Liebe Jünger-Freunde,
folgende Rez. erscheint morgen in der FAZ.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw

Text: F.A.Z., 10.10.2007, Nr. 235 / Seite L14

Stern über dem zwanzigsten Jahrhundert
Geboren unter dem Zeichen der Modernität: Helmuth Kiesels redliche 
Ernst-Jünger-Biographie / Von Lorenz Jäger

Die darstellerischen Kräfte, die dieses Leben einem Biographen abverlangt, sind 
enorm. Seine schiere Dauer von mehr als einem Jahrhundert - lässt sie sich auf 
eine Formel bringen, vielleicht auf die der stets wiederholten 
Grenzüberschreitung? Der Länder- und der Wahrnehmungsgrenzen, der des 
gesitteten bürgerlichen Lebens im Krieg, nein: in zweien? Und welche Retuschen 
gilt es, umsichtig, Fläche für Fläche, voneinander abzuheben - bei einem Autor, 
der seine Werke immer wieder revidiert hat.

Wer zählt die Masken und Stilisierungen Ernst Jüngers, vom Krieger zum 
Anarchen, vom kalten zum mitfühlenden Beobachter, vom Nietzscheaner zum Leser 
der Psalmen, vom Denker der Nation zum Propheten des "Weltstaats"? Wer dieses 
Leben beschreiben will, der muss es mit dem zwanzigsten Jahrhundert aufnehmen 
können, mit den Literaturen mindestens Deutschlands und Frankreichs, mit der 
Politik und der Philosophie, mit seinen Freikorps und seinem LSD, mit den 
frühen technischen, technokratischen Visionen und mit der späten Ökologie.

Unmögliche Aufgabe! Dennoch: Helmuth Kiesel ist es gelungen, eine 
Gesamtdarstellung zu schreiben, respektabel und redlich, nichts auslassend, 
vieles erhellend. Ein Kunstgriff des Buches findet sich gleich zu Beginn, wenn 
Kiesel die kulturelle Konstellation von Jüngers Geburtsjahr 1895 entwirft. Es 
ist ja eine gute Übung der Biographik, seit Goethes "Dichtung und Wahrheit", 
den Anfang mit einer Beschreibung der "Nativität" zu machen. Und es müssen 
nicht immer die Planeten sein, die da in Aspekte treten, es können auch andere, 
irdischere Mächte sein, die nach Ausdeutung verlangen. "Modernität" etwa ist 
ein Wort, das sich, wie Kiesel feststellt, um 1895 seinen Platz in den Lexika 
erobert. Mit ihm treten in eine widersprüchliche, gespannte Konstellation am 
Ideenhimmel über Ernst Jünger die Begriffe "Neurasthenie", "Vitalität", 
"Nationalismus", "Imperialismus", "Fortschrittsdenken" und "Sekurität" zusammen.

Kiesels Buch ist das eines Mannes, der sich durch und durch als 
Literaturwissenschaftler versteht. Vielleicht erklärt sich so das Schiefe, das 
sich gleich zu Beginn findet, wenn dann doch von den astrologischen Bildern die 
Rede ist: Die "Nativität" erklärt er als die "Konstellation der Gestirne im 
Zeichen des Widder" - nein, im Widder stand damals die Sonne, und die Nativität 
beschreibt die ganze, auch über die anderen Zeichen des Tierkreises verteilte 
Stellung der Planeten.

Jünger, auch sein Freund Carl Schmitt, hielten auf die Astrologie große Stücke. 
Warum? Vielleicht, weil es sich bei dieser Lehre um die dichteste, gerade noch 
erreichbare Form des antiken Mythos handelte. Weil er hier die 
Göttergenealogien wiederfand, von den Titanen bis zu den Olympiern, in denen er 
seine Wirklichkeit zu erkennen glaubte. Kiesel erwähnt die Bekanntschaft 
Jüngers mit dem Astrologen Friedrich Lindemann, aber am Ende bleibt diese 
Denkform ein Fremdkörper in der Darstellung; dass manche späteren Schriften, 
"An der Zeitmauer" etwa, in ihrer Argumentation astrologisch tief imprägniert 
sind, wird an-, aber nicht ausgedeutet. Dieses Buch ist ein Plädoyer für Ernst 
Jünger vor dem Forum des Gegenwartsbewusstseins. Jüngers Werk ist damit 
beschrieben, aber zugleich versiegelt wie ein kontaminierter Reaktor.

Dass Rennfahrer eine gegenüber dem Durchschnitt fast abnorm erhöhte Sehkraft 
besitzen, ist medizinisch festgestellt. Ähnliches kann man bei den 
Stoßtruppführern vermuten, zu denen Jünger im Ersten Weltkrieg gehörte. So 
kommt man zur zweiten Formel, die sich für die Beschreibung von Jüngers Werk 
anbietet: Es ist eine große Geschichte der Augen, die sich vor dem Leser von 
Kiesels Buch eröffnet, des neuen Sehens, der Fotografie, der 
Gestaltwahrnehmung, der Sicht aus dem Flugzeug, auch der magischen 
Übersteigerung des Blicks, vor der manches transparent wird. Man hat in diesem 
Zusammenhang von Jüngers "Surrealismus" gesprochen, ein Begriff, gegen den 
Kiesel Einspruch erhebt: Das "automatische Schreiben" etwa finde man bei 
Jünger, einem immens bewussten, penibel redigierenden Autor, nicht. Aber auch 
nicht bei Aragon! Hält man sich dagegen an eine einfachere Definition des 
surrealen Prinzips, an die Überlagerung von großstädtischer Moderne und 
Traumlogik, dann kommt Jünger der Sache wieder sehr nah - nur dass er seine 
Traumlehre nicht von Freud bezog, sondern, zum Beispiel, aus Alfred Kubins 
Roman von der Traumstadt Perle ("Die andere Seite").

Diese Biographie ist reich an Einsichten. Eine sei stellvertretend 
hervorgehoben. Als Jünger um 1930 eine Reihe von Büchern herausgab, die sich 
dem Krieg und der Nachkriegszeit widmeten, war darunter auch der Band "Die 
Unvergessenen", ein Gedenkbuch für die Gefallenen. Und man ist doch überrascht, 
wenn man unter den Gewürdigten eben nicht nur die erwartbaren Namen von Walter 
Flex und Gorch Fock findet, sondern auch Alfred Lichtenstein, den 
expressionistischen Lyriker, August Macke, den Maler, oder August Stramm, den 
extremsten Kopf der deutschen Avantgarde-Dichtung. Das war nun eine Ehrentafel, 
die von der NS-Idee einer "deutschen Kunst" den denkbar größten Abstand hielt, 
und man beginnt zu ahnen, wie ein deutscher Faschismus (nicht: 
Nationalsozialismus) der intellektuellen Ultranationalisten um Jünger und 
dessen Bruder Friedrich Georg hätte aussehen können.

Es gibt bei Kiesel einen weiteren Kunstgriff. Jünger wird historisiert, will 
sagen: anstößige Formulierungen des frühen Werks werden entschärft, indem man 
sie bei linken oder gar bürgerlichen Autoren in ähnlicher Form wiederfindet. 
Damit aber umgeht man auch die Frage: Ist es denn wahr? Ist es denn, zum 
Beispiel, wahr, was die Nationalisten vom Versailler Vertrag, vom Völkerbund 
oder vom kriegsächtenden Kellog-Pakt sagten? Verständlich, dass ein heutiger 
Autor die fundamentale Auseinandersetzung mit diesen Fragen scheut, dennoch 
möchte man mit einer psychoanalytischen Wendung von einem Abwehrmechanismus 
sprechen. Es gibt ein verräterisches Satzzeichen, das Kiesel gern einsetzt: die 
Anführungszeichen. Sie signalisieren Distanz, ohne dass man in eine Debatte um 
die Sache eintreten müsste. Wer kriegerische Erfolge oder Siege so markiert - 
und Kiesel tut es -, ist auf der sicheren Seite. Auch den militärischen Rang 
des Freikorpschefs Hermann Ehrhardt versieht Kiesel stets mit dem Vorbehalt 
(",Kapitän' Ehrhardt"), aber der Mann war nun einmal Korvettenkapitän.

Und wenn auf gut einer Druckseite Hitlers Putsch vom November 1923 erst als 
"geradezu lächerlich wirkendes Fiasko", dann als "schmählich gescheitert" und 
schließlich als der "blamable Münchener Putschversuch" umschrieben wird, dann 
verhält sich das zur Aufarbeitung der Vergangenheit wie ein ausgewachsener 
Waschzwang zum sonst üblichen Reinigungsbedürfnis.

Helmuth Kiesel: "Ernst Jünger". Die Biographie. Siedler-Verlag, München 2007. 
717 S., geb., 24,95 [Euro].


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