Liebe Jünger-Freunde,

ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich die nachstehende Rez. schon über den 
Rundbriefverteiler geschickt habe, oder nicht. 
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw

http://www.webcritics.de/page/reviews.php5?id=1286

Matthias Pierre Lubinsky
Von der Tat zur Gelassenheit.

Als Anfang der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts Ernst Jüngers Essays 
»Die totale Mobilmachung« und »Der Arbeiter« erscheinen, sah der Philosoph 
Martin Heidegger darin unmittelbar den Geist der sich vollendenden Neuzeit. 
Heidegger, der einige Jahre zuvor als Nachfolger Edmund Husserls nach Freiburg 
berufen worden war, empfand Ernst Jünger als den »einzigen echten Nachfolger 
Nietzsches«. In seinen Aufzeichnungen begründet Heidegger seine 
Jünger-Euphorie: »Ernst Jünger hat als Einziger eine Deutung des ersten 
Weltkrieges in seinem kriegerischen Wesen vollzogen, die aus den härtesten 
Erfahrungen des Stoßtruppführers der Materialschlachten entspringt und zugleich 
im Bezirk derjenigen Metaphysik Fuß faßt, die das Zeitalter bereits und wider 
sein Wissen bestimmt; das ist Nietzsches Lehre vom ‚Willen zur Macht’. Jünger 
übersetzt diesen aus der Überlieferung der deutschen Metaphysik seit Leibnitz 
vorbestimmten Titel durch den unserem Jahrhundert gemäßeren Namen ‚Arbeit’.« Im 
Januar 1940 ruft Heidegger gar an der Universität einen kleinen Kreis von 
Kollegen zusammen zu einer »Aussprache über Jünger«. Heidegger und die Brüder 
Ernst und Friedrich Georg Jünger trafen sich in der kritischen Perzeption des 
technischen Zeitalters. Im Gegensatz zu Heidegger waren die Schriftsteller 
allerdings sensibler. Spätestens 1930 distanzierte sich Ernst Jünger deutlich 
von den Nationalsozialisten und tat alles, um den Anschein zu vermeiden, er 
würde mit dieser Bewegung sympathisieren. Heidegger blieb nicht nur jahrelang 
an der Seite der Nazis. Er legte in seinem dezisionistischen Überschwang auch 
Verhaltensweisen an den Tag, die bei den Jüngers undenkbar waren. Daniel Morat 
untersucht in seiner monumentalen Doktorarbeit »Von der Tat zur Gelassenheit. 
Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg 
Jünger 1920 - 1960« nicht nur das Verhältnis der Drei zueinander, sondern 
vielmehr deren Entwicklung vom Dezisionismus der 20er und 30er Jahre des 20. 
Jahrhunderts zu einem Rückzug aus der politischen Aktivität. Die Untersuchung 
ist eine wirkliche Fleißarbeit. Morat hat sich gründlich eingearbeitet und 
beleuchtet unterschiedliche Themenfelder, die letztlich ein Bild entstehen 
lassen. Er kennt die Literaturlage und weiß damit souverän umzugehen. Er 
berücksichtigt neueste Forschungsergebnisse und gewichtet nachvollziehbar. 
Soviel an Positivem. Zu kritisieren ist, dass Morat letztlich nichts Neues 
bringt. Die einzelnen Unterkapitel sind informativ, - aber man erfährt nichts, 
was nicht woanders zu lesen wäre. Das ist die Krux des aktuellen 
Wissenschaftsbetriebs. Es wird von wissenschaftlichen Abschlussarbeiten heute 
nicht mehr verlangt, die Forschung voranzutreiben, Neues erarbeitet zu haben. 
Die Professoren begnügen sich mangels eigenen Überblicks damit, eine 
Zusammenfassung des veröffentlichten Forschungsstandes aus leicht gedrehtem 
Blickwinkel zu erhalten. Morat hat sich ein äußerst spannendes Thema gewählt. 
Es steht an, sich dieser Frage ausführlich zu widmen. Aber seine Antworten 
scheinen der Fragestellung nicht ganz gewachsen. Untersucht man die Entwicklung 
Ernst Jüngers vom bekanntesten nationalistischen Publizisten der 
Zwischenkriegszeit zum Rückzug aus dem Feld des Politischen, so muss man den 
Begriff der Désinvolture problematisieren. Was meint Jünger genau damit und 
welche individuellen Erfahrungen haben ihn dort hinkommen lassen. Morat geht 
auf Schilderungen Jüngers in seinen Kriegstagebüchern ein, ist aber nicht in 
der Lage, diese substantiell zu reflektieren. Entscheidend in Jüngers Diarien 
ist auch das Weggelassene. Er schildert nicht den Kriegsverlauf, sondern trifft 
sich mit französischen Geistesmenschen und Ästheten. Hierzu hätte man bei 
Morats Themenstellung gern mehr gelesen. Essentiell in diesem Zusammenhang ist 
die Figur des Dandys. Nikolaus Sombart sah in einer Eloge zum hundertsten 
Geburtstag Ernst Jüngers diesen als »Dandy im Forsthaus«. Und der 
Schriftsteller selbst hat in einigen süffisanten Tagebuchäußerungen 
dargestellt, es sei kein Fehler gewesen, sich als Nationalist, sondern sich 
überhaupt beteiligt zu haben. An anderer Stelle notiert Jünger, den Dandy 
kränke mehr, ästhetisch als politisch zu versagen. Jünger hat den Ur-Dandy Beau 
Brummell ebenso studiert, wie er sich ein Leben lang für den Exzentriker und 
großartigen Dandy Oscar Wilde interessierte. Diese schmalen Seitenpfade hat 
Morat nicht gesehen. An mancher Stelle hätte man sich auch ein wenig mehr 
Differenzierungsvermögen und weniger political correctness gewünscht. Wenn 
Morat das westliche Nachkriegsdeutschland als »Tätergesellschaft« qualifiziert, 
so hat er den Anschluss an die Zeitgeschichtsforschung verpasst, die gerade 
dabei ist, sich aus dem dogmatisch-ideologischen Sumpf zu ziehen.

Als Anfang der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts Ernst Jüngers Essays 
»Die totale Mobilmachung« und »Der Arbeiter« erscheinen, sah der Philosoph 
Martin Heidegger darin unmittelbar den Geist der sich vollendenden Neuzeit. 
Heidegger, der einige Jahre zuvor als Nachfolger Edmund Husserls nach Freiburg 
berufen worden war, empfand Ernst Jünger als den »einzigen echten Nachfolger 
Nietzsches«. In seinen Aufzeichnungen begründet Heidegger seine 
Jünger-Euphorie: »Ernst Jünger hat als Einziger eine Deutung des ersten 
Weltkrieges in seinem kriegerischen Wesen vollzogen, die aus den härtesten 
Erfahrungen des Stoßtruppführers der Materialschlachten entspringt und zugleich 
im Bezirk derjenigen Metaphysik Fuß faßt, die das Zeitalter bereits und wider 
sein Wissen bestimmt; das ist Nietzsches Lehre vom ‚Willen zur Macht’. Jünger 
übersetzt diesen aus der Überlieferung der deutschen Metaphysik seit Leibnitz 
vorbestimmten Titel durch den unserem Jahrhundert gemäßeren Namen ‚Arbeit’.« Im 
Januar 1940 ruft Heidegger gar an der Universität einen kleinen Kreis von 
Kollegen zusammen zu einer »Aussprache über Jünger«. 

Heidegger und die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger trafen sich in der 
kritischen Perzeption des technischen Zeitalters. Im Gegensatz zu Heidegger 
waren die Schriftsteller allerdings sensibler. Spätestens 1930 distanzierte 
sich Ernst Jünger deutlich von den Nationalsozialisten und tat alles, um den 
Anschein zu vermeiden, er würde mit dieser Bewegung sympathisieren. Heidegger 
blieb nicht nur jahrelang an der Seite der Nazis. Er legte in seinem 
dezisionistischen Überschwang auch Verhaltensweisen an den Tag, die bei den 
Jüngers undenkbar waren.

Daniel Morat untersucht in seiner monumentalen Doktorarbeit »Von der Tat zur 
Gelassenheit. Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und 
Friedrich Georg Jünger 1920 - 1960« nicht nur das Verhältnis der Drei 
zueinander, sondern vielmehr deren Entwicklung vom Dezisionismus der 20er und 
30er Jahre des 20. Jahrhunderts zu einem Rückzug aus der politischen Aktivität.

Die Untersuchung ist eine wirkliche Fleißarbeit. Morat hat sich gründlich 
eingearbeitet und beleuchtet unterschiedliche Themenfelder, die letztlich ein 
Bild entstehen lassen. Er kennt die Literaturlage und weiß damit souverän 
umzugehen. Er berücksichtigt neueste Forschungsergebnisse und gewichtet 
nachvollziehbar. Soviel an Positivem.

Zu kritisieren ist, dass Morat letztlich nichts Neues bringt. Die einzelnen 
Unterkapitel sind informativ, - aber man erfährt nichts, was nicht woanders zu 
lesen wäre. Das ist die Krux des aktuellen Wissenschaftsbetriebs. Es wird von 
wissenschaftlichen Abschlussarbeiten heute nicht mehr verlangt, die Forschung 
voranzutreiben, Neues erarbeitet zu haben. Die Professoren begnügen sich 
mangels eigenen Überblicks damit, eine Zusammenfassung des veröffentlichten 
Forschungsstandes aus leicht gedrehtem Blickwinkel zu erhalten.

Morat hat sich ein äußerst spannendes Thema gewählt. Es steht an, sich dieser 
Frage ausführlich zu widmen. Aber seine Antworten scheinen der Fragestellung 
nicht ganz gewachsen. Untersucht man die Entwicklung Ernst Jüngers vom 
bekanntesten nationalistischen Publizisten der Zwischenkriegszeit zum Rückzug 
aus dem Feld des Politischen, so muss man den Begriff der Désinvolture 
problematisieren. Was meint Jünger genau damit und welche individuellen 
Erfahrungen haben ihn dort hinkommen lassen. Morat geht auf Schilderungen 
Jüngers in seinen Kriegstagebüchern ein, ist aber nicht in der Lage, diese 
substantiell zu reflektieren. Entscheidend in Jüngers Diarien ist auch das 
Weggelassene. Er schildert nicht den Kriegsverlauf, sondern trifft sich mit 
französischen Geistesmenschen und Ästheten. Hierzu hätte man bei Morats 
Themenstellung gern mehr gelesen.

Essentiell in diesem Zusammenhang ist die Figur des Dandys. Nikolaus Sombart 
sah in einer Eloge zum hundertsten Geburtstag Ernst Jüngers diesen als »Dandy 
im Forsthaus«. Und der Schriftsteller selbst hat in einigen süffisanten 
Tagebuchäußerungen dargestellt, es sei kein Fehler gewesen, sich als 
Nationalist, sondern sich überhaupt beteiligt zu haben. An anderer Stelle 
notiert Jünger, den Dandy kränke mehr, ästhetisch als politisch zu versagen. 
Jünger hat den Ur-Dandy Beau Brummell ebenso studiert, wie er sich ein Leben 
lang für den Exzentriker und großartigen Dandy Oscar Wilde interessierte. Diese 
schmalen Seitenpfade hat Morat nicht gesehen.

An mancher Stelle hätte man sich auch ein wenig mehr Differenzierungsvermögen 
und weniger political correctness gewünscht. Wenn Morat das westliche 
Nachkriegsdeutschland als »Tätergesellschaft« qualifiziert, so hat er den 
Anschluss an die Zeitgeschichtsforschung verpasst, die gerade dabei ist, sich 
aus dem dogmatisch-ideologischen Sumpf zu ziehen.


        ISBN    9783835301405
        Autor   Daniel Morat
        Titel Von der Tat zur Gelassenheit.
        Verlag  Wallstein Verlag
        Sprache         deutsch
        Seiten  592
        Erscheinungsjahr        2007
        Extras  gebundene Ausgabe

geschrieben am 27.07.2007 | 641 Wörter | 4119 Zeichen 
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