Dear Jüngerites,
Below you will find the text of the essay by Uwe Pralle. I tried twice to send 
it as a WORD
attachment but it obvoiusly never arrived and got lost in cyberspace. So we 
have to put up
with the unadjusted right margins which make reading the text cumbersome.
Uwe Pralle  asked me to point out that the formal peculiarities of the essay 
are due to the
fact that it was written for radio and not for a print media.
Maybe some native speaker among the Jüngerites might find the time to write an 
English
translation or at least a summary in English?
Thanks for all the good wishes for 1999, I wish the same to all of you! Günter 
Rebing


Die andere Hälfte. Ernst Jüngers éducation sentimentale.
Ein biographischer Essay von Uwe Pralle
Koproduktion Sender Freies Berlin, Norddeutscher Rundfunk, Bayerischer Rundfunk

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TEXT:
2. ZITATOR:
In einem Kapitel seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht" hat Heiner Müller 
1992 von
seinem Besuch bei Ernst Jünger vier Jahre vorher in Wilflingen berichtet. Seine 
Anekdoten
über frühere Jünger-Lektüren und den Besuch enden unvermittelt mit der 
Feststellung:
Jüngers Problem ist ein Jahrhundertproblem: Bevor Frauen für ihn eine Erfahrung 
sein
konnten, war es der Krieg.
TEXT:
Heiner Müller war für solche raunenden Epigramme bekannt. Sollte Jüngers 
„Problem" also
gewesen sein, daß der Krieg dem Neunzehnjährigen früh kalte Blicke auf die Welt 
aufzwang und
ihn literarisch stets prägte? Oder spielt Jünger hier nur den Gewährsmann für 
Müllers
Ansicht, die Moderne habe Kriege nicht etwa gebändigt, sondern ihre Erfahrung 
im 20.
Jahrhundert sogar noch verschärft? Offenbar hatte Müller mit dem Hinweis auf 
Jüngers
Verhältnis zum Krieg und den Frauen vor allem das „Jahrhundertproblem" der 
Traumatisierung
im Auge: an Jünger zeige sich eben exemplarisch, wie etwa die 
„Materialschlachten" nach 1914
auch die Sinneswelten verheert und vom anderen Pol, den die Frauen markieren, 
abgeschnitten
hätten. Zumindest eine Leerstelle hat Heiner Müller mit diesen orakelhaften 
Andeutungen im
Bild von Jünger getroffen: Frauen scheinen in seiner Literatur so wenig wie für 
sie eine
Rolle gespielt zu haben - weder als er in den 20er Jahren seine Bücher über den 
Ersten
Weltkrieg schrieb, noch später, nachdem er diese Urerfahrung literarisch 
umgeschmolzen
hatte.
Nicht zuletzt durch diese Schattenexistenz von Frauen in Jüngers Vita und Werk 
hat sich
hartnäckig die Ansicht behauptet, der Krieg sei für ihn immer der Vater aller 
Dinge
geblieben. Widersprochen hat Jünger solchen - und anderen - Ansichten über sich 
selbst kaum
einmal, so wie ja auch seine Tagebücher einige Existenzzonen in Andeutungen 
oder Schweigen
hüllen. Ernst Niekisch, in den 20er und 30er Jahren der 
nationalbolschewistische Vordenker
und mit Jünger und vor allem dessen Bruder Friedrich Georg eng befreundet, hat 
dazu schon
1958 einmal recht treffend bemerkt:
2. ZITATOR:
Mitteilungen über ihn und seine Lebensführung, die ihn in ein legendäres Licht 
rücken,
korrigiert er nicht, auch wenn er dazu Gelegenheit hätte; er ist der Meinung, 
daß man in das
Werden eines Mythos nicht eingreifen solle.
TEXT:
Doch immerhin: kaum war Heiner Müllers Text bekannt, gab Jünger in seinem 
Tagebuch
ausnahmsweise eine knappe Replik. Es muß ihn berührt haben, daß mit dem 
„Jahrhundertproblem"
auch beiläufig der Eindruck erwähnt war, er habe „vor nichts Angst als vor 
Frauen".
Allerdings war das Datum seiner Replik für ihn nicht beliebig; die Notiz ist 
vom 14. März
1992; wie seit vielen Jahren, schreibt Jünger, sei er an diesem Tag „mit Blumen 
zum
Friedhof" gewesen; der 14. März ist der Geburtstag seiner ersten Frau Gretha, 
der „Perpetua"
der Tagebücher, die 1960 gestorben war:
1. ZITATOR:
„Besuche" in Kirchhorst und Wilflingen könnten einen Band füllen. Auch 
Spiegelbilder zählen
zur Existenz. So erfuhr ich vor kurzem, daß ich vor Frauen „Angst habe". Da nur 
die meine
während dieses Besuches anwesend war, muß die Bemerkung dem häuslichen Klima zu 
verdanken
sein. Ich fände sie gut, wenn „Angst" durch „Achtung" ersetzt würde.
TEXT:
Jünger hat offenbar das Thema „Frauen" gegen Deutungen seiner Innenwelt 
neutralisieren
wollen: und „Achtung" umschreibt nun einmal eine weltläufig-aristokratische 
Haltung, die von
diffuser, zu psychologischem Bohren einladender „Angst vor Frauen" weit genug 
entfernt
scheint. Für solche Gefahrenlagen für sich und sein Werk hatte Jünger immer ein
ausgezeichnetes Gespür - so wie Heiner Müller für verborgene Problemlagen. 
Jüngers Replik
ist ein Versuch, Riegel vor eine Tür zu legen, die nicht geöffnet werden sollte 
- nicht
unbedingt, weil dahinter etwa so gerne gesuchte „Leichen" verborgen sind, 
sondern vielleicht
nur, weil das Öffnen solcher Türen die Haltbarkeit seines literarischen 
„Mythos" gefährdet.
Heiner Müllers Fingerzeig auf den Krieg und die Frauen führt direkt in ein 
ungeschriebenes
Kapitel von Jüngers Biographie. Nur ließe sich diesem Fingerzeig schwer folgen, 
wenn dabei
nicht ein auch von Jünger stets schweigend übergangener Umstand zu Hilfe käme: 
seine erste
Frau hat nach dem 2. Weltkrieg ihrerseits zwei Bücher veröffentlicht. 1949 
erschien bei Hans
Dulk, einem kleinen Hamburger Verlag, ein Buch mit dem Titel „Die Palette", das
Tagebuchnotizen und Briefe aus der Zeit von 1936 bis 1946 enthält. 1955 folgte 
bei Neske in
Pfullingen „Silhouetten", ein Band mit 29 Erzählungen aus Gretha von Jeinsens 
Leben - wie
ihr Mädchenname lautet, unter dem die Bücher veröffentlicht sind. Diese 
autobiographischen
Erzählungen schlagen den Bogen von der Kindheitszeit in Hannover bis ins Jahr 
1948, als die
Jüngers aus dem Kirchhorster Pfarrhaus nach Ravensburg in Württemberg zogen.
Nirgends sind beide Bücher im Zusammenhang mit Ernst Jünger je beachtet worden. 
Offenbar
waren Kritiker genauso wie Anhänger Jüngers mit dem einfach gestrickten Muster 
zufrieden,
daß er der geradezu metallisch kühle Jahrhundert-Seismograph stets war und 
blieb. Bei allen
Debatten um Jüngers Positionen in der Epoche der „totalen Mobilmachung" wurde 
jedenfalls nie
einbezogen, in welcher Lebenslage sich denn der Seismograph jeweils befand und 
wie das seine
Seismogramme und Haltungen beeinflußt haben könnte. Aber die langsame 
Verschiebung von
Jüngers strategischen Positionen als Akteur und Beobachter seit den 20er Jahren 
bekommt
einige recht überraschende Züge, wenn man sich von Jüngers eigenem Verdikt 
nicht abschrecken
läßt, alltägliche, ‘triviale’ Lebenslagen seien für einen Autor wie ihn 
bedeutungslos. Auch
diese andere Hälfte seiner Existenz, die durch Gretha Jünger ein Stück sichtbar 
wird, gehört
zu seiner Biographie; und durch sie stößt man dann mitten in Jüngers eigenen 
Schriften auch
wieder auf Spuren von Heiner Müllers „Jahrhundertproblem": darauf, daß Jüngers 
Haltung zum
Krieg sich änderte, als auch die Frauen zu seinen Erfahrungen gehörten.
Gretha Jüngers Bücher werfen nicht etwa indiskret Licht auf Jüngers 
Lebensstationen seit den
20er Jahren; vor allem schildern sie ihren Blickwinkel auf das Leben bis in die 
ersten
Nachkriegsjahre, wobei Jünger selbst nur selten im Mittelpunkt, aber fast immer 
im
Hintergrund steht. Zuweilen zeichnen sich auch nur kuriose Züge Jüngers ab; 
etwa als die
„Dichtergattin" kurz nach Ende des 2. Weltkriegs einmal ihre Bürden mit den 
Freiheiten des
„Hauptmann Jünger" verglich:
ZITATORIN:
Da lobe ich mir den Herrn Hauptmann, denn er kann immer, ohne Anstoß zu 
erregen, einen
kräftigen Kehrreim singen, auch wenn (...) Besucher nahen, er kann mit dem 
merkwürdigen
Zischlaut „Ssssst" das Treppengeländer hinunterrutschen, selbst wenn das seinen 
Jahren nicht
mehr entspricht, denn man wird höchstens sagen: „Nun, für einen alten 
Stoßtruppführer ist er
noch sehr gelenkig!" Von ihm wird nicht erwartet, daß er jeden Satz mit dem 
Ernst eines
Nabob beginnt, und man findet es vergnüglich, wenn er den Becher mehr schwingt 
als da gut
ist.
TEXT:
Manchmal blitzen auch leicht weltfremde Züge Jüngers im Zivilleben auf, etwa 
bei einem der
häufigen Umzüge in der Berliner Zeit, als sie 1928 aus dem Alten Westen in die 
Stralauer
Allee nach Friedrichshain zogen und er die Möbelträger ergrimmte, weil er sich 
ohne seine
Frau ziemlich hilflos anstellte und den Umzug stundenlang aufhielt:
ZITATORIN:
Er war bereits Stunden vor mir in die Stralauer Allee gefahren, um dort den 
Möbelwagen zu
erwarten.
Als ich dort anlangte, fand ich viel Volks vor der Türe, und die stämmigsten 
unter den
Trägern verharrten tatenlos, aber grimmigen Angesichts am Fuße der Treppe.
„Endlich!" riefen sie alle in einem Atemzug.
„Was ist denn?" fragte ich, banger Ahnungen voll.
„Nu!" sagte ihr Anführer, und wand sich den Leder-Tragriemen um den Leib:
„Wat haben denn Sie for’n Mann? Der wees ja nich, wo det Sofa und wo det 
Küchenbuffet hin
soll, von de Betten janz zu schweijen! Wissense: det is woll’n Professor, un 
det mach ja nu
hinjehn; wer ham ja ooch Verständnis for’n jeistiges Jemiete, aber unsere Zeit, 
die ham wer
ooch nich jestohlen! Nu aber mal ran an die Bouletten!"
Der „Professor" befand sich in offensichtlich unglücklicher Gemütslage in dem 
leeren
Erkerzimmer seiner neuen Etage und begab sich eiligst von hinnen, als die 
Gestalt seiner
Frau nahte und wir „ran gingen".
TEXT:
Der berühmte weltfremde Professor also; das war im übrigen, als Jünger gerade 
„Das
abenteuerliche Herz" beendet hatte und mit dem für ihn später stets wichtigsten 
seiner
Bücher, „Der Arbeiter", begann, seinem Versuch, das widerspenstige Mobiliar der 
damaligen
Moderne in einer neuen Weltordnung geistig zu bändigen. Für Mobiliar im 
trivialeren Sinn
fehlte dem „jeistigen Jemiete" dabei jedoch die Aufmerksamkeit. Später hat sich 
Jünger den
Turbulenzen von Umzügen lieber von vornherein durch lange Reisen entzogen; und 
was den
übrigen Alltag betrifft, so führte er aus Gretha Jüngers Blick ohnehin eher eine
träumerische Halbschattenexistenz.
In ihren Erzählungen nannte sie ihn - mit nicht zu überhörender Ironie - stets 
nur den
„Gebieter", während er in ihren Tagebüchern „Romain" heißt. Der Name Jünger 
fällt in beiden
Büchern nur ein Mal, bei der Schilderung eines Abends in Berlin kurz vor 1933, 
in deren
Mittelpunkt ein Auftritt von Goebbels steht; dort taucht Ernst Jünger wie eine 
fremde,
zeithistorische Figur auf. Ob diese Pseudonyme - auch für andere aus dem 
Freundeskreis wie
Carl Schmitt - viel verborgen hätten, falls sie in der NS-Zeit, wie Gretha 
Jünger
befürchtete, bei Haussuchungen der Gestapo in die Hände gefallen wären, ist 
jedoch fraglich.
Nach dem Krieg können die Pseudonyme natürlich nur noch bezweckt haben, Jünger 
vor ihrer
Optik abzuschirmen. Für ihn, dem so viel an seinem Mythos lag, dürfte alles, 
was ihn aus der
Höhe des Weltgeists auf die Erde zurückholte, am eigenen Mythos gefrevelt 
haben. Ihren Wert
haben Gretha Jüngers Bücher weder als intime Journale noch gar als literarische 
Werke einer
im Schatten des berühmten Mannes verkannten Schriftstellerin. Vor allem 
ermöglichen sie
eines: eine bisher übersehene Dynamik in Jüngers Leben und Werk zu erfassen.
Begegnet sind sie sich zum ersten Mal 1922 in Hannover. Im August 1995, als 
Hundertjähriger,
notierte Jünger:
1. ZITATOR:
Erinnerungen, insulär. Gretha begegnete ich zum ersten Male auf der 
Hannoverschen
Georgstraße vor dem Hause 22; Popp, ihr entfernter Onkel, machte uns bekannt. 
Sie war
sechzehn, ich siebenundzwanzig Jahr alt und sah wohl, wie es mir beim 
Betrachten von Photos
vorkommt, jünger aus. Popp rühmte mich gebührend und
Das Fräulein staunt’, daß in so jungen Jahren
Er’s in den Waffen schon so weit gebracht.
TEXT:
Die Verse von Ariost, Jüngers Lieblingsdichter der für ihn heroischen
Ersten-Weltkriegs-Zeit, lassen durch diese nüchterne Skizze der ersten 
Begegnung Waffenklang
klirren. Warum, macht Gretha Jüngers Erinnerung deutlicher:
ZITATORIN:
An einem Herbstnachmittag wanderte ich über die Georgstraße, um den Pindopp 
abzuholen und in
van Houtens Kakao-Stube das übliche Stück Torte mit ihm zu verzehren. 
Nichtsahnend strebte
ich dem Zentrum zu.
Es tauchte in der Ferne auf: ein wehender Militärmantel, eine Reichswehrmütze, 
ein
schleppender Säbel. Am Kragenausschnitt, weithin leuchtend: ein blauer Stern.
Darüber hinaus erblickte ich ein paar blitzende Augen, die sich bei meinem 
Näherkommen mit
unwiederstehlicher Gewalt an mich hefteten und mich gleichsam in sich 
aufzunehmen schienen.
Diesmal tat mein Herz einen gewaltigen Schlag, so heftig, um nach kurzem 
Stillstand wie mir
schien, in einen wahren Trommelwirbel hinein zu geraten. Es schossen mir so 
viele Gedanken
zugleich durch den Kopf, daß ich mit äußerster Anstrengung meinen Blick 
geradeaus richtete,
um raschen Schrittes an dieser Gefährdung vorbeizukommen.
TEXT:
Auch eine Art von Kriegsschauplatz, mit Trommelwirbeln des Herzens, 
herumschießenden
Gedanken und Blickgeplänkeln - ausgelöst vom Auftritt einer seit der Kaiserzeit 
geradezu
erotisch besetzten Figur, des preußischen Leutnants, auch wenn dieser hier 
„Welfe von
Geburt" war und ihr im gar nicht so preußenfreundlichen Hannover über den Weg 
lief. In den
Augen des sechzehnjährigen Backfischs besaß die erste Begegnung übersinnliche 
Züge, denn sie
schloß - wie es dann heißt - den „eigenen Willen (...) durch hypnotische Kraft" 
aus, so daß
der Leutnant mit dem blauen Stern hier immerhin sofort den vollständigen Sieg 
errang. Am
folgenden Tag machte sie der besagte Onkel Popp förmlich miteinander bekannt, 
nicht ohne der
Sechzehnjährigen die Warnung mit auf den Weg zu geben, daß Jünger nicht etwa 
einer der
üblichen Tanzstunden-Verehrer sei, sondern ein „grosser Krieger", der „wie der 
Teufel
(schießt), und das augenblicklich!"
Die weitere Anbändelung fand im Goethe-Gymnasium bei einer LiebhaberAufführung 
des
„Zerbrochenen Krug" statt, in der Gretha die Frau Marthe spielte - übrigens 
neben Theo
Lingen als Dorfrichter Adam - und Leutnant Jünger im Parkett saß. Trotzdem war 
Gretha von
Jeinsen mit sechzehn kein so unschuldiger Backfisch mehr, wie es scheinen 
könnte; vom
Gymnasium war sie, ein impulsives Mädchen mit höchst eigenem Kopf, vorzeitig 
abgegangen,
hatte bei einem protestantischen Pfarrer in Preußisch-Ströhen bei Nienburg ein 
Jahr die
Haushaltsführung geübt - und was den Reiz der Waffen betrifft, so war sie 
vorher in Hannover
das einzige weibliche Mitglied eines „Männerbundes" gewesen, der den Freikorps 
des frühen
Weimarer Bürgerkriegsszenariums nacheiferte:
ZITATORIN:
es schwebte mir eine Barrikade vor, von Spartakisten verteidigt, die meine 
Gruppe zu stürmen
hatte und wo ich vielleicht die Fahne trug, oder auch Verwundete zu bergen 
hatte (...)
Kurzum: man war durchaus geneigt, aus mir eine kraftvoll stürmende Germania zu 
machen.
TEXT:
Natürlich blieb nicht aus, daß sie dort auch den Jungen die Köpfe verdrehte; 
für das Klima
nicht nur bei Sprößlingen solcher Beamten- und Offiziersfamilien zu Beginn der 
20er Jahre
ist aber bezeichend, daß es nicht bei vaterländischen Träumereien bleiben mußte 
- wofür
schon bald einer aus dieser sogenannten „Gruppe Wumbo" sorgte:
ZITATORIN:
Um uns zu beweisen, daß ernsthaftere Dinge zu bewältigen sind, schleppt er 
eines Abends ein
Maschinengewehr in mein Schlafzimmer und verbirgt es unter dem rosa Tüllvorhang 
meines
Toilettentisches. Es folgen Karabiner und Pistolen, zum Teil auf dem Schrank 
oder unter
meiner Leibwäsche versteckt; die Brigade braucht jeden Schuß Munition, wie er 
sagt, jedes
Stück Eisen, und gegenüber diesen Argumenten verschwindet natürlich mein 
schwacher Protest.
TEXT:
In der aufgeladenen Atmosphäre der frühen 20er Jahre stand der Beginn dieser
Liebesgeschichte, die 1925 in Leipzig zur Hochzeit führte, auch im Zeichen 
gemeinsamer
politischer Haltungen. Im Jahr ihrer ersten Begegnung hatte Jünger „In 
Stahlgewittern"
veröffentlicht, und nachdem er im August 1923 seinen Abschied aus der 
Reichswehr genommen
hatte und in Leipzig ein Zoologiestudium begann, setzte er nicht nur die 
Schriften zum
Ersten Weltkrieg fort. Nun setzte auch die Phase politischer Agitation für die 
extreme
Rechte ein, vor allem durch Publikationen in Kampforganen wie „Standarte", 
„Arminius" oder
„Vormarsch". Später hat er von den Pamphleten mit ihren militanten und 
antisemitischen Tönen
nichts mehr wissen wollen und sie aus der Werkausgabe verbannt.
Das Leben der Jüngers - erst in Leipzig, dann in Berlin - spielte sich in einer 
Sphäre ab,
die man die ‘nationale Bohème’ nennen kann. In Leipzig gehörten der Philosoph 
Hugo Fischer
und Bruder Friedrich Georg dazu. Wie geradezu knöchern patriachalisch Ernst 
Jüngers Haltung
damals war, zeigt eine kurze Szene:
ZITATORIN:
Während die Punschbecher kreisten, ergab sich das männliche Dreigestirn 
philosophischen
Themen. Mich beschäftigten diese in meinen jungen Jahren nicht allzusehr, und 
die Frage, ob
Kant in der Entgegensetzung von Begriff und Wirklichkeit eine Verwechslung des 
Pflichtgebots
beging, erschien mir nicht unbedingt wesentlich für ein weibliches Gemüt. 
Bachofen und
Matriarchat: hier wurden die Fischerin und ich schon aufmerksame Zuhörer. Nach 
meiner
bescheidenen Ansicht bewegten sich Dichter und Philosophen in Räumen, die nicht 
zu Erde und
Meer gehören, aber in einem sich ergänzenden Sinne waren sie sehr wohl auf 
beides
angewiesen.
Terra - Mare - Mater: von ihnen stammt alles und alles kehrt zu ihnen zurück. 
Dies wurde
selbstverständlich sogleich als eine matriarchalische Herausforderung empfunden 
und
besonders der Gebieter ereiferte sich sehr. Ich wurde belehrt, daß wir Frauen 
ein Nichts
sind im Vergleich zu dem alles überragenden und alles überschattenden 
männlichen Prinzip,
eine Wolke, ein sich auflösendes Gebilde etwa, dem erst der gewaltige 
Göttervater Gestalt
verleiht, und was dergleichen Überheblichkeiten mehr sind. Allein, die 
verwünschte Demut,
die man hier erwartete, wollte sich durchaus nicht bei mir einstellen, und 
Schwager Fritz,
wie immer weise und schlichtend, entschied den Streit zu Gunsten beider, 
während ich
hingebungsvoll an den Windeln für meinen ersten Sohn nähte, voll des Eifers, 
meinen
künftigen Platz in eben diesem Matriarchat auszufüllen.
TEXT:
Die Ironie ist nicht zu überhören. Viel später, als er im März 1944 nach einem 
Urlaub in
Kirchhorst im Zug nach Paris saß, skizzierte Jünger - nicht ohne Respekt - 
einmal kurz ihre
angriffslustige Haltung; ohne aber zu erwähnen, daß auch er selbst ihr oft 
nicht entging.
1. ZITATOR:
Im Halbschlaf über dies und jenes nachgedacht. Mir fiel die treffende Bemerkung 
Perpetuas
über Weininger ein: „Der hat sich doch sicher im Herbst umgebracht." In dieser 
Hinsicht
besitzt sie Urteilskraft und durchdringt, ohne sich imponieren zu lassen, den 
größten
geistigen Apparat, als ob er nicht vorhanden wäre, um seinen Träger zu 
beurteilen. Gerade
scharfe Intelligenzen erscheinen ihr gegenüber wie der Vogel Strauß: indem sie 
mit dem Kopfe
in ihren Theorien, Philosophemen und Utopien wühlen wie in kristallisiertem 
Sande, bieten
sie ihr ahnungslos den ganzen Körper zur belustigten Betrachtung dar.
TEXT:
In den 20er und frühen 30er Jahren war diese ‘nationale Bohème’ ein merkwürdig 
schillerndes
Phänomen: Weltkriegsveteranen, Freikorpsleute, von der Dolchstoßlegende 
getriebene
Attentäter aus bürgerlichen und aristokratischen Kreisen mischten sich mit 
Dichtern,
Literaten, vaterländischen Erweckern und Verächtern der dekadenten 
Massengesellschaft in
einem Klima, das von nationalem Pathos und Machtträumen selbst dekadent 
vibrier-te. Ihr
kleinster, aber nicht sehr lange tragfähiger gemeinsamer Nenner war der Hass 
auf die
Weimarer Republik. In Gretha Jüngers Skizzen zeichnet sich das eigentümliche 
Nebeneinander
von Gewaltmentalität und Räuber-und-Gendarm-Spiel in dieser Welt ab - auch das 
ein Zug von
Generationen, die zuerst den Krieg kennengelernt hatten und mit seinen Mitteln 
dann unter
anderem gegen die nun allerdings republikanischen Autoritäten rebellierten. 
Dieses Klima
zeigt eine Erinnerung, die von einem Treffen bei Franz Schauwecker ausgeht. 
Dieser
Schriftsteller hat damals den „Front-Geist" des Ersten Weltkriegs mit dem
Nationalsozialismus verkoppelt; und mit „Bogumil" ist hier Friedrich Hielscher 
gemeint, ein
anderer nationaler Vordenker und enger Freund Jüngers seit der Berliner Zeit:
ZITATORIN:
Dann kommen wir auf Ernst v. Salomon zu sprechen, der gerade, des holsteinischen
Bombenwurfes verdächtig, in Untersuchungshaft sitzt. Da wir gewohnt sind, ihn 
in geringen
Zwischenräumen dort sitzen zu sehen, so wäre diese Tatsache an sich kein Grund 
zur
Beunruhigung. Seine Frau Lilo ist bei mir gelandet, nachdem ihre Wirtin, die 
selbst in den
Privatkoffern Bomben mit Zeitzündung vermutete, sie kurzerhand auf die Straße 
gesetzt hatte.
Bogumil bemerkt hierzu, daß es Menschen gibt, die anstatt normaler 
Gehirnkammern einen
aufgespannten Regenschirm in Bewegung setzen, zum Schutz gegen alles mögliche 
Unheil, das
ihnen drohen mag. Unsere verschiedenen Wohnungen sind seit dem Augenblick von 
Salomons
Verhaftung Gegenstand der erhöhten Aufmerksamkeit der sogenannten „Melonen" 
geworden; es
sind dies gewisse Herren in Zivil und schwarzem steifem Hut, auch „Hartmann" 
genannt.
Besagte Herren pflegen in zeitlichen Abständen und nach ihrer Ansicht glücklich 
getarnt als
harmlose Spaziergänger, jeweils einen schrägen Blick auf die Front der Fenster 
werfend, auf
der Straße auf und ab zu wandeln. Verdächtig ist in diesem Berlin der Jahre 
1928-30 jeder
von uns, und ab 1933 wiederum. Aber dies ahnen wir glücklicherweise noch nicht.
Gerüchte besagen, daß mein Gebieter die Briefkästen nur mit Pistolenschüssen zu 
öffnen
pflegt (...)
Es waren noch selige Zeiten. Ungestraft durften wir, wenn die verschiedenen 
Verschwörer in
unseren Wohnungen tagten, vom Balkon herab die Melonen darauf aufmerksam 
machen, „daß es
noch ein wenig dauere". Sie besaßen noch so etwas wie Humor. Sie verschwanden 
um die nächste
Ecke, und sie kehrten wieder, um die Pappelbäume zu betrachten; das so 
freundliche Winken
von Katinka und mir wurde höflich übersehen. Die künftige Gestapo besaß andere 
Methoden.
TEXT:
Das „Spiel", die Weimarer Republik herauszufordern, zeigte erst im Rückblick 
seine
gefährlichen Fluchtpunkte. Allerdings schilderte Gretha Jünger eine Szene aus 
dem Winter
1929, die auch für Ernst Jünger einen merkwürdigen Einschnitt bedeutete. Noch 
fünfzehn Jahre
später kam er auf sie zurück, ohne im Tagebuch aber über Andeutungen 
hinauszugehen:
ZITATOR:
Paris, 20. Januar 1944
Nachmittags besuchte mich Dr. Göpel, während ich abends mit Hielscher im 
Raphael zusammen
war. Dabei kam das Gespräch auch auf den seltsamen Abend in Stralau im Winter 
1929, der mit
dem großen Euphon und der Verbrennung von Möbeln begann, und an dem er sich mit 
Edmond über
den glühenden Kohlen die Hand reichte.
TEXT:
Wenn man Gretha Jüngers Beschreibung des seltsamen Abends hört, wird auch 
einiges über Ernst
Jüngers Technik der Tagebuchnotizen deutlich: er registriert Ereignisse, läßt 
sie selbst
aber oft im Ungefähren. An dem Abend des klirrend kalten Winters 1929, in dem 
in Berlin die
Kohlezufuhr unterbrochen war und in der Wohnung in der Stralauer Allee die 
Temperatur „14
Grad unter Null" betragen habe, standen plötzlich Jüngers Geschwister Hanna und 
Friedrich
Georg, ein Dichter namens Joachim, Edmund Schulz mit Freundin Margret und 
Friedrich
Hielscher vor der Tür. Man begann, alte Möbel zu zersägen, um wenigstens ein 
Feuer machen zu
können, während Gretha Jünger aus einer Kneipe Gurken und Rum holte. Jüngers 
„großer Euphon"
war ein ziemliches Gelage, und es verlief so:
ZITATORIN:
Es brennt kein Licht; die Gesichter, im Widerschein der Flammen wechselnd von 
Blässe zu
lebhaftem Rot, sind in ihren einzelnen Zügen kaum erkennbar. (...) Der schwere 
Rum, den wir
trinken, verflüchtigt die leichten Wölkchen satirischer Laune. Wir befinden uns 
ganz
offensichtlich in einer Schiffskabine, auf hoher See: der Sturm, der sich 
draußen erhebt,
peitscht Schnee und Eiskörner gegen die Fensterscheiben. Immer noch ein wenig 
frierend,
rücken wir dichter zusammen; eine merkwürdige Tafelrunde, wie sie nur der Zufall
zusammenführen kann. (...)
Die riesenhafte Gestalt von Joachim scheint ganz in sich zusammengesunken. „Sie 
gleichen
Danton", sage ich, „aber ich vermisse das Feuer seiner Beredsamkeit!"
„Wie wir hier sitzen, sind wir alle Revolutionäre! Es gibt ein Schweigen, das 
sich im
eigenen Feuer verzehrt." (...)
Bogumils Entzücken an der Runde, ja selbst an der magischen Schwere, die sich 
langsam des
Raumes bemächtigt, ist augenscheinlich; seine Bewegungen bekommen etwas 
Hüpfendes, und den
Feuerhaken in der Hand, hält er uns ein Referat über das Christentum, das er 
ablehnt. Er
steht im Begriff, eine neue Sekte zu gründen. Hierüber entsteht mit dem 
Gebieter ein
theologisches Gespräch und ein Meinungsstreit zu dritt über das Dogma, wie über 
Christus
selbst. (...) Es wird das Problem der Taufe besprochen, des österlichen Festes, 
das er nicht
als Auferstehung, sondern als Frühlingsfest der alten Götter begangen sehen 
will.
„Zum Wotan fehlt Ihnen aber noch der Brustumfang", sagt der Gebieter, wie es 
denn überhaupt
an diabolischen Ereiferungen und Bemerkungen nicht mangelt.
Edmund, dessen Herkunft und Erziehung eine streng christliche zu nennen ist, 
schien unser
Getränk in einen Zustand Dostojewski’scher Traumgesichter versetzt zu haben; er 
pariert
daher die Theorien Bogumils im Gegensatz zu seiner sonstigen Wachheit und 
Gewandtheit mehr
mit den Augen und in seinen Gesten und sitzt, die Hände weit von sich 
gestreckt, den Kopf
auf die Brust geneigt, düsteren Sinnes da. Sein Anblick mag an einen Seher 
erinnern, der den
fernen Stimmen lauscht, an einen Sterndeuter. Endlich spricht der Träumende 
aus, was ihn als
Vorstellung bewegt:
Er sieht sich als Sünder in der Hölle, schmachtend vor Pein und Folter; im 
Himmel sitzt
Margret an der Seite von Christus in Gestalt einer Taube, um für ihn zu bitten. 
Vergeblich.
Angesichts seiner Leiden, und außerstande ihm Hilfe zu bringen, fliegt sie 
umher und pickt
mit dem Schnabel das eine göttliche Auge aus, um es ihm als Balsam auf seine 
Wunden
hinabzusenden.
Wir alle wenden uns wie erstarrt von der Scheußlichkeit dieser Darstellung ab, 
die in Trance
auszuarten scheint. Ein Schweigen entsteht, das tiefer um uns lagert als die 
Dunkelheit.
Dann sagt Joachim laut, und indem er das Wort neu zu bilden scheint: 
„E-kel-haft."
Alle geben ihm recht. Der Gebieter prüft den also Verurteilten mit dem Blick 
eines
Psychotherapeuten, interessiert an einem Vorgang, der, wenn auch offensichtlich 
unter dem
Einfluß der Trunkenheit, dennoch ein Stück des Vorhanges zu lüften schien, der 
sonst den
inneren Raum verbarg. (...) Die Atmosphäre ist lastend. Wenn der Vergleich einer
Schiffskabine stimmt, so befinden wir uns jetzt vor dem Ausbruch eines 
Scirocco, und das
Zittern der Planken kündigt die Gewaltsamkeit des Sturmes an. (...)
Schwer hebt sich der Riese Joachim von seinem Sitz. Nun also bricht der Sturm 
los, denke
ich. Blitz und Donner entladen sich zu gleicher Zeit; sein tiefes männliches 
Organ mischt
sich mit dem hohen Diskant Bogumils, der wie ein tüchtiger Sekundant vor und 
zurück springt,
um etwaige Blößen seines Duellanten zu decken und seinen Angriffsgeist zu 
schüren. Außer uns
Frauen sind alle aufgesprungen und in Bewegung; wir fühlen uns in eine Arena 
versetzt und
außerstande, den Streit zu beenden oder zu schlichten. Edmund, sich allein 
sehend, gewinnt
die ganze Schärfe seiner Dialektik zurück. Die Gespenster sind verflogen, der 
Rausch hat ihn
verlassen, und nur der Dämon seines Wesens ist noch in seinem Blick zu spüren.
Wie es kam, weiß ich nicht mehr zu sagen: plötzlich fanden sich seine und 
Bogumils Hände in
der Glut der Flammen vereinigt, wie um die Entscheidung, den Richterspruch 
herauszufordern,
der dieses Duell beenden sollte, und entschlossen, - dies sah man beiden an - 
lieber die
Haut versengen zu lassen, als auch nur einen Zoll an Boden nachzugeben. Es war 
mehr als das:
eine tiefe, zum Ausbruch drängende Feindschaft beider, die sich aus dem Grunde 
ihrer
Gegensätzlichkeit erhob. Verachtung und Abwehr auf Seiten Bogumils, während 
Edmund sich der
Kälte seiner Beobachtung überließ, messend und wägend, wie er dem Gegner am 
besten
beizukommen vermochte. In eben diesem Augenblick hatten sie ihren Standort 
verlassen, zum
ersten Male stellten sie sich: müde des Geplänkels, der Wortspiele, müde auch 
der
Verdrossenheit an jeder ihrer Begegnungen. Jetzt ging es um Kimme und Korn.
Noch saßen wir alle benommen und starrten auf das Schauspiel, das sich uns bot; 
dann sprang
ich auf und riß die beiden auseinander, gewaltsam, zornig. Ich drohte, den Rum 
zu sperren,
das Feuer zu löschen und durch das Fenster erfrischende Luft einziehen zu 
lassen.
Ein Lachen ertönt, und es wirkt befreiend, denn der Gebieter vernimmt höchst 
belustigt den
Donner meiner Rede; Joachim nennt das den Gipfel an weiblicher Energie, Bogumil 
protestiert
mit lateinischen Versen, Edmund entweicht ins Nebenzimmer, und die 
revolutionäre Stimmung
richtet sich gegen meine Person.
TEXT:
Eine kurze, heftige Eruption erbitterter Feindschaft zweier Mystiker aus dem
nationalistischen Lager - und alles andere als ein ‘großer Wohlklang’. Jünger 
ist zuerst
spöttischer Provokateur und, als die Eruption beginnt, kühler Beobachter im 
Hintergrund,



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