deutschen Faschismus« überschriebenen Kritik des 1930 
von Ernst Jünger herausgegebenen Aufsatzbandes »Krieg und Krieger« spricht 
Walter Benjamin von der »Stumpfheit«, mit der die dort versammelten Autoren 
»den Begriff kommender Kriege fixieren, ohne Vorstellungen mit ihm zu 
verbinden«. Er wirft den Autoren, allen voran freilich Ernst Jünger, 
»lasterhaften Mystizismus«, »knabenhafte Verschwärmtheit«, eine »hemmungslose 
Übertragung der Thesen des LŽart pour lŽart auf den Krieg« vor. Die Rezension 
Benjamins gehört nicht nur zu den frühesten, sondern ist auch eine der 
bedeutendsten Kritiken der sogenannten Konservativen Revolution als 
Gesamtphänomen. Und man wird sagen können: der Blick, den Helmuth Kiesel in 
seiner großen Biographie auf Leben und Werk Ernst Jüngers wirft, ist an den 
noch unausgeschöpften Perspektiven geschult, welche Benjamins Text eröffnet.

Was in Biographien zumeist aufgesetzt wirkt: die Einbettung des betrachteten 
Lebens in die Zusammenhänge, in denen es sich entfaltete - in Kiesels Buch ist 
es meisterhaft gelungen. Indem Kiesel die Perspektive Benjamins übernimmt, 
gelangt er zu erstaunlichen Vorstößen in noch unbetretenes Gebiet, zeichnet in 
einigen brillanten Abschnitten das noch kaum eingelöste Programm einer 
Forschung, die es zu unternehmen hätte, mit dem Mut zur Reduktion das 20. 
Jahrhundert in seiner in das Handeln jedes einzelnen hineinwirkenden 
Grundkonstellation zu begreifen. Als These ließe sich formulieren: wer Jüngers 
ästhetizistische Metaphorisierung des Krieges als ideologisch kritisiert, 
verkennt, daß die totale Ideologisierung des Lebens zu der Zeit, in die Jünger 
hineinwuchs, objektives Dasein besaß, ja auf unheimliche Weise Allgemeinzustand 
geworden war. Die neue Historiographie, so Kiesel, sei »genötigt, ein geradezu 
pathologisch wirkendes Szenarium zu beschreiben, in welchem in einem Klima der 
Unverantwortlichkeit ein ideologisch oder mentalitätsmäßig begründeter Zwang 
herrschte und einen Automatismus entstehen ließ, der die politischen Akteure 
(...) gleichsam zu Marionetten machte und große Teile der Bevölkerung 
applaudieren ließ.« (S.182)

Wer, um sich zu schonen, und da er schon an den Feuilletons genug hat, keine 
»glänzend geschriebenen« Bücher lesen mag (als solches wird leider auch dieses 
wieder beworben); wer Biographien in all ihrer schlechten Metaphysik nicht 
leiden kann (es wäre eine Arbeit für sich, das Genre der Biographie als 
zutiefst metaphysisches zu beschreiben), - für die hervorragende 
wissenschaftliche Prosa dieses Buches sollte in jedem Fall eine Ausnahme 
gemacht werden. In welcher Weise Ordnungssinn und gedankliche Durchdringung des 
Stoffes unmittelbar positiv auf die Sprache sich auswirken können - an diesem 
Buch läßt es sich studieren. Eine der zentralen Denkfiguren des frühen Ernst 
Jünger betreffend, schreibt Kiesel etwa: »Selbst wenn der Krieg unabdingbar zum 
›Leben‹ gehören und in  der Natur des Menschen angelegt sein sollte, müßte man 
ihn nicht als Inbegriff oder höchste Intensität des Lebens betrachten; er wäre 
dann eine Fatalität, die uns trotz ihrer beschämenden Unvermeidlichkeit immer 
wieder bestürzen müßte.« (S.378) Man bezeichne dieses Beispiel nicht voreilig 
als läppisch, achte vielmehr darauf, wie selten Biographien zu solch präzisen 
Formulierungen des sei es auch Selbstverständlichen finden. Das Buch ist - ob 
bewußt? - voller Sentenzen, die in der Erinnerung haften bleiben. Bei der 
zitierten Stelle handelt es sich um eine von vielen, das ganze Buch 
durchziehenden Formulierungen, die mit großer Klarheit die Problematik einer 
»naturalistischen« Geschichtsphilosophie beschreiben, wie sie noch für den 
späten Ernst Jünger kennzeichnend ist. Dieses Thema ist, wenn auch nicht 
ausdrücklich, einer der Schwerpunkte der Biographie. Nun sind nicht alle 
Biographien so gänzlich kunstlos, daß sie auf das reine und als solches ja 
oftmals tödlich langweilige Nacherzählen des Gewesenen sich beschränken. Wenige 
aber sind so gekonnt, daß sie, indem sie Erkenntnis vermitteln, im eigentlichen 
Sinne als »Darstellung« bezeichnet werden dürfen. Darstellung bildet nicht bloß 
ab, sondern macht verstehbar. Dazu bedarf es in einer Biographie immer wieder 
der Zerschlagung des vermeintlich linearen Kontinuums namens »Leben«, dessen 
Schilderung zu einem System der Stauungen und Beschleunigungen, der Vorgriffe 
und Rückblenden wird. Kiesel wendet das souverän an. Immer wieder auch tritt, 
nicht zum Schaden des Textes, die Systematisierung des Stoffes nackt zutage, 
wie S. 284ff. und S. 293ff., wo die »Axiome von Jüngers 
Frontsoldaten-Nationalismus« und spätere »Präzisierungen und Akzentuierungen« 
lehrbuchartig - und mit Gewinn für den Leser - aufgezählt werden.

Erkenntnis, auf die die Form der Darstellung jederzeit aus ist, kann, wie in 
dem angeführten Beispiel der geschichtsphilosophischen Position des frühen 
Jünger, solche sein, die der spätere Interpret dem Autor voraus hat und 
durchaus ihm, der in den Diskursen seiner Zeit befangen war, vorhalten darf. In 
diesem Fall ist Gegenstand der Kritik eine »Geschichtsphilosophie, die sich 
seit den Zeiten der Aufklärung darin übte, Negativitäten aller Art als 
Begleiterscheinungen oder gar Schmiermittel des Fortschritts zu betrachten« (S. 
524). Auch in dem Widerstandsroman »Auf den Marmorklippen« sieht Kiesel diese 
Geschichtsphilosophie, »in dem Sinne einer fatalen Tradition, der Jünger mit 
seiner Zeit anhing« (S. 476), wirksam und formuliert bei dieser Gelegenheit: 
»Kritik an Jünger und speziell an den Marmor-Klippen auf der Basis einer später 
entwickelten Ideologiekritik und Poetik ist nicht illegitim, sondern macht auf 
Aspekte aufmerksam, die prinzipiell prekär sind; sie sollte aber nicht absolut 
gesetzt, sondern durch die Berücksichtigung des geschichtlichen Standorts 
relativiert werden.« (S. 477f.) Erkenntnis kann aber auch, im Gegensatz dazu, 
solche sein, die der Autor dem Interpreten voraus hat - dort versagt die Kritik 
und ist selber gestrig. So hat Jünger selbst die geschichtsphilosophische 
Haltung seiner früheren Jahre wenn nicht hinter sich gelassen, so doch in 
entscheidender Weise modifiziert. »Die Überwindung des Nihilismus«, faßt Kiesel 
den Standpunkt zusammen, den Jünger 1983 seiner Erzählung »Aladins Problem« 
zugrunde legt, »beginnt nicht an einem bestimmten Zeitpunkt mit einem 
allgemeinen Umschlag und gesellschaftlichen Aufbruch; sie beginnt hic et nunc 
im Bewußtsein des einzelnen.« (S.646) Damit ist eine - wie immer alte und der 
Tradition verhaftete - philosophische Position umrissen, die noch heute Gehör 
zu finden verdient, und von der nicht behauptet werden kann, sie sei in allen 
ihren Voraussetzungen und Perspektiven bereits bedacht.

Das zu beurteilen, ist freilich nicht Aufgabe des Biographen. Auch in dieser 
Hinsicht wird Kiesel seiner Aufgabe gerecht. Er eröffnet Perspektiven, hält 
aber auch Grenzen ein. Eines seiner Hauptanliegen ist, haltlosen Urteilen den 
Boden zu entziehen. Das verwundert nicht angesichts einer Forschung, in der 
noch immer der Grundton der Verurteilung überwiegt. In einem Exkurs »Jünger und 
die deutschen Verbrechen der NS-Zeit« bemerkt Kiesel: »Liest man die 
diesbezüglichen Analysen, die in den letzten zehn Jahren erschienen sind, so 
gewinnt man den Eindruck, daß alles, was Jünger zu diesem Thema geschrieben 
hat, mißlich ist: defizitär oder falsch.« (S. 553) Solchen Einseitigkeiten will 
Kiesel entgegenwirken, ohne andererseits den Versuchungen einer bloßen Apologie 
zu erliegen. Dieser entschieden auftretenden Vorsichtigkeit ist auch der 
glückliche Umstand zu verdanken, daß platte Zuschreibungen wie die von 
Sven-Olaf Berggötz in seinem Nachwort zu dem Band »Politische Publizistik« 
geäußerte hier nicht vorkommen: der nationalistische Ernst Jünger der zwanziger 
Jahre sei, vergleichbar etwa mit dem jungen Peter Handke, ein »junger Wilder« 
gewesen. Kiesel entschuldigt nicht, was moralisch nicht zu entschuldigen ist. 
Aber er macht Voraussetzungen kenntlich, die Denken und Handeln unter Umständen 
in einem Maß bestimmen, das den Souveränitätsanspruch des Individuums zur 
Fiktion erstarren läßt und den Nachgeborenen zur Pflicht macht, mit der Frage 
nach der Schuld des Einzelnen sehr differenziert umzugehen. Dieses Anliegen 
bestimmt die Schwerpunkte der Darstellung. Das Hauptgewicht liegt eindeutig auf 
den früheren, den prägenden Lebensjahren Jüngers: der Kindheit, den 
Weltkriegserfahrungen, ihrer Verarbeitung im Rahmen von Jüngers »neuem 
Nationalismus«, der schrittweisen Entfernung davon, zumal unter dem Druck der 
nationalsozialistischen Terrorherrschaft, mit welcher Jünger, wie Kiesel 
darzustellen bemüht ist, zu keinem Zeitpunkt sympathisierte. Diese Gewichtung 
hat zur Folge, daß zur Hälfte des 670 Seiten umfassenden Textteils, also auf 
Seite 335, erst Thomas Manns »Deutsche Ansprache« vom 17. Oktober 1930 erreicht 
ist, bei der Jünger bekanntlich zu den rechtsradikalen Ruhestörern gehörte. An 
diesem Punkt der Darstellung steht aber nicht nur die Beschäftigung mit dem 
»Arbeiter« (1932), sondern auch mit der Erstfassung des »Abenteuerlichen 
Herzen« (1929) noch bevor. Hundert Seiten später ist erst der Essay »Über den 
Schmerz« von 1934 erreicht, noch einmal hundert Seiten später das Ende des 
zweiten Weltkriegs. Diese Gewichtung ist natürlich legitim, hat aber zur Folge, 
daß die Darstellung zum Ende hin trotz der schönen Beschreibung von Jüngers 
Jahrzehnten im oberschwäbischen Wilflingen an Dichte verliert. Für das überaus 
wichtige Spätwerk »Die Schere«, das in noch einzuholender Weise Jüngers 
»Theologie« auf den Begriff bringt, hat Kiesel nur noch einen einzigen kurzen 
Absatz übrig. Darin spiegeln sich freilich auch die Vorlieben des Germanisten, 
der den erzählerischen Werken mehr abzugewinnen vermag als der rein 
philosophischen Reflexion. Hier aber im Namen des »Ästhetischen« Grenzen ziehen 
zu wollen, wäre problematisch, und wer vollends, mit einem großen Gelehrten des 
20. Jahrhunderts, die ästhetische Betrachtungsweise für ein Unglück hält, wird 
eher einer Position wie der des Philosophen Peter Koslowski sich anschließen, 
der Jüngers Werk im ganzen als eine dichterisch gestaltete Philosophie der 
Moderne deutet. Kiesel hält das für »nicht ganz unberechtigt«, aber für »kühn« 
(S. 14). Fest steht, daß die Erkenntnisqualität des Ästhetischen nicht zu 
trennen ist von einer Erkenntnis des Ästhetischen selbst, die als solche 
Philosophie wäre und als solche sich auszuweisen hat. Die neuere Philosophie 
bestätigt das insofern, als sie immer deutlicher die gemeinsamen Strukturen von 
Bild und Begriff, von Mythos und Logos herausarbeitet; die Literatur, insofern 
der Zerfall ihres Formenkanons im Prozeß der Moderne die Bedeutungen 
freisetzte, welche nun, als freischwebende, dem unmittelbaren Zugriff durch 
»Erlebnis« ausgesetzt sind.

Hier wird der Text Walter Benjamins von 1930 bedeutsam. Die Hauptthese nämlich, 
von Kiesel nicht zitiert, lautet: »Der Krieg in der metaphysischen Abstraktion, 
in der der neue Nationalismus sich zu ihm bekennt, ist nichts anderes als der 
Versuch, das Geheimnis einer idealistisch verstandenen Natur in der Technik 
mystisch und unmittelbar zu lösen, statt auf dem Umweg über die Einrichtung 
menschlicher Dinge es zu nutzen und zu erhellen.« Diese fundamentale Kritik der 
Unmittelbarkeit als Kategorie, und damit des Ästhetischen als solchen, träfe, 
durchgeführt, noch den spätesten Jünger, der von den Phantasmagorien der 
sogenannten Konservativen Revolution längst sich abgewandt hat; sie böte aber 
zugleich auch allein die Möglichkeit, Jüngers »Transzendenz zum Theologischen« 
gerecht zu werden, die doch wohl mehr zu sein behauptet als bloße »Zutat«, die 
ins rein Ästhetische jederzeit sich zurückbiegen ließe. Kiesels Darstellung 
bleibt, diese Fragen betreffend, auf eigentümliche Weise in der Schwebe, wohl 
auch den Grenzen entsprechend, die der Biograph sich gesetzt hat. Es zeigt sich 
immerhin, daß auch die vollkommenste Biographie - und Kiesels Buch wird, so der 
erste, noch frische Eindruck, tatsächlich, und wahrscheinlich auf lange Sicht, 
dem Anspruch des Untertitels gerecht, die Biographie zu sein - nicht das letzte 
Wort sein kann, das über das Werk Ernst Jüngers zu sprechen ist.

Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie, Siedler Verlag, München 2007, 720 
Seiten, ISBN 978-3-88680-852-6, 24,95 €



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