Liebe Jünger-Freunde,

morgen erscheint in der FAZ nachstehend zitierter Leserbrief.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw




Text: F.A.Z., 11.10.2007, Nr. 236 / Seite 10

Leserbrief
Immer ein Blick für die Not der Massen

Felix Johannes Krömer, dem wir einige hellsichtige Ernst-Jünger-Essays 
verdanken, schreibt in seinem letzten Artikel "Nachbarn am Nichts - Nietzsches 
natürliche Söhne: Jünger und Ortega y Gasset" in der F.A.Z., 
"Geisteswissenschaften" vom 2. Oktober: "Was Helmuth Kiesel in seiner 
Jünger-Biographie behauptet - das unterschwellige Anliegen des 
,Arbeiter'-Essays sei, ,die mit Händen zu greifenden Nöte und Ungerechtigkeiten 
der Zeit mit technokratischen Mitteln zu beheben' -, trifft gewiß nicht zu. 
Erst unter dem Eindruck des Dritten Reiches ergreift Jünger für die Leidenden 
Partei." Dem steht indessen der Text des "Arbeiters" entgegen: Jünger 
proklamierte in der "Totalen Mobilmachung" (1930) und im "Arbeiter" (1932) die 
technokratische Mobilisierung und Modernisierung der Welt, und er begrüßte die 
Arbeit an diesem Projekt, "wo immer sie geleistet wird" (SW 8, 310), in der 
Sowjetunion wie in Deutschland oder in Palästina.

Es ging ihm nicht um die Entfaltung eines nationalen Imperialismus, sondern um 
die Verwandlung der Welt in eine geschlossene "Werkstättenlandschaft". Wozu 
aber? Nur wegen der Entfaltung des technischen Spektakels? Nein. Es ging ihm - 
mit Nietzsche und seinem Exegeten Hugo Fischer gesprochen - um eine 
"Wirtschaftsgesamtverwaltung der Erde": Arbeit sollte sich als "Element der 
Fülle und Freiheit" für alle erweisen (311). Der Reichtum der Erde sollte 
erschlossen und durch eine "Regelung der weltwirtschaftlichen und 
welttechnischen Funktionen" allen zugeführt werden (83). Die "Vergewaltigung 
kleiner und schwacher Völkerschaften", die mit der Technisierung der Welt nicht 
Schritt halten konnten, sollte unterbunden werden (308). Kurz: Es trifft gewiss 
nicht zu, dass Jünger erst unter dem Eindruck der NS-Herrschaft einen Blick für 
die Not der Massen entwickelte.

Professor Dr. Helmuth Kiesel, Heidelberg



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