Liebe Jünger-Freunde,

wie in einem der letzten Rundbriefe angekündigt, ist heute in der WELT die 
Rezension von Thomas Kielinger zu Schwilks Jünger-Biographie erschienen.
Text anbei.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw




Die WELT, Samstag, 20. Oktober 2007 

URL: 
http://www.welt.de/welt_print/article1281914/Ein_Fremdling_im_Vaterhaus.html
Von Thomas Kielinger
"Ein Fremdling im Vaterhaus"

Kurz vor dem 10. Todestag erscheinen zwei Biographien über Ernst Jünger und 
sein Verhältnis zu Deutschland
I. Es naht der zehnte Todestag Ernst Jüngers, im Februar 2008. Aber vor das 
Gedenken haben die Götter den Schweiß gesetzt, wollen doch erst noch zwei neue 
umfangreiche Biographien gelesen und gewürdigt werden, ohne deren Kenntnis man 
sich unter Jünger-Kennern wohl nicht wird sehen lassen dürfen, wenn das 
einschlägige Gespräch anhebt. Vor Jahren hätte es übrigens geheißen: die 
einschlägige Kontroverse; denn dass dieser Diarist des 20. Jahrhunderts 
„umstritten“ war, gehörte zu den Stereotypen des intellektuellen „juste mileu“, 
wie Alfred Andersch das einmal nannte.
Jünger selber hatte dazu in vielen verdeckten Kommentaren Stellung bezogen, ehe 
er in der Tagebucheintragung vom 12. August 1988, nachzulesen in der 
Werkausgabe unter „Siebzig verweht IV“, gänzlich aus der Deckung ging: „Warum 
bin ich umstritten? Der Titel steht mir zu. Die Politik gibt nur den Anlass, 
mein Verhältnis zum Tode den eigentlichen Grund. Es wirkt auf manche 
stimulierend, auf viele ärgerlich.“ Man mag fragen, was an einem Menschen, der 
den Tod – auch den möglichen Tod seiner Reputation im Malstrom des 
Nationalismus – immer vor Augen hatte, aber ihm entronnen war: was daran 
„ärgerlich“ sein sollte. Jünger kokettiert hier ein wenig, wie er das oft tut; 
„mein Verhältnis zum Tod“ ist ihm nur Chiffre für die unausgesprochene Haltung, 
mit der er den Gefährdungen seines Lebens begegnete – mit Mut, mit 
Unabhängigkeit, das heißt dem Willen, sich den Bindungen im Zeitlichen zu 
entziehen durch Einnahme eines Beobachtungspostens an oder jenseits der 
Zeitmauer.
Das bleibt das Stimulierende an ihm. Aber bleibt es auch ärgerlich? Eher nicht 
mehr. Die Zeit ist darüber hinweggegangen, auch deshalb, weil der „Umstrittene“ 
den Verwundungen, welche diese Kontroversen durchaus bei ihm hinterließen, ein 
für allemal entronnen ist. Das gibt den Blick auf ihn rundum frei, sine ira et 
studio, gleichsam wie auf ein seltenes Exemplar der Naturgeschichte. Die 
Widersprüche in diesem Leben sind heute mehr fesselnd als provokant, mehr 
Lernobjekt denn Thema, an dem man sich gerne reibt. Helmuth Kiesel, der Autor 
von „Ernst Jünger – Die Biographie“, geht daher von einem verwunderlichen 
hermeneutischen Ansatz aus, wenn er in seinem Vorwort schreibt: Die 
„Gerechtigkeit“ einer Abhandlung über Jünger verlange „auch die 
Berücksichtigung der geschichtlichen Umstände.“ Ja, was denn sonst, möchte man 
zurück fragen. Aber das braucht er nicht im Plädoyer-Stil vorzutragen, so, als 
ob Jünger weiterhin auf der Anklagebank säße und man ihm mildernde Umstände zu 
seiner Entlastung anrechnen müsste.
So steht Kiesels beeindruckend faktenreiches Buch (es ist mehr eine 
Werkgeschichte als eine Biographie) sich immer dann selber im Wege, wenn es dem 
Objekt der Abhandlung glaubt zu Hilfe kommen zu müssen mit rhetorischen 
Einsprengseln der „Anklage“ (man muss ja alle Kritiker zu Gehör bringen), die 
der Verfasser aber wie ein übereifriger Verteidiger jeweils zu entkräften 
beliebt. Solche Apologie wirkt bei Jünger heute überholt, ist ein unnötiges, 
den Leser gängelndes Unterfangen, wie es vielleicht der Zeit des „umstrittenen“ 
Autors angemessen gewesen wäre. Heimo Schwilk dagegen geht in seinem im 
Untertitel „Ein Jahrhundertleben“ genannten Werk überzeugender an das Thema 
heran, indem er sich gänzlich unvoreingenommen und unaufgeregt an die 
aufregende Erzählung einer „geprägten Form, die lebend sich entwickelt“ macht, 
ohne etwas beweisen oder entschuldigen zu wollen. Er spielt nicht den 
Schiedsrichter, sondern macht uns mit jemandem bekannt – ein glaubwürdiger 
Biograf, für den Jüngers publiziertes Werk nur Zuträger ist für das innere 
Leben des Autors und die Qualen seiner Metamorphosen.
II. Mir kommt die eigene Bekanntschaft mit Ernst Jünger wieder in den Sinn; sie 
begann in den frühen 70er Jahren, nachdem wir in der Geistigen WELT im November 
1971 Auszüge aus dem Briefwechsel Jüngers mit Alfred Kubin gedruckt hatten. 
Vielleicht ist eine kurze Reminiszenz der beste Weg, um sich einzustimmen auf 
die beiden vorliegenden Studien. Drei Vorfälle aus jenen Jahren scheinen mir 
besonders erhellend.
Anfang 1973 war ein gewisser „Herr de Rambures“ (Jünger) im Wilflinger Domizil 
des Autors zum Interview erschienen, um bald danach das Gespräch in „Le Monde“ 
abzudrucken, aber unter Bruch der Vereinbarung, die Durchschrift vor 
Drucklegung mit Jünger abzusprechen. Mit schädlichen Folgen für Letzteren. 
Verstimmt schrieb Jünger an seinen Verleger Ernst Klett: „Ein Interview in ‚Le 
Monde’, das auch hier in den Zeitungen umgeht, enthält Kürzungen, 
Verschärfungen, Übersetzungsfehler, sachliche Irrtümer. Auch hatte ich den 
Journalisten ausdrücklich verpflichtet, mir den Text vor der Verwendung 
vorzulegen; das war die Bedingung, ohne die das Gespräch nicht statt gefunden 
hätte – sie wurde nicht erfüllt. Von einer Äußerung dazu sehe ich ab. 
Bekanntlich wird dadurch der Quark nur breitgetreten.“ Als bissiges PS fügte er 
hinzu: „Übrigens tragen diese Tonbänder, mit denen die Journalisten heutzutage 
ankommen, erheblich zur Umweltverschmutzung bei.“
Ich schilderte in der WELT die Kontroverse, worauf Jünger mir am 8. März 1973 
antwortete: „Sie haben recht – latente Animosität liegt hier in der Luft. Man 
muss auch das Meinungsgefälle kennen: wenn Thomas Mann mich in die Gesellschaft 
von Henkern stellt, hält man das für in Ordnung; wenn ich dazu einige Worte 
sage, gilt es als Sacrilegium. Im Übrigen nehme ich die Sache nicht tragisch. 
Vielleicht bestätigt Ihnen Ihre journalistische Erfahrung, dass man bei solchen 
Händeln doch den Kürzeren zieht. Das wusste schon Martin Luther: ‚Wer mit einem 
Scheißdreck rammelt – er gewinne oder verliere: er geht beschissen davon.’“ In 
diesem Brief wurde mir noch mehr über Jünger klar. So wies er mich auf ein 
gerade erschienenes Buch von Friedrich Kabermann hin, über Ernst Niekisch – „es 
sind auch Kapitel über den ‚Arbeiter’ und über mein Verhältnis zu Niekisch 
darin. Was die heroische Seite des Widerstandes ist, eine Begegnung auf Tod und 
Leben, kann man aus dieser Monographie exemplarisch ersehen.“ Dann kam er auf 
Heinrich Böll zu sprechen, zu dessen Nobelpreisehrung Monate zuvor ich 
geschrieben und Jünger Belege davon zugesandt hatte. „Ich habe nichts gegen 
ihn, und da ich nicht den Vorzug besitze, sein Oeuvre zu kennen, kann ich nicht 
darüber urteilen. Ich hätte ihm zu seinem Preise gratuliert, wenn das nicht 
opportunistisch aussähe.“
Vier Jahre später, Jüngers utopischer Roman „Eumeswil“ war erschienen“, schrieb 
er mir zu der in der WELT erschienenen Rezension: „Sie haben bemerkt, dass der 
Text einen Lagebericht, einen pädagogischen und einen ‚metatheologischen’ Teil 
verschlüsselt. Ich hoffe, der Leser wird zunächst aus dem mittleren Nutzen 
ziehen: ‚Wie entdecke ich den Anarchen in mir?’“ 82 Jahre alt, und noch immer 
diese Lust, Proselyten der Freiheit zu machen.
Ende März 1985 begleiten Jürgen Busche und ich Helmut Kohl auf seiner Reise zu 
Jüngers 90. Geburtstag, nach Wilflingen, seinem Wohnort. Der Bundeskanzler gibt 
sich im Gespräch mit dem berühmten Ecrivain äußerst jovial, streicht dabei auf 
die bekannte Weise oft an seiner Krawatte herunter, womit Kohl seine latente 
Nervosität zu verbergen pflegte, und verkündet an einer Stelle der Unterhaltung 
leutseligst, die Kontroversen um die Person Jüngers seien ihm wohl bekannt, 
„aber mir kann keiner vorschreiben, wen ich privat besuchen darf.“ Ich sehe 
Jünger noch immer, wie er bei dieser Bemerkung sich strafft und postwendend 
mehr zurück schießt als antwortet: „Herr Bundeskanzler, Sie sind für mich aber 
nicht als Privatmann hier, sondern als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.“
Auszüge aus dem Wörterbuch der Kämpfe, die Jünger zeitlebens auszufechten 
hatte. Sie machen mir Appetit auf die beiden neuen Belichtungen seiner Zeit und 
seines Lebens.
III. Heimo Schwilk, Historiker, Literat und Journalist, ist ein geborener 
Erzähler. Das gibt seinem Lebensbericht eine narrative Spannung, die Helmuth 
Kiesel nur in Teilen erreicht, weil der Heidelberger Professor für Neuer 
Deutsche Literatur und Jünger- Experte – er hat unter anderem den Briefwechsel 
Jüngers mit Carl Schmitt ediert – über seine Allwissenheit oft stolpert und den 
roten Faden bei all den Nebenschauplätzen des Wissens aus dem Auge zu verlieren 
droht. Muss man zum Beispielt, um Jüngers historische Voraussetzungen zu 
ergründen, noch einmal so viel Wilhelminismus hineinnehmen, wie Joachim Radkau 
ihn in seiner Studie „Das Zeitalter der Nervosität – Deutschland zwischen 
Bismarck und Hitler“ ausführlich beschrieben hat? Und warum fällt die 
Nacherzählung der publizierten Schriften so ermüdend langatmig aus? Lieber 
folgt man Kiesel, wenn er Jünger wieder auf der Lebensstatt der 
Publikationsspur nachgeht, etwa im Berlin der frühen Dreißigerjahre, wo sich 
das Unheil zusammenbraute zwischen links und rechts.
Schwilk für seinen Teil unterliegt nicht der Verlockung einer Werkmonographie, 
die eine Biographie sein will: Er gibt uns Jünger als tatsächliche Geschichte 
einer Vita. Die lässt er aus einer Position des nicht-allwissenden Erzählers 
heraus sich selbst enthüllen. Wo er das Oeuvre heran zieht, dann nicht zu 
überlegener Interpretation, sondern um den Autor an diesen Stellen besser 
selber sprechen zu lassen. Insofern ist seine Biographie teilweise auch ein 
Jüngersches Lese- und Textbuch. Um seine Materie in den Griff zu bekommen, 
wendet Schwilk einen narrativen Trick an, der sich als glückliche Fügung der 
Gesamtarchitektur seines Buches erweist: Er erzählt durchgehend im Tempus des 
Präsens, geht nur sparsam – wo es unvermeidlich ist – auf Vorauswissen und 
Vorausereignisse ein, die er mit der Wendung „Jünger wird später. . .“ behutsam 
einflicht.
Das Erzählpräsens stiftet sofort eine geradezu kriminalistische Erwartung – der 
Leser kann dieses Leben verfolgen wie eine Causa mit offenem Ausgang. „Der“ 
Jünger, den alle Welt kennt, kommt erst einmal inkognito daher, bis der Biograf 
ihn herausschält aus seinen nicht gerade rosigen Voraussetzungen – elfmal die 
Schule gewechselt, Vater-Komplex, unwilliges Lernkind, von Entfremdungsgefühlen 
geplagt, ein Träumer, Flüchtender, zunächst in die Bücher, dann in die 
Fremdenlegion, schließlich in den Weltkrieg.
IV. Statt seiner eigenen Meinung zu verfallen, folgt Schwilk dem Prinzip 
strenger Quellen-Authentizität – unerlässlich bei einem Autor wie Jünger, der 
in der publizierten Version seiner Erfahrungen sich meist ganz anders gab als 
zum Zeitpunkt des jeweiligen Erlebnisses selber. So würde man schwerlich 
Jüngers Pariser Jahre während des Zweiten Weltkriegs entziffern können, wenn 
man sich nur an ihren Buchabdruck hielte, die „Strahlungen“. Vielmehr müssen 
die handschriftlichen „Journale“ konsultiert werden. Ähnliches gilt erst recht 
für Jüngers Bearbeitungen seiner Notizen aus dem Ersten Weltkrieg, angefangen 
mit den „Stahlgewittern“: Schwilk hat als erster Biograf überhaupt sämtliche 16 
Handschrift-Kladden des jungen Leutnants eingesehen und aufgrund dieser Notate 
seine, Jüngers, Höllenweg durch die Materialschlachten minutiös nachzeichnen 
können, mit allen pazifistischen Anwandlungen („Wann hat dieser Scheißkrieg ein 
Ende?“), die den Draufgänger zeitweilig plagten.
Eine sensationelle Trouvaille ist dem Verfasser überdies geglückt mit der 
Ausgrabung der bisher für verschollen geglaubten Jugend-Briefe Jüngers an die 
Eltern; sie wurden von der Familie über alle Umzüge hinweg gerettet und kamen 
erst bei der Arbeit an dieser Biografie zum Vorschein. Damit kann der Biograf 
vor allem die Genese der Außenseiter-Erfahrung eines Einsamen glaubwürdig 
rekonstruieren, den die rationale Schroffheit des Vaters einschüchterte und der 
früh Zustände der Absence, der Nicht-Zugehörigkeit an sich erlebte. In Schwilks 
Erzählung erhält dies Leben allmählich sein Profil, das bei Kiesel in dem 
Zuviel der werktheoretischen Analysen verloren geht. Sehr deutlich 
kristallisiert sich Jüngers Kern- Widerspruch heraus – „eins und doppelt“ 
(Goethe) zu erscheinen, immer wieder aus der Nahbetrachtung von Zeit und Leben 
in entrückte Höhen zu entschwinden und in der „stereoskopischen Optik“ eine 
Gleichzeitigkeit der Blickführung zu erleben – den Zoom und die Totale, die 
„Ranfahrt“ und die „Rückfahrt“, wie es in der Sprache der Cinematographie 
heißt. Es wird die durchgehende Ambivalenz seiner Vita.
Distanz, Kälte und Skepsis verdichten sich sehr früh zu einem 
„Beobachtungszwang“ (Schwilk), dessen Folgen Jünger in „Eumiswil“ – immer sein 
eigener Autobiograf – als die Neigung des „Anarchen“ beschrieb, „keine 
Gefühlswerte zu investieren“: „Zugleich verminderte sich die Furcht. Ich 
erfasste die Umwelt schärfer im Maße, in dem meine Teilnahme sich verringerte. 
Ich blieb ein Fremdling im Vaterhaus.“ Freilich, der unbeteiligte 
stereoskopische Blick blieb nicht ohne Kosten. In der Tagebucheintragung vom 
10. 9. 1942 spricht Jünger vom „Solipsismus“, der nicht nur „mit der 
Vereinzelung zusammenhängt, sondern auch mit der Versuchung zur 
Menschenverachtung, die man nicht genug in sich bekämpfen kann.“
V. Wollte man summieren, was beide Bücher als den Kern dieser „exemplarischen 
Existenz“ herauszuarbeiten versuchen, so bleibt als Grundmelodie ein verletztes 
und immer verletzlich gebliebenes Bewusstsein, das sich panzern muss, um nicht 
unterzugehen. Insofern ist falsch, was Siegfried Lenz zum 70. Geburtstag des 
Autors, 1965, schrieb – „wie weit sich Jünger von sich selbst entfernt hat.“ 
Das Gegenteil trifft zu: Jünger ist, das wird vor allem bei Schwilk deutlich, 
dem Somusst- du-sein immer treu geblieben, allerdings in wechselnden 
Verkleidungen. „Gewiss, ich widerspreche mir zuweilen, aber der Wahrheit 
widerspreche ich nie“, schreibt Montaigne. Ähnlich lesen wir in Jüngers Pariser 
Tagebuch: „Ich kann gegen die Gesetze der Moral verstoßen, kann unzuverlässig 
meinem Nächsten gegenüber sein – von dem aber, was ich als echt und wahr 
erkenne, kann ich nicht abweichen.“ Alles an dieser Vita ist ein Spiel um die 
Gewinnchancen des Lebens, „mit dem Tod als Drittem im Bunde“, unter zäh 
verteidigter Bewahrung der eigenen Souveränität. Immer drohen Demütigungen. Als 
Erstes in der einengend autoritären Schule, aus deren Zwängen der Jugendliche 
in die Welt der Bücher entflieht, was für Jünger ein lebenslanger Hort der 
Freiheit werden soll. Der zweite Demütigungsversuch kommt von den Bürokraten 
der Etappe, die nichts vom Grauen der Front verstehen – der junge Leutnant 
kompensiert dies „durch maßlose Selbstüberschätzung“ (Schwilk). Nach dem Krieg 
droht neue Gefahr der „Deklassierung“: Die Verdienste an der Front zählen nicht 
mehr, und so macht sich Jünger auf, mit Nietzsche, Schopenhauer und Spengler im 
Gepäck „dem eigenen Willen den Rang einer absoluten Instanz zu verleihen“, ein 
ruhmreiches Bild des „Kriegers“ zu entwerfen und seine Landsleute auf das 
„Hundertmillionenreich der Zukunft“ vorzubereiten, mit dem „Arbeitersoldaten“ 
als Herrschergestalt. Abräumen, Zerstörung der bürgerlichen Welt werden die 
Stichworte, dazu der passende Verbalradikalismus, der ihn noch 1930 schreiben 
lässt: „Ich wandere seit einigen Monaten mit einer apokalyptischen 
Schadenfreude herum.“ Es habe „über zehn Jahre gewährt“, beichtet Jünger 1965 
einem Gesprächspartner, Curt Hohoff, „bis ich den Ersten Weltkrieg verdaut 
hatte.“
Doch die nächste Bedrohung, eine existenziell noch bedrohlichere, lässt nicht 
lange auf sich warten: Die Lemuren sind an der Macht, die falschen 
Revolutionäre, und es kommt jetzt darauf an, keine große Reden mehr zu führen, 
sondern die Freiheit durch „Nichtbeteiligung am Niedrigen“ zu bewahren – „eine 
Waffe, die umso schärfer wirkt, je weniger man sich auf die Zeit bezieht,“ wie 
Jünger es in einem Brief an seinen Bruder Friedrich Georg ausdrückt. Aus dieser 
Einstellung heraus entstehen unter anderem die „Marmorklippen“, deutlich auf 
die Zeit bezogen und ihr doch entrückt, sowie das getarnte Leben in Paris, für 
dessen Höhepunkt, den 20. Juli 1944, Schwilk die süffisante Überschrift findet: 
„Jünger jagt Käfer, Stülpnagel lässt die SS verhaften.“ Die Gewinnchancen des 
Lebens nähern sich dem Nullpunkt.
Der zweite Nachkrieg konfrontiert Jünger mit einer ganz anderen Krise seiner 
Freiheit. Die Dauerdiskussion um ihn als Belasteten und für die deutsche 
Katastrophe Mitverantwortlichen setzt ein. Es verstärkt die Vereinsamung des 
Angefeindeten, der, in die Defensive gedrängt, daran erinnern muss, wie 
entschieden und früh – ganz im Gegensatz etwa zu Carl Schmitt – er sich von den 
Machthabern distanziert hatte. Trotzig konstatiert er, ihm komme es darauf an, 
„dass an meiner Unabhängigkeit und an der autarken Beurteilung der Lage kein 
Zweifel möglich ist.“ Der „Totalen Mobilmachung“ hat er längst eine Absage 
erteilt, jetzt müssten „diese Kräfte zur Schöpfung frei werden.“
Wie lautete doch die Eintragung im Pariser Tagebuch? „Von dem aber, was ich als 
echt und wahr erkenne, kann ich nicht abweichen.“
Golo Mann freilich ließ sich durch diese Nibelungentreue eines „Autarken“ zu 
sich selber nicht blenden. 1951 schrieb er in einem Brief an Josef Breitbach 
leicht maliziös: „Den ‚Arbeiter’ zurückzunehmen ist er zu hochmütig, er bringt 
es nicht fertig. Soll man ihn tadeln, wenn ein Größerer, nämlich Thomas Mann, 
es auch nie fertig brachte, seine ‚Betrachtungen eines Unpolitischen’ zurück zu 
nehmen? So ist das Schriftsteller-Gesindel nun einmal.“ 1982, apropos der 
Kontroverse um die Verleihung des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt an Jünger, 
sah es der gleiche Golo Mann, inzwischen mit Jünger befreundet, in einem 
Aufsatz in der FAZ milder und zugleich treffender: „Was im Leben einmal war, 
das kann nicht ausgestrichen, nicht als Irrtum widerrufen werden. Alles muss zu 
seiner Zeit gültig gewesen sein.“
Die keimende Demokratie ist die nächste Verführung zum Engagement, zur 
Preisgabe der heroischen Unabhängigkeit auf „verlorenem Posten“. Als 
„Waldgänger“ entzieht sich Jünger ihr – Widerstand gegen die Zeit ist alles, 
und Demokratie bleibt ein unreflektiertes Fremdwort. Allerdings fühlt sich die 
neue Generation auch nicht mehr so recht heimisch in ihrer Zeit: Die Geister, 
die Jünger einst verherrlichte – vor allem die Technik –, arbeiten jetzt an 
einer anderen Art von Zerstörung. Plötzlich rückt der Außenseiter ins Zentrum 
einer neuen existenziellen Aporie; eine große Nostalgie nach der Unberührtheit 
der Natur erfasst die Menschen. Jüngers späte Schriften verleihen diesem 
Grundgefühl griffige Sprache: „Der moderne Reisende durchfliegt die Welt als 
siamesischer Zwilling: als homo faber und homo ludens, aber er findet immer 
seltener, wonach das Herz begehrt.“ Die Analysen treffen: „Was uns entgleitet, 
wird besonders begehrt – vielleicht erklärt sich so unser Natur- und 
Geschichtshunger.“ Dabei hat Jünger selber längst zum Sprung über die Zeitmauer 
angesetzt, seine Träume spiegeln ihm eine neue „Erdrevolution“ vor, die 
Ablösung der geschichtlichen Welt – vielleicht durch die Rückkehr des Mythos?
Die Gewinnchancen des Lebens – Ernst Jünger hat sie mit seinem Hang zur 
Ambivalenz, eine Veranlagung, die „in keiner Haut warm werden“ wollte, bis zum 
Letzten ausgeschöpft. Die Quittung erhielt er oft, wie in seinem oben genannten 
Brief vom 8. März 1973 resignierend ausgesprochen: Bei vielen Händeln musste er 
den Kürzeren ziehen. In der historischen Zeit angesiedelt, hat er sich 
beständig aus ihr zu entfernen versucht. Dabei erlebte er ein wiederholtes 
Rendezvous mit dem Tode, wo seine und die Lebenslinien der Nation sich 
unvermeidlich trafen und durchdrangen. Von Zeitgenossenschaft kann sich auch 
der stereoskopische Blick nicht verabschieden. Das zeichnen diese beiden 
Lebens- und Werkbeschreibungen nach, auch wenn nur die von Heimo Schwilk 
wirklich fesselt.





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