Liebe Jünger-Freunde,

nachstehendes über Blumenbergs "Mann im Mond. Über Erst Jünger" und den 
Briefwechsel mit CS stand am 9. Oktober in der Frankfurter Rundschau.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer 
TW

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Blauer Brief an den Kronjuristen
Hans Blumenbergs Briefwechsel mit Carl Schmitt - eine ideengeschichtliche 
Entdeckung
VON THOMAS MEYER

Wer den 1920 geborenen und 1996 verstorbenen Philosophen Hans Blumenberg 
bereits durch seine großen Bücher mit den sprichwörtlich gewordenen Titeln 
"Arbeit am Mythos", "Die Lesbarkeit der Welt" oder "Weltzeit und Lebenszeit" 
kennt, der wird den Brief- und Materialienband zu Carl Schmitt (1888 - 1985) 
als wichtige Ergänzung nur begrüßen können. Die Herausgeber Alexander Schmitz 
und Marcel Lepper haben nicht nur den vollständigen Briefwechsel von 1971 bis 
1978 zugänglich gemacht, wesentliche Textzeugnisse abgedruckt, die einen 
Einblick in das komplexe Gespräch der beiden Autoren geben, sondern bieten in 
einem umfangreichen Nachwort eine sicherlich Diskussionen auslösende 
Interpretation der aufgewiesenen Zusammenhänge.

1966 erschien Blumenbergs 599 Seiten lange Studie "Die Legitimität der 
Neuzeit", in der er die These einer neuzeitlichen, die Moderne ausmachenden 
Säkularisierung - für ihn die "Kategorie des geschichtlichen Unrechts" - 
verwarf. Große Betroffenheit machte sich breit, hatten doch längst 
einflussreiche Gelehrte, unter ihnen die beiden Emigranten Karl Löwith und Eric 
Voegelin, ihre großen Verabschiedungsszenarien der Geschichtsphilosophie auf 
dem Grund des Säkularisierungstheorems errichtet.

Doch Blumenbergs umfangreicher blauer Brief ermahnte in erster Linie einen 
Staatsrechtler, der seit den zwanziger Jahren unter dem Kampfbegriff 
"Politische Theologie" die vermeintlich "stärkste Form" der 
Säkularisierungsidee vertrat: Carl Schmitt. Der Herausgeforderte reagierte 1970 
mittels seiner letzten Monographie, der er den Titel "Politische Theologie II" 
gab.

Sie nahm zunächst einen Fehdehandschuh auf, den der zum Katholizismus 
konvertierte Theologe Erik Peterson Schmitt 1935 vor die Füße geworfen hatte 
und versuchte zusätzlich Blumenbergs Argumenten auf drei Ebenen zu begegnen: 
einmal durch die scheinbare Einschränkung, dass die "politische Theologie" 
nichts anderes zusammenfasse als die "Aussagen eines Juristen" über die 
"systematische Struktur-Verwandtschaft von theologischen und juristischen 
Begriffen". Untermauert wurde dieses harmlos klingende Verdikt mit Rückgriffen 
auf die Entwicklungsgeschichte der katholischen Theologie und endlich einer 
raffinierten Ironie, die Schmitts Werk schon immer auszeichnete und besagen 
sollte: "Ich weiß vielmehr, als ich hier niederschreibe."

Bemerkenswert sind die Briefe dennoch nicht so sehr für die aktuellen Debatten 
um "Säkularisierung" oder "Politische Theologie" - diesem Zusammenhang haben 
jüngst Geréby György, Jens Mattern und Christoph Schmidt wichtige Analysen 
gewidmet -, sondern für die Beurteilung des Philosophen Blumenberg und des 
Juristen Schmitt.

Ersterem gelingt es einen Ton anzuschlagen, der dem äußerst problematischen und 
schwierigen Schmitt tatsächlich inhaltliche Bemerkungen entlockt, die 
weitgehend frei von Ressentiments sind; denn die tiefe Enttäuschung über 
zahllose Briefwechsel Schmitts nach 1945 besteht darin, dass er mit seinem Hass 
auf die (jüdische) Welt einen Austausch unmöglich macht. Neben dem 
Blumenberg-Briefwechsel ist etwa der unveröffentliche Austausch mit dem im 
vergangenen Jahr verstorbenen Historiker Reinhart Koselleck eine Ausnahme, die 
die intellektuellen Interessen Schmitts offenbart.

Wichtiger aber noch ist es, den Briefeschreiber Blumenberg kennenzulernen. 
Unter Archivkennern galt er schon lange Zeit als einer der letzten Großen, die 
diese Kommunikationsform in fast altertümlicher Weise nutzten und ernst nahmen. 
Die Variationsbreite der Tonlagen, und diese Tatsache sollte der Ansporn zu 
weiteren Briefeditionen sein, ist schlicht beeindruckend. So ortet Blumenberg 
Schmitt immer an der richtigen Stelle, hält ihn sachlich bei der Stange, indem 
er ihm Platz für seine Verstiegenheiten einräumt. Schmitt sagt hier teilweise 
deutlicher als in offiziellen Schriften, was ihn antreibt, wenn er etwa über 
die Metapher von der "Tyrannei der Werte" andeutungsreich spricht oder die 
geistige Verwandtschaft von Peterson und Löwith offenlegt.

Neigung zum Überlegenheitsgestus

Die klügste Konsequenz übrigens, die Blumenberg für sich aus dem Gespräch mit 
Schmitt zog, findet sich nicht in der überarbeiteten Fassung von "Legitimität 
der Neuzeit" (1988), sondern in dem 2006 aus dem Nachlass veröffentlichten 
Hauptwerk "Beschreibung des Menschen". Hier getraut sich Blumenberg auf die von 
Schmitt lebenslang bekämpfte ethische Dimension der Anthropologie zu 
insistieren und weist seinen Kontrahenten entschieden zurecht.

Wie in nicht wenigen anderen Bänden aus dem Nachlass, so lässt sich in der 
Auseinandersetzung mit Ernst Jünger Blumenbergs fatale Neigung zum 
Überlegenheitsgestus beobachten. Sie stellte sich immer dann ein, wenn er 
glaubte, in anekdotisch-ironischer Verdichtung komplexe Sachverhalte 
wiedergeben zu sollen. Letztlich ermüdet seine Art und Weise sehr schnell, wenn 
er nach anfänglich scharfer Kritik sich immer mehr bemüht, der fehlenden 
philosophischen Luzidität des Soldaten und Schriftstellers aufzuhelfen.

Auch Jüngers ausgefeilte Beschreibungstechniken oder dessen Flucht in die 
nihilistische Welt der Götter und der Kämpfe in der Natur interessieren 
Blumenberg nicht sonderlich. Während der glänzend edierte Band zu Carl Schmitt 
also eine bedeutende ideengeschichtliche Entdeckung darstellt, enttäuschen die 
Texte Blumenbergs zu Ernst Jünger umso mehr.



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Copyright © FR-online.de 2007
Dokument erstellt am 09.10.2007 um 10:44:02 Uhr
Letzte Änderung am 09.10.2007 um 17:22:49 Uhr
Erscheinungsdatum 09.10.2007




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