Liebe Jünger-Freunde, in der Frankfurter Rundschau erschien am 9. Oktober nachstehende Rezension von Michael Rutschky über Helmuth Kiesels Jünger-Biographie. Beste Grüsse rundum, Ihr / Euer tw
URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/literatur/literatur_rundschau/?em_cnt=1222664 Ein langes merkwürdiges Leben Es geht auch ohne Süffigkeit: Helmuth Kiesels Biographie zeigt Ernst Jünger als Arbeiter der Literatur VON MICHAEL RUTSCHKY Von 1895 bis 1897 war er ein uneheliches Kind, weil der Vater die Mutter erst nach zwei Jahren ehrlich machte. Als Jüngling nahmen ihn seine Tagträume von Freiheit und Abenteuer derart gefangen, dass er an die zehn Schulen mit qualvollem Misserfolg hinter sich brachte, bis ihn 1914 der Weltkrieg und das Notabitur erlösten. Noch als Hundertjähriger begann er den Tag mit einem kalten Wannenbad, worauf zwecks Körperertüchtigung Seilspringen folgte. Ende März 1996 soll er seine schriftstellerische Existenz abgeschlossen haben, indem er den Schreibtisch aufräumte. Als er am 17. Februar 1998 starb, fehlte ihm noch ein Monat zum 103. Geburtstag, ein ganz unglaublicher Sachverhalt bei einem Autor, dessen Werk sein Zentrum im Kampf als inneres Erlebnis unter Todesdrohung hatte, das er im Ersten Weltkrieg suchte und fand. Helmuth Kiesel, Literaturprofessor in Heidelberg, macht erzählerisch wenig aus der verzögerten Eheschließung der Eltern, den Tagträumen des Jünglings, den Kriegsekstasen, dem Seilspringen. Weil er er es in seiner Biographie über Jünger mit dem Erzählen aber gar nicht erst versucht, fehlt es dem Leser bald nicht mehr, und er folgt gespannt seiner ruhigen Darstellung, die Ernst Jüngers umfangreiches und vielgestaltiges Werk entlang seiner Lebensgeschichte einlässlich referiert und interpretiert und in seine Zeit verwebt. Legt man beispielsweise Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" daneben, erscheint der "neue Nationalismus", mit dem Jünger in den Zwanzigern die Republik attackierte (die Thomas Mann inzwischen pries), weniger exorbitant. Von der linken Militanz liegt die Jüngers ohnedies nicht so weit entfernt, und man versteht, warum die linke (und die liberale) Intelligenz ihn las und anerkennend diskutierte - hier hat Helmut Lethen mit seinen "Verhaltenslehren der Kälte" (1994) zwingend die Korrespondenzen hinüber und herüber aufgezeigt. Was Kiesel mit großer Sorgfalt darlegt: Wie schon der Krieger, dessen "In Stahlgewittern" ihm Adolf Hitlers unverbrüchliche Treue gewann, an Literatur arbeitete statt an politischer Agitation. Legendär ist seine Lektüre von "Tristram Shandy" im Schützengraben. Als Wendepunkt gilt "Das abenteuerliche Herz" (1929), und Kiesel demonstriert, wie Jünger seitdem ebenso umsichtig wie schlafwandlerisch sich aus der Politik zurückzog um des Schreibens willen. Kiesel wahrt eine angenehm höfliche Distanz zu seinem Helden. Er verzichtet auf scharfe Spekulationen, warum Jünger seine Verpflichtungen gegenüber diesem Lager genau in dem Maß auflöste, in dem die Nazis die Macht eroberten. Sein hochgeachteter Freund, der böse Carl Schmitt - Kiesel hat 1999 den umfangreichen Briefwechsel der beiden ediert - verhielt sich da bekanntlich ganz anders. Dass ihre Einschätzung der historischen Lage substanziell differiert hätte - alles ging von Nietzsches Diagnose des Nihilismus aus, der die moderne Welt unwiderstehlich zersetze -, Kiesel gibt keine Anhaltspunkte dafür. Doch, hier vermisst man farbige, erzählerische Spekulation. Und weil wir schon mal dabei sind: Überaus gern hätte man etwas über die schwere Depression erfahren, die Jünger um 1957 befiel. Paul Noack hat dazu in seiner Biographie (1998) Material versammelt, aus dem sich Szenen von Samuel Beckett entwickeln ließen. Postnihilistische Sittlichkeit Nihilismus. Unterdessen dringt davon nur noch manchmal was nach vorn, meist mittels der stillen Klage über den Werteverfall (den der Kläger stets an solchen Mitbürgern erkennt, die anderen Werten anhängen als er). Die moderne Welt, lautete die Diagnose, macht alle anschauliche und substanzielle Sittlichkeit erodieren, insbesondere die männliche Sittlichkeit des Kriegers und Herrschers, von der in der alten Welt so viel abhing. Ernst Jünger schlug sich im Ersten Weltkrieg auf das tapferste - und musste erkennen, dass es darauf nicht mehr ankam, weil der moderne Krieg sich als technischer Arbeitsvorgang gestaltet. Gleichwohl die Kriegsbegeisterung, die das Reich im August 1914 überflutete, als Elan vital zu bewahren und als Ressource einer neuen politischen Organisation des Vaterlandes zu nutzen, das bildete den Kern von Jüngers "neuem Nationalismus". Man kann auch sagen: Existenzialismus. Man kann auch sagen: Faschismus. Das große Social-Fantasy-Pamphlet "Der Arbeiter" (1932) entwarf eine postnihilistische Sittlichkeit, erträumte die konstante Erregung der Gesellschaft als heroisches Kollektiv, die den Zerfall der überlieferten Ordnung, wie ihn die Moderne bewirke, übertreffen sollte. Was bei dieser Schwärmerei mit dem NS dann herauskam, kann Jünger und seinesgleichen nur entsetzt haben. Heutzutage ist die Nihilismus-Diagnose - der Hans Blumenberg in seinen grüblerischen Glossen und Aufzeichnungen zu Jünger noch einmal obsessiv nachging -, heutzutage greift diese Diagnose nirgends. Wie sollte man angesichts der islamistischen Krieger, die gegenwärtig den Inbegriff des politischen Extremismus darstellen, auf Werteverfall und -verlust erkennen? Sie haben doch viel zuviel an Werten, die sie begeistern und verzaubern - und so etwas war schon für die RAF zu beobachten. Helmuth Kiesel zeichnet kennerisch anhand der Schriften nach, wie Jünger aus seinem Existenzialismus, der ein Faschismus war, fortwanderte in kultur- und geschichtsphilosophische, ja kosmologische Monumentalgemälde; wie dabei freilich der Furor, jenseits von Geschichte und Gesellschaft zu gelangen, nie verloren ging. Dass der todesmutige Krieger im Lauf der Begebenheiten zu einer Art hermetischer Weltbejahung gelangte, haben manche seiner Leser sogar als Wendung zum Humanismus gedeutet; der katholische Erzähler Stefan Andres beispielsweise, dessen schmaler Briefwechsel mit Jünger eben erschien. Die Briefe geben ein anschauliches Beispiel von Jüngers Soziabilität, auf die Kiesel immer wieder zu sprechen kommt und die man bei dem programmatisch kalten und distanzierten Mann nicht erwartet. Wirkt immer noch: sein Wille zum Stil "Wenn dann das Rebholz-Feuer im Kamine flammte, setzten wir nach einem Brauche, den wir uns in Britannien angeeignet hatten, die Duft-Amphoren auf." Ein Satz, den ich mittels der Technik des Bibelstechens in jener Erzählung ermittelt habe, die Stefan Andres und viele andere zeitgenössische Leser als schärfste, wenn auch allegorisch verkleidete Anklage Jüngers gegen das Dritte Reich begeisterte, "Auf den Marmor-Klippen" (1939), eine Einschätzung, der Jünger die Zustimmung immer verweigerte. Er wollte anthropologische Grundkonstellationen enträtselt haben - die inzwischen so entrückt sind wie der Nihilismus. Über Jüngers Prosastil tobten so lebhafte Kontroversen wie über seine politischen Deutungen. Helmuth Kiesel kann kühl darauf hinweisen, dass die Prosa einen hohen Stil praktiziert, der lange als kanonisch galt (und irgendwann wieder in Mode kommen mag). Jüngers Prosa imponiert durch den Grad an Durcharbeitung - im Englischen nennt man so etwas ohne weiteres "overwritten" - , Nietzsches Wille zur Macht hat sich in einen Willen zum Stil sublimiert. Eine solche Prosa übt starke Reize aus. Denen wiederum Ekelgefühle beigemischt sind. Was aber den Reiz erhöhen kann. In den siebziger Jahren, als Jüngers Werk Skandal machte und die Reputation verlor, die es in den Fünfzigern erworben hatte, pflegte man diesen Willen zum Stil als Ästhetizismus zu tadeln und für die Kehrseite der Amoralität zu erklären, die zum Dritten Reich beigetragen habe. Er schrieb über die Schrecken des Krieges und der Massenvernichtung, als wäre er Oscar Wilde, stets aufs Aparte und Preziöse bedacht, Rebholz-Feuer, Duft-Amphoren, Marmor-Klippen. Karl Heinz Bohrer hat hier mit seiner großartigen "Ästhetik des Schreckens" (1978) Ordnung geschaffen. Inzwischen kann man dem hohen Stil Jüngers viele komische Züge abgewinnen; der halbvergessene Robert Neumann hat sie in einer seiner Parodien kenntlich gemacht. Schon dass der blutrünstige Tyrann der "Marmor-Klippen" als "Oberförster" firmiert, macht grinsen - ein Grinsen, das die Kostbarkeiten in Oscar Wildes Prosa gleichfalls auslösen können. Trotzdem - ich habe es am Schriftstellernachwuchs mehrfach überprüft -: Ernst Jüngers Prosa behält ihre Reize. Was Helmuth Kiesel schon an den Aufzeichnungen in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs herauspräpariert, dass sie sich vorzüglich literarischer Arbeit verdanken, bleibt die Wahrheit über ihn. Seine geschichts- , gar naturphilosophischen Spekulationen dagegen erweisen sich als Material. [ document info ] Copyright © FR-online.de 2007 Dokument erstellt am 09.10.2007 um 10:44:02 Uhr Letzte Änderung am 09.10.2007 um 17:19:19 Uhr Erscheinungsdatum 09.10.2007 -- Tobias Wimbauer | Wimbauer Buchversand Waldhof Tiefendorf Tiefendorfer Str. 66 58093 Hagen-Berchum 02334-502826 http://www.waldgaenger.de/fragebogen.html USt-IdNr.: DE251720280 unsere Angebote (ZVAB, AbeBooks, Amazon, Booklooker, Antbo, Antiquario, Antikbuch24, Guthschrift, Buchfreund und Allstores) finden Sie hier: http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/gp/registry/IBSBOT1B0 Yahoo! 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