Liebe Jünger-Freunde,

nachstehende Artikel erschienen heute in der FAZ.

Von der erwähnten Edition der "Geiselschrift" Jüngers ist noch 1 Exemplar in 
meinem Antiquariat zu haben....
( 
http://www.booklooker.de/app/result.php?mediaType=0&sortOrder=titel&showAlluID=3083598&autor=J%FCnger&titel=Geiselfrage&oldBooks=on&newBooks=on&x=0&y=0
 )

Beste Grüsse rundum,

Ihr / Euer
tw





Text: F.A.Z., 22.10.2007, Nr. 245 / Seite 6

Résistance in Frankreichs Schulen
Präsident Sarkozy will, dass alle Schüler den Abschiedsbrief eines 
hingerichteten Jugendlichen lesen. Lehrer fürchten eine verordnete 
Geschichtssicht.

mic. PARIS, 21. Oktober. An allen französischen Schulen soll an diesem Montag 
zum ersten Mal der Abschiedsbrief des 17 Jahre alten kommunistischen 
Widerstandskämpfers Guy Môquet (unser Bild) verlesen werden, der am 22. Oktober 
1941 zusammen mit 26 anderen Geiseln in Vergeltung für den Mord am 
Feldkommandanten von Nantes, Fritz Hotz, erschossen wurde. Die Pflichtlektüre 
des persönlich gehaltenen Abschiedsbriefes geht auf den Wunsch Staatspräsident 
Sarkozys zurück, die Erinnerung an die "Résistance" wiederzubeleben. Sarkozy 
hatte am Tag seiner Amtseinführung an einem Résistance-Denkmal im Bois de 
Boulogne den Brief Guy Môquets von einer gleichaltrigen Oberschülerin verlesen 
lassen und die Rolle des Widerstands insgesamt gewürdigt. Anschließend war er 
nach Berlin zu seinem Antrittsbesuch bei Bundeskanzlerin Merkel gereist.

Die deutsche Übersetzung des Abschiedsbriefes Guy Môquets an seine Familie 
(siehe Kasten) geht auf Ernst Jünger zurück, der vom damaligen 
Militärbefehlshaber in Frankreich, General der Infanterie Otto von Stülpnagel, 
um eine Denkschrift über die Geiselerschießungen in Frankreich 1941/42 gebeten 
worden war. Ernst Jünger war von Juni 1941 an Oberst in der für Feindaufklärung 
und Abwehr zuständigen Abteilung Ic des Kommandostabes des Militärbefehlshabers 
in Frankreich bis zu dessen Auflösung im August 1944. Jünger schreibt in "Das 
erste Pariser Tagebuch": "Er (Otto von Stülpnagel) hatte mich wegen der 
Geiselfrage rufen lassen, deren genaue Schilderung für spätere Zeiten ihm am 
Herzen liegt. Sie ist ja auch der Anlass, aus dem er jetzt geht. An einer 
Stellung wie der seinen wird nur die große, prokonsularische Macht nach außen 
sichtbar, nicht aber die geheime Geschichte der Zwiste und Intrigen im Innern 
des Palasts. Sie ist erfüllt vom Kampf gegen die Botschaft und die Partei in 
Frankreich, die langsam Feld gewinnt, ohne dass ihn das Oberkommando 
unterstützt." Otto von Stülpnagel bat im Februar 1942 um seine Ablösung und 
wurde durch seinen entfernten Verwandten Carl-Heinrich von Stülpnagel ersetzt, 
der zum militärischen Widerstand gehörte und nach dem Attentat vom 20. Juli 
1944 hingerichtet wurde. Die Geheimschrift Jüngers "Zur Geiselfrage. 
Schilderung der Fälle und ihrer Auswirkungen" hatte Jünger nach dem 20. Juli 
1944 in Paris vernichtet. Doch ein Durchschlag blieb erhalten, Jünger entdeckte 
ihn beim Ordnen seiner Papiere im Spätsommer 1945 wieder. Der Durchschlag ist 
mit dem Nachlass Jüngers im Deutschen Literaturarchiv archiviert. In den 
"Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" (Heft 3/Juli 2003) ist die Denkschrift 
Jüngers mit einem ausführlichen Kommentar des Historikers Sven Olaf Berggötz 
dokumentiert.

Die Pflichtlektüre des Briefes stößt in Frankreich auf Widerstand bei der 
Lehrerschaft und bei Historikern. Sie wehren sich gegen den Versuch einer von 
oben verordneten Geschichtsschreibung. Zugleich kritisieren sie, dass mit Guy 
Môquet ein kommunistischer Widerstandskämpfer zum Vorbild für die französische 
Jugend erhoben werde, der vor dem Bruch des Hitler-Stalin-Paktes im Oktober 
1940 von französischen Polizisten festgenommen worden war. Die Kommunistische 
Partei habe am Beispiel Môquets ihre eigene, widersprüchliche Rolle zu 
verbergen gesucht. Zu der Kontroverse äußert sich der Historiker Max Gallo, 
Regierungssprecher unter dem sozialistischen Präsidenten Mitterrand, der die 
Gedenkfeier am Bois de Boulogne mit vorbereitet hatte.




Text: F.A.Z., 22.10.2007, Nr. 245 / Seite 6


Der Brief Guy Môquets

Meine liebe Mutter


Mein sehr lieber kleiner Bruder

Mein lieber Vater

Ich stehe vor dem Tode. Ich bitte Euch, und Dich besonders liebe Mutter, mutig 
zu sein. Ich bin es und möchte es ebenso sein wie jene, die vor mir gestorben 
sind. Gewiss würde ich gerne leben, aber was ich von ganzem Herzen wünsche, 
dass mein Tod zu etwas gut sein möge. Ich hatte nicht Zeit, meinen Bruder Jean 
zu umarmen, ich habe meine beiden Brüder Roger und Rino umarmt, aber nicht 
meinen wirklichen. Leider. Ich hoffe, dass alle meine Sachen Dir zugesandt 
werden, sie werden Serge nutzen, der, wie ich hoffe, stolz sein wird, sie eines 
Tages zu tragen.

Dich lieber Vater, dem ich ebenso wie meiner lieben Mutter manchen Kummer 
gemacht habe, grüße ich zum letzten Mal. Glaube, dass ich mein Bestes tat, um 
dem Weg zu folgen, den Du mir gewiesen hast. Einen letzten Gruß an all meine 
Freunde und an meinen Bruder, von dem ich gerne sehe, dass er studiert und dass 
er gut studiert, um später ein rechter Mann zu sein. 17 und ein halbes Jahr, 
mein Leben ist kurz gewesen, aber ich bedaure nur, dass ich Euch verlassen muß. 
Ich werde mit Tintin und Michels sterben. Mama, worum ich Dich bitte und was Du 
mir versprechen musst, das ist, mutig zu sein und den Schmerz zu überwinden. 
Ich kann nicht mehr schreiben, ich verlasse Euch alle, alle, Dich Mama, 
Sésenge, Papa. Ich umarme Euch mit kindlichem Sinn. Mut.

Euer Guy, der Euch liebt.

Guy.


Text: F.A.Z., 22.10.2007, Nr. 245 / Seite 6
Im Gespräch mit dem Historiker Max Gallo, Mitglied der Académie française
"Sarkozy will einen Ausgleich nach Phase der Reue"

FRAGE: Herr Gallo, welches Ziel verfolgt Präsident Sarkozy mit der 
beschlossenen Aufwertung der Rolle der "Résistance" im Zweiten Weltkrieg?

ANTWORT: Die Absicht scheint mir klar zu sein. Nach einer Periode, die mit der 
Rede Jacques Chiracs am 16. Juli 1995 über die Mitschuld des französischen 
Staates an der Judenverfolgung begann, soll das Gleichgewicht wiederhergestellt 
werden. Es spricht für Sarkozys Willen,

die Reuehaltung durch einen historischen Rückblick auszugleichen. Wir können 
aus dieser Zeit nicht nur Vichy behalten und die Résistance ausklammern. 
Frankreich war nicht nur, aber es war auch eine Nation von Widerstandskämpfern. 
Das Ziel ist im Grunde zu sagen, dass wir stolz auf Frankreich sein können.

Verbirgt sich dahinter auch eine Botschaft an Deutschland?

ANTWORT: Ich glaube nicht, dass es eine Botschaft an Deutschland gibt. In 
meiner Rede damals am Bois de Boulogne habe ich nicht ein Mal das Wort 
"deutsch" gebraucht. Es ging nicht darum, auf Schuldige zu zeigen, sondern 
darum, dass Frankreich in der Lage ist, Widerstand zu leisten. Der Brief Guy 
Môquets hat einen großen Vorzug, er enthält keine politischen Betrachtungen, 
kein Urteil, weder über die Deutschen noch über Vichy. Es sind bewegende Worte 
eines jungen Mannes, der sein Leben für sein Vaterland und seine Überzeugungen 
hingibt.

Wie begegnen Sie dem Vorwurf, dass mit der Ehrung Guy Môquets der 
kommunistische Résistance-Mythos wiederbelebt wird?

ANTWORT: Natürlich haben die Kommunisten versucht, aus Guy Môquet einen Helden 
zu machen, und natürlich war die historische Wahrheit komplexer. Aber diese 
Komplexität verschwindet angesichts der Tatsache, dass er als Geisel erschossen 
wurde. Die Lehrer sind ja gerade dazu da, die historischen Zusammenhänge zu 
erläutern.

Soll in Frankreich der Präsident vorgeben, welches Geschichtsbild an den 
Schulen vermittelt wird?

ANTWORT: Darüber muss diskutiert werden. Für mich darf es keine Sanktionen 
geben, wenn ein Lehrer sich entscheidet, den Brief Guy Môquets nicht zu lesen. 
Das muss seiner Meinungsfreiheit überlassen sein. Genauso ist jeder Lehrer 
frei, den Brief zu kommentieren, wie er ihn historisch einordnet. Es soll 
Debatten geben, keine einheitliche Einordnung.

Warum ist die Lektüre des Abschiedsbriefes im Jahr 2007 für Frankreich wichtig?

ANTWORT: Marc Bloch hat vom Zweiten Weltkrieg als der größten nationalen 
Katastrophe gesprochen. Sie bleibt der Gründungsmoment unserer Republik, man 
kann de Gaulles Erscheinen 1958 als Republikgründer nicht verstehen, wenn man 
den de Gaulle des Krieges nicht kennt. Der Zweite Weltkrieg bleibt das Raster, 
auf das alle politischen Debatten zurückführen, wie jetzt wieder in der Debatte 
über die Gentests für Einwanderer. Es ist eine Vergangenheit, die nicht vergeht.

Das Gespräch führte Michaela Wiegel.




-- 
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