Liebe Jünger-Freunde, 

eben kam im Deutschland-Radio der Buchtipp von Eberhard Straub, er stellte den 
Briefwechsel Gretha Jünger / Carl Schmitt vor. Text anbei.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw


www.dradio.de/dkultur/sendungen/buchtipp/669869/


BUCHTIPP
16.09.2007 · 12:50 Uhr

Briefwechsel zweier einsamer Einzelner
Ingeborg Villinger (Hrsg. u.a.): Briefwechsel Gretha Jünger und Carl Schmitt
Vorgestellt von Eberhard Straub

Ihre Freundschaft überdauerte die Schrecken des Nationalsozialismus und 
persönliche Schicksalsschläge. Der Staatsrechtler Carl Schmitt und Greta 
Jünger, Schriftstellerin und Ehefrau Ernst Jüngers, diskutierten Politisches, 
Philosophisches und Privates per Briefkorrespondenz - bis Missverständnisse zum 
plötzlichen Ende ihrer langjährigen Freundschaft führten.

"Wenn Sie Zeit haben, müssen Sie bald wieder Nachricht von sich geben. Heute 
gilt nur, was man selber persönlich sieht, hört oder erfährt. Es ist 
merkwürdig, wie in der derselben Zeit, in der die menschlichen Nachrichten- und 
Kommunikationsmittel ihre fabelhaftesten Steigerungen erreicht zu haben 
scheinen, der einzelne denkende Mensch mit ungeheurer Wucht auf sich selbst 
zurückgeschleudert wird, auf seine einzelne einsame Einzigkeit und den Kontakt 
zu anderen ebenso einsamen Einzelnen."

So schrieb im Oktober 1942 der mittlerweile ziemlich isolierte und schon damals 
umstrittene Staatsrechtler Carl Schmitt, in dem Ernst Jünger so etwas wie einen 
"Kronjuristen ohne Krone" im Dritten Reich sehen wollte, an dessen Frau Gretha. 
Sie gehörte zu den ebenso einsamen Einzelnen, die einander erkennen, aneinander 
festhalten und dadurch ihre jeweiligen Einsamkeiten miteinander verknüpfen.

Gretha Jünger verabscheute das 20. Jahrhundert mit seinem Lärm, mit seiner 
Organisationsfreudigkeit und der Vergewaltigung der Gehirne. Die Vereinigten 
Staaten von Amerika schienen ihr Repräsentant all der widrigen Tendenzen zu 
sein, den Menschen zu erfassen, seine Gedanken und Lebensformen 
gleichzuschalten und ihn umgeben von praktischem Komfort endlich um seine 
Freiheit zu bringen.

"Trotzdem glaube ich, dass uns auch unser größter Widersacher, der Zeitgeist, 
die wahre Freiheit nicht nehmen kann, ob wir uns in einer Zelle oder am Ufer 
eines Flusses befinden, der von russischen oder englischen Posten flankiert 
wird. Wir bewegen uns in unseren Gedanken, in unseren Wünschen und 
Vorstellungen jenseits des Zugriffs von Gewalt; so viel ist uns verblieben, und 
das ist tröstlich,"

wie sie dem Freund im Mai 1948 versichert, den Schakalen entronnen, ohne aber 
befreit worden zu sein.

"1933-1950, das bedeutet ein einziges Narrenhaus, und nur die wenigsten 
befinden sich außerhalb seiner Mauern."

Zu den wenigen gehörten eben die einsamen Einzelnen, die ihr Ich zu einer 
Festung ausbauten und beharrlich die "Stellung hielten" und Haltung bewahrten. 
Das allein ermögliche noch Freiheit im fürchterlichen 20. Jahrhundert mit 
seinen wechselnden Normierungszwängen. Davon blieb die Aristokratin - als 
Margaretha von Jeinsen 1906 geboren - überzeugt.

In ihrem Briefwechsel mit Carl Schmitt - jetzt im Berliner Akademieverlag 
erschienen - herausgegeben von Ingeborg Villinger und Alexander Jaser, erweist 
sie sich stets als beherrschte Dame, die den Überblick nicht verliert, selbst 
wenn mitten in einer schweren Ehekrise der unendlich geliebte Bruder fällt und 
der Sohn wegen wehrkraftzersetzender Bemerkungen verhaftet wird. Nach einem 
ersten Besuch im Militärgefängnis Wilhelmshaven schreibt sie im März 1944 dem 
Freund:

"Hoffen Sie mit mir, dass der arme Junge diesen ersten Abschnitt seines 
Ausfluges in die Welt mit guter, seelischer Kraft überdauert."

Gretha Jünger wirkte mit ihrem Temperament - es mehr mit dem Feuer haltend als 
der Asche auf dem reuig gebeugten Haupt - auf manche wie eine verjüngte Adele 
Sandrock. Sie kämpfte für den Sohn in Wilhelmshaven.

"Es war eine Gewaltleistung auf wenige Stunden zusammengedrängt: ich bin, dem 
Himmel sei Dank, mit menschlichen Wesen zusammen getroffen, und nicht mit 
Feldwebeln. Von diesen war es nur ein einziger, und ihn habe ich im sofortigen 
Angriff zertrümmert. Der Sohn saß dabei, mit der gleichen, etwas hilflosen 
Verlegenheit, wie sie sein Vater zeigt, wenn seine Frau die gesetzlichen 
Barrieren nieder rennt, und dieser Anblick rührte mich, und ließ mich meinen 
Erfolg nicht auskosten."

Wenn der verfemte Carl Schmitt nach dem Krieg zuweilen verzweifelt und bei so 
vielen Illoyalitäten ihm gegenüber ohnehin misstrauisch wird, ermahnt sie ihn 
knapp:

"Aber! Sich nicht beeinflussen zu lassen! Das ist es! Ich bin bereit und war es 
auch, ganze Regimenter in die Flucht zu schlagen, die sich mit Ihnen auf eine 
Art beschäftigen, die mir nicht passend erscheinen will."

Während ihrer heftigen Ehekrise 1950 bewährt sich Carl Schmitt, 
niedergeschlagen vom Tod seiner Frau, als der unerschütterliche und aufrichtige 
Freund. Diese Freundschaft, die beiden so viel bedeutet, wird gefährdet durch 
Dritte, vor allem durch Armin Mohler, den Sekretär Ernst Jüngers, der auch mit 
Carl Schmitt verkehrt und korrespondiert.

Die wachsende Entfremdung zwischen den früheren Freunden ergab sich auch aus 
seinen Indiskretionen, endlich Intrigen wie aus einer Provinzposse. Weder Ernst 
Jünger noch Carl Schmitt, empfindlich und argwöhnisch geworden, waren souverän 
genug, einen ehrgeizigen jungen Mann mit seinen Taktlosigkeiten und angemaßter 
Vertraulichkeit auf Distanz zu halten. Carl Schmitt verlor in der 
Unübersichtlichkeit das feste Zutrauen in die Freundin. Er zog sich 1953 ins 
Schweigen zurück.

Das war die größte Enttäuschung für die Freundin, mit der sie nicht fertig 
wurde. Im Mai 1959 rechnete sie in einem Brief an Armin Mohler mit dem ab, der 
ihr den Freund durch seine Manöver und Lügen entfernte, immer noch ratlos wegen 
dessen treulosen Verstummens. In diesem Drama der Irrungen konnte sie sich nur 
damit trösten, nie in ihrer Freundschaft geschwankt zu haben.

"Es gibt gottlob noch so etwas wie Charaktere."

Ingeborg Villinger, Alexander Jaser (Hrsg.):
Briefwechsel Gretha Jünger und Carl Schmitt (1934 -1953)
Akademie Verlag, Berlin 2007



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