Liebe Jünger-Freunde,

in der "Jungen Freiheit" erscheint am 26. Oktober nachstehende Rezension zu 
Schwilks Jünger-Biographie.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer 
tw



JUNGE FREIHEIT, Nr. 44/07 26. Oktober 2007

Verweilen wir in Eigenwelten
Epischer Atem: Heimo Schwilks grandiose Biographie Ernst Jüngers
von Alexander Pschera

Das Buch beginnt mit einem tatsächlichen Ende und endet mit einem möglichen 
Anfang. Der erste Satz erzählt vom Tod: „Am 17. Februar 1998 starb Ernst Jünger 
im Alter von fast 103 Jahren.“ Auch so kann eine Lebensbeschreibung einsetzen. 
Auf der letzten, der 568. Seite, die vom Abend des Beerdigungstages erzählt, 
sagt Jüngers Neffe Gert Deventer, die „große Zeit des Onkels“ komme erst noch. 
Ist diese Hoffnung auf einen Anfang nach dem Ende eine Floskel, die an einem 
solchen Tag in der Luft liegt, oder ist sie eine berechtigte Erwartung?

Bei Heimo Schwilk wird es auf der letzten Seite, nachdem alle Trauergäste 
wieder gegangen sind, zunächst einmal ganz, ganz still in der Wilflinger 
Oberförsterei, in der Jünger ein halbes Jahrhundert gelebt hat: „Jedes Zimmer 
ein kleiner Kosmos, eine Eigenwelt, die ihr Geheimnis fest umschließt.“

Das schweigsame, in sich gekehrte, die Außenwelt abriegelnde Haus ist jedoch 
mehr als ein Haus. Es ist nichts weniger als eine Metapher für Jüngers Leben. 
Denn auch dieses Leben ist ein Kosmos, eine Ineinanderschichtung von 
Eigenwelten, auch von Geheimnissen. Das Haus, dem Jünger seine Präsenz 
eingeprägt hat, ist heute noch physisch da. Man kann es begehen, erleben, 
berühren. Jüngers Leben hingegen hat die Welle der Zeit mitgenommen.

Wenn Deventers Prognose begründet sein soll, muß, so scheint es, auch dieses 
Leben begehbar, erlebbar und berührbar gemacht werden wie jene alte, schöne 
Försterei im hinterletzten oberschwäbischen Winkel. Denn nur dann finden sich 
in Zukunft Leser, junge zumal, die neugierig werden und – unvoreingenommen und 
mit offenen Sinnen – zu Jüngers Texten greifen, die aus diesem Leben 
herausgeformt, herausgespült wurden wie Muscheln oder Steine am Strand, über 
den jene Lebenswelle hinwegstrich. Denn wer Muscheln sammelt, will wissen, 
welchem Ozean diese entstammen.

Wie aber macht man ein Dichterleben begehbar wie ein Haus? Der Journalist und 
Theodor-Wolff-Preisträger Heimo Schwilk zeigt es uns. Zunächst einmal: Er hat 
keine Angst vor dem Erzählen. Viele Biographen retten sich ja bekanntlich in 
den akademischen Jargon und in die Theorie. Anders Schwilk. Er hat Jüngers 
Leben buchstäblich „von Tag zu Tag“ nachgelebt und ist schriftstellerisch in 
der Lage, es nachzudichten. Jüngers Leben wird in Schwilks Text, der auf einer 
jahrzehntelangen Arbeit fußt, anschaulich und faßbar. Das Buch bietet eine 
derartige Fülle an scharf gezeichneten, brillant beobachteten und genau 
formulierten Detailszenen, daß es nach der Lektüre scheint, als habe man einen 
Film gesehen.

Ob es die Aufkleber an der Wilflinger Badezimmertür sind, die das Kind im Greis 
hervorscheinen lassen („Ich bin Energiesparer“), oder die Erinnerung an eine 
Straßenszene aus dem Jahre 1900, in der Jüngers Vater dem Sohn einen Fünfer aus 
dem Fenster wirft, damit er sich in der gegenüberliegenden Bäckerei Abel etwas 
kauft, ob wir Jünger in der Etappe 1918 über die Schulter schauen („Jünger 
wandert im Regen durch den Park, die Gedanken gehen zurück zu seiner Feuertaufe 
...“) oder ihm, gleichsam zufällig vorbeihuschend, „in Feldunifom auf einem der 
offenen Lastwagen, den Karabiner zwischen den Knien“, bei dem Rückzug aus dem 
besetzten Paris erblicken, oder wenn wir schließlich neben Jünger sitzen, als 
er während des Empfangs zu Ehren seines hundertsten Geburtstages in der „Kleber 
Post“ in Saulgau „wie abwesend, ein wenig schläfrig“ den Festreden der 
illustren Gäste lauscht – immer gelingt es Schwilk, signifikante Momente aus 
dem Strom der Erzählung herauszuschälen und dem Bewußtsein des Lesers 
einzubrennen.

Damit ist gleichzeitig gesagt, daß es nicht nur diese Vignetten, sondern 
tatsächlich auch einen Strom der Erzählung gibt, der diese Vignetten umfließt. 
Schwilk erzählt immer aus dem Ganzen, aus der Vogelperspektive, die dem 
bedeutsamen Detail oder der farbigen Genreszene erst ihre Bedeutung verleiht. 
Das geht nur deshalb gut, weil Schwilk seinen Stoff souverän beherrscht und 
über ihn disponieren kann. Er verliert sich nie in Einzelheiten, sondern findet 
immer wieder zum großen Bogen zurück. Schwilk folgt dem sichtbaren Pfad der 
Lebensspur, greift aber ohne intellektuelle Aufdringlichkeit und nur dort, wo 
es für das Verständnis eines Zusammenhangs wirklich notwendig ist, auch einmal 
vor oder zurück, stellt Bezüge her, die über die konkrete Lebenssituation, um 
die es gerade geht, hinausweisen.

Freilich läßt ein solcher auf die Lebenslinie fokussierter Erzählstrahl die 
Werke relativ unterbelichtet. An der einen oder anderen Stelle hätte man sich 
vielleicht – auch auf Kosten eines noch größeren Umfangs – eine ausführlichere 
Textanalyse gewünscht. Doch Schwilk entschädigt immer wieder durch kurz 
aufblitzende neue Interpretationsansätze, so wenn er zum Beispiel den Kampf als 
inneres Erlebnis und das Existenzgefühl der „Eigentlichkeit“, das in Schmerz 
und Rausch erfahrbar ist, mit Heideggers „Sein und Zeit“ korreliert.

Diese erzählerische Ökonomie, die dadurch entsteht, daß der Autor sein 
biographisches und textliches Wissen in den Dienst der Anschaulichkeit stellt, 
macht den epischen Atem aus, den das Buch von Anfang an hat, in manchen Partien 
jedoch in besonderem Maße ausprägt. So ist den Kapiteln über die Kindheit und 
Jugend sowie vor allem denen über den Ersten Weltkrieg anzumerken, daß sie mit 
besonderer Sorgfalt vorbereitet und ausgearbeitet wurden. Etwas zu kurz kommen 
vielleicht die Goslarer und Überlinger Jahre der „inneren Emigration“. Auch 
hätte man sich gewünscht, die biographischen Schübe, die Wendemarken dieses 
Lebens, etwas stärker akzentuiert zu sehen.

Bei der Schilderung der Pariser Zeit greift Schwilk auf die im Jünger-Nachlaß 
verwahrten Journale zurück, weil er genau um die Authentizitäts-Problematik der 
veröffentlichten Pariser Tagebücher weiß. Er rekonstruiert Jüngers Leben aus 
den Primärquellen – übrigens auch die Jahre des Ersten Weltkriegs, ohne 
allerdings den Textcharakter der Sekundärquelle des Tagebuchs („Stahlgewitter“, 
„Strahlungen“), ihre Gestaltung und ihre Stilisierung von Wirklichkeit eigens 
zu reflektieren. Dies ist eine einleuchtende, ja logische biographische Methode 
bei einem eminent autobiographisch arbeitenden Autor, der ja an der 
literarischen Gestaltung des eigenen Lebens genau dieses ganze Leben lang 
gearbeitet hat. Schwilk taucht gleichsam unter diese Schicht der Jüngerschen 
„Selberlebensbeschreibung“ ab, befragt die Original-Tagebücher im Nachlaß, die 
Briefwechsel (bisher unveröffentlicht: mit den Eltern und der Großmutter, mit 
dem LSD-Erfinder Albert Hofmann) und die Witwe Liselotte, um den Ur-Erfahrungen 
dieses Lebens möglichst nahezukommen.

Dabei stößt er auf Leitmotive dieses Lebens, die in den autobiographischen 
Texten Jüngers nur als Reflex, als stilisierter zumal, vorkommen. Beeindruckend 
ist, wie es Schwilk gelingt, Einsamkeit als durchaus ambivalente Lebensfigur 
Jüngers aufzuweisen.

Jünger war eben nicht nur der stolze Waldgänger und Anarch, sondern, so zeigt 
die sorgfältige Darstellung der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, auch ein in 
seiner Kindheit und Jugend immer wieder entwurzelter, isolierter Mensch, für 
den der Begegnungsraum „Familie“ zeitlebens eine Utopie blieb und dessen Kult 
des Einzelnen durchaus auch eine schmerzhafte Vereinzelung war.

Schwilk geht dann weiter und folgt ohne psychologisierenden Ausdeutungswahn dem 
schwierigen Dialogverhältnis zu anderen Menschen, vor allem zum eigenen Vater 
(„Ein Fremdling im Vaterhaus“) – bis zu jenem Moment im Mai 1991, an dem Jünger 
nach dem Mauerfall am Grab des Vaters in Leisnig steht und an dem diese Mauer 
aus dem gegebenen Zeitmoment als fast schon notwendige Metapher in den Text 
hineinwächst. Von dem emotionalen Epizentrum familiärer Nicht-Bindungen 
zeichnet Schwilk auch jene Verlockungen des Nichts nach, die Jünger stets aufs 
neue heimsuchen und die immer wieder in einen düsteren Raum aus Schuld und 
Depression führen, dem Jünger sich nur durch Flucht in die Welt (Reisen) oder 
in die Bücher (Lektüre, Arbeit) zu entziehen weiß.

Schwilk gelingt also das Kunststück, in Jüngers Haut zu schlüpfen, ohne je die 
kritische Distanz zu verlieren. Sicher, er ist von „seinem“ Jünger 
enthusiasmiert. Anders kann so ein blutvolles Buch ja auch gar nicht entstehen. 
Aber immer wieder wird auch leise oder auch mal lautere Kritik an Jünger geübt, 
so beispielsweise an dessen Unfähigkeit, sich der „Gegenwart moralisch zu 
nähern“ und konkrete politische Figurationen der eigenen Zeit anders zu 
beurteilen als nur aus einer mythischen Zeitenperspektive. Schwilk läßt nicht 
locker, diese zeitentrückte Optik, die eine parlamentarische Demokratie wie die 
der Bundesrepublik tendenziell mit diktatorischen Systemen überblendet und 
konkrete Politik als ein sub specie aeternitatis Irrelevantes aufzuweisen, auf 
ihre Verantwortung und auf ihre Konsistenz hin zu befragen. Schwilk zeigt, daß 
man für Jünger sein kann, ohne blind allem zu folgen, was sich in seinem Werk 
ausdrückt. Diese Differenziertheit einer liebenden Annäherung und einer 
kritikfähigen, taghellen Gefolgschaft zu gestalten, war vielleicht die 
schwierigste Aufgabe, die Schwilk zu lösen hatte. Er löste sie vorbildlich.

„Die große Zeit des Onkels wird erst noch kommen“, sprach der Neffe. Liest man 
Schwilks großartige Kapitel über die siebziger, achtziger und neunziger Jahre, 
die endlich einmal jene zweite Lebenshälfte, im Vergleich zur ersten freilich 
ärmer an äußeren Aktionen und Katastrophen, als eine Lebenseinheit schildern, 
so kann man sich nur wundern über die vielen verpaßten Gelegenheiten, den 
„Onkel Jünger“, der in der Zeit konkreter verortet war als die allermeisten 
seiner schreibenden Zeitgenossen, als Gegenwartsautor ernstzunehmen: Schwilk 
zeigt die Parallelen zwischen Eumeswil und dem deutschen RAF-Herbst, er 
verweist auf überraschende Berührungspunkte zwischen der „kritischen Theorie“ 
und Jüngers Zivilisationskritik, er arbeitet heraus, daß Jüngers mythisches 
Denken einen Deutungsraum hätte abgeben können für den mythologisch 
eingesponnenen Geschichtspessimismus einer Christa Wolf oder eines Heiner 
Müller, und er unterstreicht vor allem, daß Jünger „Ökologie“ als „erlebte 
Wirklichkeit“ und „als Rettung des Angeschauten im Wort“ verstand, und nicht 
als „politisch ausbeutbares Projekt“. Sehr gut!

Mit diesem Aufweis ist auch klar, warum es einer, so zeigt Schwilk, relativ 
kleinen, aber wirkungsmächtigen Teil-Öffentlichkeit immer wieder gelang, Jünger 
aus dieser bundesrepublikanischen Wirklichkeit zu entfernen, ihn sozusagen zu 
ent­orten und im Sinne jener politisch motivierten Ökologie auch gleich zu 
„ent-sorgen“. Schwilks meisterliche Biographie, die die „Sorge“ um Jünger 
zurückholt, hat ihn an den Ort zurückgestellt, der ihm zusteht. Betreten wir 
also dieses Haus. Lassen wir uns führen. Und verweilen wir lange in ihm.

Heimo Schwilk: Ernst Jünger – Ein Jahrhundertleben. Die Biographie. Piper 
Verlag, München 2007, gebunden, 624 Seiten, s/w-Abbildungen, 24,90 Euro

 

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Tobias Wimbauer | Wimbauer Buchversand
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