Eine kurze, heftige Eruption erbitterter Feindschaft zweier Mystiker aus dem
nationalistischen Lager - und alles andere als ein ‘großer Wohlklang’. Jünger 
ist zuerst
spöttischer Provokateur und, als die Eruption beginnt, kühler Beobachter im 
Hintergrund,
während seine Frau genau dann in Aktion tritt: diese Rollenverteilung wird 
einige Jahre
später in prekären Situationen häufiger zu beobachten sein. Es wundert nicht, 
daß Jünger
Anfang 1944 gerade im Pariser Hotel „Raphael", dort, wo es seiner Ansicht nach 
nicht um den
Krieg, sondern den „Bürgerkrieg" ging, mit Hielscher auf diesen Abend 
zurückkam; denn damals
muß ihm gedämmert sein, welche Gewaltpotentiale in der weimarfeindlichen 
‘nationalen Bohème’
schwelten: christliches Opferdenken, nordische Mystik, all das gehörte ja auch 
zu den vielen
Strömungen, die in der Nazi-Bewegung zusammenflossen - um dann sofort wieder in 
feindliche
Sekten und Bünde zu zerfallen.
Um die Wende zu den 30er Jahren setzte langsam Jüngers Rückzug aus den 
nationalistischen
Kampforganen ein, flankiert von „Das abenteuerliche Herz", mit dem er neues 
literarisches
Terrain betrat, vor allem aber flankiert von der Geschichtsphilosophie seiner
„Arbeiter"-Schrift: mit ihr hatte er im aufgeladenen Zeitklima, auch im von 
solchen
Feindschaften durchzogenen Szenarium der militanten Rechten, ein eigenes 
metaphysisches
Gerüst installiert, an dem er sich aus der Niederung - wie er später schrieb -
‘vergröbernder’, ‘eingleisiger’ Aktionen herausschwang. In den folgenden Jahren 
ist er nur
noch am Rande von „Aktionen" zu finden; eher unfreiwillig, als es etwa im 
Dezember 1930 bei
der Uraufführung des Filmes „Im Westen nichts Neues" zu Straßenschlachten auf 
dem Berliner
Nollendorfplatz kam:
ZITATORIN:
Mein Gebieter und ich standen eng gepreßt und von den Schultern herkulischer 
Gestalten
eingerahmt, in der Türe des Hahnen’schen Restaurants; wir waren kaum dem 
Autobus entstiegen,
als wir mit hundert anderen, uns Unbekannten, gleichsam auf einer Woge 
hinweggeschwemmt und
hier gelandet wurden.
TEXT:
Gezielt begab sich Jünger an den Rand, als wenige Tage später Goebbels bei der 
Hochzeit
Arnolt Bronnens mit Olga Schkarena auftauchte, einer jungen russischen 
Emigrantin, die unter
anderem Goebbels Geliebte war:
ZITATORIN:
Gegen Abend erschien Dr. Goebbels. Die Neugierde, ihn zu sehen und zu sprechen, 
ergriff von
allen, einschließlich seiner Gegner, Besitz; ausgenommen die Gruppe um Ernst 
Jünger, die
sich sogleich nach seinem Eintritt in das Rauchzimmer verzog.
TEXT:
Räumlich scheint Jünger also schon 1930 Distanz zu den Nationalsozialisten 
gesucht zu haben,
während er den Beginn seiner inneren Distanz ja recht unterschiedlich, zuweilen 
erst ins
Jahr 1938 datierte. Immerhin lehnte er Ende der 20er Jahre das Angebot ab, für 
die NSDAP in
den Reichstag zu ziehen, und zog sich überhaupt aus der Tagespolitik zunehmend 
zurück. Die
Frage ist nur, ob dieser Rückzug wirklich nur politische Gründe hatte und nicht 
durch sehr
verschiedene Impulse ausgelöst war: seine literarische Entwicklung, den 
Aufbruch in die
Ordnungsmetaphysik des „Arbeiters", die Reibungen in der militanten Rechten, 
die in der
geschilderten Szene ja nicht zufällig erst das Machtwort seiner Frau beendete - 
wie ohnehin
die Situation mit Frau und Kind für ihn die Vorzeichen änderte. Durch die neue 
Distanz
geriet er aber in die prekäre Lage, ähnlich wie Niekisch, Fischer und Hielscher 
als
potentieller Mitstreiter der Nationalsozialisten von ihnen plötzlich als 
Angehöriger einer
feindlichen Sekte im eigenen Lager betrachtet zu werden. Eben jene Olga 
Schkarena, die
Gobbels-Geliebte, die auch eine Freundschaft mit Gretha Jünger verband, war die 
ominöse
Informantin, die sie nach 1933 in ihrer naiven Art darüber auf dem Laufenden 
hielt.
ZITATORIN:
Olga (...) erbietet sich, in gewissen ihr zugänglichen Karthoteken 
nachzublättern und das
Material durchzusehen, das gegen uns vorliegen mag. (...)
„Ich pfeife darauf, was du dort finden kannst!" sage ich böse, aber auch 
wiederum gerührt
durch ihre Treue. (...)
„Denke dir!" kommt sie also eines Tages aufgeregt zu mir, und das Hütchen 
fliegt durch das
Zimmer auf den nächsten Sessel: „Ich hab es! Dein Mann ist ein 
Nationalbolschewist, (wie
schrecklich Gretha!) und du giltst als meine Freundin!" Und darauf ist sie nun 
ganz stolz.
"Weißt du, es kann dir ja dann garnichts passieren, ich kenne doch alle diese 
hohen
Funktionäre!"
Aber es hilft nichts: wir treffen Anstalten, Berlin zu verlassen und nach Goslar
überzusiedeln.
TEXT:
Dem Rückzug Ende 1933 nach Goslar im Harz gingen wiederum Angebote eines Sitzes 
im Reichstag
und der „Deutschen Akademie der Dichtung", Jüngers Ablehnungen, aber auch 
Haussuchungen der
Polizei voraus. Bei der ersten war Jünger alleine in der Hohenzollernstraße, 
während seine
Frau, als sie davon erfuhr, zornig aufs Steglitzer Polizeirevier stürmte und den
wachhabenden Offizier zur Rede stellte. Ihre Reaktionen - übrigens auch 
Goebbels gegenüber -
waren offenbar impulsiv und provokativ, ebenso wie ihre Äußerungen:
ZITATORIN:
Es wird nun langsam ungemütlich in der großen Stadt, und niemand kann sich vor 
Fahnen und
Aufmärschen, Eintopf-Spendensammlern und den eigenen Portiers mehr retten, die 
allesamt zu
verdienstvollen alten Kämpfern aufrücken, auch wenn sie gestern noch „dagegen" 
waren. Der
Kult der Ahnen beginnt, ein jeder fahndet nach Stammbüchern und reinblütigen 
Voreltern, und
wo sie nicht nachzuweisen sind, erheben gewisse Mütter trauervolle 
Selbstanklagen gegen
sich. Denunziationen setzen ein, und der Nachbar beargwöhnt den Suppentopf in 
Hausnummer
vier, Parterre links, da Kalbsbraten nicht auf der Liste steht. Das Volk will 
sparen, heißt
es. Nach den Kaffeeschnüfflern eines vergangenen Zeitalters rücken nunmehr die
Suppenschnüffler an.
TEXT:
Jünger, der solche nach 1945 geäußerten Ansichten oft als nachträgliche 
Widerstandsrhetorik
abtat, mag es auch von seiner Frau als peinlich empfunden haben, solche Texte 
zu publizieren
- auch ein möglicher Grund, warum er sie nie erwähnt hat. Doch von dieser ersten
Haussuchung, die ihm seine prekäre Lage nach der Machtergreifung vor Augen 
führte, hat er
später selbst berichtet. Wie tief der Chock über die neue Gefahrenlage nach 
1933 bei ihm
saß, zeigt ein kurzer Passus:
1. ZITATOR:
Was das persönliche Verhalten angeht, so machte ich auch in diesem Falle wieder 
die
Erfahrung einer Teilung der inneren Kräfte, die mich schon oft beschäftigte. 
Man liest, es
klingelt, man öffnet die Tür und sieht zwei Bewaffnete davor. Ehe das 
Bewußtsein die Lage
erfaßt hat, erhält es bereits die Ankündigung, daß es jetzt etwas wahrzunehmen 
gibt. Woher
kommt diese Ankündigung? Ein Teil der beobachtenden Instanzen zieht dann aus, 
betrachtet den
Vorgang von außen her, vielleicht von der Zimmerdecke aus. Der Auftritt wird 
nun zugleich
sehr scharf gesehen und fremdartig, wie eine Erzählung, ein Traumprotokoll.
TEXT:
Das ist eine der raren Beschreibungen, wie Jüngers Wahrnehmung in extrem 
bedrohlichen oder
auch schönen Situationen funktioniert hat. Sie findet sich bei ihm nur für 
wenige,
existenziell einschneidende Momente wie in der Sommes-Schlacht 1918 oder später 
auf der
„Atlantischen Fahrt" im Urwald oberhalb von Rio de Janeiro; die Verwandlung 
solcher
Sensationen in scharf gesehene, aber fremde Traumprotokolle ist für seine 
Literatur
elementar, geradezu die ästhetische Grunderfahrung, bei der durch eine 
Ich-Spaltung eine
hereinbrechende Gewalt aus einem plötzlichen Nah-Ereignis in ein Fern-Bild 
verwandelt wird.
Aus solchen Einschnitten kann man Jüngers literarisch-biographische Umschwünge 
ableiten, die
Echos der Chocks sind. Auch seine Versuche, in den 20er Jahren immer wieder die
Stahlgewitter des Ersten Weltkriegs zu durchdringen, gingen ja von solchen 
Chocks aus - das
ist ein Teil der Traumatisierung, die Heiner Müller als Jüngers 
„Jahrhundertproblem"
andeutete.
Auch das Jahr 1933 war mit dieser plötzlichen Haussuchung ein solcher 
Einschnitt. Doch
dieses Mal hat Jünger darauf anders reagiert als in den 20er Jahren mit 
politischer
Aggression. Während seine Frau in diesen Situationen - auch in der Folgezeit - 
oft mit
Gegenattacken reagierte, hatte er die Vorzüge der Defensive entdeckt. Die 
Rückzüge der
Jüngers nach Goslar, dann nach Überlingen am Bodensee und schließlich nach 
Kirchhorst sind
räumliche Ausdrucksformen der neuen Reaktion. Natürlich hatte er für frühere
Chockerfahrungen inzwischen literarische und geistige Gegenstrategien gefunden, 
die „Das
abenteuerliche Herz", der „Sizilische Brief an den Mann im Mond" und „Der 
Arbeiter" zeigen.
Doch es kommt ein alltäglicher, aber nicht weniger schwerwiegender Grund hinzu, 
der sich nur
für Jüngers Außendarstellung nicht sonderlich gut eignete. Obwohl er sich nach 
außen immer
noch auf den „wesentlich soldatischen Charakter" seiner Arbeit berief, lebte er 
längst als
homme de lettre mit Familie in völlig veränderter Lage. Und genau zu dem 
Zeitpunkt, als der
totale NS-Staat 1933 seine ambivalente Haltung zur eindeutigen Entscheidung 
zwang, stand die
Geburt des zweiten Sohns Alexanders bevor.
Damals hat er im Sinne seiner neugewonnenen literarischen Souveränität und der 
erhöhten
existenziellen Angreifbarkeit reagiert: er war nicht mehr nur der Dandy in 
Uniform, der
somnambul über Schlacht- und Konfliktfelder streifte - und wenn seine Existenz 
nach 1933
auch ein Fall von „machtgeschützter Innerlichkeit" blieb, so wird seine Optik 
im folgenden
Krieg eine erheblich andere sein.
Jünger und seine orthodoxen Verehrer und Kritiker haben gleichermaßen immer den 
Mythos
gehegt, daß er Autor nicht etwa durch triviale Umstände geworden, sondern schon 
immer
gewesen sei. Leider läßt sich der Einfluß auch trivialer Umstände auf seine 
literarische
Haltung nicht in den Tagebüchern vor 1933 und bis 1939 nachprüfen, denn sie sind
unveröffentlicht oder vernichtet; sofort nach der ersten Haussuchung hat Jünger 
viele
Papiere zur Mülltonne getragen, und Gretha Jünger beschrieb, wie sie in der 
Nacht des 20.
Juli 1944 weitere verbrannt hat. Trotzdem sind solche Einflüße auf seine 
Beobachterhaltung
recht präzise in dem Moment zu erkennen, als er zum zweiten Mal in den Krieg 
zog.
Gretha Jüngers Aufzeichnungen zeigen, daß bis dahin das Kalkül des Rückzugs in 
die Provinz
aufgegangen war, allerdings um den Preis, in Goslar die Schattenwelt des 
Nationalsozialismus
weitgehend zu übersehen:
ZITATORIN:
eine völlig andere Welt tat sich hier auf als jene, die wir in Berlin 
zurückgelassen hatten.
Ruhe, Gelassenheit, ein Abwarten der Dinge. Nichts von der politischen 
Spannung, der
Elektrizität, dem unentwegten Auf und Ab der großen Stadt (...)
TEXT:
Jünger war häufig auf Reisen, unter anderem in Norwegen und Südamerika, auch 
während des
Umzugs nach Überlingen.
ZITATORIN:
24. Dezember 1936
Prächtige Tanne in der Bibliothek und die Kinder beschenkt, die sehr fröhlich 
waren; Romain
kehrt erst in den kommenden Tagen vom Amazonas zurück, aber ein Bote von ihm 
brachte einen
Strauß weißen Flieders, der auf dem Tische steht. Spät am Abend ging ich durch 
alle Räume
des neuen Hauses und spürte den Wohngeistern nach. Von der Terasse aus blickte 
ich noch
lange auf den See und die dunkle Hügelkette des jenseitigen Ufers; diese 
Landschaft ist in
ihrem Zauber unerreicht und schön wie ein paradiesischer Garten.
TEXT:
Manchmal huschten durch den paradiesischen Garten am Bodensee Schatten der Zeit:
ZITATORIN:
Der Garten im Schatten grünen Laubes, am Hange sonnen sich die Eidechsen. 
KdF.-Dampfer:
dichtbesetzt, Pauken und Trompeten, dicke Bäuche, Strohhüte, wieherndes 
Gelächter. Mein Herz
weiß nichts von dieser Volksgemeinschaft!
TEXT:
1937, nach der Verhaftung Ernst Niekischs und anderer aus Jüngers 
nationalrevolutionärem
Freundeskreis, wurde die Idylle der inneren Emigrationslandschaft unheimlicher. 
Reflexe auf
Hitlers Besetzungspolitik und Kriegsvorzeichen tauchen in den Tagebüchern auf, 
merkwürdig
widersprüchlich zuweilen:
ZITATORIN:
7. Juni 1939
Wien wird zum Vasallen Preußens degradiert, und obwohl ich Preußin aus Blut und 
Neigung her
bin, erschreckt mich diese Besitzergreifung doch in höchstem Maße, sie 
deprimiert mich.
TEXT:
Aber wenige Wochen später auch:
ZITATORIN:
Südtirol bleibt den Italienern. Unglaubliche Vorstellung!
TEXT:
Der Entschluß, nach Kirchhorst zu ziehen, ist bereits ein Akt der 
Kriegsvorbereitung.
ZITATORIN:
Ich brauche, um die Kinder versorgen zu können, ein Landhaus mit Gärten und 
Ställen, ich muß
Geflügel züchten und Schweine füttern lernen. Wir suchen danach, wir geben 
Annoncen auf: es
meldet sich nichts. Endlich greift von Goslar her Freund Pfaffendorf ein, er 
bestimmt
unseren neuen Wohnort, indem er auf einen solchen Landsitz in der Nähe 
Hannovers verweist,
den wir, da die Zeit drängt (...), ungesehen mieten.
TEXT:
Jünger hat inzwischen in der zweiten Fassung vom „Abenteuerlichen Herz" in 
einer weiteren
literarischen Metamorphose fast alle Spuren des Ersten Weltkriegs getilgt. Sein 
schon vorher
nur mit „Gummihandschuhen" eines Operateurs berührtes Ich verschwand nun noch 
weiter in
Traumwelten, so wie er mit dem „Arbeiter" längst aus nationalen Frontstellungen 
in den
künftigen „Weltstaat" unterwegs war. Als sie im Frühjahr 1939 nach Kirchhorst 
umgezogen
waren, schloß er mit „Auf den Marmorklippen" auch den Versuch ab, die an der 
totalen
Mobilmachung der NS-Zeit beteiligten Kräfte in ein überzeitliches Mosaikbild 
einzusetzen, in
dem sich auch die eigene Fluchtbewegung der letzten Jahre abzeichnete. Als am 
1. September
1939 mobilgemacht wurde, endeten die Fluchtwege des träumerischen Anarchen an 
der
Wirklichkeit des neuen Krieges.
ZITATORIN:
Der Krieg ist ausgebrochen. Am Mittwoch verließ uns Romain, um sich in Celle zu 
stellen
(...). Während wir an der Pforte standen und den Wagen erwarteten, überkam mich 
ein Gefühl
der Erinnerung wie an einen fernen Traum, den ich bereits einmal durchlebt 
hatte. Betrübt.
TEXT:
Auch in diesen Krieg zog Jünger als Beteiligter und Beobachter; das erwartete 
Schlachtfeld
hat er dieses Mal aber nicht gefunden. In Frankreich ging es vielmehr durch eine
gespenstische Landschaft voller Trümmer und Leichen, bis Paris erreicht wurde. 
Außerdem war
seine Wahrnehmung auf unerwartete Weise gespalten; nicht nur bot ihr dieser 
Bewegungskrieg
keinen Brennpunkt mehr, so daß er unterwegs nostalgisch einmal einen General 
fragte, ob denn
zu hoffen sei, noch „ins Feuer zu kommen". Stattdessen lenkten seine 
Aufmerksamkeit häufig
Gefühlswellen und Erinnerungen an die ihm nahen Personen ab. Kurzum: in diesem 
Krieg war er
nicht mehr ohne Erfahrung mit Frauen, was die frühere Zentrierung seines 
‘kalten Blicks’
auflöste und ihn fast so oft über Frauen wie über Kriegsphänomene nachdenken 
ließ. Im
Oktober 1943 formulierte er den Unterschied schließlich einmal selbst, 
allerdings nicht,
ohne ihn sofort wieder zu verwischen:
1. ZITATOR:
Im ersten Weltkrieg war ich allein und frei; durch diesen zweiten gehe ich mit 
allen Lieben
und mit aller Habe hindurch. Doch träumte ich zuweilen im ersten Weltkrieg von 
diesem
zweiten; ähnlich wie während des Vormarsches durch Frankreich 1940 mich weniger 
die Bilder
der Gegenwart erschreckten als die Vorschau auf künftige Vernichtungswelten, 
die ich im
menschenleeren Raum erriet.
TEXT:
Wenn Jünger jetzt auf solche scheinbar trivialen Gefühlslagen stieß, 
dementierte er ihre
Bedeutung oft im selben Atemzug, indem er etwa das Unwandelbare seines 
träumerischen
Sehertums betonte. Doch zeigen „Strahlungen", die Tagebücher des 2. Weltkriegs, 
wie später
kaum je wieder die ihm neuen Gefühlslagen. Schon 1939, kurz bevor er nach der 
Mobilmachung
an die französische Grenze abrückte, blitzte plötzlich der Stern auf, unter dem 
er jetzt
seine Existenz stehen sah.
1. ZITATOR:
Wieder ein Wechsel, diesmal nach Bothfeld zu den 73ern, bei denen ich morgen 
antrete. Bis
dahin verbringe ich die Stunden in Hof und Garten und in Gesellschaft von 
Perpetua. Die
Bäume tragen schönes und schweres Obst.
Zur Astrologie. In unserem Lebenslauf begegnen wir stets der einen, die uns aus 
unseren
vorgeschriebenen Bahnen wirft und zur Begleitung zwingt, ob wir nun wollen oder 
nicht.
Demgegenüber flammen die anderen Berührungen nur wie Kometen oder Meteore auf; 
und alles,
was Eros ferner bringt, steht unter dem Einfluß der Gebieterin.
TEXT:
Eine Sprache der Gefühlswelt hat Jünger zwar letztlich auch unter diesem Stern 
nicht
gefunden - sie blieb die große Lücke in seinem literarischen Werk. Doch 
drückten sich seine
Gefühlslagen entweder in abstrakten Bildern wie diesem astrologischen aus, in 
dem er als in
ein weibliches Kraftfeld geratener Planet figuriert; oder aber in der 
Zerrissenheit seiner
Wahrnehmung. Von Anfang an zog es sie in diesem Krieg immer wieder zum 
Kirchhorster
Gegenpol.
1. ZITATOR:
Lintgen, 23. Mai 1940
Auf dem Marsch erfuhr ich durch Urlauber, daß die Werke von Misburg, ganz nahe 
bei
Kirchhorst, durch Bomben getroffen sind. (...) Das ist in der Tat der totale 
Krieg, während
dessen man an jedem Punkte der Existenz gefährdet ist.
TEXT:
Nicht nur war der Krieg ein anderer; auf der neuen Planetenbahn hat Jünger 
schnell gespürt,
daß auch seine Wahrnehmung nicht mehr auf einen gefährdeten Punkt gerichtet, 
sondern auf
mehrere Punkte zerstreut war. Und in Kirchhorst, wo Gretha Jünger wie in einer 
Chronik den
kurz nach Kriegsbeginn einsetzenden Bombenkrieg beschrieb, mußte sie nun 
umgekehrt die
eigentlich ihrem Mann zugeschriebene Haltung einüben:
ZITATORIN:
28. Juni 1940
Allnächtlich schwerste Luftangriffe auf Misburg, bislang gingen vierzehn 
Öltanks in Flammen
auf. Düsteres, gigantisches Schauspiel am Himmel; das Haus bebt, ein Regen von 
Splittern im
Garten. Rechts und links von uns das Donnern der Abschüsse, die Motoren im 
kreisenden Flug
über unseren Köpfen; die Leuchtmunition, raketengleich aufsteigend, der 
Aufprall der Bomben.
Riesige, in der Luft schwebende Magnesiumkugeln als Zielrichtung für die 
Abwürfe. Zu meiner
Genugtuung gänzlich kaltblütig.
TEXT:
Bis er nach dem 20. Juli 1944 aus der Wehrmacht entlassen wurde und nach 
Kirchhorst
zurückkehrte, blieb Jüngers Wahrnehmung gespalten. Das barg, angesichts der 
Bombenangriffe,
einerseits Schrecken, die er vorher noch nicht kannte.
1. ZITATOR:
Paris, 28. September 1943
Die Meldungen erwähnen wieder einen starken Angriff auf Hannover in der 
vergangenen Nacht.
So gehen die Tage gleich Zacken einer Säge über uns dahin.
TEXT:
Andererseits milderte das aber auch zuweilen die eigenen Schrecken, wie etwa 
das extreme
Gefühl von Verlorenheit, das ihn auf der Kaukasus-Reise in der russischen 
Landschaft
überfiel.
1. ZITATOR:
Woroschilowsk, 6. Dezember 1942
Sonntag, bei klarem Frost. Auch liegt ein wenig Schnee. Ich ging am Morgen im 
Wald spazieren
und gedachte beim Anblick der leichten, reinen Decke des wunderlichen Verses, 
den Perpetua
in unserer Leipziger Mansarde einst im Erwachen vor sich hinmurmelte:
„Es schneet der Wind das Ärgste zu - -"
TEXT:
Doch noch etwas anderes spaltete seine scheinbar unberührbare 
Beobachterposition in diesen
Jahren auf: Frauenaffairen. Anspielungen finden sich in Gretha Jüngers 
Tagebüchern seit
1941:
ZITATORIN:
Die Sucht nach Berühmtheit ist eine der stärksten menschlichen Begierden, und 
die Frauen
sind es, die sich notgedrungen auch mit dem Schattenriß begnügen. Sie ziehen es 
weitaus vor,
die Geliebte eines Mannes zu sein, von dem alle Welt spricht, als die Ehe mit 
einem solchen
zu einzugehen, den niemand kennt.
TEXT:
Es folgten Grübeleien über Lügen, Wahrheit, das Gift des Mißtrauens, und im 
Februar 1943
benannte sie dann unmißverständlich die Situation:
ZITATORIN:
Über die legitime Frau und die Geliebte: Zwischen der Herrscherin und der 
Favoritin kann ein
Kampf um die Macht immer nur von der letzteren ausgehen. Das beweist, daß sie 
sich vor einer
Niederlage mehr zu fürchten hat.
TEXT:
Wenn man diesen Hintergrund kennt, wird eine ganze Reihe recht wolkiger 
Tagebuchnotizen
Jüngers plötzlich klar, in denen diese Geschichte, die offenbar von ziemlich 
explosiven
Konflikten begleitet war, zugleich erzählt und verborgen ist; etwa:
1. ZITATOR:
Wir Menschen - unsere Begegnungen in der Liebe, unsere Kämpfe um Treue, um 
Zuneigung. Ihre
Bedeutung ist größer, als wir wissen; doch ahnen wir sie in unseren Leiden, 
unserer
Leidenschaft. Es handelt sich darum, welche Kammer wir im Absoluten, jenseits 
des
Todesreiches teilen, bis zu welcher Höhe wir gemeinsam emporsteigen. Daraus 
erklärt sich das
Entsetzen, das uns zwischen zwei Frauen ergreifen kann - es geht um Heilsfragen.
TEXT:
Jünger befand sich in diesem Krieg zugleich bis zum „Entsetzen" in einem 
Gefühlskrieg, der
ein Kapitel seiner éducation sentimentale darstellt, auch wenn er sich ihr 
literarisch nie
ohne pompösen Überbau aus Tod und letzten Heilsfragen näherte. Doch seitdem 
Frauen einen
Gegenpol in seinem Horizont bildeten und die starke Panzerung rissig wurde, die 
seit dem
Ersten Weltkrieg seine Beobachtungsposition absicherte, ist durch die Risse auch
eingedrungen, was zu seinem „kalten Blick" nicht zu passen scheint: 
Temperaturen von Nähe,
moralische Impulse, Mitgefühl. Auch diese Geschichte, die Spuren von Jüngers 
sentimentaler
und empathischer Seite, erzählen die Tagebücher seit 1939, die kaum noch 
heroische, sondern
fast nur noch Kehrseiten des Krieges schildern.
1. ZITATOR:
Erst in den Zuchthäusern wird uns ja deutlich, welcher Wert in den Gefährten 
sich verbirgt.
Man kann auf alles verzichten, wenn nur die Menschen nicht verlorengehn.
TEXT:
Auf welcher neuen Bahn Jünger dorthin gekommen war, zeigt eine Notiz von 1941, 
als er sich
an Alfred Kubins Voraussage erinnerte, auch er werde die Begegnung mit Frauen 
einst auch
geistig genießen, und erstaunt über ihr Eintreten feststellte:
1. ZITATOR:
Die Änderung hat etwas Bestürzendes für mich, gerade weil ich mit meinem Lauf 
zufrieden war,
wie ein Ballistiker, der sein Geschoß die vorgeschriebene Bahn durchmessen 
sieht. Dann
wendet es sich ins Unbeschränkte ab, in Räume jenseits der Logik, jenseits der 
klassischen
Physik. Er kannte die Gesetze der Stratosphäre nicht.
TEXT:
Diese „Stratosphäre" allerdings lag nicht im fernen Weltall, sondern auf der 
Erde, in
Jüngers Alltag. Seine Vita und literarische Entwicklung ist um vieles 
irdischer, als die
Selbstinszenierung vorspiegelt. Um Jüngers Denkwege wirklich zu erfassen, muß 
man seinen
Mythos durch die verborgeneren Fakturen seines Lebens ergänzen. Erst dann tritt 
das
Faszinierende zutage: daß er nicht nur mit kaltem Blick die Extreme des 
Jahrhunderts ausmaß,
sondern daß etwa seine éducation sentimentale allmählich auch die 
Traumatisierungen
entschärfte, die seinen kalten Blick erzeugt hatten.
Es ist paradox, daß sich das nach 1933 gerade in der Zeit abspielte, als die 
kollektiven
Traumatisierungen der Deutschen sich in brutaler Vernichtungspolitik entluden 
und Jüngers
frühere Kriegsbücher ihre größte Popularität erreichten. Damals scherte Jünger 
aus dem
Gleichschritt aus, in dem er nach außen immer mit dem Jahrhundert schien. 
Sicher: die Macht
der Traumatisierung schwand bei ihm nie völlig; aber neben dem darüber gewölbten
metaphysischen Überbau zeigen sich bei ihm doch die Gegenbewegungen: das sind, 
in den Polen
von Krieg und Frauen, die widersprüchlichen Spuren des „Jahrhundertproblems", 
das Heiner
Müller andeutete.
1. ZITATOR:
Vincennes, 3. Mai 1941
Place des Ternes, in der Sonne vor der Brasserie Lorraine. (...) Mir gegenüber 
ein Mädchen
in Blau und Rot, das vollkommene Schönheit mit einem hohen Maß von Kälte 
vereinigte. Eine
Eisblume: wer sie auftaut, zerstört die Form.
TEXT:
So zerstört zu werden - das war lange seine Angst. Erst als sie sich löste, 
konnte er anders
als nach dem ersten Krieg zumindest Fragmente dieser zurückgewonnenen Gefühle 
auch in den
politischen Raum einblenden. Im November 1945 schrieb er, es sei nun die 
Kehrseite der
deutschen Hybris zu studieren, doch liege „im Schmerz, im Leiden das 
eigentliche Kapital der
Zeit". Und dann:
1. ZITATOR:
Der Deutsche wird sich dereinst entschließen können, dieses Kapital (...) 
wieder in der
Vergeltung auszumünzen - dann wird es in reiner Leidenschaft vertan. Er kann es 
aber auch
auf Zinsen legen und mit ihm wuchern, das heißt: die Frucht des Leidens ernten, 
die in der
Stille zureift als Weisheit, als Liebe, als innere Macht, als Lebensfreude, die 
der
Belehrung durch Schicksalsschläge folgt.
TEXT:
Natürlich ließe sich das auch als eine der damals häufigen Entlastungsformeln am
historischen Nullpunkt ansehen. Wenn man Jüngers Bahn verfolgt, dann war es 
eher die für ihn
einzig mögliche Form, ins Auge zu fassen, was Kafka einmal „das Heraustreten 
aus der
Totschlägereihe" nannte.






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