Liebe Jünger-Freunde,

auf hsozkult hat Reinhard Mehring die Jünger-Biographie von Helmuth Kiesel 
rezensiert. Text nachstehend.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw





Zitation:Reinhard Mehring: Rezension zu: Kiesel, Helmuth: Ernst Jünger. Die 
Biographie. Berlin 2007. In: H-Soz-u-Kult, 22.10.2007, 
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-065>.


Rez. NEG: H. Kiesel: Ernst Jünger22.10.2007 Mehring, Reinhard 
<reinhard.mehr...@[at]t-online.de>
Autor(en):Kiesel, HelmuthTitel:Ernst Jünger. Die 
BiographieOrt:BerlinVerlag:Siedler 
VerlagJahr:2007ISBN:978-3-88680-852-6Umfang/Preis:717 S.; € 24,95
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von: Reinhard Mehring, Institut für
Gesellschaftswissenschaften, PH-Heidelberg
E-Mail: <reinhard.mehr...@[at]t-online.de>


Moderne Zeiten sind nicht ganz einfach zu bestehen. Ihre literarische
Verdichtungen sind auch oft genug nur ein schöner Schleier. Heinrich
Heine verglich – in der „Romantischen Schule" – die Poesie einmal mit
der Perle, in der eine Muschel Verletzungen einkapselt. Baudelaire
nannte sie eine „Blume des Bösen". Walter Benjamin machte diese
Ästhetik für die literarische Moderne bekannt. Karl-Heinz Bohrer sprach
vor Jahrzehnten schon für Ernst Jünger von einer „Ästhetik des
Schreckens".[1]


Auch für Helmuth Kiesel ist das Verhältnis von Literatur und
Moderne ein zentrales Thema. Schon vor seiner Promotion trat er mit
einer – koautorschaftlich verfassten – literatursoziologischen
Überblickdarstellung „Gesellschaft und Literatur im 18. Jahrhundert"
hervor.[2]
Er promovierte mit „Untersuchungen zur literarischen Hofkritik von
Sebastian Brant bis Friedrich Schiller" und machte dann die
literarische Verarbeitung der Modernitätserfahrung zum Thema.[3] 1984 
habilitierte er sich mit einer Studie über die „Literarische Trauerarbeit" von 
Alfred Döblins Spätwerk.[4] 1994 konfrontierte er Max Webers 
Entzauberungsdiagnose mit Ernst Jüngers literarischer Sinngebung.[5]
In seiner eindringlichen großen „Geschichte der literarischen Moderne"
lotete er zuletzt den ganzen „Möglichkeitsspielraum" der literarischen
Moderne bis zur Gegenwart aus.[6]
Alfred Döblin, Gottfried Benn und Bert Brecht diskutierte er dabei je
exemplarisch für Epik, Lyrik und Dramatik als Hauptvertreter einer
„reflektierten Moderne", die sich überspannte Flausen der „ersten
Realisierungen" abgestoßen hat. 

Die Stoßkraft dieser Geschichte lag in der eindringlichen
Profilierung der „reflektierten Moderne" gegen erste Realisierungen.
Kiesel setzte beim Avantgardebewusstsein an und zeigte von
soziologischen Befunden ausgehend, wie sich Moderne als Avantgarde
verstand und formierte und wie ihre Innovationen in der „reflektierten
Moderne" bewahrt blieben. Seine These, dass die programmatischen und
experimentellen Exaltiertheiten der ersten Formulierungen in einer
„reflektierten Moderne" quasi „aufgehoben" und bewahrt sind, ist von
großer Bedeutung für die ästhetische Diskussion und Wertung. Das
Döblin-Kapitel war ein konfessionelles Zentrum des Buches. Klassiker
wie Mann, Musil oder Kafka kamen dagegen beim paradigmatischen Zugriff
nur ergänzend vor. Ausführungen zu Hugo Ball sahen die Wendung zum
Katholizismus in der Konsequenz der Avantgarde. Kiesel näherte sich den
Mineuren der Weimarer Republik, den modernen Rechtsintellektuellen,
also aus der Perspektive der „Trauerarbeit" und einer gewissen
Modernitätsskepsis, die die klassische Aufklärung des 18. Jahrhunderts
im Rücken hat. Es ging ihm dabei auch um eine Verteidigung der
Legitimität dieser skeptisch reflektierten Moderne, wie sein Engagement
für Martin Walser in den letzten Jahren zeigte.


Die umfassende Biographie Ernst Jüngers ist nun gewissermaßen
eine zweite Fallstudie zur Prosa reflektierter Moderne. Schon lange
beschäftigte Kiesel sich mit Jünger. Die Quellenbasis der Biographie
wurde in den letzten Jahren durch wichtige Briefeditionen verbreitert,
so durch den von Kiesel selbst herausgegebenen Briefwechsel mit Carl
Schmitt sowie durch die Edition der politischen Publizistik der
Weimarer Zeit, die schon Hans-Peter Schwarz in seiner Pionierstudie
über den „konservativen Anarchisten" berücksichtigt hatte.[7]
Kiesel schreibt nun eine abgeklärte Biographie, die die Ökonomie des
Materials ohne Schlüsselattitüde und intime Schlüssellochperspektive
beherrscht und die Fülle von Jüngers langem Leben auf die Würdigung
seiner epischen Schriften ausrichtet. Er gibt keine sensationell neuen
Informationen. Viele biographische Informationen liest Kiesel dem
literarischen Werk ab: so auch Erinnerungen an die Schulzeit und das
desaströse Intermezzo „Afrikanischer Spiele" in der Fremdenlegion.


Ernst Jünger war ein sehr belesener, aber „miserabler Schüler"
(S. 35), der vor der Schule floh und sich auf den Spuren seiner
Abenteuerromane über die Fremdenlegion nach Zentralafrika aufmachte.
Als Deserteur verhaftet, konnte sein Vater ihn loseisen. Als
Kriegsfreiwilliger erlangte Jünger dann 1914 ein Notabitur. Eingehend
analysiert Kiesel die Kriegstagebücher und „Stahlgewitter" in den
verschiedenen Fassungen, politischen Tendenzen und literarischen
Einflüssen: insbesondere Nietzsches und Hamanns. Dabei betont er die
Herkunft aus dem Expressionismus, die Wendung zur neuen Sachlichkeit
und zur „reflektierten Moderne" (S. 162, 365f.). Etwas anders als
Karl-Heinz Bohrer betont Kiesel weniger die Prägung durch den
französischen Ästhetizismus und Surrealismus nach Baudelaire und
Rimbaud, als vielmehr die romantische Prägung bis hin zu Alfred Kubin. 

Bis Ende August 1923 war Jünger Soldat, freilich ohne seine
Meriten als Kriegsheld fortsetzen zu können. Seinen
„Ultra-Radikalismus" (S. 325f.) hielt er aber die Weimarer Zeit
hindurch fest: in Alkohol- und Drogenexzessen ebenso wie im militanten
Nationalismus und Anti-Republikanismus. Die „Stahlgewitter" erschienen
als „eine Art von Sachbuch" (S. 208) in einem Militärverlag. Erst im
Kontext anderer Kriegsromane wurden sie langsam als literarische
Zeugnisse wahrgenommen. Bestseller schrieb Jünger nicht. Er bewegte
sich mehr in politischen Kreisen als unter Literaten. Eher am Rande
erwähnt Kiesel das enge Verhältnis Jüngers zu seiner Ehefrau Gretha
sowie das Familienleben mit zwei Söhnen. Sehr deutlich wird die
Kontinuität des geschichtsphilosophischen Zuges und der „normativen
Anthropologie" vom Frontsoldaten als Vortrupp des modernen Arbeiters. 

Kiesel stellt Jüngers nietzscheanischen Personalismus und
Heroismus heraus. Eingehend berücksichtigt er die politische
Publizistik im „neuen Nationalismus". Jünger stand dem „Stahlhelm" nahe
und war mit Hugo Fischer, Ernst Niekisch und Friedrich Hielscher sowie
seinem Bruder Friedrich Georg eng befreundet. Nach ersten Begegnungen
im Jahr 1927 lehnte er Goebbels ab, weshalb schon vor 1933 ein klarer
Trennungsstrich zum Nationalsozialismus gezogen war. Kiesel macht
deutlich, dass diese Distanzierung sich mehr auf die intellektuelle
Einfalt der Nationalsozialisten bezog als auf deren Radikalismus.
Hitlers strategischen Legalitätskurs lehnte Jünger ab. Der
Antisemitismus war ihm nicht zentral. Sein problematischer Artikel
„Über Nationalismus und Judenfrage" entstand 1930 eventuell schon
„unter dem Einfluss Carl Schmitts" (S. 314). Das „Abenteuerliche Herz"
markiert 1928 eine Abkehr vom Nationalismus und eine Wendung zum
Künstlertum. Kiesel vergleicht es als „Montagetext" mit Döblins
zeitgleich veröffentlichtem „Alexanderplatz". Der
geschichtsphilosophische Essay „Der Arbeiter" war 1932 ein „totalitäres
Konzept" (S. 396), im Internationalismus und Technokratismus eher
bolschewistisch als nationalsozialistisch, wie einige Zeitgenossen es
schon sahen.


Dem Nationalsozialismus hielt sich Jünger nach 1933 konsequent
fern. Er distanzierte sich deutlich und ging in die „innere Emigration"
nach Goslar und Überlingen. Den Umzug nach Kirchhorst bei Hannover im
Frühjahr 1939 deutet Kiesel dann als kluge Strategie, „für den Fall der
Mobilmachung im Einzugsbereich seiner alten Einheit" (S. 458) zu sein.
Die „Marmorklippen" liest er als respektables Zeugnis der
Distanzierung, das der Idee eines Attentats allerdings eine „klare
Absage" (S. 480) erteilte. 

Bei Kriegsbeginn meldete sich Jünger erneut zum Fronteinsatz,
obgleich er die Einberufung eventuell hätte vermeiden können. In Paris
hatte er, wie Kiesel betont, vor allem eine enge Beziehung zur
„Halbjüdin" Sophie Ravoux. In Kiesels Biographie erscheint Jünger nicht
als der sexuelle Freibeuter, als der er gelegentlich geschildert wurde.
Kiesel verteidigt Jünger auch gegen den Vorwurf des Ästhetizismus und
Amoralismus. Insbesondere unter den Geiselerschießungen habe Jünger
gelitten. Auch im Kaukasus wollte er Zeuge sein. Seine Friedensschrift
sei allerdings nicht sonderlich überzeugend. In den 20. Juli 1944 war
Jünger nicht eingeweiht. 

Das Nachkriegsleben und -werk schildert Kiesel nur knapp und
summarisch. Insbesondere „Heliopolis" würdigt er als unzeitgemäß
„großartigen Roman" (S. 558ff.). Nach 1945 habe Jünger in Wilfingen
weiter produktiv und zurückgezogen gelebt. Heidegger stand ihm nun
nahe. Von einer konservativen Verschwörung sowie einer „Kerntruppe
eines neuen Konservatismus" (S. 584) könne keine Rede sein, wie sich
nicht zuletzt am belasteten Verhältnis zu Carl Schmitt zeigte. In
seinen späten Geschichtsspekulationen sah Jünger den „Weltstaat"
kommen. Verstärkt zog er sich auf Reisen und „subtile Jagden" zurück.
Im Alter fand er hohe Anerkennung auch durch politische Repräsentanten
wie Bundeskanzler Kohl und Staatspräsident Mitterand. Jünger war ein
epochaler Zeuge der deutsch-französischen Versöhnung. Kiesel wertet das
Spätwerk aber nicht, wie etwa Peter Koslowski, als große
Geschichtsphilosophie gegenüber dem Frühwerk auf.[8]
Überhaupt verzichtet er auf starke Wertungen, propagiert Jünger nicht
lauthals als „Klassiker" einer „reflektierten Moderne". Ästhetisch und
politisch wertet Kiesel nicht massiv. Es wird aber deutlich, wie
problematisch Jüngers Militarismus zunächst war und wie konsequent
Jünger sich in die Literatur zurückzog. Der kluge Soldat geht in
Deckung. Und die „subtilen Jagden" schenken letztlich reicheren Genuss.


Anmerkungen:

[1] Bohrer, Karl-Heinz, Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische 
Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk, München 1978.

[2] Kiesel, Helmuth; Münch, Paul, Gesellschaft und Literatur im 18. 
Jahrhundert, München 1977.

[3]
Kiesel, Helmuth, „Bei Hof, bei Höll". Untersuchungen zur literarischen
Hofkritik von Sebastian Brant bis Friedrich Schiller, Tübingen 1977.

[4] Kiesel, Helmuth, Literarische Trauerarbeit. Das Exil- und Spätwerk Alfred 
Döblins, Tübingen 1986.

[5] Kiesel, Helmuth, Wissenschaftliche Diagnose und dichterische Vision der 
Moderne. Max Weber und Ernst Jünger, Heidelberg 1994.

[6] Kiesel, Helmuth, Geschichte der literarischen Moderne. Sprache, Ästhetik, 
Dichtung im zwanzigsten Jahrhundert, München 2004.

[7] Schwarz, Hans-Peter, Der konservative Anarchist. Politik und Zeitkritik 
Ernst Jüngers, Freiburg 1962.

[8] Koslowski, Peter, der Mythos der Moderne. Die dichterische Philosophie 
Ernst Jüngers, München 1993.




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